indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Montag, 25. Oktober 2004

Ball und Buchstabe

Maulwurffindungskommission

Andreas Burkert (SZ 25.10.): “Das ist bestimmt unangenehm, wenn zur Familie ein Maulwurf gehört, nicht nur, weil Maulwürfe auf bizarre Kost wie Insektenlarven, Regenwürmer, Asseln, Käfer und sogar Mäuse stehen. Gerade Rasenbesitzer könnten auf die Existenz des Talpa europaea gut verzichten, denn er modelliert mit seinen fünffingrigen Grabhänden die nicht besonders beliebten Maulwurfshügel. Insofern sollte die soeben formierte Maulwurffindungskommission (MFK) des 1. FC Kaiserslautern zuallererst einen Beobachtungsposten im Fritz-Walter-Stadion errichten, zumal ja auch, man weiß das, die Wahrheit „aufm Platz“ (Adi Preissler) zu finden ist. Der Mannschaftsrat der Pfälzer indes wählte eine recht plumpe Ermittlungsvariante, auf die wohl nicht einmal der trottelige Inspektor Clouseau gekommen wäre. FCK-Kapitän Timo Wenzel sammelte also die Handys der Kollegen ein, in der Hoffnung, so denjenigen aufzuspüren, der Interna aus einer Teamsitzung flugs an die Zeitung weitergegeben hatte. Das ist sicherlich keine schöne Aufgabe gewesen für Wenzel, bei zwei Dutzend Mobiltelefonen die gewählten Telefonnummern anzurufen. „Hier Sonnenstudio Silvia“ oder „Grüß“ Gott, Imbiss Max und Moritz“ [oder Frau Stronz, of] – „Äh, ja, Wenzel hier, „tschuldigung, hab mich verwählt.““

Bundesliga

Bielefelds Ballartisten mit Speed

Der 9. Spieltag: „der HSV hat die Pestfahnen in Dortmund zurückgelassen“ (SZ) – Systemvorteil, „Werder Bremen gewinnt ungeheure Möglichkeiten, selbst auf schwere Personalprobleme reagieren zu können“ (FAZ) – Oliver Kahn, zum peinlichsten Deutschen gewählt (FR/FTD) – „keine Führungskraft in Gladbach weit und breit“ (FAZ) / „Hannovers Lienen-Fußball nahe der Perfektion“ (SZ) – „Bielefelds Ballartisten mit Speed“ (FAZ)

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Borussia Dortmund-Hamburger SV 0:2

Der HSV hat die Pestfahnen in Dortmund zurückgelassen

Christoph Biermann (SZ 25.10.) wundert sich über die Aussagen der Hamburger: „„Der Trainer hat jedem seine Aufgabe gegeben“, erklärten Daniel van Buyten und einige seiner Kollegen fast gleichlautend. Für Thomas Doll gehört die Klarheit in der Aufgabenstellung zu der Sicherheit, die ein Trainer seinen Spielern geben muss. „Jeder muss wissen, was er zu tun hat“, sagte der Coach, und man fragte sich, ob Klaus Toppmöller nicht erklärt hatte, was zu tun war. Oder waren solche Äußerungen nur eine subtile Rache der Mannschaft an ihrem geschassten Coach? „Dolly sieht sich als Teil der Mannschaft und nicht darüber“, berichtete Martin Pieckenhagen, und das klang ebenfalls so, als wolle auch der Torhüter noch einmal gegen Toppmöller nachtreten. „Ich bin ein Teil der Mannschaft“, sagte Doll, und das klang wie eine Grundsatzerklärung. Seine teilnehmende Beobachtung hatte auch zu einer Neuordnung auf dem Platz geführt. „Wir haben jetzt keine Plätze mehr eingenommen, die nicht zu den Spielern gehören“, sagte Van Buyten, und das ging wohl auch Richtung Toppmöller. Es war halt so wie schon oft: Der neue Trainer siegte und hatte alles richtig gemacht. Doch weil der Wert solcher Erfolge erst im Laufe von Wochen einzuschätzen ist, war es für den HSV das Wichtigste, die Pestfahnen in Dortmund zurück zu lassen. Dort wehen sie nun über dem Westfalenstadion.“

VfL Wolfsburg-VfL Bochum 3:0

Fußball, wie ihn die Zuschauer wollen

Ein klarer Sieg – Achim Lierchert (FAZ 25.10.): „Kaum gelungene Kombinationen, viele Ballverluste, blasse Spitzen, eine überforderte Abwehr – so das Bochumer Bild im Herbst 2004. (…) Die Wolfsburger begeisterten 20000 Zuschauer mit einem Fußball, der Aggressivität in der Deckung, Ideenreichtum im Zentrum und Gefährlichkeit im Angriff ausstrahlte. „Da haben wir ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht“, sagte Gerets, der sich stolz und glücklich zeigte, „denn das war der Fußball, wie ihn die Zuschauer wollen.“ Nicht aufhören zu kämpfen will Gerets, wie er kürzlich sagte, bis auch der letzte der 30 000 Plätze in der Volkswagen-Arena besetzt ist. Diesmal blieben noch rund 9000 Sitze leer.“

Werder Bremen-1. FC Nürnberg 4:1

Dieses System ist über Jahre gewachsen

Ralf Wiegand (SZ 25.10.) beschreibt den Strukturvorteil Werder Bremens: „Lazarett Bremen besiegte Caritas Nürnberg im Weser-Hospital. Pumperlgesund wirkte die von einer Bänderdehnungs-, -zerrungs- und -riss-Epidemie geplagte Elf des letztjährigen Bundesliga-Souveräns. Womöglich liegt das an den Selbstheilungskräften eines gut organisierten Systems. Zwar ist es auch für diese Elf unabdingbar, dass ein paar lebenserhaltende Instrumente auf keinen Fall ausfallen – etwa Johan Micoud, der Herzschrittmacher im Mittelfeld, oder die künstliche Lunge Fabian Ernst. Doch darum herum scheint jeder austauschbar. Diesem Umstand verdankte in der vergangenen Saison auch Christian Schulz, 21, seinen Aufstieg vom Amateur zum Profi. Am Samstag erzielte das jüngste Glied der Viererkette sein erstes Bundesliga-Tor und sagte: „Es zahlt sich jetzt aus, dass wir von der Jugend über die Amateure bis zu den Profis das gleiche System spielen. Da weiß jeder auf seiner Position, was er machen muss.“ Dieses System ist über Jahre gewachsen. So bleibt sogar dem eher weniger erfolgreichen Trainer Aad de Mos, erster Nachfolger Otto Rehhagels, als ewig währendes Verdienst, den Verein vom Liberowesen befreit und die 4-4-2-Taktik in den Trainingsalltag bis hinunter zu den Kleinsten eingeführt zu haben. (…) Werder gewinnt auf diese Art ungeheure Möglichkeiten, selbst auf schwere Personalprobleme reagieren zu können.“

Frank Heike (FAZ 25.10.) schreibt: „Vielleicht hätte Nürnberg mit Ivica Banovic besser ins Spiel gefunden. Doch der ehemalige Bremer hatte sich selbst aus der Startelf katapultiert, indem er in der Bild ankündigte, bei Johan Micoud „härter hinzulangen“, komme es zum Zweikampf. Banovic mag den Franzosen nicht. Mehrmals hatte Micoud den Mittelfeldrivalen in gemeinsamen Bremer Zeiten nach bester Platzhirschmanier im Training gefoult. Wolf zeigte pädagogisches Gespür und ließ Banovic bis zur 82. Minute auf der Bank abkühlen. „Die Spieler müssen lernen, in solche Fallen der Presse nicht hineinzutappen“, sagte Wolf, fast stolz, den Heißsporn ausgebremst zu haben.“

Hansa Rostock-Bayern München 0:2

Rackerer

Kann man die Bayern an ihren Worten messen, Matti Lieske (taz 25.10.)? “Was waren das in den ersten Wochen der Saison wieder für Lobeshymnen gewesen, die über dem FC Bayern München ausgeschüttet wurden – zuvorderst von den üblichen Turborhetoren des Vereins höchstselbst. Mit Zauberfüßen wie Deisler und Ze Roberto wollte man den Magathschen Offensivfußball zu europaweiter Blüte treiben, unterstützt von einem endlich seine Chefrolle in voller Statur ausfüllenden Ballack, dahinter mit einem Lucio, der weitere feinsinnige Elemente zum Spiel nach vorn beisteuern würde. Unbremsbar, unschlagbar, unheimlich – so stellte man sich das in München vor. Als die Bayern bei Hansa Rostock gastierten, war von diesen Visionen nicht mehr viel übrig geblieben. Zerstoben im Zuge zahlreicher durchwachsener Partien, zerschellt auch an gesundheitlichen Problemen, welche die gesamte erste Kreativgarnitur lahm gelegt hatten. Im Ostseestadion begab sich ein Mittelfeld der Rackerer mit Hargreaves, Frings, Salihamidzic und Schweinsteiger ans Werk, ein solides Fußwerkerkollektiv anstelle einer kickenden Künstlerkolonie.“

Der peinlichste Deutsche

Füttern verboten – Dirk Böttcher (FR 25.10.): „Kahn ist wieder mal zur Furie mutiert. Oder besser: zum Ziegenbock. Den mimte er zum Ende der ersten Halbzeit an die Adresse von Juri Schlünz. Der hatte etwas in Richtung Linienrichter gestikuliert, und Kahn fühlte sich angesprochen. Auslöser der ganzen Aufregung war Schiedsrichter Lutz Wagner. Der hatte Rostocks David Rasmussen nach einer rüden Attacke gegen Sebastian Schweinsteiger des Feldes verwiesen. Kahn geriet darüber in einen Brüllrausch, der sich gegen alles richtete, was sich um ihn herum bewegte. Egal ob Freund oder Feind. Womit er sich unter den Rostocker Fans natürlich keine Freunde machte. Die skandierten „Lehmann für Deutschland“. Für einen Nationaltorwart war Kahns provozierendes Gehabe schlicht untragbar. Als wollte er seiner jüngsten Benennung zum „peinlichsten Deutschen“ oder „Anführer der Riege des Grauens“ (taz) mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gerecht werden. Die Reaktion im Ostseestadion schwoll zu einem einzigen Pfeifton an. In der halben Stunde zuvor hatte man noch 30 000 Opernbesucher im Stadion vermuten können. So ruhig war es, so drückend überlegen spielten die Bayern, die gleich reihenweise beste Chancen ausließen. Vielleicht spürte Sieges-Sensibelchen Kahn in dieser Phase, dass die Reise nach Rostock auch direkt in die Herbstdepression führen könnte.“

Mit wem nennt man Kahn einem Atemzug, Bernd Müllender (FTD 25.10.)? „Oliver Kahn ist anders. Der kennt gar keine Grenzen, auch in Rostock tobte er sich in einen Brüllrausch. Komischerweise ist das auch nicht recht: Eben erst wurde Discokingkahn, trotz erstklassiger Konkurrenz wie Bohlen, Loddamadäus, Naddel oder Effenberg zum „peinlichsten Deutschen“ gewählt. Sind die Kahnschen Tobsuchtsanfälle Tarnung? Für eine sensible Seele, die weinen will? Für ein einsames Herz?“

Borussia Mönchengladbach-Hannover 96 0:2

Keine Führungskraft weit und breit

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ 25.10.) hat nicht viel Gladbach gesehen: „Auf seiten der Rheinländer wurde viel gerannt, großer Aufwand betrieben, ohne nennenswerte Wirkung zu erzielen. Sie vermißten die gesperrten Bernd Korzynietz und Oliver Neuville schmerzlich. Jene, die statt ihrer ran durften, hätten das als Chance begreifen können, aber es gab keinen, der sich empfahl. Selbst Stammkräfte wie Thomas Broich oder Marek Heinz überboten sich als Umstandskrämer mit dem Ball. Wobei Broich zugute gehalten werden muß, daß ihm ein Elfmeter zugestanden hätte. Der Tscheche Heinz wiederum präsentierte sich so fahrig wie einst beim HSV und nicht so zielstrebig wie bei der EM im Sommer. Keine Führungskraft weit und breit.“

Lienen-Fußball nahe der Perfektion

Daniel Theweleit (SZ 25.10.) widment sich den Siegern: „Der „überragende Per Mertesacker“ (Lienen) erzielte sein zweites Saisontor und schuf damit die Grundlage, Lienen-Fußball nahe der Perfektion zu zelebrieren. Die Mannschaft zog sich bis 35 Meter vor das eigene Tor zurück, zeigte hingebungsvolle Laufbereitschaft, bewegte sich klug im Raum, und so mussten die Gladbacher auf einem überfüllten 20 Meter breiten Rasenstreifen zwischen Hannovers Stürmern und der am Strafraum postierten Viererkette nach Lücken suchen, ohne auch nur ein Mal mittels Pass-Spiel in den Strafraum einzudringen. Einer der seltenen nadelstichartigen Spielzüge der Gäste wurde dann von Steven Cherundolo mit dem 0:2 gekrönt und raubte den Gladbachern endgültig den Nerv.“

1. FC Kaiserslautern-Bayer Leverkusen 0:0

Kurt Jara vermisse menschliche Wärme, meint Peter Heß (FAZ 25.10.): “Wie schön, wenn sich Gegner sympathisch sind: Kurt Jara und Klaus Augenthaler gingen nach dem Abpfiff Arm in Arm in Richtung Kabine. Ein ungewöhnlich friedliches Bild unter Trainern, an einem Ort, der als der höllischste in der höchsten deutschen Fußballklasse gilt. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen die Roten Teufel vom Betzenberg ihren Gegnern kräftig einheizten. Und zum Glück der Pfälzer hatten auch die begabteren Leverkusener darauf verzichtet, ihren Widersachern übermäßig weh zu tun. Das Ergebnis drückte das samstägliche Geschehen treffend aus, und es erleichterte den beiden Fußballehrern die freundschaftliche Geste. Vor allem Kurt Jara genoß den Augenblick der Verbundenheit. Im eigenen Betrieb wird ihm mittlerweile nämlich herzlich wenig ehrliche Anteilnahme entgegengebracht. Als der Österreicher um 15.04 Uhr den Rasen auf dem Betzenberg betrat, machte der Stadionsprecher den Fehler, ihn mit voller Lautstärke zu begrüßen, die eingefleischten Fans in der Westkurve aufzufordern, ihm viel Glück fürs Spiel zu wünschen. Alles, was ihm entgegenschlug, waren gellende Pfiffe. (…) So geschäftsmäßig die Beziehung zwischen Jäggi und Jara klingt, ist sie auch. Ein Herz und eine Seele werden die beiden nach einigen Auseinandersetzungen wohl nicht mehr.“

Bastion a.D.

Schmeichelhaft ist etwas anderes – Ingo Durstewitz (FR 25.10.) zeichnet Kurt Jara: “Resignation pur. Sie steht auf zwei Beinen, hat sich eine schlabbernde Jeans, ein über dem Bauch spannendes blaues Hemd und eine schwarze Trainingsjacke übergeworfen, sie tippt mit dem Zeigefinger an die Stirn und lugt unendlich traurig aus zwei braunen Knopfaugen. Kurt Jara verkörpert sie, die Resignation, oben auf der Trutzburg Betzenberg, der Bastion a.D., 300 Meter über NN. Die in Sarkasmus gehüllten Worte Jaras offenbaren Leere. Weshalb er keine Lobby habe? „Vielleicht weil ich Österreicher bin, auf die kann man noch ein bisschen mehr reinhauen.“ Ob er Trainer kenne, die Ultimaten überstanden hätten? „Nein, ich wüsste nicht, wo so etwas gut gegangen ist.“ Ob er Rückhalt vermisse? „Nein, die paar Dummen, die Jara raus brüllen, hätten mich als den Größten gefeiert, wenn der letzte Ball reingegangen wäre.“ Ist er aber nicht, und so steht dem Angefressenen auf jeden Fall noch eine turbulente Woche bevor. In Kaiserslautern, Neueinsteiger auf Rang 18, geht es drunter und drüber.“

Arminia Bielefeld-Hertha BSC Berlin 1:0

Ballartisten mit Speed

Roland Zorn (FAZ 25.10.) erfreut sich an Bielefeld: „Zeit, nicht mehr nur über Mainz 05 als den Emporkömmling des Jahres in der Bundesliga zu sprechen. Die Arminen halten sich für mindestens genauso stark wie die Rheinhessen. Tatsächlich überraschen beide Teams die etablierte Konkurrenz mit dem, was der Bielefelder Trainer Uwe Rapolder „Konzeptfußball“ nennt. Die westfälischen Konterspezialisten, auswärts zuletzt dreimal nacheinander siegreich, feierten ihre Spezialität aus einem 4-2-3-1-System heraus auch gegen die einmal unaufmerksamen Berliner. Und wieder schlug das Pärchen zu, das sich auf der Alm gesucht und gefunden hat: Paß Vata, Sprint und Torschuß Buckley. Was schon vor einer Woche in Hamburg perfekt funktionierte, wiederholten die zwei vor heimischer Kulisse. „Es gibt so Typen“, sprach der Bielefelder Sportdirektor Thomas von Heesen aus eigener Erfahrung, „die brauchen sich kaum anzugucken, und es klappt.“ In seiner Zeit als Profi des Hamburger SV galt das Mittelfelddoppel von Heesen/Bein als das Nonplusultra der Liga. Der Albaner Vata, ein „Guerrillero“, also ein Nahkämpfer, wie Rapolder sagt, und der Renner Buckley, in Bochum zuletzt verkannt, zeigen ihren Gegenspielern schon seit Wochen die Hacken. Drei der bisher erst acht Bielefelder Treffer beruhen auf der Kooperation dieser zwei Ballartisten mit Speed.“

Bundesliga

Dem Jugendkult verfallen

Thomas Doll, ein Vertreter der neuen Trainergeneration – Christian Eichler (FAZ 25.10.) befasst sich mit seinem Einstand: „Die Liga wird immer jünger. Aber nur auf der Bank. Mit Thomas Doll sitzt dort nun der dritte „U 40″-Trainer. Den Altersdurchschnitt der Trainer hat er auf den niedrigsten der Bundesliga-Geschichte gebracht: 46. (…) Junge Besen kehren gut. Es wirkt wie ein Spiegelbild der paradoxen Realität der anderen, der wirklichen Arbeitswelt: Alle sollen länger arbeiten, aber niemand will ältere Arbeitskräfte. Von krisenfernen Nischen abgesehen, wie in Freiburg der solitäre Volker Finke, mit 56 Alterspräsident der ersten Trainergilde, gilt das auch für die Bundesliga, einst geprägt durch Altmeister von Happel bis Rehhagel, nun dem Jugendkult verfallen. Die Jungen sind der rapide wachsenden Nervosität des Trainerjobs besser gewachsen, diesem Relais der widerstrebenden Interessen und Emotionen von Klub, Team, Management, Medien, Fans. Die Älteren sind es immer öfter nicht mehr – zuletzt Klaus Toppmöller. Er scheiterte an der Unfähigkeit zu Krisenmanagement. Toppmöllers Empörung darüber, beim HSV habe „jeder Spieler einen eigenen Pressesprecher“, klang wie die Kapitulation einer alternden Führungskraft vor der veränderten Realität seiner Branche. Der jüngeren Trainergeneration ist es längst selbstverständlich, daß ihre Arbeit in ein Medienumfeld eingebettet ist, in dem sie ihre Spieler so präzise führen muß wie auf dem Spielfeld: Technik und Taktik nicht nur am Ball, auch am Mikrofon. Und die strengsten Regeln gelten für den Trainer selbst: nie schlecht reden über Team, Klub, Kollegen.“

Philipp Selldorf (SZ 25.10.) zieht die Grenze des Einflusses eines Trainers: „Unser Bedauern gilt Bert van Marwijk, dem es ergeht wie einem betrogenen Touristen: Versprochen wurde ihm ein Fünf-Sterne-Haus in schönster Lage, vorgefunden hat er eine trostlose Bude, in der täglich neue Reparaturen anfallen. Mittlerweile herrscht akute Einsturzgefahr. Zwar ist van Marwijk als Cheftrainer naturgemäß nicht unbeteiligt am Dortmunder Unglück, aber ihm bleibt der Einfluss versagt, auf die ruinierte Statik seines Klubs einzuwirken. Und die Finanz- und Führungskrise des BVB lässt sich ohne bemühte Nachsicht als höhere Gewalt klassifizieren, der das sportliche Geschehen unterworfen bleibt. Es sind ortsübliche Umstände, welche die Arbeit der Trainer jenseits des Beherrschbaren prägen. Still leidet Felix Magath in München darunter, dass seine jahrelang verwöhnten Jungs ständig aufs Neue Antrieb brauchen, um zur gehobenen Leistung zu finden. Den vormaligen HSV-Coach Klaus Toppmöller hat die berüchtigte Diva Sergej Barbarez so sehr in den taktischen Irrsinn getrieben, dass er den Angreifer ins Abwehrzentrum beorderte (tags darauf wurde Toppmöller entlassen, und am Samstag gab Barbarez rennend und grätschend der Jugend ein Vorbild). Ralf Rangnick muss derweil in Schalke feststellen, dass seine Dispositionen für Ailton ein dauerhaftes Politikum darstellen, weil der Angreifer dermaßen zum Star stilisiert worden ist, dass er sich selbst dafür hält.“

Felix Meininghaus (FTD 25.10.) schüttelt den Kopf: „In Dortmund scheinen fast alle das Ausmaß der Misere begriffen zu haben. Bis auf einen Beteiligten, der weiterhin in einem Paralleluniversum zu leben scheint: Der scheidende Präsident Gerd Niebaum schreibt im Stadionheft, es gelte nun, „die fähigsten Kräfte zu bündeln. Michael Meier und ich können uns nun ausschließlich darauf konzentrieren, die Konsolidierungsanstrengungen fortzuführen.“ Große Worte für einen, der den höchsten Schuldenberg in der Geschichte der Bundesliga zu verantworten hat.“

Bildstrecke 9. Spieltag, sueddeutsche.de

Stimmen zum 9. Spieltag, sueddeutsche.de

Europas Fußball vom Wochenende, NZZ

Ballschrank

Ich muss absolut nichts dazulernen

Roy Makaay, Weltklasse-Stürmer mit Schwächen – Leverkusener Aufschwung dank „Einzelkämpfer Augenthaler“ (FR) – Thomas Cichon, Kölner Erfolgsgarant und Anti-Ästhet – Hansa, Rostock, „untrainierbar“ (BLZ) – Doppelmoral bei der Berichterstattung über die Entlassung Jaras

Ich muss absolut nichts dazulernen

Philipp Selldorf (SZ 25.10.) schreibt über Stärken und Schwächen Roy Makaays: „Der Millionenmann Roy Makaay hat fußballerisch erstaunlich viele Mängel: Er hat kein sonderlich gutes Pass- und schon gar kein gutes Kopfballspiel, Dribbling und Zweikampf sind nicht seine Stärken, seine Laufleistung ist bescheiden. Makaay erzählt, wie seine Mitspieler in La Coruña gespottet haben, als er sich verabschiedete: „Alle haben gesagt: Jetzt wirst Du viel laufen und arbeiten müssen – was halt jeder denkt über Deutschland.“ Die deutsche Auffassung vom Fußball, die kollektives Rennen und Rackern verlangt, ist ihm noch ziemlich fremd. Manchmal sieht es richtig lustig aus, wenn er im Mittelfeld ein Kopfballduell simuliert, oder Pressing vortäuscht. Irritierend unbeteiligt wirkt er gelegentlich. Aber er trifft ins Ziel, und wie er das anstellt, bleibt ihm selbst ein Rätsel. Gesichert sind die Erkenntnisse, dass er links wie rechts exakt schießen kann und dass er selten hektisch wird, wenn er eine Chance bekommt. Einzigartig aber ist seine Fähigkeit, sich plötzlich von seinem Bewacher zu lösen und in der nächsten Sekunde ganz allein vor dem Tor zu stehen. Oft wirkt es, als ob er abseits stünde, weil niemand mehr in seiner Nähe ist. Meistens ist das ein Irrtum. Also, wie macht er das? „Keine Ahnung, weiß ich auch nicht“, antwortet Makaay. Die Frage erscheint ihm überflüssig. Die Diskussion über seinen Stil berührt ihn wenig, und die Unterhaltung, die er dazu mit Ottmar Hitzfeld geführt hat, auch nicht. „Der Trainer hat gesagt, dass ich mehr mitmachen und mehr Variation in mein Spiel bringen soll,“ teilt Makaay mit und entgegnet, er sei keineswegs auf die Rolle des einsamen Konterstürmers festgelegt, als den ihn Fachleute beurteilen: „Ich muss absolut nichts dazulernen. In La Coruña war ich zwar oft der einzige Stürmer, aber ich kenne es aus der Nationalelf, neben einem zweiten Stürmer zu spielen.“ Makaays liebste Wendung lautet übrigens: „Das ist ganz normal.“ Und tatsächlich haben die Bayern selten einen Starspieler gekauft, der so normal wirkt und sich so zügig assimiliert hat.“

Die Schatten der Vergangenheit sind endgültig vertrieben

Christoph Biermann (SZ 25.10.) beschreibt Aufbruch und Aufschwung in Leverkusen: „Eine große Kuscheldecke liegt über der BayArena, wo im Vorjahr noch das Abstiegsgespenst heulte. Aus einem bizarren Niedergang ist fast schon wieder ein Höhenflug geworden – oder einfach nur Normalität. Klaus Augenthaler spricht zum ersten Mal auf eine Weise über seine Mannschaft, bei der leise väterlicher Stolz herauszuhören ist: „Es ist kein Zufall mehr, dass wir oben stehen.“ Dass seine Mannschaft die Spitzenposition durch gute Arbeit erreicht hat, sagt er, „und wir machen Fortschritte von Spiel zu Spiel“. Doch dann scheint Klaus Augenthaler zu spüren, dass er wie ein Mann klingt, dem die Sorgen ausgegangen sind. Oder er hat einfach allerhöchste Ansprüche (…) Seit Augenthaler den Job in Leverkusen übernahm, hat er jedermann auf Armlänge von sich gehalten. Spielern, Betreuern, Vereinsmitarbeitern und Journalisten gegenüber legte Augenthaler eine bewusst distanzierte Haltung an den Tag. „Mit dem kann man schon gut reden“, sagt Reiner Calmund, „aber er ist kurz angebunden.“ Nur, so ganz kurz angebunden ist Augenthaler nicht mehr. Man merkt das in den Pressegesprächen, wo er früher mit jedem Wort geizte. Inzwischen holt Augenthaler länger aus und erklärt mehr. Sein gesamtes Auftreten verrät, dass er sich seiner Sache nun sicherer ist und selbstverständlicher in seinem Job fühlt. „Auch intern spüren wir diese Veränderung“, sagt Manager Ilja Kaenzig, „alles ist viel vertraulicher und lockerer geworden.“ Es sind im Moment die für Augenthaler vielleicht schönsten Wochen. Die Schatten der Vergangenheit sind endgültig vertrieben, und es hat zugleich noch einen Hauch von Sensation, wie gut es bei Bayer läuft.“

Wolfgang Hettfleisch (FR 25.10.) befasst sich mit der Ausstrahlung Klaus Augenthalers: „Augenthaler hat das taumelnde Bayer-Ensemble übernommen – und vor dem Absturz bewahrt. Er habe, berichtet Augenthaler, die Jungs gefragt: ,Wollt ihr nächste Saison nach München oder Burghausen?‘ Es sei halt schöner, gibt er die Antwort selbst, sich näher an der Sonne zu bewegen. Die lacht derzeit über Leverkusen. Doch Augenthaler, der nicht vergessen hat, dass wir mit zwei blauen Augen davongekommen sind, lässt sich nicht blenden: Das ist eine Momentaufnahme, auch wenn es sicher nicht durch Glück und Zufall entstanden ist. Nur wenn alle Rädchen ineinander greifen, können wir bis zum Ende vorn mitmischen. Gelingt das, neidet ihm im Rheinland auch keiner Kippe und Weißbier. Augenthaler hat den Geruch des Meisters, sagt Holzhäuser. Der Weltmeister – ein Trainer mit Gewinner-Gen? Sicher ist: Der Mann aus Fürstenzell hat an Statur gewonnen und den Spielern des Champions-League-Finalisten von 2002 den Glauben an sich zurückgegeben. An fußballerischer Qualität, sagen Augenthaler und Holzhäuser unisono, habe es der Elf ja nie gemangelt. Freilich wäre Klaus Augenthaler der Letzte, der jetzt große Töne spucken würde. Er kennt die Wechselfälle des Trainerlebens. Mit Unverständnis nahm er die Hatz auf die Kollegen in Hamburg und Berlin zur Kenntnis. Dieser Beruf, das weiß der Bayer-Coach, kann monströs sein: Der Spieltag ist das Schlimmste. Da fragst du dich dauernd, sind die Spieler jetzt mit den richtigen oder dem falschen Fuß aufgestanden. Und du kannst, mit Ausnahme der Halbzeitpause, praktisch nicht mehr eingreifen. Da helfe keine Schiri-Beleidigung und kein Rumgehampel auf der Bank. Als Trainer, sagt Augenthaler, bis du ein Einzelkämpfer. Und nirgendwo scheint die Sonne ewig.“

Kein Typ für Heldengeschichten

Erik Eggers (FR 25.10.) porträtiert den stilprägenden Kölner Thomas Cichon: „Momentan schauen alle auf Cichon, den Fußballzerstörer. Der kennt die Verhältnisse und Eigenheiten in Köln genau, anno 1995 schon ist er von Schwarz-Weiß Essen an den Rhein gekommen. Ich habe schon viel erlebt hier, sagt er, und das klingt ein bisschen nach Routine, gerade so, als habe er den finsteren Mob, der nach der verheerenden 1:4-Heimniederlage vor drei Wochen gegen Werder Bremen am berüchtigten Marathontor rüttelte, schon fast erwartet. Geschockt jedenfalls war er nicht deswegen. Und dennoch ist das Licht der Öffentlichkeit nicht seines, ein einziges Mal erst stand der 27-Jährige derart im Fokus der Bundesliga-Berichterstattung: Vor gut 19 Monaten, als er diese viel besprochene, über 1000 Minuten andauernde Torlosigkeit seines Klubs mit einem Gewaltschuss aus 16 Metern beendete, mit seinem einzigen Tor, das er in bisher 114 Bundesligapartien erzielte. Es war ein kurzes Rendezvous mit den Medien. Weil Cichon, so jedenfalls lautete bisher die gängige Meinung, nicht für diese Rolle taugt, ein Typ wie er ist nicht geschaffen für Heldengeschichten. Doch nun hat ihn die Statistik zu einem Hoffnungsträger gemacht. In den ersten sieben Spielen holte der FC drei Punkte, die Mannschaft spielte ansehnlichen, aber erfolglosen Fußball, speziell die Abwehr wackelte stets. In den letzten beiden Partien aber hat Cichon, für den laut Kicker im September kein Platz mehr war in der nun liberolosen Hintermannschaft, durchgespielt – und zweimal hat er als zusätzliche Absicherung die Abwehr zusammengehalten: Beim 0:0 in Stuttgart, und beim 1:0 gegen den SC Freiburg. Es waren gar grausame Spiele.“

Mittlerweile drängt sich der Eindruck auf, Hansa sei untrainierbar

Matthias Wolf (BLZ 25.10.) beschreibt die Lage in Rostock: „Juri Schlünz, das ist der Rudi Völler Mecklenburgs. Er führte Hansa als Kapitän zur einzigen Meisterschaft (1991) und in die Bundesliga. Die Fans haben nie verstanden, dass er erst im zehnten Jahr Bundesliga das Kommando übernehmen durfte. Und das wohl auch nur mangels echter Alternativen. Mittlerweile drängt sich der Eindruck auf, Hansa sei untrainierbar. Sie haben es mit dem klugen Ewald Lienen versucht. Dem erfahrenen Andreas Zachhuber. Dem kämpferischen Friedhelm Funkel. Alle gescheitert und entlassen. Dann mit Armin Veh. Jung, innovativ, voller Ideen von offensivem Kurzpassspiel. Er flüchtete nach knapp zwei Jahren, nervlich angeschlagen – in die dritte Liga zum FC Augsburg. Man kann nicht drum herumreden, sagt Klinkmann, unser Verein ist für Trainer ein schweres Feld. Einerseits familiär und heimelig, die Führung fast ausschließlich mit Einheimischen besetzt. Andererseits voller stressigem Tatendrang. Veh hat gesagt, bei Hansa klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander: Die wollen in den Uefa-Pokal, aber dafür kein finanzielles Risiko eingehen. Er hat sich beklagt, weil er oft nicht die Spieler bekam, die er wollte, sondern nur die billigeren. Dennoch ist die Vereinsführung nicht allein Schuld daran ist, dass der Kader Masse statt Klasse bietet. Veh wurde von vielen Profis nicht gemocht. Schlünz lässt diese nun aufatmen. Und mancher Spieler sagt, er spüre jetzt Muskeln, die Veh vernachlässigt habe.“

if-Leser Christoph Heisiger stört sich am Tonfall der Berichterstattung über die Entlassung Kurt Jaras: „Ich kann die Kritik am Trainerwechsel beim Hamburger SV nicht teilen. Was soll die Aufmachung auf unmoralisch? Würden die Redakteure gute Arbeit machen, hätte sie erkannt, dass dieser Trainerwechsel überfällig war. Kurt Jara war konzeptlos, planlos, ideenlos, mutlos und erfolglos. Und so präsentierte sich auch der HSV, zudem erbärmlich sowie blamabel – und das wöchentlich! Wenn eine Vereinsführung den Trainer des Jahres 2002 verpflichten kann, muss sie zugreifen; alles andere wäre fahrlässig. Hut ab vor der Entscheidung von Bernd Hoffmann! Klaus Toppmöller ist ein Fachmann. Außerdem: Einen Trainer zu entlassen ohne Nachfolger zu präsentieren ist unprofessionell (Beispiel: DFB-Trainer-Entlassung Erich Ribbeck 2000). Nur weil die Journalisten völlig überrascht wurden von diesem genialen Coup, kommt die Moral ins Spiel. Zum Gähnen! Überdies: Hätten sie die Pressemitteilung richtig (wenn überhaupt) gelesen, hätten sie erfahren, dass Kurt Jara am Montag von den Vorhaben des Vorstandes unterrichtet wurde. Es ist also nichts hinter dem Rücken Jaras abgelaufen. Nur zu dumm, dass die Journalisten nichts davon erfahren haben… Unmoralisch ist vielmehr die Doppelmoral in vielen Zeitungen, was sich an zwei Beispielen im kicker zeigen lässt: Der Artikel zum Thema der Woche Baustelle Berlin, dort werden auf mehreren Seiten die Nachfolger von Huub Stevens gehandelt. Ist das moralisch o.k. gegenüber Stevens und Hoeneß? Zudem wird auf der kicker-Homepage über die nächste Trainerentlassung abgestimmt. Kopfgeld und Hetzjagd – wo ist hier die Moral? Ich als HSV-Mitglied sehe sämtliche Spiele meines Vereins und freue mich nun endlich auf Toppmöller und seine Art, Fußball spielen zu lassen. Das ist Fakt!“

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Sonntag, 24. Oktober 2004

Deutsche Elf

Zwanziger ist der Sieger von Osnabrück

Kommentare zum DFB-Bundestag in Osnabrück: „Zwanziger ist der Sieger von Osnabrück“ (SZ) / „die Stunde der Strippenzieher und Büchsenspanner“ (FAZ) / „mit Mayer-Vorfelders Abdankung verliert der DFB sämtliche internationalen Anschlüsse“ (taz)

………….

Thomas Kistner (SZ 25.10.) fasst den DFB-Bundestag zusammen: „Der DFB, zerstritten wie nie zuvor, kann sich öffentliche Fehden nur bis zu einer gewissen Schmerzgrenze leisten, wenn das ganze Land auf ihn schaut, dies wurde beim Bundestag deutlich. Die als kluger Kompromiss getarnte Notlösung mit zwei Präsidenten bis zur WM trägt den Keim steter Konflikte in sich, der Stellungskampf von Amateuren und Profis um das Schatzmeisteramt bildete da nur den Auftakt. Und dass Liga-Chef Straub in letzter Minute seine Kandidatur zurückzog, kam nirgendwo als versöhnliche Geste herum, sondern als Akt tiefer Verzweiflung, geschuldet den offen beklagten Winkelzügen im gegnerischen Lager. (…) Zwanziger ist der Sieger von Osnabrück, den Ruf eines Frühstücksdirektors hat er gleich abgelegt. Ihm ist auch abzunehmen, dass er den DFB in die geordneten Bahnen der Ära Braun zurückführen will. Tatsächlich verdanken sich die Konflikte und Konfrontationen ja den Defiziten der turbulenten ersten drei Amtsjahre Mayer-Vorfelders.“

Die Stunde der Strippenzieher und Büchsenspanner

Roland Zorn (FAZ 25.10.) ergänzt: „Der DFB zelebrierte in Osnabrück keinen Feiertag. Dafür waren die Gegensätze zwischen Amateuren und Profis zu eindeutig sichtbar, die nicht gelösten Fragen an der Nahtstelle Regionalliga zu drängend und der gefundene Kompromiß Doppelspitze zu wenig überzeugend, um alle Beteiligten in das milde Licht harmonischen Miteinanders tauchen zu können. Wie bei vielen Tagungen dieser Art wurde auf der großen Bühne dem schönen Schein zuliebe nicht mehr offen gekämpft. In den Tagen vor der Versammlung aber schlug die Stunde der Strippenzieher und Büchsenspanner. In Osnabrück zeigte sich, daß Theo Zwanziger auch dieses Metier inzwischen besser beherrscht als sein allmählich doch recht alt anmutender Stuttgarter Kollege. (…) Die führenden Bundesliga-Köpfe mußten anerkennen, daß ihnen in Theo Zwanziger in Zukunft kein naiver Amateur an der Spitze des DFB gegenübersitzen wird. Der Jurist hat sich Respekt verschafft und muß nun mit Vehemenz daran arbeiten, daß die deutlich sichtbaren Gräben zwischen den Interessen der Profis und der Amateure zumindest schmaler werden. Mayer-Vorfelder dagegen wird in den kommenden zwei Jahren nur noch ein Präsident auf Abruf sein. An Zwanziger vorbei regieren kann er nicht mehr – eine schmerzliche Erkenntnis für einen wie ihn, der den Alleingang liebt und nun gezwungenermaßen zum Teamplayer werden muß.“

Mit Mayer-Vorfelders Abdankung verliert der DFB sämtliche internationalen Anschlüsse

Martin Hägele (taz 25.10.) gibt zu bedenken: „Immerhin eines scheint beim interimistischen Führungsmodell mit Amtsinhaber Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger deutlich: Der frühere Schatzmeister ist der neue starke Mann. Nach außen muss der Jurist aus Altendiez noch Profil gewinnen, intern hat er sich durch seinen Wahlkampf Respekt und Akzeptanz verschafft. Zwanziger brachte das Amateur-Lager geschlossen hinter sich, er setzte das Zeichen, dass Karrieren im DFB nur über das Ehrenamt und mit den im Bundestag garantierten Verbandsmehrheiten möglich sind. Dass dafür ein Mann wie Wilfried Straub geopfert wurde, belegt die Härte und Konsequenz, mit welcher Zwanziger antritt. (…) Mit Mayer-Vorfelders Abdankung im Sommer 2006 verliert der DFB allmählich sämtliche internationalen Anschlüsse: den Platz in der Fifa-Exekutive genauso wie im Führungszirkel der europäischen Konföderation. Einer, der sich auch im Ausland einmal die Schuhe des schwäbischen Multifunktionärs anziehen könnte, ist in Osnabrück nicht aufgetreten.“

Nochmals Roland Zorn (FAZ 25.10.): „Es wurde sichtbar, daß sich die Schnittlinien zwischen Amateuren und Profis augenblicklich so scharf wie lange nicht anfühlen. (…) Daß ausgerechnet der sonst überaus zurückhaltende und die öffentliche Bühne soweit wie möglich meidende Wilfried Straub die Zerrissenheit im DFB jedermann vor Augen führte, damit hatte niemand gerechnet. Straub wollte für das von Zwanziger geräumte Schatzmeisteramt gegen Heinrich Schmidhuber kandidieren – und zog seine Bewerbung unter Tränen zurück. Der 65 Jahre alte Hesse, der am 31. März 2005 aus der Geschäftsführung der DFL scheidet und durch Christian Seifert, den Vorstandsvorsitzenden von Karstadt/Quelle New Media, ersetzt wird, hatte geglaubt, Gräben zuschütten zu können. Statt dessen wurde der überall hochgeschätzte Fachmann für Finanzen zum Bauernopfer einer Stimmung, die auch Mayer-Vorfelder erreicht hätte, wäre er nicht zum fünfzigprozentigen Machtverzicht bereit gewesen. Die Tränen des Wilfried Straub demonstrierten besser als die Einigkeitsrituale des Spitzengespanns Mayer-Vorfelder/Zwanziger, wie schwer es dem DFB fallen wird, seinem Motto für den 38. Bundestag in der künftigen Arbeit der Gremien wirklich gerecht zu werden.“

Samstag, 23. Oktober 2004

Allgemein

Als würde von Spielergeneration zu Spielergeneration ein Gen weitergegeben

Aachen, immer und immer wieder erfolgreicher Underdog, „als würde von Spielergeneration zu Spielergeneration ein Gen weitergegeben“ (SZ) / Willy Landgraf, „die Anstrengung in Person“ (Welt) – „Ersatzspieler Ailton protestiert durch lautes Schweigen“ (FAZ) – „in Beveren wird Toleranz im Stadion geschult“ (SZ)

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Alemannia Aachen-OSC Lille 1:0

Christoph Biermann (SZ 23.10.) applaudiert: „Gleich nach Abpfiff wirkte die Aachener Mannschaft wie ein verschworenes Hobbyteam. Vor der Südtribüne, wo sich im Kölner Exil die meisten Fans in Schwarz-Gelb versammelt hatten, führten die Alemannen die in Deutschland derzeit avancierteste Form des Jubelns vor. „Dat müsst ihr mal versuchen“, sagte der ewige Zweitligaspieler Willi Landgraf, „da haben wir uns am Anfang fast die Füße bei gebrochen.“ [of: Ob im Uefa-Cup oder in der Kreisliga – überall die selben Sprüche. Koordinationsübungen sind nicht die Sache der steifen Fußballer, manche sind mit Rückwärtslaufen überfordert.] Auf geheimnisvolle Art und Weise ist nämlich eine Aufwärmübung zur Verbesserung der Koordination, bei der alle Spieler synchron die Beine wechselseitig aus der Hüfte kreisen lassen, zum neuen Jubelritual in Aachen geworden. Doch so sympathisch ausgelassen und rotbäckig der Zweitligist seinen Erfolg auch feierte, steckte darin weniger ein Fußballwunder als gute Arbeit. (…) Es war ein Riesenspiel. Alemannia Aachen gewann völlig verdient nicht nur die Partie, sondern auch viele Herzen. Mit dem Sieg setzte der Klub die Serie der Favoritenstürze aus dem Vorjahr fort. „Solche Spiele sind wir gewohnt“, sagte Verteidiger Alexander Klitzpera, „da steigert man sich rein, das ist teilweise ein Selbstläufer.“ Dieter Hecking, der die Mannschaft erst im Sommer übernommen hat, sprach über diese Fähigkeit etwas ratlos. „Manchmal hat ein Verein so was“, sagte er, als würde da von Spielergeneration zu Spielergeneration ein Gen weitergegeben. “

Thomas Klemm (FAZ 23.10.) fügt hinzu: „Sorgenfrei und Spaß dabei – nach diesem Motto bewiesen die Aachener, daß sie sich auch spielerisch auf der europäischen Fußballbühne behaupten können. Anfangs wußte der eine oder andere das Leistungsvermögen nicht recht einzuschätzen, nachdem das Team vor der Saison gehörig umgekrempelt worden war. Doch die alte Mentalität, jedes Spiel wie einen bedeutenden Pokalfight anzugehen, zeigte auch die erneuerte Formation.“

Endlich mal ein Gastgeber, bei dem ein System zu erkennen ist!

Bernd Müllender (taz 23.10.) beschreibt Wirkung und Folge des Aachener Siegs: „Mit putzigem Stolz wusste der Verein mitzuteilen, dass das ZDF nach Köln das gleiche Reporterteam wie zum WM-Finale 2002 nach Yokohama geschickt hatte. Die Westzipfler medial ganz oben, und das auch quantitativ: Der Auftritt gegen Lille war das 13. Alemannia-Spiel in diesem Jahr, das live im Free-TV übertragen wurde, weit mehr als Bayern München zu bieten hat. Mindestens drei Spiele kommen bis Weihnachten noch dazu – ein Allzeitrekord für einen deutschen Zweitligisten. Und die Zuschauer dürfen es genießen: Hecking hat festgestellt, es gebe derzeit in Deutschland „zwei geile Teams, die den Spaß am Fußball verkörpern“. Das andere Team, das er meint, ist natürlich Erstligist Mainz 05. 20.000 Printenstädter waren in den „Ballfahrtsort Köln“ (Aachener Zeitung) gepilgert, inklusive des Transparents „Heimatlose Aachener“. Die Fans haben noch die Extrahoffnung, dass sie, wie es einer nannte, „den Kölnern das Stadion endgültig verhext haben“ – nach Alemannias erstem Uefa-Gastspiel hat der verhasste Ligakonkurrent 1. FC tatsächlich beide Male seine ersten Halbzeiten verloren, „jetzt waren wir das zweite Mal hier, und jetzt wirkt die Magie ganz.“ Der Kölner Express, sonst Zentralorgan des FC-Jubels, wurde gestern schon wehmütig: „Endlich mal ein Gastgeber, bei dem ein System zu erkennen ist!““

Anstrengung in Person

Udo Muras (Welt 23.10.) klopft Willi Landgraf auf die Schulter: „Der Mann kann machen, was er will. Wenn er nur zum Einwurf anläuft, hört er seinen Vornamen aus Tausenden von Kehlen. Willi Landgraf, 36 Jahre alt und 166 Zentimeter kurz, ist Kult. Er ist beliebt, weil er als kleiner Mann große Dinge versucht. „Dem Willi ist nichts zu viel. Ich habe ihn auch noch nie griesgrämig gesehen. Er ist immer gut gelaunt“, sagt Horst Heinrichs, Präsident von Alemannia Aachen, Landgrafs Arbeitgeber. In der alten Kaiserstadt verehren sie nicht mehr Karl den Großen, sondern Willi den Kleinen. Busse mit seinem Konterfei fahren durch die Straßen, versehen mit dem Spruch „Willi Kampfgraf pflügt sie alle um“. Der Kämpfer Landgraf ist die Anstrengung in Person, kein Gegner, zu denen zuweilen der Ball gehört, ist vor ihm sicher. Und gerade, weil ihm nicht alles gelingt, haben ihn alle lieb.“

Schalke 04-FC Basel 1:1

Ailton protestierte durch lautes Schweigen

Gedämpfte Laune in Schalke spürt Richard Leipold (FAZ 23.10.): “Die Partie warf Fragen auf, die um so heikler klingen, je öfter sie gestellt werden: Wäre es mit Ailton günstiger gelaufen, hätte der Trainer ihn zeitiger einwechseln müssen oder vielleicht ganz draußen lassen sollen (um ihm wenigstens das Etikett „Joker“ zu ersparen)? Einen sensiblen Südamerikaner wie Ailton so spät auf den Fußballplatz zu schicken, dürfte auf Dauer die schlechteste Lösung sein. Als Kurzarbeiter fühlt sich einer wie er gedemütigt. Ausgesprochen hat Ailton das zwar nicht, aber es war ihm anzumerken. Am Donnerstag bewahrte er noch die Contenance, aber es schien ihm schwerzufallen. Ailton protestierte durch lautes Schweigen (…) Ob und wie lange Ailton spielen muß, mag für das Betriebsklima und eines Tages auch für die Effizienz des Angriffs von Bedeutung sein. Aktuell aber hat Schalke andere, mindestens genauso drückende Sorgen. Das Mittelfeldspiel geht viel zu sehr in die Breite, vor allem wenn die Mannschaft in Führung liegt. „Wir haben uns mit Querpässen zu Tode gespielt“, sagte Rangnick. „Nach dem zehnten Paß sind wir wieder dort angekommen, wo wir angefangen hatten.“ Diese Diagnose hatte, mit etwas anderen Worten, schon sein Vorgänger Jupp Heynckes des öfteren gestellt.“

Es geht nicht aufwärts, er ist nicht im Fluss, er rennt gegen Widerstände an

Ulrich Hartmann (SZ 23.10.) stellt einen Schnappschuss dar: „Ailton stürzte aus der Kabine, dann stürzte er auf die Rolltreppe, aber dort stellten sich gleich zwei Journalisten neben ihn und schauten ihn fragend an, deshalb ließ er die beiden einfach stehen und stürzte die aufwärts fahrende Rolltreppe wieder hinab. Das dauerte ein bisschen, weil er ja gegen die Aufwärtsbewegung absteigen musste, Stufe um Stufe, das ist mühsam. Es war dies das schönste und symbolträchtigste Bild, das sich im Kabinentrakt der Arena AufSchalke bot: Der brasilianische Fußballstürmer Ailton Gonçalves da Silva, Torschützenkönig der vergangenen Saison, steigt in Gelsenkirchen Rolltreppen gegen die Laufrichtung hinab. Es geht nicht aufwärts, er ist nicht im Fluss, er rennt gegen Widerstände an, er ist sauer.“

KSK Beveren-VfB Stuttgart 1:5

Zehn Spieler von der Elfenbeinküste – die FAZ (23.10.) berichtet über den Hintergrund: „Hinter der ungewöhnlichen Mannschaftsaufstellung verbirgt sich eine außergewöhnliche Geschichte: Als sich der Koninklijke Sportkring Beveren im Frühjahr 2001 in einer existenzbedrohenden sportlichen und finanziellen Krise befand, beschloß die Vereinsführung, den ehemaligen französischen Nationalspieler Jean-Marc Guillou als Retter zu akzeptieren. Der WM-Teilnehmer von 1978 suchte einen Klub, „der sportlich und wirtschaftlich auf meine Hilfe angewiesen ist“, um dort Spieler unterzubringen, die bei ihm unter Vertrag stehen. Guillou hatte einige Jahre zuvor an der Elfenbeinküste eine Fußballschule gegründet, aber für den ständig sprudelnden Quell an Nachwuchsspielern nie genügend Abnehmer gefunden. Der Klub ohne Geld und Spieler und der Manager mit Spielern ohne Klub bildeten die perfekte Konstellation für einen Interessenausgleich. Entgegen kam ihnen, daß es in Belgien im Gegensatz zur Bundesliga keine Beschränkung für den Einsatz von Ausländern aus Staaten außerhalb der EU gibt. So stammen im aktuellen Profikader 13 von 18 Kickern aus Guillous Fußballschule. Beide Seiten sind gut gefahren mit ihrer Allianz. Der KSK Beveren konnte zwar nicht mehr an die ganz erfolgreichen Zeiten anknüpfen, als unter anderem mit Jean-Marie Pfaff im Tor zwischen 1979 und 1984 zwei nationale Meisterschaften gewonnen wurden. Aber aus dem designierten Absteiger wurde ein Team, das es bis in den Uefa-Cup schaffte.“

In Beveren wird Toleranz im Stadion geschult

Klaus Hoeltzenbein (SZ 23.10.) gibt zu bedenken: „Die Skurrilitäten im globalen Fußball-Dorf sind derzeit am anschaulichsten in einer Kleinstadt in Belgien zu bestaunen. Als im 45 000 Einwohner zählenden Beveren im Mai 2003 gewählt wurde, lag der Vlaams Block, der flämische Block, mit 25,3 Prozent der Stimmen vorne. Der niederländisch-sprechende Teil Belgiens betreibt die Spaltung von den Wallonen, fürchtet eine multikulturelle Diktatur und fordert einen sofortigen Zuwanderungsstopp. In diesem Milieu ist der KSK Beveren zu Hause, der auf der Internet-Seite des Europäischen Verbandes als „kuriosester Verein“ der Uefa-Pokal-Gruppenphase angekündigt wird. Vlaams Block wünscht sich elf Belgier in der lokalen Mannschaft, was den KSK wenig interessiert. Im Gegenteil, in Beveren wird Toleranz im Stadion geschult: Gegen den VfB Stuttgart standen zehn Spieler von der Elfenbeinküste in der Startformation, in der Liga waren es auch schon mal elf, insgesamt stammen dreizehn Profis des Kaders von der Westküste Afrikas. Abseits von seinem pädagogischen Effekt für den Vlaams Block ist dieser Feldversuch allerdings fragwürdig. Zielt er doch vorrangig darauf ab, hohe Renditen mit Fußballer-Importen zu erzielen. Junge Talente sollen in der Beveren-Akademie an die Herausforderungen des europäischen Fußballs herangeführt und diejenigen, die sich behaupten, meistbietend weiter transferiert werden.“

Deutsche Elf

Theo kämpft gegen die Profiwelt

Vor dem DFB-Bundestag – Thomas Kistner (SZ 23.10.) versucht, Licht hinter die Kulissen der deutschen Fußball-Macht zu spenden: „In Osnabrück wird die Doppelspitze installiert, alles andere ist offener denn je – weil sportpolitische Verhandlungsmasse. Die DFL stellte kurz vor den endgültigen Beschlüssen plötzlich alle Vereinbarungen in Frage, das DFB-Präsidium hetzte von einer Krisensitzung in die nächste. Es geht um alles, es geht um die Vorherrschaft. Und der Bundestag soll zeigen, wie fest der 59-jährige Amateurkandidat Zwanziger im Sattel sitzt. Die Liga will von der Schwächephase an der DFB-Spitze profitieren, sonst hätte sie MV im Sommer fallen lassen – als „lame duck“ aber, als lahme Ente, ist er hilfreicher. Unklar bleiben dabei die Pläne des wendigen Ex-Ministers: Der hat einen Putschversuch überstanden zu einer Zeit, da sich seine öffentlichen Sympathiewerte in den Niederungen von Hautausschlag eingependelt hatten – warum sollte 2006 Schluss sein? Insofern heißt die wahre Doppelspitze MV und Hackmann, Theo kämpft gegen die Profiwelt. Hackmann und die Liga wollen verhindern, dass die Zuständigkeit fürs A-Nationalteam nach 2006 an den DFB-Chef zurückfällt. Um die Option zu wahren, hat der DFB eine vierköpfige Arbeitsgruppe Nationalelf installiert: MV, Hackmann, Zwanziger und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt – hier wird der Machtkampf entschieden. Aus Zwanzigers Sicht ist die Vierer-Gruppe gleichberechtigt, Beschlüsse müssten „gemeinsam gefasst oder im Fall einer Pattsituation vom DFB-Präsidium getroffen“ werden. Aus Sicht von MV und Hackmann indes gibt es eine Rangfolge in diesem Quartett: MV übt die „Federführung“ aus, was das bei ihm heißt, hat er beim VfB Stuttgart und anderswo gezeigt und ihm den Ruf des Solisten eingetragen – und Hackmann fordert, alleiniger Stellvertreter des Federführers zu sein. Was Zwanziger und Schmidt die Rolle gut informierter Zaungäste ließe. Doch geht es nicht nur darum, Zwanziger vor der WM auszubremsen. Die kurze Zeitspanne ist ja geregelt, wichtiger ist die Machtverteilung danach.“

Partner und Gegenspieler

Wird die DFB-Doppelspitze harmonieren? Roland Zorn (FAZ 23.10.) ist skeptisch: „Tatsächlich reicht der korrekte Zwanziger in puncto Leutseligkeit nicht an Mayer-Vorfelder heran, der andererseits die Instrumentarien der Macht noch entschieden besser beherrscht als sein Kollege. Geschickt wie schon so oft, wenn der affärenerprobte Politiker und Funktionär mit dem Rücken zur Wand stand, findet er plötzlich Gefallen an dem neuen Geschäft des Herrschens und Teilens. „Diese Lösung kann meiner Meinung nach zur Dauerlösung werden. In der Aufteilung der Führungsaufgaben liegt ein wahrer Kern, denn wenn einer für alle Aufgaben zuständig sein soll, übersteigt das seinen Zeithorizont gewaltig.“ Zwanziger aber übersieht die Steilvorlage des in seiner Omnikompetenz beschnittenen Partners: „Nach 2006 wird das Aufgabenfeld eines DFB-Präsidenten wieder überschaubar sein, und man wird das wieder auf eine Person zuschneiden können.“ (…) Wie überzeugend die Liaison zweier älterer Herren auf Zeit wirkt, wird sich schon an diesem Samstag bei der Wahl des neuen DFB-Schatzmeisters zeigen: Mayer-Vorfelder favorisiert seinen langjährigen Freund Wilfried Straub, den Vorsitzenden der Geschäftsführung der DFL, Zwanziger steht eindeutig hinter der Kandidatur von Heinrich Schmidhuber, dem Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbandes. Daß Zwanziger seine Kontakte zur Basis wieder einmal hat spielen lassen, dürfte sicher sein. Mayer-Vorfelder muß also gleich zu Beginn der Regierungszeit des neuen DFB-Herrendoppels von neuem mit einer Niederlage rechnen. Bei einem Stimmenverhältnis von 164:92 dürfte sich der Bundestag für den „Amateur“ Schmidhuber und gegen den „Profi“ Straub entscheiden. Zwanziger ist sehr zuversichtlich, daß der Weg für Schmidhuber längst geebnet sei. Mayer-Vorfelder weiß, daß er es in Zukunft mit einem Partner und Gegenspieler zugleich zu tun bekommen wird.“

Freitag, 22. Oktober 2004

Interview

Ich halte die Doppelspitze für nicht notwendig

Günter Lommer, Präsident des Bayerischen Landessportverbandes, im Interview mit Thomas Flehmer (Netzeitung 21.10.)
NZ: Ist die Doppelspitze eine Lösung oder ein fauler Kompromiss?
GL: Ich werde nicht dafür stimmen. Ich halte die Doppelspitze für nicht notwendig. Wenn man weiß, dass die Kompetenzen des Herrn Mayer-Vorfelder sich nur auf die Nationalmannschaft begrenzen, dann sehe ich keinen Grund, warum man ihn zum zweiten Präsidenten machen soll. Ich bin der Meinung, Theo Zwanziger könnte das auch ganz alleine.
NZ: Sehen Sie keinen Vorteil durch die Arbeitsteilung?
GL: Ich weiß nicht, wo ein Vorteil sein soll. Das Einzige ist vielleicht das internationale Renomee, dass Herr Mayer-Vorfelder sicher hat. Aber er könnte ja seine Positionen bei der Uefa und der Fifa trotzdem behalten und könnte dort für den DFB tätig sein. Ich sehe nicht ein, warum er deshalb noch beim DFB im Präsidium sitzen müsste. (…)
NZ: Sie haben Herrn Mayer-Vorfelder vorgeworfen, in den letzten drei Jahren nichts bewegt zu haben.
GL: Die Talentförderung ist sicher von Herrn Mayer-Vorfelder ausgegangen. Das ist eine gute Sache. Aber sonst ist er international so sehr gebunden, dass er wenig Zeit hat, um sich für den DFB außerordentlich einzusetzen. Hätten wir nicht die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 als Zweiter abgeschlossen, dann wäre diese Debatte noch früher zum Vorschein gekommen. Die Tatsache, dass wir in Japan und Südkorea eine gute Rolle gespielt haben, hat vielleicht manches vertuscht. Bewegt hat sich eigentlich in diesen zwei Jahren seit Magdeburg nichts.
NZ: Der Fluch der guten Tat kehrt also als Bumerang zurück?
GL: Wir haben vor der WM gesagt, wir spielen keinen guten Fußball. Die WM hat es übertüncht. Jetzt nach der Europameisterschaft haben wir wieder dasselbe festgestellt.

Fußball in der zweiten Liga hat sich verbessert, vor allem in taktischer Hinsicht

Benno Möhlmann, Trainer von Greuther Fürth, im Interview mit Thomas Kilchenstein (FR 22.10.)
FR: Täuscht der Eindruck, oder ist es so, dass das Niveau in der zweiten Liga seit einigen Jahren deutlich höher geworden ist?
BM: Ich kenne die zweite Liga seit Jahren. Der Fußball dort hat sich verbessert, vor allem in taktischer Hinsicht. Das ist schon lange keine Klopperliga mehr. Ich glaube, dass die zweite Liga in manchen Dingen Vorreiter war, etwa für ein aggressives 4-4-2-System.
FR: Sie meinen, in der zweiten Liga ist der Ernstfall probiert worden?
BM: So ähnlich. In der ersten Liga gibt es viel mehr Freiräume als unten. Und die individuelle Klasse der Spieler ist höher. Da muss man also nicht immer auf die ganz korrekte Einhaltung der taktischen Vorgabe achten. In der ersten Liga spielen so viele sehr gute Fußballer, die aufgrund ihrer Klasse ein Spiel entscheiden können. Die kann man nicht in ein taktisches Korsett zwängen. Zu meiner Bielefelder Zeit hatte ich Wiechniarek und Brinkmann, die konnte man nur schwer in ein taktisches Konzept pressen.
FR: Dann ist für Sie der Erfolg der drei Aufsteiger in der Bundesliga keine große Überraschung?
BM: Abwarten. Die Drei spielen ja sehr laufintensiv. Ob auf Dauer die Kraft reicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall ist die Kluft zwischen erster und zweiter Liga geringer geworden. Das liegt natürlich auch an den vielen jungen Trainern, die was Neues, Modernes machen wollen. Schauen Sie sich den Markus Schupp an (Trainer bei Wacker Burghausen)! Der hat als Nachwuchstrainer beim Grazer AK gearbeitet, dann hat er ein Jahr dazu genutzt, sich in Europa umzugucken; er war etwa bei Arsène Wenger in London und hat dort mal reingeschnuppert. Die Zeit nehmen wir uns alte Trainer doch gar nicht mehr.

Champions League

Ein Meister der Ballbehandlung zelebriert seine Auftritte lieber auf großer Bühne

RSC Anderlecht-Werder Bremen 1:2

Johan Micoud hat alle begeistert, auch Ulrich Hartmann (SZ 22.10.): „Micoud entwickelte sein ganzes Potenzial und führte Werder Bremen zum Sieg. Micoud spielte binnen 90 Minuten zahlreiche brillante Pässe, bereitete fast sämtliche Bremer Chancen sowie beide Tore vor und stand auch sonst immer an der richtigen Stelle. (…) Johan Micoud spielt seine dritte Saison für Werder Bremen, und dass er mit dem Fußball umgehen kann, das hat niemanden mehr überrascht. Dafür fiel wieder auf, unter welchen Bedingungen der famose Franzose seine Kunstfertigkeit am liebsten demonstriert. Beim 1:2 in Mainz im Bundesliga-Alltag leistete sich Micoud in der Schlussminute einen lächerlichen Ballverlust, der zum Mainzer Siegtreffer führte. Seinen Fehler quittierte er außerdem mit einer abfälligen Handbewegung, welche die Frage aufwarf, ob er sich im schlichten Bruchwegstadion vorkam wie ein Stardirigent vor einer Blockflötengruppe der musikalischen Früherziehung. Ein Meister der Ballbehandlung zelebriert seine Auftritte lieber auf großer Bühne, und weil diese durch die kontinentale Übertragung hergerichtet war, fand der zuvor auch im eigenen Verein (vor allem von Manager Klaus Allofs) kritisierte Micoud zurück zu Lust und Laune und spielte mit den Fußballern vom RSC Anderlecht Hase und Igel. Wann immer sich ein belgischer Spieler dem Ball näherte, war Micoud bereits da.“

Bernd Müllender (taz 22.10.): „Micoud hatte technische Feinheiten im Akkord zelebriert – nie als L’art pour l’art, sondern immer als Ausgangspunkt millimetergenauer Pässe und toller Spieleröffnungen. Ein halbes Dutzend bester Chancen und beide Tore bereitete er vor. Eine Szene war formidabler als die andere. Und er stibitzte mit schlauen Stochereien so manchen Ball, um nach einer kleinen Körperwindung und einem schier mühelosen Pass die ganze RSCA-Abwehr zu zerlegen. Micouds Spielfreude war ein anderes Wort für Augenweide.“

Uefa-Cup: Schalke-FC Basel 1:1, ein ausführlicher Bericht in der NZZ

Ball und Buchstabe

Wo Schluckfähigkeit als Maßstab für Männlichkeit gilt

Zum Tod von Andreas Sassen bemerkt Klaus Hoeltzenbein (SZ 22.10.): „Vom Fußballer Sassen, dem aller Orten ein großes Talent fürs Mittelfeld bescheinigt wurde, bleiben Zahlen: 79 Bundesliga-Spiele zwischen 1990 und 1995, sechs Tore. Die Legenden, die den Menschen Sassen überleben (nüchtern sympathisch, alkoholisiert unberechenbar), stammen aus Kreisen, in denen Schluckfähigkeit als Maßstab für Männlichkeit gilt. Auf den Tribünen des Hamburger SV ist bis heute der Ruf „Taxifahrn mit Sassen“ zu hören, erwachsen aus einer Nacht im Oktober 1993. „Fahr schneller, Ali“, hatte Sassen einen türkischen Fahrer aufgefordert, als er mit dem Mitstreiter Harald Spörl von einer Zechtour von der Reeperbahn kam. Als der Fahrer nicht wollte, wie Sassen befahl, kam die Faust zum Einsatz. Strafanzeige, Abmahnung, Geldstrafe von 12 500 Mark. (…) Der Psychologe, der Paul Gascoigne behandelte, sagte ihm einmal für den Fall, dass er sein Leben nicht ändere, voraus: „Er landet in der Gosse, er landet im Knast, oder er erlebt seinen 40. Geburtstag nicht mehr.“ Andreas Sassen ist am Sonntag in Essen 36-jährig gestorben.“

Bundesliga

Charisma sucht man vergebens

Thomas Doll, der Trainer, „Charisma sucht man vergebens“ (FAZ) – der Erfolg von Nürnberg, Mainz und Bielefeld, „sind die Zweitligisten taktisch besser ausgebildet?“ (FR) – „der FC Hansa erobert Skandinavien“ (SZ) u.v.m.

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Charisma sucht man vergebens

Frank Heike (FAZ 23.10.) beäugt die Methoden und das Wesen Thomas Dolls: „Geschickt, daß er gleich ankündigt, Toppmöller anrufen zu wollen, um mehr über die Spieler zu erfahren. Nachtreten paßt nicht zu ihm. Dolls erste Änderungen zeigen, woran es gehapert hat bei den Profis – bei der Disziplin. Doll, seit einer Laseroperation ohne Brille, legt den Spielern gefaltete Zettel auf den Kabinenplatz. Es stehen Benimmregeln drauf. In den Kabinen darf nicht mehr mit dem Handy telefoniert werden. Die dreckigen Socken werden ab sofort umgedreht, bevor sie in die Wäsche kommen. Teller und Tassen müssen selbst in die Küche gebracht werden. Und der Fernseher im Kraftraum bleibt aus. Selbstverständlich? Nicht für HSV-Profis, die schon in dem Moment, in dem sie hier einen Vertrag unterschreiben, zum Star werden und sich auch so verhalten. Doll räumt auf, schreiben die Hamburger Zeitungen. Das hat man gern: Endlich wird den Profis Feuer gemacht! Sportchef Dietmar Beiersdorfer sagt vorsichtig: „Auf solche disziplinarischen Dinge hat Toppmöller nicht so viel Wert gelegt.“ (…) Doll ist ein junger Trainer, als Spieler hatte er eine sympathische Naivität. Was ihn als Trainer auszeichnet, ist schwer zu sagen. Eines lebt er den Profis vom ersten Tag an vor: die Leidenschaft für den Fußball, die Hingabe, mit der er seinem Beruf nachgeht. Er hat seine schmutzigen Socken immer umgedreht. Arroganz ist ihm fremd. Charisma, eine gewisse Verdrängung, wenn er den Raum betritt, das aber sucht man vergebens bei ihm. Der herzliche Doll soll die ausgebufften Egoisten beim HSV führen.“

Sind die Zweitligisten taktisch besser ausgebildet?

Die FR (23.10.) begutachtet den Erfolg der drei Aufsteiger: „Was auffällt und sicherlich ein Grund für den Erfolg der Neulinge ist: Alle drei haben ein klares System, alle drei versuchen, das Abenteuer Bundesliga mit spielerischen Mitteln zu überstehen, alle drei legen großen Wert darauf, tatsächlich auch Fußball zu spielen und nicht, sich mittels Destruktivtaktik ein Pünktchen zu ermauern. Und das ist allen dreien, jedem auf seine Art, bislang auch gelungen. Den Novizen kommt entgegen, dass die Spieler in der ersten Liga deutlich mehr Freiräume genießen. Vor der Saison hat Wolfgang Wolf seinen überragenden Spieler Marek Mintal zur Seite genommen und ihm prophezeit, dass er sich in der Bundesliga viel wohler fühlen werde, „weil dort nicht auf Teufel-komm-raus manngedeckt wird. In der Bundesliga hat man mehr Zeit am Ball.“ (…) Sind die Zweitligisten taktisch besser ausgebildet? „Räume eng machen, als Mannschaft geschlossen stehen und eine kluge Taktik“ – das ist nach Wolf das Erfolgsrezept in der zweiten Liga, auch weil sich dort die individuelle Qualität bisweilen in Grenzen hält. Deshalb muss die Taktik stimmen. Im Oberhaus entscheidet mitunter eben nicht die bessere Taktik, sondern der Geistesblitz eines Michael Ballack, der geniale Pass eines Tomas Rosicky oder das Tempodribbling eines Aliaksandar Hleb.“

Marek Mintal und Robert Vittek, Nürnbergs Torgarantien auch in der Bundesliga – Volker Kreisl (SZ 23.10.): „Jetzt fragen sich Manager, Scouts und Reporter, wie das sein kann. Warum man teure Scouting-Abteilungen unterhält, Millionen zum Beispiel in Südamerika ausgibt, um Martin Demichelis zu kaufen, den „Beckenbauer Südamerikas“, der die meiste Zeit auf der Bank sitzt, und dann kommen zwei unbekannte Slowaken daher und mischen erst die Zweite Liga auf, treffen dann auch in der Bundesliga und haben zusammen schon jetzt einen geschätzten Marktwert von fünf Millionen Euro. Wie geht so was? Marek Mintal war nie der Beckenbauer der Slowakei, und er wird auch nie der Beckenbauer von Nürnberg werden. Er mag nämlich keine Interviews, weil er noch nicht so gut Deutsch spricht und noch Angst hat, falsch verstanden zu werden. Ein Missverständnis muss man zum Beispiel schnell aufklären: Marek und Robert wirken nach außen jung und lausbübisch wie die Kinderbuchabenteurer „Lolek und Bolek“, aber im Privatleben gehen sie unterschiedliche Wege. Auf dem Platz verstehen sie sich dagegen blind. Zusammen ergeben sie einen Allround-Sturm, aber warum ausgerechnet in Nürnberg? Der Club ist früher ja mehr dadurch aufgefallen, dass er entweder große Talente wie Cacau nicht halten konnte oder dass er sehr mäßigen Spielern sehr gute Verträge gab und halten musste.“

Wir müssen lernen, über das Wasser zu gehen

Ronny Blaschke (SZ 23.10.) profitiert von der Nähe zu Schweden, Finnland und Dänemark: „Der FC Hansa erobert Skandinavien. Das ist eine der wenigen Geschichten, die der Fassade des Vereins ein bisschen Farbe verleiht. Die Rostocker leben seit neun Jahren in der Bundesliga-WG, noch immer fahnden sie nach einem Profil. Fernab von Mecklenburg-Vorpommern, in Stuttgart oder München, wird der FC Hansa als Naja-Klub von der Küste betrachtet. Da kommen die blonden Herren aus dem Norden als Imageklempner gerade recht. Etwa 30 000 Zuschauer reisten vergangene Saison aus Skandinavien zu den Spielen ins Ostseestadion, das sind achteinhalb Prozent aller Gäste. Gegen den FC Bayern werden 1000 Fans aus Schweden und Dänemark erwartet. Drei Stunden dauert die schnellste Ostsee-Überquerung. Der FC Hansa will die Nähe künftig nutzen. „Wir müssen lernen, über das Wasser zu gehen“, sagt Ralf Gawlack, Hansas Marketingchef. Kooperationen mit Fährunternehmen sind geplant, Ticketstände und Fanshops könnten an Deck eingerichtet werden. Schon jetzt wird ein gewichtiger Teil der Fanartikel in Skandinavien verkauft, Hansa bietet dafür eigens geschaffene Kollektionen an. Auf 150 Millionen Euro schätzen Wirtschaftsexperten den Werbewert des Klubs für die Stadt, kostenlose Werbung, die Rostock dringend nötig hat: Die Arbeitslosenquote liegt bei zwanzig Prozent, vor kurzem wurde der Oberbürgermeister zum Rücktritt gedrängt. „Hansa ist ein Leuchtturm, der weit über Grenzen hinaus strahlt“, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff blumig, der Leuchtturm scheint mittlerweile bis nach Skandinavien. Zwei Agenten beschäftigt Hansa in Schweden, sie betreiben Außenpolitik für den Rostocker Fußball.“

Ascheplatz

In Frankreich schrumpft der Marktwert des Fußballs

In Frankreich schrumpft der Marktwert des Fußballs, stellt Rod Ackermann (NZZ 22.10.) fest: „Allenthalben ist Ernüchterung eingekehrt: Die beiden torlosen Unentschieden in den Heimspielen gegen Israel und Irland haben das Publikum verärgert, die Fernseheinschaltquoten auf TF1 verzeichneten einen leichten Rückgang (rund 10 Prozent weniger als 2003), und das selige Surfen auf den Erfolgen von 1998, 2000 und 2003 (Confederations Cup) hat der Einsicht Platz gemacht, dass „wieder ein Publikum aufgebaut werden muss“, wie es die Direktion der fürs Marketing des Nationalteams verantwortlichen Agentur ausdrückt. Mit dem bezeichnenden Zusatz: „Aber dafür braucht es Affichen.“ – Will heissen: Persönlichkeiten, die – werbetechnisch gesehen – imstande sind, einen Markennamen ganz allein zu tragen, ganz zu schweigen von ihrer tragenden sportlichen Rolle im Ensemble der Bleus. Solche Qualitäten besitzen nach dem Abgang von Zidane und Desailly im verbliebenen Kader einzig noch Thierry Henry, für Arsenal (aber nicht mehr in der Equipe tricolore) der Torschütze vom Dienst, und Fabien Barthez, der allzeit verlässliche Torhüter. Um deren Star-Status zu erreichen, hat die zweite Garde noch einen weiten Weg zurückzulegen. Grégory Coupet, der Ersatzgoalie, ist „ungefähr einen halben Barthez wert“, wie Marketing-Insider meinen, der Goalgetter Djibril Cissé kann von der Preiskategorie eines Henry vorerst nur träumen. Mangels sicherer Werte sehen sich die interessierten Grossfirmen unterdessen anderswo um. (…) Und dies, obwohl eine kürzlich veröffentlichte Studie belegte, dass vier Fünftel der 18- bis 24-jährigen Franzosen die Kooperation mit dem Fussball-Nationalteam als förderlich fürs Image eines jeden Wirtschaftsunternehmens empfinden.“

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