indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Freitag, 6. August 2004

Internationaler Fußball

Im Visier der Lizenzerteilungs-Kommission

Jean-Marie Lanoë (NZZ 6.8.) kommentiert den Start in die Première Division: „An sich müssten die französischen Klubs voller Zuversicht der neuen Saison entgegenblicken, die am Freitagabend in Angriff genommen wird. Denn der oft etwas unterschätzte Klubfussball im Hexagone hinterliess in der vergangenen Spielzeit auf der europäischen Bühne bis zum letzten Vorhang Spuren: Die AS Monaco stand im Champions-League-Endspiel, Olympique de Marseille trat im Uefa-Cup-Final an. Doch die Probleme sind die alten geblieben. Unter anderem lässt die hohe Besteuerung in Frankreich als erschwerender Faktor im Vergleich mit den konkurrierenden Ligen die Vereine schnell einmal ins Visier der Lizenzerteilungs-Kommission geraten; als Folge davon müssen die besten Spieler ins Ausland verkauft werden. Im Falle des teuersten Verkaufs eines Spielers eines französischen Klubs überhaupt – Didier Drogba wechselte für 37 Mio. Euro von Olympique de Marseille (OM) zu Chelsea – kann man wenigstens noch relativieren, dass OM umgehend den Grossteil dieses Geldes reinvestierte (u. a. in Luyindula, Bamogo, Lizarazu, Pedretti und Costa). Doch solche mildernde Umstände gibt es im Fall des Titelhalters Olympique Lyonnais (OL) keine. Im Klub des Serienmeisters (Meister in den vergangenen drei Saisons) musste der Präsident Jean-Michel Aulas das gut gehütete Geheimnis lüften, wonach die finanzielle Basis des Vereins trotz dessen regelmässigen Teilnahmen in der Champions League viel brüchiger ist als gemeinhin angenommen. Der Aderlass im Hinblick auf diese Saison untermauert dies, denn mit Dhorasoo (zur AC Milan), Müller (Mallorca), Edmilson (Barcelona) und Luyindula (OM) verliessen gleich vier Teamstützen den Verein, ohne adäquat ersetzt zu werden. Als schwacher Trost bleibt dem Meister, dass auch Mitkonkurrenten prominentes Personal ziehen lassen mussten.“

„Europas Spitzenklubs lernen sparen – Rückgang der Transferkosten, Anstieg der Umsätze“ NZZ

Ball und Buchstabe

Kahn bei Vampir Beckmann

Wo trifft man einen Fußball-Nerd, Thomas Hummel (SZ 6.8.)? „Eigentlich, sagt Thomas, 22, habe er sich nie für Fußball interessiert. Von außen betrachtet, würde man das auch nicht vermuten: mäßig athletische Figur, labbriges T-Shirt und weit ins Gesicht hängende Haare. Der Münchner studiert Germanistik, ein Fach, das nicht als Hort für Menschen mit Vereinsemblemen auf der Jacke bekannt ist. Wer Bundestrainer ist, registriert er nur am Rande, und wenn nun die Bundesliga startet, bringt man ihm kaum vor die Sportschau. Dennoch verbringt Thomas viel Zeit mit Fußball. Er ist sogar Manager einer eigenen Mannschaft, entlässt Trainer, bestimmt die Aufstellung und muss die Vereinsfinanzen im Griff haben. Auf dem Rasen steht Thomas dabei nicht, sein Fußball spielt im Internet. In der computeranimierten Parallelwelt, in der er Hidrobyte heißt. Hidrobyte ist Teil einer weltweiten Manager-Kommune, die sich unter www.hattrick.org trifft. Dort grassiert das virtuelle Fußball-Fieber wie ein unkontrollierbares Virus. Waren es Anfang des Jahres weltweit 220 000 Mitspieler, sind es inzwischen 400 000. In 75 Ländern aller Kontinente klicken sich Internet-Benutzer in die Seite. Auch in Papua Neu Guinea, Iran oder auf der südpazifischen Insel Vanuatu. Fußball ist auch ohne Ball angesagt. In Deutschland sind mehr als 23 000 Manager gemeldet, Tendenz stark steigend. Vor Kurzem mussten die Leiter der Webseite eine neue, achte Ligastufe gründen, um hinzudrängende Spieler unterzubringen. Um die fiktive Mannschaft am Computer zu betreuen, reichen grundsätzlich fünf Minuten pro Woche aus, es gibt aber auch genügend Funktionen, um täglich Stunden damit zu verbringen. „Es fasziniert mich, dass hinter jeder Mannschaft ein realer Mensch steht“, sagt Rene, 34, Managername „Hausecke“. In einer Zeit, in der man kaum noch weiß, wer nebenan lebt, wird Kontakt übers Internet gesucht. Es gibt Foren und Föderationen, in denen die Spieler kommunizieren, Tipps tauschen und diskutieren. Und über Fußball kann man bekanntlich sehr lang diskutieren. Jeder neue Eintrag ins Gästebuch verstärkt das Gefühl des Dazugehörens – es entsteht eine Art einsames Massenerlebnis vor dem Bildschirm. (…) Sehr engagierte Manager treffen sich auch privat, zum Beispiel zum „München-Stammtisch“. Um sich aber nicht gänzlich in die Realität wagen zu müssen, begrüßen sich hier alle mit Managernamen, Hidrobyte und Hausecke sind dabei oder Organisator „Sir Jokie“. Es ist eine Interessengemeinschaft wie ein Kegelclub.“

Die FAS (1.8.) gibt es sich – und schaut Beckmann mit Oliver Kahn

Oliver Kahn war am Montag bei Reinhold Beckmann in der ARD, um zu erklären, daß er in Zukunft nicht mehr bereit sei, Privates öffentlich zu diskutieren. Das war ungefähr so, als würde man zu einem Vampir gehen, um zu erklären, daß man von Blutspenden fortan grundsätzlich Abstand nehmen wolle.
Beckmann: Also, um das noch mal zu klären. Sie sind nicht mehr mit Verena zusammen…? Hab‘ ich das jetzt richtig wiedergegeben?
Kahn: Auch hier sind wir jetzt genau an dem Punkt angekommen.
Beckmann: Ja.
Kahn: Mir ist es eben extrem wichtig, einmal zu sagen, daß ich in Zukunft meine Privatsphäre, alles, was mein Leben im privaten Bereich betrifft, absolut schützen werde. Und alles dafür tun werde, daß dieser Bereich nun unantastbar wird. Und solche Fragen zu meinem Leben, die werde ich auch nicht mehr beantworten. Weil sie in der Öffentlichkeit eben einfach nichts verloren haben.
Beckmann: Aber das ist doch ein Fakt: Ihre Frau hat doch gesagt, ich laß‘ mich jetzt scheiden.
Kahn: Aber was glauben Sie, wie schwierig das ist, in einem solchen Umfeld von Lügen und Ungereimtheiten, von Dingen, die permanent in die Öffentlichkeit gebracht werden, wie schwierig es da ist, sich wirklich…
Beckmann: Die Scheidung, ist das ’ne Ungereimtheit? Ist das ’ne Lüge?
Kahn: Sehen Sie, ich bin meiner Frau eigentlich dankbar, denn wir leben getrennt, und ich bin ihr sehr dankbar, daß sie mir die Möglichkeit gibt, daß ich immer die Kinder sehen kann. Aber Dinge, die eine Scheidung betreffen…
Beckmann: Hmhm.
Kahn: …solche intimsten Dinge eigentlich. Wissen Sie, wen die angehen? Die gehen meine Frau an. Die gehen mich an. Und die gehen meine zwei Kinder was an.
Beckmann: Hmhm.
Kahn: Sonst keinen Menschen.
Beckmann: Oliver Kahn, Sie sind so lange im Geschäft, Sie wissen, daß Sie ein öffentlicher Mensch sind, große Popularität genießen. Viele sagen: Der Kahn ist einer der wenigen Popstars des Fußballs, die wir hier haben. Das heißt, das Interesse des Boulevards, das wissen Sie, ist natürlich da, Privates zu erfahren. Und wenn Ihre Frau sagt: Ja, ich werde mich jetzt scheiden lassen von Oliver Kahn, verlangen Sie dann von der Boulevardpresse, daß sie das nicht schreibt?
Kahn: Ich glaube, daß ich schon – unbewußt allerdings – Dinge von mir preisgegeben habe in der Öffentlichkeit, private Dinge…
Beckmann: Welche waren das?

Unterhaus

Spaß und Spannung

6. August

Von der zweiten Liga erwartet auch Jochen Breyer (SZ 6.8.) Spaß und Spannung: „Wenn die Hoffnungen der Fußballnation Deutschland auf dem 19-jährigen Stürmer einer Zweitliga-Mannschaft ruhen, dann hat das eine doppelte Aussage: eine negative über den Zustand der Nationalmannschaft und eine positive über die Zweite Bundesliga. Die Rede ist von Lukas Podolski. Der Wunderknabe vom Rhein blieb dem 1. FC Köln trotz Abstieg treu. „Es wird auf keinen Fall ein verlorenes Jahr“, sagt Podolski vor dem Beginn der neuen Saison. Die Zeiten, in denen Zweitligaspiele das öffentliche Interesse eines Straßenclowns erregten, sind längst vorbei. Im Gegenteil: Zugkräftige Traditionsvereine, prominente Trainer und neue Stadien sollen für die attraktivste Saison seit der Gründung 1974 sorgen. Elf der achtzehn Vereine haben bereits in der ersten Liga gespielt. Drei populäre Größen bereichern die Liga – der 1.FC Köln, 1860 München und Eintracht Frankfurt. Ihr Ziel ist klar: Aufstieg, Ende der Diskussion. (…) Doch nicht alles Gute kommt von oben: Auch die Aufsteiger Dynamo Dresden, 1. FC Saarbrücken, Rot-Weiß Erfurt und Rot-Weiß-Essen machen mit ihren großen Namen und noch größerem Anhang auf sich aufmerksam. Die Erwartungen bewegen sich teilweise in furchterregenden Höhen. „Die Vision muss sein, wieder im Europacup zu spielen“, sagt Christoph Franke, Trainer des achtmaligen DDR-Meisters Dynamo Dresden. Es gilt, sagt Präsident Jochen Rudi, ein Dreijahresplan: drinbleiben, oben mitspielen, aufsteigen. Die Euphorie erinnerte manchmal an den Fall der Mauer: 40 000 Fans feierten den Aufstieg auf dem Altmarkt, zum letzten Auswärtsspiel in der Regionalliga gegen Uerdingen fuhren mehr als 10 000 Dynamo-Anhänger nach Krefeld. Der einstige Skandalklub – nach der Wende vom Frankfurter Geschäftsmann Otto in den Ruin getrieben – kehrt nach neun Jahren in den Profifußball zurück und kalkuliert mit durchschnittlich 15 000 Zuschauern im ausgebauten Rudolf-Harbig-Stadion, „pessimistisch“, wie es in der Klubzentrale heißt. Auch in Saarbrücken werden verstaubte Videokassetten aus dem Jahre 1977 ausgebuddelt, als der FCS den damaligen Europapokalsieger FC Bayern 6:1 besiegte. Um zurück in die Zukunft zu starten, verdoppelte man mutig den Regionalliga-Etat auf 8,5 Millionen Euro – nur fünf Vereine veranschlagten mehr.“

Bundesliga

Duelle mit offenem Visier in vollen Arenen

Heute geht’s endlich los! Die FAZ er wartet „Duelle mit offenem Visier in vollen Arenen“ – die Finanzen der Liga scheinen zu stimmen – Berichte aus Bremen, Hamburg und über die Aufsteiger Bielefeld, Nürnberg und Mainz u.v.m.

Duelle mit offenem Visier in vollen Arenen

Endlich geht’s los! Frisch ans Werk, Roland Zorn (FAZ 6.8.)! „Angriffsfußball statt Verteidigungsstrategien: Mit neuem Schwung gehen die Klubs der Deutschen liebstes Fußballabenteuer aufs neue an. Trendsetter wollen wie alle Jahre wieder die Münchner Bayern sein, die sich in der vergangenen Saison von den forschen Bremern die Butter von der Brez‘n nehmen ließen. Werder hat vorweggenommen, was der neue Bayern-Coach Felix Magath nun noch besser machen will: mit stürmischem Spaß am Spiel den Hunger auf Titel zu stillen. Es herrscht so etwas wie eine wiederentdeckte Jugendlichkeit und lange vermißte Neugier selbst unter alteingesessenen Profis. Magaths stürmisches Mittelfeld mit dem anscheinend regenerierten Sebastian Deisler als große deutsche Fußballhoffnung vorneweg will der Konkurrenz Beine machen; Werder setzt auf eine Fortsetzung seiner stürmischen Liebeserklärung an den Tempofußball der Neuzeit; die Stuttgarter Rasselbande des VfB dürstet nach einem ersten Reifezeugnis; die Schalker könnten dank Ailton endlich Tore, Tore, Tore schießen, und selbst die Neulinge machen sich Mut, weil sie mit intensivem Pressing wie die Mainzer und die Bielefelder das Establishment unter Druck setzen wollen. Das Publikum darf sich zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft in zwölf neuen oder runderneuerten Stadien auf eine Saison freuen, die allen internationalen Rückschlägen zum Trotz von hohen Erwartungen begleitet wird (…) Duelle mit offenem Visier in vollen Arenen – eine niegelnagelneue in Mönchengladbach ist dazugekommen –, die Perspektive ist sommerfrisch hell.“

Martin Hägele (NZZ 6.8.) rückt zurecht: „Der Boom geht freilich nicht mit gestiegener sportlicher Qualität einher, sondern hat mit eigenen Gesetzmässigkeiten zu tun. Die Deutschen glauben einfach nicht, dass ihre Nationalmannschaft an der EM in Portugal mehr oder weniger ausser Konkurrenz mitgespielt hat. Je länger die Liga Pause macht, desto schneller ist das Elend des vergangenen Turniers vergessen. Es muss, ja es wird alles besser werden heuer. So dachten sie bis vor ein paar Tagen in Wolfsburg, Dortmund oder Hamburg, ehe der selbst eingeredete Höhenflug vom gewaltigen Kater abgelöst wurde. Dass drei der vier Bundesligateams im UI-Cup ausgeschieden sind, dem Nachsitzer-Wettbewerb für ambitionierte Klubs, die sich im Uefa-Cup messen und bei diesem Geschäft etwas verdienen wollten, bestätigt die mangelnde Qualität. Nur der FC Schalke 04 kann sich für die nächste kontinentale Klasse noch qualifizieren – ist sogar verdammt zu einem solchen Aufstieg, weil der laut Geschäftsbericht mit 103 Millionen Euro verschuldete Traditionsklub nur dank zusätzlichen internationalen Einnahmen finanziell halbwegs über die Runden kommt. In Europas schönster Arena müssen Erfolge her, mit den Transfers der Stars Ailton, Bordon und Kristajic ist Schalkes Manager Assauer allerhöchstes Risiko gegangen. Und wenn es in neun Monaten weder mit dem ersten Schalker Meistertitel in der Bundesliga-Ära noch dem direkten Zugang zur Champions League klappen sollte, dann hätte sich in Gelsenkirchen exakt jenes Kapitel wiederholt, das Erzrivale Borussia Dortmund eine Autoviertelstunde weiter in den vergangenen zwei Jahren geschrieben hat: der Absturz eines ambitionierten, ganz auf Europa ausgerichteten Spitzenklubs, der in der Bundesliga nur noch mitmachen darf, weil die Bilanzprüfer der DFL beim Lizenzierungsverfahren beide Augen zugedrückt haben. Das Luxusleben auf Pump wäre auf jeden Fall vorbei. (…) Jürgen Klinsmann kann nun zu Recht – und mit breiter öffentlicher Zustimmung – auch die Bundesligaklubs in die Verantwortung nehmen. Allein mit der Frage: Was tut ihr für das Nationalteam? Diese Frage könnte, sollte, müsste etwas bewegen im Land.“

Im Ausland finden sich Tycoone, die sich statt einer neuen Jacht einen Fußballclub leisten

Die Finanzen der Liga scheinen zu stimmen. Jan Christian Müller (FR 6.8.) fasst zusammen: “Lediglich die englische Premier League weist laut DFL deutlich bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen aus als die Bundesliga. In England setzen die Clubs rund 600 Millionen Euro mehr um als in Deutschland. Dort zahlt sowohl das Fernsehen (781 gegenüber 365 Millionen Euro) mehr als doppelt so viel als auch der Stadionbesucher (39 statt 19 Euro im Schnitt pro Ticket). „Die Engländer sind sehr viel stärker bereit, für Eintritt und Fernsehen viel Geld auszugeben“, analysiert der DFL-Finanzchef Christian Müller. Das führt dazu, dass etwa Manchester United 114 Millionen Euro für die Spielergehälter ausgeben kann, nahezu doppelt so viel wie der Branchenführer Bayern München. Außerdem, so Müller, werde der englische, spanische und italienische Markt durch das Engagement einzelner Unternehmer geprägt. „Im Ausland finden sich Tycoone, die sich statt einer neuen Jacht einen Fußballclub leisten. Das haben wir in Deutschland nicht.“ (…) Besonders die nach der Kirch-Krise, durch die der ersten und zweiten Liga insgesamt 306 Millionen Euro verloren gingen, moderatere Personalpolitik hob Müller hervor. Der Anteil der Profi-Gehälter an den Gesamteinnahmen in der Bundesliga ist nach eine aktuellen Analyse der Finanzfachleute von Deloitte und Touche auf 44 Prozent gesunken.“

Roland Zorn (FAZ 6.8.) fügt hinzu: „Selbst Wilfried Straub, der nicht zu den ständigen Besuchern der Bundesliga-Stadien gehört, fasziniert die Magie des taufrischen Augenblicks. „Jetzt ist Anpfiff“, hat der Vorsitzende der Geschäftsführung der DFL gesagt, „und dem haben sich alle unterzuordnen.“ Der 65 Jahre alte Hesse sieht dem Start in die 42. Saison gelassen entgegen. „Wir haben“, hob der Altmeister des Understatements hervor, „gar keinen so schlechten Job gemacht.“ In der Tat ist die Erste und Zweite Bundesliga nach den turbulenten Jahren des Fernsehgelderbooms und dem anschließenden Crash des Fernsehpartners Kirch Media längst auf den Pfad der Konsolidierung eingeschwenkt. Wirtschaftlich liege sie, so Straub, auf Platz zwei oder drei in Europa, sportlich dagegen zur Zeit nur auf Rang fünf. Die Bilanz für das Geschäftsjahr 2002/03 – die Zahlen der zurückliegenden Saison liegen erst im Spätherbst vor –, ist nicht unerfreulich, und das ist der Liga soeben auch von der international renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche attestiert worden. (…) Straub bedauerte im übrigen, daß es fünf Tage vorher bei der Ligavollversammlung in Berlin zu Friktionen bei den Vorstandswahlen gekommen sei. Inzwischen bewegen sich die in Berlin noch gegeneinander antretenden führenden Repräsentanten der ersten wie der zweiten Liga, heißen sie Wolfgang Holzhäuser oder Andreas Rettig, wieder aufeinander zu. Was ab sofort zählt, ist die gemeinsame Sache Profifußball. Neuen Streit darüber wird es früh genug geben – geführt von Männern, die gemeinsam der Bundesliga insgesamt verpflichtet sind.“

Viele wünschen sich, dass endlich längerfristig das kluge System die Macht des Geldes bricht

Benno Schirrmeister (taz 6.8.) traut Thomas Schaaf und Werder Bremen auch diese Saison viel zu: „Das Telefon schrillt, aber der Kollege vom Fachblatt winkt ab. „Wir gehen noch nicht ran.“ Irgendwie ist der Terminplan ins Rutschen gekommen. Das kicker-Fantelefon ist offiziell ab 13 Uhr besetzt, Gesprächspartner ist Werder-Trainer Thomas Schaaf. Jetzt ist es jedenfalls genau 12.53 Uhr. Bleiben noch sieben Minuten für die taz. Sieben Minuten für ein Interview? In Bremen ist der Trainer der Star, spätestens seit Torjäger Ailton weg ist. Ach die PR-Abteilung des Vereins hat das längst bemerkt: Auf den Plakaten, die Mitglieder werben sollen, prangt Schaafs markanter Kopf, er blickt geradeaus und zeigt in Uncle-Sam-Manier auf den Betrachter: „Ich will dich!“ (…) Seit Thomas Schaaf die Mannschaft übernommen hat, ist an der Weser die Fußballwelt entschieden intakt: 1999 war das. Zuvor war Felix Magath hier mit seinem Kasernenhof-Stil gescheitert. Disziplin? Doch, die halte auch er „für sehr wichtig im Fußball“, sagt der Werder-Coach. Aber Schaaf legt auch Wert darauf, dass sie „nicht willkürlich“ sein dürfe, sondern auf „klaren Regeln basieren“ müsse, „an die sich jeder halten kann“. Das genau ist der Unterschied zwischen einer Diktatur und einer aufgeklärten Monarchie. Vielleicht ist Bremen deshalb so etwas wie der Hoffnungsschimmer der Fußballlandschaft: Viele wünschen sich, dass die Erfolge mehr waren als ein erfreulicher Betriebsunfall. Dass hier endlich einmal längerfristig das kluge System die Macht des Geldes bricht.“

Die schönen Konzepte finden auf dem Platz noch nicht ihr Spiegelbild

Der Hamburger SV ist immer einer der interessantesten Vereine – vor der Saison. Jörg Marwedel (SZ 6.8.) berichtet: „Dietmar Beiersdorfer ist ein Mann mit Sinn für Details. Dieser Tage hat der Sportchef den Profis des Hamburger SV das tausend Quadratmeter große neue Trainingszentrum in den Katakomben der AOL-Arena übergeben. Die großzügige Umkleide ist in hellem, freundlichen Holz gehalten, und die Spinde der einzelnen Spieler sind nicht zufällig unverschließbar. „Ohne Vertrauen“, sagt Beiersdorfer, „funktioniert ein Team nicht.“ Er hat sich Anregungen wie diese aus der Beletage des europäischen Fußballs geholt, beim FC Arsenal. Die HSV-Profis trainieren jetzt nicht mehr vor den Toren der Stadt in Ochsenzoll, sondern auf zwei neuen, feinen Rasenplätzen gleich neben dem Stadion. Auch das ist, wie Vorstandschef Bernd Hoffmann glaubt, ein riesiger Fortschritt für die interne Kommunikation. Nun könne er „mal aus der Geschäftsstelle runtergehen und mit einem Spieler sprechen, ohne dass das gleich ein offizieller Termin ist wie früher“. Zuletzt hat Hoffmann auf kurzem Dienstweg den Dialog mit Sergej Barbarez gesucht, der, sichtlich enttäuscht, dass Trainer Klaus Toppmöller nicht ihn zum Kapitän bestimmte, aus dem Mannschaftsrat austrat. Der HSV-Vorstand macht also einen ziemlich professionellen Job beim Umbau des Klubs, der möglichst bald wieder auf Europas Bühne mitspielen will. Dumm ist nur: Die schönen Konzepte finden auf dem Platz noch nicht ihr Spiegelbild. Ausgerechnet vor dem Auftakt gegen FC Bayern München ist die Aufbruchstimmung, die Hoffmann nach der Verpflichtung von Daniel van Buyten, 26, Emile Mpenza, 26, und Benny Lauth, 23, für insgesamt zehn Millionen Euro sogar in den oft skeptischen Hamburger Medien registriert hatte, fast schon dahin. 35 000 Fans wurden am Mittwochabend Zeugen, wie der HSV gegen den spielstarken spanischen Provinzklub FC Villarreal wie im Hinspiel nach einer kläglichen Vorstellung 0:1 verlor und aus dem UI-Cup ausschied. Der Frust saß so tief, dass die Menschen sich bald in ihre Lieblingsablenkung flüchteten und den scheidenden Kultmasseur Hermann Rieger als „besten Mann“ feierten.“

Bielefelder Paternoster

In Bielefeld ist Trainer Uwe Rappolder der Star, Elke Rutschmann (FTD 6.8.): „Es gab Zeiten, da war Bielefelds Trainer Uwe Rapolder sich selbst und anderen ein Rätsel. Einerseits zählte der smarte Coach zu den Schöngeistern seiner Zunft und veröffentlichte 1997 im Feuilleton der „Frankfurter Rundschau“ ein Essay unter dem Titel „Die Maßlosigkeit im Glück“. Am Beispiel des Niedergangs des AC Mailand reflektierte der Wirtschaftswissenschaftler Fußball als Kristallisationspunkt von Macht- und Erfolgsstrategien. In seiner Zeit beim Schweizer Erstligisten FC St. Gallen hielt er Vorträge für Manager an der dortigen, renommierten Hochschule. Andererseits scheiterte der gebürtige Heilbronner bei seinen Engagements in Mannheim und Ahlen, weil er mit seiner schroffen Art oft tiefe Gräben zwischen sich und die Spieler zog. „Ich war immer sehr akribisch in taktischen Belangen, aber bei der Kommunikation mit den Spielern habe ich nicht so auf die Details geachtet“, räumt Rapolder ein. Die Wirkung seiner Sprüche hatte er unterschätzt, mit seiner Ironie die Leute vor den Kopf gestoßen. „Ich musste immer wieder beweisen, dass ich allein das Sagen habe.“ Der Egotrip endete 2002 in der Arbeitslosigkeit. 15 Monate war der 45-Jährige, der beim SC Freiburg und Tennis Borussia Berlin als Profi spielte, raus aus dem Geschäft. „Ich wollte schon ins Ausland, nach Japan oder China, dann kam das Angebot von Bielefeld“, berichtet Rapolder. Weil Uwe Rapolder aber nicht nur kluge Sachen sagt, sondern auch Punkte gewinnen kann und sogar die gewohnt nörgelnden Zuschauer in Bielefeld überzeugte, spielt die Arminia im Sommer wieder in der Bundesliga. Wieder einmal. Der Bielefelder Paternoster. Immer wieder geht es rauf und runter. Nur die Alm ist offiziell abgeschafft. Das Stadion heißt jetzt SchücoArena. Als Fußballfachmann war Rapolder auch früher unumstritten. Der Viererketten-Fan führte schon bei Waldhof Mannheim das 4-4-2-System bis in den Jugendbereich ein. Auf Eigeninteressen von Profis nimmt er keine Rücksicht. Er verlangt Qualitäten wie Loyalität und Solidarität. Rapolders Vorbilder sind Roy Hodgson und Arrigo Sacchi – Trainer, die individuelle Fähigkeiten den taktischen Interessen unterordnen.“

Die Sturheit habe ich ein bisschen abgelegt

Andreas Kröner (FTD 6.8.) drückt den Nürnbergern und Trainer Wolfgang Wolf einen Daumen: „Dass die Nürnberger trotz zahlreicher Verpflichtungen ihren Sparkurs fortsetzen konnten, hat der fränkische Traditionsklub auch einem allgemeinen Trend zu verdanken: Nur noch bei zwanzig Prozent der rund 250 Transfers aller Erstligisten wurden in diesem Sommer Ablösesummen bezahlt. In Zeiten gesunkener TV-Einnahmen, einem zusammengebrochenen Transfermarkt und Sparzwang bei fast allen Bundesligisten wechseln Fußballprofis in der Regel gratis ihren Arbeitsplatz. Davon profitieren gerade finanzschwache Vereine wie der FCN, den rund 4 Mio. Euro Schulden plagen und der außerdem jeden vierten Euro aus Sponsoren- und Fernsehgeldern an seinen Vermarkter „Sportfive“ überweisen muss. „Wir haben einen schmalen Geldbeutel und können uns weitgehend nur ablösefreie Spieler leisten“, sagt Wolf. Mit dieser Taktik hat der Fußballlehrer, der 2003 vier Spieltage vor Saisonschluss für Klaus Augenthaler nach Nürnberg gekommen war und nach dem Abstieg zunächst als Trainer und Manager fungiert hatte, eine hoffnungsvolle Mannschaft aufgebaut. Mit Ausnahme von Jacek Krynowek (er ging nach Leverkusen) wurden alle Leistungsträger gehalten und der Kader durch bundesligaerfahrene Akteure wie Thomas Hajto (Schalke), Markus Daun (Bremen) oder Markus Schroth (1860) verstärkt. So will Wolf die Fahrstuhlmannschaft aus Nürnberg, die in den letzten zehn Jahren vier mal ab- und wieder aufstieg, in der höchsten deutschen Spielklasse etablieren. Dazu sollen auch professionellere Strukturen beitragen: Wolfs Bruder Arno ist Chefscout, von Hertha BSC Berlin wechselten Martin Bader als Manager und Matthias Huber als Geschäftsführer an den Valznerweiher. Wichtige Entscheidungen werden regelmäßig in der Dreierrunde aus Trainer, Manager und Klub-Präsident diskutiert. Auch Wolf selbst hat sich in der neuen Arbeitsatmosphäre verändert. Während er in seiner fünfjährigen Amtszeit beim VfL Wolfsburg wegen seiner als stur und verbissen empfundenen Art zeitweise Probleme hatte, ist er in Franken lockerer geworden. „Man lernt im Trainergeschäft immer dazu. Die Sturheit habe ich ein bisschen abgelegt“, bekennt er.“

Andere Fußballkultur

Daniel Meuren (FTD 6.8.) beschreibt das Biotop Mainz: „Der Klassenerhalt wäre beinahe ein Wunder. Trainer Klopp entgegnet diesen Skeptikern offensiv: „Wenn sich ein Team verstärken will, muss das nicht zwangsläufig mit großen Namen geschehen.“ Und: „Wir sind allein dadurch deutlich besser geworden, dass sich meine Spieler jetzt als Erstliga-Spieler fühlen und sich das alles selbst erarbeitet haben.“ Mainz 05 und sein Trainer wollen zeigen, was mannschaftliche Geschlossenheit bewirken kann. „Wir wollen ganz Deutschland zeigen, wie geil das ist, in der Bundesliga zu spielen. Wir werden die leidenschaftlichste und kampfstärkste Mannschaft seit langem sein. Dann können wir den ein oder anderen spielerisch viel stärkeren Gegner ärgern.“ Optimistisch gehen die Mainzer auch deshalb in die Eliteklasse, weil sie in der zweiten Liga mit spielstarken Gegnern bestens zurechtkamen, während defensiv agierende Abstiegskandidaten meist gegen die 05er punkteten. In der Bundesliga dürften die Gegner, so die Mainzer Hoffnung, stets offensiv gegen den Aufsteiger agieren, was ihrem lauffreudigen Spiel entgegenkommt. Dann können sie ihr „Spiel gegen den Ball“, wie Klopp das Pressing seiner Elf nennt, praktizieren. Wenigstens in dieser Disziplin wollen die Mainzer „die Besten in Deutschland“ werden. Die Besten in der Auslastung des Stadions sind die Mainzer schon jetzt. Der Run auf die Karten für das 20 500 Zuschauer fassende Stadion war kurz, aber heftig. Tausende standen am einzigen Verkaufstag im Mai stundenlang umsonst für eine Dauerkarte an. Die Fastnachtshochburg schwelgt in Fußballeuphorie. Das faire und selbstironische Publikum und der Klub wirken wie eine Familie, die selbst eine chancenlose erste Bundesligasaison gut gelaunt durchstehen und dennoch für Farbtupfer sorgen würde. Verantwortlich für diese Atmosphäre ist auch die eigenwillig gestaltete Führungsetage des Vereins. Der sportliche Bereich wird geleitet von Christian Heidel, der einen ausgezeichneten Ruf im Kreis seiner Managerkollegen genießt, aber keinen Euro verdient. Nicht einmal Tankquittungen stellt der 39 Jahre alte Geschäftsführer eines Autohauses seinem Lieblingsverein, dessen Heimspiele er seit dem siebten Lebensjahr besucht, in Rechnung. Stattdessen entwickelte Heidel ein Gespür dafür, wie wichtig die Fans sind. Statt in teure Spieler investierte man in Stehränge oder Fanaktionen wie billige Sonderzüge zu Auswärtsspielen. So haben die Mainzer eine Fußballkultur aufgebaut, die das zweimalige Scheitern am jeweils letzten Spieltag in den Jahren 2002 und 2003 verkraften und gar für Sympathiezugewinne nutzen konnte.“

Donnerstag, 5. August 2004

Interview

Über dem Hals war ich stärker als drunter

Christoph Biermann (SZ 5.8.) spricht mit Jürgen Klopp

SZ: Die Lust auf Fußball, die Lust aufs Laufen und Kämpfen, verkünden Sie mit so unablässiger Begeisterung, dass man meinen könnte, sie hätten eine Mission.
JK: Um Himmels Willen, nein! Es geht dabei nur um uns. Wir wollen auf dem Rasen alles einsetzen, was uns zur Verfügung steht. Wenn man so will, arbeiten wir die Stammtischparolen ab.
SZ: Wie bitte?
JK: Die einzige Daseinsberechtigung für Fußball ist doch das Interesse der Leute, und dem sollte man gerecht werden. Wenn einer bei uns aus dem Stadion geht und sagt: „Aber kämpfen hätten sie schon können“, haben wir alles falsch gemacht.
SZ: Daher folgt Jürgen Klopp den Forderungen des Stammtisches und tritt den Scheiß-Millionären richtig in den Arsch?
JK: Nein, bei uns gibt es sowieso keine Millionäre. Außerdem glaube ich an das Gute im Menschen und dass die meisten Spieler leistungsbereit sind, egal wie viel sie verdient haben. Ich bin halt Optimist, mein Glas ist immer halb voll.
SZ: Der Stammtisch geht außerdem davon aus, dass sich in der Bundesliga nur gierige und faule Abzocker tummeln. Ist Mainz die heile Welt?
JK: Nein, wir glauben nur, dass es in unserem speziellen Fall einen Zusammenhang zwischen Spielweise und Erfolg gibt. Leidenschaft und Engagement sind unsere Basis, alles andere ist Beiwerk. Wir wollen ständig präsent sein, nie abschalten und sofort die Chance im Angriff suchen. Unser Spiel basiert auf einem extrem ballorientierten Verteidigen, wenn wir am Ball sind hingegen auf äußerster Flexibilität. Deshalb spielen wir mit drei Spitzen, nur einem defensiven Mittelfeldspieler und wollen beim Abschluss sechs Mann dabei haben.
SZ: Mainz wird also unter großem Applaus mit fliegenden Fahnen untergehen.
JK: Nein, wir gehen nur in jedes Spiel, um es zu gewinnen, so werden wir schon beim ersten Spiel in Stuttgart antreten. Uns soll man anmerken, dass Fußball ein geniales Spiel ist. Mir macht es jedenfalls unheimlich Spaß, obwohl ich das Wort zu umgehen versuche.
SZ: Warum?
JK: Weil darin ein Missverständnis liegt. Wir spielen nicht aus Spaß, sondern um Erfolg zu haben. Wir werden in dieser Liga keinen bezahlten Urlaub machen.
SZ: Gibt es ein Team, das Ihr Ideal von Fußball verkörpert?
JK: Nein, aber es ist kein Geheimnis, dass ich dem englischen Fußball wohlgesonnen bin. Das Tempo hat mir immer gefallen und die Ehrlichkeit, dass man auf dem Rasen nur liegen bleibt, wenn man operiert werden muss. Ich hatte schon als Spieler das Gefühl, dass ich da besser hingepasst hätte.
SZ: Was würde der Trainer Klopp dem Spieler Klopp heute beibringen?
JK: Nichts, denn Fußball habe ich schon recht früh verstanden, ich konnte es nur nicht umsetzen. Über dem Hals war ich stärker als drunter.

Ich habe jetzt das beste Verhältnis zu meinem Vater, was ich je hatte
Heike Faller (Zeit 5.8.) holt im Gespräch mal was anderes aus Felix Magath raus

Zeit: Herr Magath, ich wollte eigentlich mit Leuten in Ihrer Heimatstadt Aschaffenburg reden. In der Hoffnung, etwas zu erfahren, das über das hinausgeht, was sowieso schon alle über Sie wissen.
FM: Da gibt’s nix. Reden Sie am besten mit mir. Dann erfahren Sie am meisten.
Zeit: Na gut.
FM: Ich sehe keinen Grund, mich zu verstellen. Ich bin normal. Meine Ambitionen sind ehrenvoll, denke ich. Ich habe Glück gehabt, viel Glück gehabt in meinem Leben.
Zeit: In Zeitungsartikeln über Sie taucht immer dieser Nebensatz auf: „…der Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten.“
FM: Dass mein Vater und meine Mutter aus unterschiedlichen Kulturen kommen und nie zusammengelebt haben, das hat sicher einen Einfluss gehabt auf meine Persönlichkeit.
Zeit: Ihr Vater ging nach Puerto Rico zurück, als Sie ein Kleinkind waren, 1954 war das.
FM: Ich kann mich nicht erinnern, dass mich das in meiner Kindheit so stark beschäftigt hätte. Wichtiger war der Tod meiner Großmutter, als ich sechs war und nach der Schule in den Knabenhort musste. Aber das alles habe ich, wahrscheinlich wegen meines karibischen Vaters, gelassen verarbeitet. Es ist auch nicht so, dass ich eine schwere Kindheit gehabt hätte. Im Gegenteil: Ich habe eine wunderbare Kindheit gehabt. Und heute bin ich glücklich darüber, wie sich die Dinge entwickelt haben.
Zeit: Sie haben ihren Vater später kennen gelernt?
FM: Ich habe ihn wiedergesehen, da war ich so 15 oder 16, da kam er nach Aschaffenburg, um uns zu besuchen. Man hat sich gefreut, ihn mal kennen zu lernen. Aber da war natürlich die Hürde, dass er wenig Deutsch gesprochen hat und ich wenig Englisch, sodass ich kaum mit ihm reden konnte.
Zeit: Hat er Sie da auch Fußball spielen gesehen? Zu der Zeit waren Sie ja schon ein Wunderkind beim TV Aschaffenburg, ein hoch begabter Mittelfeldspieler.
FM: Ja, bestimmt hat er mich spielen sehen. Denn ich habe ja damals immer Fußball gespielt.
Zeit: Hat er sich dann dazu geäußert, dass aus seinem Sohn ein so vielversprechender Fußballer geworden war?
FM: Später dann. Er hat natürlich meinen Werdegang verfolgt, und irgendwann hat er auch mitgekriegt, dass ich Nationalspieler geworden bin. Ich habe jetzt das beste Verhältnis zu meinem Vater, was ich je hatte. Als Kind hatte ich gar kein Verhältnis, als Jugendlicher war’s so là, là, und in den letzten Jahren habe ich ihn in jeder Sommerpause für drei, vier Wochen besucht. Und während der Saison verfolgt er alles übers Internet. Er ist jetzt 76, und wahrscheinlich sitzt er da mit dem Wörterbuch vor seinem Computer und liest deutsche Sportzeitungen. Aber ich weiß nicht, ob er das richtig einschätzen kann. Für ihn gibt es vor allem die Sportarten Baseball, Football, Basketball.
Zeit: Wenn Sie also, mal küchenpsychologisch betrachtet, Ihren Vater mit Fußball auf sich aufmerksam hätten machen wollen, dann wäre es die falsche Sportart gewesen?
FM: Ja. Mit Fußball hatte er eigentlich nichts am Hut.
(…)
Zeit: Stuttgart lag Ihnen zu Füßen, Ihre Frau und drei Ihrer Kinder leben dort. Sie hätten dort auch ohne Titel jahrelang in Ruhe weiterarbeiten können.
FM: In dem Moment, als Rummenigge mich angerufen hat, war für mich klar, dass ich gehe. Es gab keine Überlegung. Der FC Bayern ist so, wie ich mir einen Verein vorstelle. Die Ansprüche sind die, die ich auch habe. Der FC Bayern München sagt: Wir wollen jedes Jahr drei Titel. Mehr nicht.
Zeit: Wieso sind drei Titel eigentlich erstrebenswerter als ein angenehmes Arbeiten in Stuttgart, mit einer jungen kreativen Mannschaft, mit der Sie nicht jedes Spiel gewinnen müssen?
FM: Weil ich Sportler bin. Ich bin ja kein Freizeitsportler, der das macht, um gesund zu bleiben. Ein Profi will immer gewinnen.
Zeit: Schon mal überlegt, was passiert, wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen?
FM: Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis ich satt bin. Sollte ich mal nicht mehr gierig sein nach Titeln, dann müsste ich Bayern verlassen, vielleicht zu einem ausländischen Spitzenclub.
Zeit: Und wenn Sie scheitern, haben Sie auch darüber nachgedacht?
FM: Ich bin immer noch überzeugt, dass ich den Weg kenne, mit dem man Europapokalsieger werden kann.

Internationaler Fußball

Ihr wißt ja nicht, was ihr verpaßt habt!

der SSC Neapel stirbt (FAZ) – Japan und China im Finale

Dirk Schümer (FAZ 5.8.) trauert um den SSC Neapel: „Für die meisten Bürger der brodelnden Millionenstadt am Vesuv bedeutet ihr „Napoli“ immer noch Diego Armando Maradona, dem es gesundheitlich auch nicht gerade blendend geht, doch der nun immerhin den Klub seiner glanzvollsten Tage überlebt hat. Als er am 6. Juli 1984 im Stadion San Paolo präsentiert wurde, jubelten ihm sechzigtausend Tifosi als Hoffnungsträger des armen, gebeutelten Südens zu. Der Argentinier sollte seine Anhänger nicht enttäuschen. Zweimal, 1987 und 1991, wurde der SSC Neapel italienischer Meister, holte zudem 1989 den Uefa-Cup und zwei italienische Pokale. Die Fans, bis dahin an keinerlei Erfolge gewöhnt, sprayten an die städtischen Friedhofsmauern: „Ihr wißt ja nicht, was ihr verpaßt habt!“ Nun ist den Toten immerhin auch das schlimme Ende der Geschichte erspart geblieben. Der Niedergang hatte wie immer auf dem Zenit begonnen, als Maradona mit der halben Mannschaft zum Kokser wurde, als Sexpartys mit Prostituierten gefeiert wurden und sich die Bosse der Camorra im Glanz der Fußballstars zu sonnen begannen. Filme sind darüber gedreht, Bücher geschrieben worden, am spektakulärsten die Memoiren des gewieften Vereinspräsidenten Corrado Ferlaino, der nachträglich rückhaltlos den Sündenpfuhl beschrieb, in dem er jahrelang auch sein tägliches Bad zu nehmen pflegte.“

Asien-Cup – Martin Hägele (taz 5.8.) blickt voraus auf das Finale: „Als die Nationalspieler von China vor zwölf Jahren mit Silbermedaillen um den Hals von den Asien-Spielen in Hiroschima heimkehrten, gingen die Ehrungen in Peking erst richtig los. In der Großen Halle des Volkes gab es weitere Orden für den bislang größten Erfolg in der Historie der Kicker aus dem Reich der Mitte. Der deutsche Trainer Klaus Schlappner erhielt zur Belohnung von Staatspräsident Jiang Ze Min eine Handelslizenz für die Volksrepublik, was damals viel mehr wert war als ein Scheck mit vielen Nullen – und wurde obendrein als „Shi-la-pu-na“ der berühmteste weiße Teufel (so die asiatische Bezeichnung für Europäer) im Land. Auch Gattin Irene wurde zur populären Person. Die Medien rühmten die gescheite Frau, die irgendwo in Tokio ein geheimnisvolles Badesalz aufgetrieben hatte. In großen Zubern hatten die Spieler nach den Partien auf hartem Boden und unter meist sehr hohen Temperaturen ihre Beinmuskulatur entkrampft. Als das Team der Gastgeber am Dienstagabend unter den Ovationen von 60.000 Zuschauern in die Kabinen ging, dachte Trainer Arie Haan keinen Augenblick daran, wie man ihm das Erreichen des Endspiels beim Asien-Cup honorieren würde. Es ist zweifellos ein erhebender Moment, wenn sich das Workerstadion in ein tosendes Meer aus roten Fahnen mit gelben Sternen verwandelt, aber für den Holländer aus Stuttgart geht die Mission im Workerstadion noch eine Runde weiter. Die nach dem zweistündigen Kampf gegen Irans Auswahl total geschafften Profis mussten erst mal an den Tropf. Mittlerweile sind auch die Erwartungen und Einschätzungen ganz anders: Haans Leute sollen, ja müssen das Endspiel am Samstag gegen Japan gewinnen. Das wäre dann in der Tat der größte Triumph. Nach außen hält sich der Verband zwar sehr zurück. Manche wünschen den chinesischen Funktionären ein bisschen mehr Propaganda wie zu jenen Zeiten, als alle noch Mao-Mützen trugen und Zuversicht von oben verordnet wurde. Nur in der Marketing-Abteilung der asiatischen Konföderation (AFC) spricht man ganz offen von einem „Traumfinale“ zwischen den zwei Großmächten des Kontinents. Mit keinem anderen Endspiel hätte der neue Fußball-Markt höhere Einschaltquoten und die Sponsoren interessantere Geschäfte machen können.“

Ball und Buchstabe

Trend aus dem Osten, „Bolzen“, „der tödliche Paß“

Vier Zweitligisten aus dem Osten, ein neuer Trend? (FAZ) – Fußballzeit gleich Fernsehzeit (FAZ) – „Bolzen“, ein neues Magazin / „der tödliche Paß“, ein bewährtes Fanzine

Vier Zweitligisten aus dem Osten – ist das ein Trend, Sven Recker (FAZ 5.8.)? „Fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer schwankt der Fußball im Osten zwischen Depression und Aufbruchstimmung. Sowohl für das eine als auch für das andere finden sich schnell die altbekannten Gründe. Trieben einerseits dubiose Präsidenten, Mißwirtschaft und der damit einhergehende Ausverkauf der Spieler viele Traditionsvereine in den Ruin, sind es auf der anderen Seite, wie die Beispiele Aue und Erfurt zeigen, bedachte Geschäftsleute aus der Region, die für den Aufschwung verantwortlich zeichnen. Jenseits dieser bekannten Konstellation gibt es noch eine andere Komponente, die zur Erklärung der Entwicklung des Ostfußballs seit 1989 wichtig ist: die Rolle dieser Sportart innerhalb des totalitären Systems DDR. Kicker aus dem Osten, so wurde stets kolportiert, seien beidfüßig, beherrschten das Kopfballspiel dank permanenten Drills am Pendel perfekt und seien allgemein technisch versierter als ihre westdeutschen Kollegen. Eine These, die mit den Namen von Ausnahmespielern wie Matthias Sammer und, später, Michael Ballack belegt wurde. Tatsächlich behaupten auch heute noch viele Kenner mit guten Argumenten, daß die Grundausbildung der Fußballjunioren in der DDR umfassender und methodischer als in der alten Bundesrepublik gewesen sei. (…) Stasi-Chef Mielke war nicht der einzige Parteibonze, der sich einen Fußballklub hielt. Auch in der DDR-Provinz regierten die Statthalter der SED den Fußball. „Früher gab es in Deutschland Kleinstaaterei, und jeder kleine Fürst hielt sich sein Ballett. Heute halten sie sich Fußballmannschaften“, zitiert Hanns Leske den in der DDR allmächtigen Sportfunktionär Manfred Ewald, der vergeblich versuchte, gegen diese Strukturen anzukämpfen. Es waren westdeutsche Geschäftsmänner wie der Bauunternehmer Rolf Jürgen Otto, die nach der Wende die Plätze der SED-Funktionäre einnahmen. Abgesehen von deren Unfähigkeit, einen Verein zu führen, konnten sie weder die in vierzig Jahren Sozialismus entstandenen Strukturen verstehen, noch konnten sie das von den Parteigenossen hinterlassene Machtvakuum füllen. Und so verschwand Oberliga-Verein auf Oberliga-Verein in den Niederungen des Amateurfußballs.“

Event-Charakter

Jörg Hahn (FAZ 5.8.) hat das TV-Programm studiert und neue Batterien für die Fernbedienung besorgt: „Den Fußballfans am Bildschirm wird in der 42. Bundesligasaison Bewährtes vorgesetzt. Gottlob ist der „Hype“ um die wiedergekehrte „Sportschau“ Geschichte. Aus Sendersicht ist nichts verkehrt gemacht worden; die aggressive Werbung stützte den Markterfolg. Mit durchschnittlich sechs Millionen Zuschauern übertraf die neue „Sportschau“ sogar die Vorgaben. Von 18.10 bis 19.45 Uhr sind „im Ersten“ nach wie vor Ausschnitte von den sieben Samstagsspielen zu sehen. Das ZDF hat gerade wieder Zweitrechte für das „Sportstudio“ erworben, muß jedoch mit dem Nachteil fertig werden, daß die unter Quotenschwund leidende traditionelle Sendung keine feste Anfangszeit mehr hat. Im DSF laufen die beiden Sonntagsspiele. Der Spartenkanal hat die Sendezeit am Sonntag abend noch ausgebaut, macht damit der ARD-“Tagesschau“ ein bißchen Konkurrenz und kommt, alle Sendungen und Formate zu erster und zweiter Liga zusammengerechnet, künftig auf rund 25 Stunden Fußball pro Woche. Das ist Rekord für das frei empfangbare Fernsehen. Premiere, das wie bisher alle 306 Bundesligabegegnungen live im Abonnement bietet, fällt aus dieser Wertung. Daß vor wenigen Monaten noch aus finanziellen Erwägungen darüber diskutiert wurde, Sonntagsspiele zur Mittagszeit auszutragen, ist in Vergessenheit geraten. Den Fans darf, das hatte schon die Kontroverse um die „ran“-Sendung bei Sat.1 am Samstag nach 20 Uhr belegt, nicht zuviel zugemutet werden. Die Sehgewohnheiten sind eingefahren. Das DSF will zwar auch in Zukunft nicht als „Deutsches Fußball-Fernsehen“ angesehen werden, sondern sieht sich weiter dem Sport allgemein verpflichtet. Doch die tägliche Dosis Fußball, live oder in Magazin- und Diskussionssendungen wie dem schon zum Sonntags-Kult avancierten „Doppelpaß“, trifft auf wachsendes Zuschauerinteresse – und hebt damit Marktanteile und Reichweiten des DSF insgesamt. Dabei profitiert das DSF wie alle Sender von dem Phänomen, daß die fußballbegeisterte Klientel sich nicht abwendet, wenn die Leistungen der Liga oder der eigenen Mannschaft – wie zum Beispiel bei der Europameisterschaft in Portugal – nicht den Erwartungen entsprechen. Im Gegenteil wird Fußball eindeutig unter Event-Charakter gesehen; man muß einfach als Zuschauer dabeibleiben. Für die DFL zahlt sich letztlich die Trennung von der Schweizer Agentur Infront doch noch aus. Die Eigenvermarktung der Fernsehrechte war ein Wagnis, bringt die 36 Profivereine jedoch an ihr Erlösziel von gut 300 Millionen Euro. Von Infront waren zuletzt 272,5 Millionen Euro geflossen.“

Man kann Fußballspiele auch mit gebührendem Ernst betrachten

Rudolf Neumaier (SZ/Medien 5.8.) blättert wieder mal im „tödlichen Paß“, dem Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels: „Man kann Fußballspiele, etwa die der deutschen Nationalmannschaft, analysieren wie Schmitz und Pasulke vorm Fernseher: Dasgibsdochgarnich, Mannomannomann. Oder: Wasndasfürnscheiß. Womit alles gesagt wäre über die Qualität eines Kicks. Man kann Fußballspiele aber auch mit dem gebührenden Ernst betrachten. Zwangsläufig wird es dann abstrakt, beim Beispiel Nationalelf müssen Studien in Begriffe wie „Fluch und Fatum“ münden. Oder bei der Frage: „Wären die Hoffnungen, die 1982 viele Menschen in die Kanzlerschaft von Kohl setzten, nicht frühzeitig zu relativieren gewesen, hätte man der Aussagekraft des Alibifußballs der Nationalelf unter Derwall geglaubt?“ So muss es sein, mutmaßt das Magazin Der tödliche Paß und stellt im Rückblick auf die EM fest, Deutschland sei leidenschaftslos geworden und habe verlernt, sich zu schämen. Von Der tödliche Paß lernen heißt, vom Fußball fürs Leben lernen – „osmotische Selbsterkenntnis“ nennen das die Blattmacher Stefan Erhardt, Claus Melchior und Johannes John. Die drei Münchner Akademiker, zwischen 45 und 50 Jahre alt, haben es sich im Sommer 1995, als Sat 1 in seiner Bundesligashow ran die schlimmsten Spiele zu hemmungslosen Ballorgien hochjubelte, zur ehrenamtlichen Aufgabe gemacht, den Fußball mit reiner Vernunft zu kritisieren. In Tagebuchform erläutern sie die von nun an wieder allsamstäglich aufscheinenden Phänomene Glück, Pech und Begabung, Unvermögen.“

Bernhard Gaul (SZ/Medien 5.8.) stellt „Bolzen“ vor, das neue Magazin für Freizeitfußball: „Die Klubs heißen Torpedo Karlsruhe, Benfica Bismarcao, Finsterlinge Bielefeld, Party Sahne Kassel, Lokomotive Glücksbier oder Diese Drombuschs. Die Spieler nennen sich schon mal „Dirkinho“ oder „Gugeroni“ – echte Bolzer eben, die in ihrer Freizeit den Fußball 110 Meter in die Länge und 70 Meter in die Breite spielen. „Ich denke der deutsche Fußball braucht genaue jene Kreativität, die es beim Bolzen auf der Wiese gibt“, sagt Thorsten Schaar und schwärmt: „Da sieht man oft mehr Tricks und gewitzte Spielzüge auf dem Platz als in 90 Minuten Bundesliga.“ Der eingefleischte Fan des Viertligisten Fortuna Düsseldorf und begeisterte Hobby-Kicker kann an besonderer Stelle die neue Kreativität im Fußball fördern: Schaar ist Chefredakteur der Zeitung Bolzen, des selbst ernannten „Zentralorgans für Freizeitfußball“, das an diesem Montag mit einer Druck-Auflage von 250 000 Stück startet. Vier Mal im Jahr soll es der Bolzer-Gemeinde geistigen Halt geben; vertrieben wird das 32-Seiten-Blatt über Sportgeschäfte, das Internet und die „Puma-Stores“ des Mit-Finanziers aus Herzogenaurach: Die Puma AG will im Land des dreimaligen Weltmeisters, das so gern als Gastgeber die WM 2006 gewinnen will, auf originelle Weise Verkaufsförderung betreiben.“

Deutsche Elf

Die Branche ist tendenziell konservativ eingestellt

Wie reagiert die Liga auf Jürgen Klinsmann und sein Team? Philipp Selldorf (SZ 5.8.) berichtet viel Skepsis und wenig Zustimmung: „Zwar meldete das Zentralorgan kicker, dass am 1. August im deutschen Fußball „eine neue Zeitrechnung begonnen hat“. Nur weiß noch keiner so recht, wie die Uhr künftig ticken wird. Das neue Triumvirat im DFB hat zwar einige Ideen und Vorsätze vorgebracht, bietet aber keine Erfahrungswerte. Fest steht nach den Absichtsäußerungen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, seinem Assistenten Joachim Löw und Manager Bierhoff bloß, dass sich vieles ändern soll, damit die Nationalmannschaft bei der WM 2006 um den Titel mitspielen kann. Die Verantwortlichen der Bundesliga reagieren darauf misstrauisch, die Branche ist tendenziell konservativ eingestellt. Dass die Vereine sich auch im Alltag zur Nationalmannschaft bekennen und gewisse Neuerungen im Verhältnis zur Teamführung akzeptieren sollen, will offenkundig nicht jedem einleuchten. Skeptisch hört man in Stuttgart oder Leverkusen, dass Klinsmann über ein gesondertes Schnelligkeitstraining und über psychologische Betreuung für die Nationalspieler nachdenkt, und dass er Hausbesuche im Trainingsquartier am Abend vor einem Punktspiel ankündigt. Auch mit Trainern und Managern möchten die neuen DFB-Männer sich ständig austauschen, was eine ganz neue Form von Kommunikation wäre in einem Gewerbe, in dem man üblicherweise mehr übereinander als miteinander spricht. „Mehr Kontakt mit den DFB-Verantwortlichen ist einfach“, kommentiert das Schalkes Trainer Jupp Heynckes, „es gab im vergangenen Jahr ja keinen.“ Sein Urteil über die Wahl des DFB fällt dennoch nicht besonders fröhlich aus: „Es ist nicht gut“, meinte er gestern, „dass der höchstverantwortliche Trainer keine Berufspraxis hat.“ „Die eine oder andere kritische Stimme“ hat Bierhoff vernommen, „aber das kommt ja immer, wenn etwas so dahergesagt wird oder jemand dem DFB eins auswischen will.“ Doch die Reserviertheit reicht weiter. Einen „Komödienstadl“ habe er während der Trainersuche erlebt, bekräftigte Schalkes Manager Rudi Assauer am Dienstag im TV-Sender premiere seine in der vergangenen Woche dahergesagte Meinung („ABM für ehemalige Nationalspieler“). Nicht nur Assauer, traditionell argwöhnisch gegen Organisationen, die nicht Schalke 04 heißen, pflegt seine Vorbehalte. (…) Fast alarmierend wirkt es da, wie vehement Uli Hoeneß und Rummenigge im Namen des FC Bayern „totale Unterstützung“ ankündigen. Künftig will Hoeneß sogar persönlich darüber wachen, „dass sich nicht jeder Nationalspieler eine Grippe nimmt“, wenn unbequeme Testspiele wie auf der Ostasientournee im Dezember anstehen.“

Mittwoch, 4. August 2004

Unterhaus

Das Markenzeichen der zweiten Liga ist ihre verblüffende Ausgeglichenheit

René Martens (FTD 4.8.) freut sich auf die neue Zweitliga-Saison: „Wenn die neue Zweitligasaison am Samstag mit drei Spielen startet, die bereits um 13.30 Uhr beginnen, dann riecht das ein bisschen nach Dorffußball. Der Eindruck könnte falscher nicht sein, denn die neue Serie verspricht eine der Superlative zu werden. Es deutet viel darauf hin, dass der Rekord-Zuschauerschnitt – 10 800 in 99/00 – übertroffen wird. Der 1. FC Köln lockte trotz armseliger Darbietungen im Schnitt zuletzt rund 40 000 Zuschauer ins RheinEnergieStadion. Der Zulauf wird bei dem zu erwartenden sportlichem Erfolg kaum abnehmen. Bei Mitabsteiger 1860 München dagegen freuen sich die Zuschauer über den Umzug in das alte Stadion an der Grünwalder Straße. Zum Zuschauerboom dürfte auch beitragen, dass mit dem Kölner Lukas Podolski zukünftig die Nachwuchshoffnung des deutschen Fußballs zwischen Aue und Saarbrücken zu sehen sein wird. Nicht zu vergessen das Fan-Potenzial bei den Aufsteigern RW Essen und Dynamo Dresden, wo der Hunger besonders groß ist, weil die Vereine sieben Jahre (Essen) beziehungsweise neun (Dresden) in Regional- und Oberliga dahinvegetierten. (…) Das Markenzeichen der zweiten Liga ist ihre verblüffende Ausgeglichenheit. Die Distanz zum Oberhaus ist immer geringer geworden, und die Aufsteiger sind längst keine Abenteurer mehr. Der SV Wacker Burghausen beispielsweise, anfangs als skurriler Farbtupfer gesehen, geht nun in seine dritte Zweitligasaison. Während die erste Liga wie eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wirkt, scheint Liga zwei schwerer auszurechnen zu sein. Die Stärke der zweiten Liga offenbarte sich im DFB-Pokal, als Alemannia Aachen Bayern München aus dem Viertelfinale warf und der spätere Absteiger aus Lübeck im Halbfinale Werder Bremen am Rand einer Niederlage hatte. Wie die in den Abstiegskampf verwickelten Teams aus Karlsruhe, Duisburg, Aue und Fürth war Lübeck in der vergangenen Saison zwischenzeitlich ein Aufstiegskandidat – ein Nimbus, den man in dieser Klasse schnell wieder einbüßen kann. In England verläuft die Entwicklung ähnlich, dort verpasste Top-Favorit West Ham United in der letzten Saison den Wiederaufstieg. Was die hiesige zweite Liga der englischen voraus hat, ist ihr guter Name. Denn in England hat die Tatsache, dass das Profiligensystem unterhalb der Premier League in den kommenden acht Jahren von einem Limonadenhersteller gesponsert wird, maßgebliche Änderungen mit sich gebracht: Die zweite Liga heißt dort nicht mehr First Division, sondern: Coca-Cola Championship.“

Bundesliga

Hungrig auf den Ball wie ein verspielter Hund

Bayern München-Werder Bremen 3:2 (Liga-Cup-Finale)

Hungrig auf den Ball wie ein verspielter Hund

Daniel Meuren (FTD 4.8.) freut sich über die Leistung und Tore Sebastian Deislers: „Es ist ein ganz spezieller Moment, der zeigt, wie sehr das Fußball-Volk auf einen Heilsbringer wartet. Nicht der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann gibt den Fans Anlass zur Hoffnung. Sondern dieser 24 Jahre junge Mann: Deisler, der im Mainzer Bruchwegstadion 70 Minuten lang gezaubert, getrickst, geschossen, gepasst und gerackert hat. Doch jetzt liegt er am Boden und fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Knie. Ein ganzes Stadion verstummt. Alle Blicke sind auf diesen wunderbaren Fußballer gerichtet – oder besser: auf sein Knie. Nach einer halben Minute Behandlungszeit steht Deisler auf, lässt sich auswechseln und geht winkend vom Platz. Und alle sind erleichtert. „Natürlich habe ich bemerkt, wie die Zuschauer auf mich geschaut haben“, sagte Deisler nachher. „So was tut unheimlich gut.“ Es gibt genug Motive, um das Heil des 20fachen Nationalspieler zu zittern. Der junge Mann hat schließlich genug durchgemacht: Seine Knieverletzungen, die die Fortsetzung seiner Karriere schon vor zwei Jahren gefährdeten. In der vergangenen Saison ließ er sich wegen Depressionen in eine Klinik einweisen, weswegen er auch auf die Teilnahme an der Europameisterschaft verzichten musste. Doch die Fußballfans bangen natürlich auch aus egoistischen Gründen um die Gesundheit des Mittelfeldspielers. Mit Deisler, so die übereinstimmende Meinung, könnte die Nationalmannschaft nicht nur besser spielen, sondern vielleicht wenigstens Lettland schlagen. Und bei der WM in zwei Jahren im eigenen Land vielleicht sogar noch ganz andere Gegner. Deisler wirkte vom Anpfiff an so hungrig auf den Ball wie ein verspielter Hund und gab dem sonst sportlich so fragwürdigen Ligapokal alleine durch seine Leistung einen Sinn. Er forderte das Spielgerät und wusste auch etwas damit anzufangen. Viele seiner Aktionen lösten auf den Tribünen Bewunderung aus. Auch die Mitspieler spürten, dass ihnen die Jagd nach Titeln nach der erfolglosen vergangenen Spielzeit in diesem Jahr leichter fallen dürfte.“

Thomas Becker (taz 4.8.) fügt hinzu: „Für Michael Ballack war Heiligabend diesmal direkt nach den Sommerferien. Die waren zwar recht kurz, aber die Freude über sein unerwartetes Weihnachtsgeschenk wog das locker auf. Sie war nicht verpackt, die gute Gabe, sondern naturbelassen, wie Gott, Felix Magath und vor allem Konditionstrainer Werner Leuthard sie schufen. Sie war fast so groß wie Ballack selbst, hatte zwar viel weniger Haare auf dem Kopf, dafür aber zwei dermaßen geschickte, flinke Beine, wie sie der Michael nie zuvor neben sich erlebt hatte. Lachen konnte das Geschenk, dass es die pure, unverfälschte Freude war. Und dann dieser lustige Name: Wasti Fantasti. Wenn es nicht zu blöd aussähe, würde Ballack seinem Geschenk wohl am liebsten drei Mal täglich um den Hals fallen und ihn ordentlich abknutschen, seinen neuen Spielkameraden, den Deisler. Macht er aber nicht. Spielt lieber mit ihm Ball und den Gegner schwindlig. Das kann ja noch was werden mit den beiden! Okay, es ist Ligapokal, Vorbereitung, mehr nicht. Aber wahrscheinlich gab es in der achtjährigen Historie dieses Pseudo-Cups kurz vor Saisonbeginn keinen motivierteren Fußballer als Sebastian Deisler.“

Bundesliga

Kröten leben in München nicht lange

die DFL formiert sich neu, „das Verhältnis im Vorstand hat sich nämlich zu Ungunsten der zweiten Liga verschoben“ (SZ) – der VfB Stuttgart will mit Matthias Sammer bald wieder deutscher Meister sein (SpOn) – Borussia Mönchengladbach zieht um

Kröten leben in München nicht lange

Die DFL hat sich neu formiert; Heribert Bruchhagen (Vorstandsvorsitzender Eintracht Frankfurts) ist nicht in den Vorstand gewählt worden. Javier Cáceres (SZ 2.8.) kommentiert: „“Bedauerlich und bedenklich“ nannte Bruchhagen seine Niederlage. Nicht um seiner selbst, sondern um der zweiten Liga willen, der Eintracht Frankfurt ja in dieser Spielzeit wieder angehört. Das Verhältnis im Vorstand hat sich nämlich zu Ungunsten der zweiten Liga verschoben: Von den acht Vorstandsmitgliedern der DFL haben nur noch zwei einen Zweitliga-Hintergrund, und bei den Kampfabstimmungen zwischen Erst- und Zweitligavertretern zogen die Unterklassigen jeweils den Kürzeren: Kölns Andreas Rettig verlor den Kampf um das Amt des Vizepräsidenten gegen Leverkusens Wolfgang Holzhäuser (17:19 Stimmen), und Bruchhagen unterlag im Kampf um einen Vorstandsplatz gegen Peter Peters (Schalke 04) und Harald Strutz (Mainz 05). Im ehedem zwölfköpfigen Vorstand kamen sechs Mitglieder aus der Zweiten Liga. „Die zweite Liga hat den Fehler gemacht, einen Lagerkampf gegen die Bundesliga zu führen“, analysierte Karlheinz Rummenigge, mit dem auch ein Vertreter des FC Bayern München in den DFL-Vorstand einzog – zum ersten Mal, seit sich die Profiklubs vor vier Jahren vom DFB loslösten. Auch Kölns Manager Andreas Rettig attestierte den Zweitligisten, „unglücklich taktiert“ zu haben: „Deshalb ist sie auch nur zweite Liga“. Andererseits: Aus den Köpfen „muss dieses Klassendenken wegkommen“. DFL-Chef Werner Hackmann, der einstimmig wiedergewählt wurde, wähnte die Profiklubs auf gutem Wege dahin: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zum letzten Mal solche Kämpfe gab. Dies war das letzte Flattern der Flügel.“ Dieses Wunschdenken dürfte auch der Notwendigkeit geschuldet sein, man muss Geschlossenheit demonstrieren, denn bald geht es um allerhand Geld. Bis zur Aushandlung der nächsten TV-Verträge ist es nicht mehr weit hin, und Ende 2005 endet der Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL. Dieser Kontrakt regelt unter anderem die gegenseitigen Finanzzuflüsse: 25 Prozent der Länderspielleinnahmen oder mindestens elf Millionen Mark fließen vom DFB an die Liga; die zahlt drei Prozent der „Medieneinnahmen“ (mindestens 25 Millionen Mark) an den DFB. Netto strömen pro Saison fünf Millionen Euro an den DFB, sagt Hackmann, und Rummenigge erläuterte, dass es künftig „Optimierungen zugunsten der DFL“ geben müsse. „Wir wollten damals die Eigenständigkeit und haben deshalb einige Kröten schlucken müssen“, sagte Rummenigge. „Aber Kröten leben in München nicht lange.““

Erwin, sach mal, stimmt das, dass ihr den Kohler als neuen Trainer holen wollt?

Wohin strebt der VfB Stuttgart mit seinem neuen Trainer, Michael Wulzinger (Spiegel Online)? „Präsident Erwin Staudt ließ durchblicken, was er in den nächsten Jahren erwartet: die deutsche Meisterschaft. Vom Titelgewinn hatte ja auch Sammers Vorgänger Felix Magath in der vorigen Saison immer geredet. Doch obwohl er in seiner Doppelrolle als Trainer und Manager so viel Macht in den Händen hielt wie kein Zweiter in der Branche, glaubte er schließlich, dass die Meisterschale in Stuttgart für ihn nicht zu erreichen sei – er fühlte sich im Vereinsvorstand von Buchhaltern und Bedenkenträgern umstellt. Die Suche nach seinem Nachfolger bestätigte Magath. Denn bis die VfB-Bosse – eher zufällig – in Kontakt mit Sammer traten, ähnelte die Kandidatenauswahl dem Treiben der DFB-Trainerfindungskommission, die nach Ersatz für den abhanden gekommenen Rudi Völler fahndete. Staudt, der vieles davon, was er über Fußball weiß, bei seinem Heimatclub TSV Eltingen aufgeschnappt hat, plädierte von Anfang an für den ehemaligen Nationalspieler Jürgen Kohler – einen Mann, der keine Berufserfahrung als Vereinscoach hat und den Bayer Leverkusen als Sportdirektor unbedingt von der Gehaltsliste bekommen wollte. Sein hartnäckiges Werben um einen Anfänger, das erfuhr der VfB-Präsident in Berlin, belustigte sogar den Kanzler. Staudt, früher Deutschland-Chef des Computerkonzerns IBM und seit 1972 Mitglied der SPD im Ortsverein Leonberg, war zur Wahl des Bundespräsidenten in die Hauptstadt gereist. Im Reichstag traf er zufällig auf Gerhard Schröder. „Erwin, sach mal, stimmt das, dass ihr den Kohler als neuen Trainer holen wollt?“, rief der Regierungschef launig über den Gang, „das könnt ihr doch nicht machen, der hat das doch noch nie getan!“ Staudt solle sich, riet er dem Genossen, doch lieber einen kompetenten Vorschlag bei Karl-Heinz Rummenigge einholen – der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Wahlmann für die CSU, stand gerade grinsend an dessen Seite. Am Ende war es nicht der Kanzler, der Kohler um den Job brachte, sondern Kohler selbst. Bei einer der letzten Verhandlungsrunden bestand sein Anwalt darauf, dass ihm bei vorzeitiger Entlassung das Gehalt für die komplette Vertragszeit auszuzahlen sei – eine Forderung, die man beim VfB als „überholte Vollversorgungsmentalität“ auffasste. Mit Sammer einigten die Stuttgarter sich schnell. Der sollte und wollte weg von Borussia Dortmund, weil der Verein einen Schuldigen für die letzte Saison brauchte, in der das wunderschöne Westfalenstadion für seine Fans zum Theater der Alpträume wurde.“

Das wird ein richtiger Hexenkessel

Christoph Biermann (SZ 2.8.) besucht Borussia Mönchengladbach in der neuen Heimat: „Seltsam ist sie, die erste Nacht in einer neuen Wohnung, das weiß jeder, der einmal umgezogen ist. Man liegt im Bett, es riecht anders als zuvor und man hört andere Geräusche. Der späte Weg zum Kühlschrank oder zur Toilette fühlt sich fremd an. Noch ist das neue Heim keine Heimat, und das ist bei Fußballstadien nicht anders. „Man muss erst einmal die Laufwege richtig kennen lernen“, sagte Christian Hochstätter müde und irgendwie selig zugleich. Draußen spielte die Schlagerband Pur, und drinnen ließ der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach die Eröffnung des neuen Borussia-Parks an sich vorbeiziehen. Viel Lob hatten Hochstätter und die anderen Verantwortlichen des Klubs für ihr neues Stadion bekommen. „Das wird ein richtiger Hexenkessel“, sagte der geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger. Und Sebastian Deisler vom FC Bayern sagte: „Das ist eines der schönsten Stadien, in denen ich je gespielt habe.“ Dabei ist Schönheit nicht das hervorstechende Merkmal der neuen Arena, die 54 000 Zuschauern gute Sicht und ordentliche Plätze ohne viel Verzierung liefert. Die Laufwege dahin werden allerdings noch geübt werden müssen, denn manch einer irrte ums Stadion, nachdem er vorher lange im Stau gestanden hatte. Zweitausend Fans hingegen waren am Bökelberg zu Fuß losmarschiert, um so im Wortsinne in die Arena umzuziehen. Viele Hundert hatten sich der Prozession unterwegs angeschlossen, die so etwas Beschwörendes bekam. In der neuen Nordkurve erprobten sie dann alte Gesänge und Wechselchoräle mit den anderen Tribünen, doch irgendwie wirkte das noch etwas staksig.“

Bundesliga

Magath kann mehr, aber er hat sich entschieden, den Feldwebel zu geben

„Felix Magath kann mehr, aber er hat sich entschieden, den Feldwebel zu geben“ (SpOn) – in Kaiserslautern scheint man wieder in Ruhe arbeiten zu können (FAZ) – der SC Freiburg vor einer schweren Saison? (SpOn) u.v.m.

Magath kann mehr, aber er hat sich entschieden, den Feldwebel zu geben

Was lässt Felix Magath seine Spieler üben, Thomas Hüetlin (Spiegel Online)? „Hochsprünge mit Acht-Kilo-Hanteln. Seilhüpfen auf einem Bein. Höhepunkt und später landesweit Symbol der Schinderei: blaue Medizinbälle. Damit der Befehlston zu den Geräten passt, hat Magath einen Mann als Konditionstrainer mitgebracht, der über eine sechsjährige Berufserfahrung bei den Gebirgsjägern verfügt. Sein Name: Werner Leuthard. Als Roque Santa Cruz, jener Stürmer, der nicht nur wie ein Popstar aussieht, sondern auch bei einem Rocksong mitwirkt, die Sache mit den Hochsprüngen und Acht-Kilo-Hanteln etwas ruhiger angeht, steht Leuthard sofort hinter ihm und brüllt: „Zack, zack, dein Arsch bleibt gefälligst unten.“ Und dann an die Zuschauer gewandt: „Zack, zack, das versteht ein jeder.“ Der Himmel darüber leuchtet bayerisch dunkelblau, darunter, am Spielfeldrand, strahlen die Gesichter des Publikums. Sie freuen sich daran, dass die Jung-Millionäre wie bei der Bundeswehr gedrillt werden, und die Leser der Boulevardzeitungen freuen sich mit. Was nur wie eine Schinderei aussieht, wirkt wie eine Marketingaktion. Der FC Bayern München, vor zwei Jahren zum „weißen Ballett“ hochgeschrieben, wird in den Wochen dieser Saisonvorbereitung als Kompanie von Fußballsoldaten verkauft. Dabei freudig bedient durch eine Boulevardpresse, die Magath „Quälix“ taufte und ihn dauernd neue, vermeintliche Foltereien erfinden lässt: Auf den „Berg des Schreckens“ folgt der „Zirkel des Horrors“. Gefallen äußern aber auch die Chefs des über Jahrzehnte bestgeführten Clubs der Liga. Dass da einer „die Mannschaft wieder zum Laufen bringt“, allen voran Franz Beckenbauer: „Das war doch alles ein Krampf in den letzten zwei Jahren.“ Und Karl-Heinz Rummenigge assistiert dichtend: „Die Spieler sind eifrig und willig, deshalb macht uns Felix glücklich.“ Im Verein und bei den Bayern-Fans hat sich in den letzten beiden Jahren ein Groll gegen die verwöhnten Männer aufgestaut, und den soll der neue Trainer abbauen, indem er den Spielern beibringt, dass Muskelkater keine ansteckende Krankheit ist. Magath kann mehr, aber er hat sich entschieden, den Feldwebel zu geben und seine Ballkünstler Fußball arbeiten zu lassen. Bei den Fans macht man sich damit beliebt, so füllt ein Trainer sein Imagekonto, und das kann helfen in schwierigen Zeiten. Und bei den Spielern? Auf dem Gipfel des Wallbergs, bei der zweiten Besteigung, erschöpfte, aber glückliche Gesichter.“

Innerhalb von sieben Wochen hat eine Trend- und Imagewende stattgefunden

Wird der 1. FC Kaiserslautern seriös, Roland Zorn (FAZ 5.8.)? „Ruhe, bitte! Beim 1. FC Kaiserslautern haben sie genug von all den Aufregungen, Affären und Turbulenzen, die diesen Traditionsverein in den vergangenen zwei Jahren ins Schleudern und bis an den Rand des sportlichen Abgrunds gebracht haben. René C. Jäggi, der erste Sanierer und Vorstandsvorsitzende des viermaligen deutschen Meisters, will sein Leben in der Pfalz endlich auch genießen dürfen und sieht dafür so gute Voraussetzungen wie nie, seit der schweizerische Geschäftsmann im Herbst 2002 den wirtschaftlich ramponierten und sportlich angeschlagenen Klub wieder auf die Beine zu stellen begann. Ein Balanceakt, der in der vergangenen Saison fast zum Abstieg geführt hätte und damit erst noch zum Stand kommen muß. Immerhin hat Jäggi in den letzten Wochen erfreut registriert, daß ihn so mancher FCK-Fan am kleinsten Bundesliga-Standort schon fragte, „ob sich der Verein aufgelöst hat“. Zur Beruhigung aller an das Dauergetöse vom Betzenberg gewöhnten Fußballfreunde in der Westpfalz: Der 1. FC Kaiserslautern lebt und hofft sogar in aller neuen Bescheidenheit auf eine kleine Blüte in der kommenden Saison. „Innerhalb von sieben Wochen“, sagt Jäggi, „hat hier eine fast nicht nachvollziehbare Trend- und Imagewende stattgefunden.“ Zuerst war da die Rettung vor dem Abstieg am letzten Spieltag, danach die Totalrenovierung einer Mannschaft, die mit neun zügig verpflichteten neuen Kräften frisch ans Werk geht, und schließlich atmeten rund um den Klub alle tief durch, daß die Zeit der Intrigen, Verdächtigungen und manchmal schon recht üblen Nachreden vorläufig vorbei scheint. Somit hat Jäggi ein Zwischenziel seines Wiederaufbauprojekts erreicht: Der Verein präsentiert sich jetzt so selbstbewußt, wie sich das der wuchtige und zunehmend entspannt auftretende Baseler schon lange gewünscht hat.“

Immer öfter stumpfer Chauvinismus

Den SC Freiburg sagen viele Experten eine schwere Saison voraus – Christoph Ruf (Spiegel Online): „Während das Mittelfeld überdurchschnittlich stark besetzt ist und sich nicht nur der für seine 21 Jahre schon sehr starke Sascha Riether weiter steigern dürfte, bereitet der Sturm Sorgen. Zu Alexander Iashvili, der oft die Übersicht vermissen lässt und für die Defensive kaum etwas beizutragen vermag, wird es wohl auch in dieser Saison keine Alternative geben. Die katastrophale Auswärtsbilanz der vorigen Spielzeit – 5 Punkte bei 10:43 Toren, nur Absteiger Köln war schlechter – lässt sich allerdings nicht primär an der Leistung einzelner Mannschaftsteile festmachen. Es gab an schlechten Tagen zu viele im Freiburger Team, die jedes Risiko scheuten und sich hinter ihrer vermeintlich mannschaftstaktischen Aufgabe versteckten. Ob es nicht doch an selbstbewussten Individualisten mangele, fragt sich daher so mancher im Verein. Da der Club schuldenfrei ist und Jahr für Jahr bescheidene Überschüsse erwirtschaftet, wundern sich viele Fans zudem, warum nicht einmal punktuelle Verstärkungen finanzierbar sein sollen. „Wir bräuchten dafür eben nicht ein bis zwei, sondern sechs bis acht Millionen Euro“, rechnet Finke vor. Schließlich müssten die Gehälter aller Leistungsträger angehoben werden, wenn man einen Topmann hole. Karlsruhe und Mönchengladbach sind Finke warnende Beispiele. Diese Clubs mit ihren solitären Millionären Thomas Häßler und Stefan Effenberg hätten, so Finke, gezeigt, „dass man alles kaputtmacht, wenn man einen heraushebt“. Zwar zahlt der neue Hauptsponsor des SC Freiburg insgesamt drei Millionen Euro pro Jahr und damit etwa 50 Prozent mehr als der Vorgänger, doch bei einer Auslastung des 25.000 Zuschauer fassenden Dreisamstadions von 94 Prozent seien nennenswerte Wachstumsraten bei den Einnahmen eben nicht zu erzielen. Und einen Neubau hält man beim SC unisono für utopisch. Immerhin hat die Spielstätte seit dieser Saison einen neuen Namen. Ein lokales Energieunternehmen engagiert sich. Doch viele Fans sind sauer. Zu den rationaleren Argumenten gehört dabei der Einwand, man habe das Dreisamstadion für ein Linsengericht verkauft. Die Schätzungen über das, was der Namenssponsor pro Jahr beisteuert, liegen zwischen 500.000 und einer Million Euro. Dass sich Kommerzkritik in Freiburg, wo die Grölvorlage „Badnerlied“ vor jedem Spiel durch die Boxen wabert, immer öfter mit stumpfem Chauvinismus paart, erschreckt die Verantwortlichen allerdings nicht das erste Mal. Die Umbenennung des Stadions wird auffallend oft in einem Atemzug mit der angeblich zu hohen Anzahl ausländischer Spieler verdammt.“

Die Saison beginnt, und Mathias Klappenbach (Tsp 5.8.) reibt sich die Hände: „Wenn das beherrschende Thema die Frage ist, wie denn der Torschützenkönig Ailton bei Schalke zurechtkommen wird, müsste man Angst um die Liga bekommen. Aber das System funktioniert, trotz oder gerade wegen der schwachen Leistungen der Nationalelf und des katastrophalen Abschneidens der Vereine in den internationalen Wettbewerben der vergangenen Saison. Nie haben die Klubs so viel durch die Werbung auf ihren Trikots eingenommen (99 Millionen Euro), nie wurden so viele Dauerkarten (337 800) verkauft wie vor dieser Spielzeit. Die Bundesliga hat mehr Zuschauer als die Ligen in England, Spanien und Italien. Trotz dieser Mehreinnahmen und der erstmals seit der Kirch-Krise wieder leicht ansteigenden Fernsehgelder sind die insgesamt mit 670 Millionen Euro verschuldeten Vereine immer noch dabei, ihre vor der Insolvenz von Kirch entstandenen Kostenstrukturen zurückzufahren. Nur bei einem Viertel der 120 Spielerwechsel wurde eine Ablöseseumme gezahlt. Die neuen Stars sind die fertig gestellten Arenen wie in Mönchengladbach oder Berlin, sie machen einen Teil des sportlich nicht so leicht zu erklärenden Booms aus. Und ins Dortmunder Westfalenstadion gehen sowieso immer 80 000 Menschen.“

Grund zum Optimismus

Egal, was passieren wird, Christian Zaschke (SZ 5.8.) wird Berichtenswertes finden: „So viel Zuschauer wie nie strömen in all die renovierten und neu gebauten Stadien, und sie werden eine erstaunliche Saison erleben, in der fünf Mannschaften Deutscher Meister werden, zehn Mannschaften sich für europäische Wettbewerbe qualifizieren und keiner absteigt. So viel Optimismus wie vor dieser Saison herrschte nie. Noch ahnt niemand, dass sich der Neu-Schalker Ailton am dritten Spieltag fürchterlich mit Trainer Heynckes verkracht. Die Wettbüros haben schon wieder Recht: HSV-Trainer Klaus Toppmöller fliegt als erster raus. Wie so oft steigen zwei der drei Aufsteiger einfach wieder ab, sechs bis sieben Mannschaften spielen gegen den Abstieg, darunter einige, von denen das niemand vermutet hätte. Der FC Bayern wird nach frühem Höhenflug („Das goldene Ballett“) unsanft landen („Gold allein macht nicht glücklich“), und Borussia Dortmund geht pleite und meldet sich vom Spielbetrieb ab. Was sie wirklich bringt, diese 42. Bundesliga-Saison, wissen natürlich nur der sog. Fußball-Gott und Max Merkel, der seit etwa 600 Jahren voraussagt, wie die Saison verläuft. Im vergangenen Jahr prophezeite er, dass der FC Bayern Deutscher Meister wird. In diesem Jahr prophezeit er, dass der FC Bayern Meister wird, für alle anderen sieht er ziemlich schwarz. Es besteht also wirklich Grund zum Optimismus.“

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