Donnerstag, 13. März 2008
Am Grünen Tisch
Weltsport: Ohne Schmiergeld kein Vertrag
Sensation in Zug: Großer (größter?) Sportskandal nun aktenkundig
Neues aus Zug: Die Katze ist jetzt schon aus dem Sack, und Jens Weinreich bezeichnet es als „Sensation“: Mehr als 85 Millionen Euro Schmiergeld habe die ISL/ISMM in den zwölf Jahren ihrer Existenz an Sportfunktionäre gezahlt. Das räumten die Angeklagten freimütig ein, allerdings ohne Namen von Empfängern nennen zu wollen oder zu können.
Weinreich (Berliner Zeitung) wird in allen Befürchtungen bestätig und schreibt es uns allen noch mal hinter die Ohren: „Es ist jetzt belegt, dass im olympischen Weltsport kein attraktiver Vertrag ohne Millionen an Schmiergeldzahlungen zu akquirieren war. Die Behauptungen von IOC-Funktionären, der Bestechungsskandal des Winters 1998/99 habe zur Flurbereinigung beigetragen, ist eher ein Witz. Die ISMM hat bis zur Pleite im Frühjahr 2001 weiter Millionen unter Ehrenamtlern aller Kontinente verteilt. Fast alle dieser Figuren sind noch in Amt und Würden, ob nun in der Fifa oder in anderen olympischen Sport-Weltverbänden. Man darf diese Zahlen ruhig nachklingen lassen: 138 Millionen [gemeint sind Franken, of] über nur zwölf Jahre, von einer Firma! Wer vermag zu ahnen, wie viel Bestechungsgeld seit 1981, als die Kommerzialisierung der Olympischen Welt beschleunigt wurde, von Marketingfirmen, Olympiabewerbern, WM-Bewerbern, EM-Bewerbern und anderen verteilt worden ist? Niemand! Wer aber jetzt noch leugnet, dem ist nicht zu helfen. Der sollte einen Arzt seines Vertrauens aufsuchen – oder dabei helfen, die Namen aller Schmiergeldempfänger öffentlich zu machen.“
Thomas Kistner (SZ) weist auf den erheblichen bundesrepublikanischen Beitrag hin: „Erstmals offiziell testiert am Zuger Strafgericht ein deutsches Bestechungssystem, kreiert vom Adidas-Patron und ISL-Gründer Horst Dassler, dessen einstige Schachfiguren übrigens – dies die wichtigste Mitteilung – noch heute die Geschicke des Weltsports leiten. Zutage tritt ein Schmiergeld-System, das mit Irrsinnssummen weit jenseits von Scham- oder Peanuts-Grenzen hantierte. Weil die Existenz dieses Systems nicht mal der Hauptbeschuldigte bestreitet, gilt: Funktionäre, die Vertraute oder Günstlinge jener Dassler-Ära waren, haben spätestens jetzt ein äußerst heftiges Glaubwürdigkeitsproblem. Zumal, wenn sie heute hohe Ämter von Fifa über IOC bis hin zum Deutschem Olympischen Sportbund bekleiden. Denn eines ist klar: Für Saubermänner war in Dasslers System definitiv kein Platz.“
Beziehungspflege
Am brisantesten, wenn auch wohl gelassen vorgetragen, sind die Aussagen des einstigen ISL-Verwaltungsratschefs Christoph Malms, die in allen Zeitungen angeführt werden: „Die Begünstigung von namhaften Persönlichkeiten im Sport zur Förderung von sportpolitischen und wirtschaftlichen Zielen stammt aus den Siebzigerjahren, als Sport zu einem Wirtschaftsfaktor wurde. Mit der Tatsache, dass die ISL seit ihrer Gründung derartige Praktiken anwandte, wurde ich (…) Anfang der Neunzigerjahre (…) konfrontiert. Auf mein wiederholtes Drängen, die Begünstigungen einzustellen, wurde mir von Jean-Marie Weber, dem Nachfolger Dasslers bei der ISL, klar gemacht, dass diese Beziehungspflege zu weiter bestehenden Verpflichtungen geführt hätten und seit dem Ableben von Horst Dassler allein seine Aufgabe und Verantwortung bleiben würden.“
BLZ: Hintergrund
Deutsche Elf
Er gibt Orientierung auch durch seine Schwächen
Der DFB macht rhetorische Klimmzüge, um eine Ausnahmeregel für Oliver Kahn zu rechtfertigen
Abschiedsspiele für Nationalspieler sind abgeschafft; doch für Oliver Kahn macht der DFB noch mal eine Ausnahme. Einerseits kann Michael Horeni (FAZ) diese Entscheidung billigen, muss dafür aber sehr weit ausholen: „Die Zeiten heute scheinen wieder günstiger für jene, die Ehrungen, würdige Abschiede und protokollarische Traditionen wieder aufleben lassen wollen. Wo die Bundeswehr darüber nachdenkt, neue Ehrenzeichen für tapfere Soldaten zu schaffen, einige Universitäten ihren Absolventen das Diplom nicht mehr nur wie bisher durch die Sekretärin übergeben wollen, passt die Entscheidung des Vorstands des DFB, seine Elite zu ehren, ins veränderte gesellschaftliche Klima. Oliver Kahn ist der erste Profi, dem dieser Wandel in die Hände spielt. Ob der Torwart diesen formell ehrenvollsten Abschied verdient hat – darüber werden die Meinungen weit auseinandergehen angesichts eines Profis, dessen sportliches Lebenswerk in einem Ehrgeiz gründete, den er zu oft nicht kontrollieren konnte.“
Andererseits misstraut Horeni Wort und Schein: „Aber es geht bei den Abschiedsvorstellungen der Fußball-Millionäre nicht allein um die Ehre. Ein perfekt vermarktetes Abschiedsspiel ist viele Millionen wert, und wer die Bundesliga und ihre Maßstäbe kennt, der ahnt, dass der ideelle Wert einer Abschiedsparty mit dem Adler auf der Brust dort weit weniger zählt als die Abrechnung nach Eingang der Fernseh- und Zuschauereinnahmen – natürlich abzüglich einer Spende für irgendeinen guten Zweck. Die Ehrensache aber würde gewinnen, wenn der materielle Ertrag aus dem letzten Auftritt bis zum letzten Cent nur denjenigen zugutekäme, die ihn auch wirklich brauchen.“
Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung auf Kinder
Der DFB hat wohl mit kritischen Fragen gerechnet. Theo Zwanziger wird in der FAZ mit Aussagen zitiert, die sich nicht gänzlich in Einklang bringen lassen: „Es ist und bleibt eine Ausnahmeregelung für Oliver Kahn – und dies ist der Person dieses großen Sportsmannes geschuldet“, sagt er auf der einen Seite. Auf der anderen Seite baut er allen Fällen vor: „Die einfachste Lösung wäre zu sagen: Wir machen das nie mehr. Aber das wäre verantwortungslos. Das ist nicht mein Stil. Wir werden Abschiedsspiele nicht mehr zur Regel machen. Aber wenn es eine große Sportpersönlichkeit gibt, die aus dem Kreis der anderen so deutlich herausragt, dass wir nicht jedes Jahr ein Abschiedsspiel machen müssen, dann kann eine solche Ausnahmesituation wieder eintreten.“
Überhaupt klingt Zwanziger sehr defensiv: „Die Ausnahmeregelung für Oliver Kahn ist nach meiner Sicht in hohem Maß in Ordnung. Ich weiß, dass andere das anders sehen werden.“ Und seine Laudatio ist aus der Abteilung „An den Haaren herbeigezogen“: „Es gibt mehrere Gründe. Erstens: Er ist Torhüter, und die Torhüter müssen anders als Feldspieler in der Regel lange warten, bis sie in der Nationalmannschaft die Nummer 1 sind. Zweitens: Er hat immer in Deutschland gespielt, das ist für mich ganz entscheidend. Er stand damit jede Woche im Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Natürlich ist er ein Typ, der auch ein Stück spalten kann. Aber er hat eine unglaubliche Ausstrahlung auf Kinder, weil er Leistung von sich und seinen Mitspielern fordert. Dazu kommen natürlich seine besonderen Leistungen in der Nationalmannschaft. Ohne ihn hätten wir 2002 nicht das Finale der Weltmeisterschaft erreicht. Und dann gibt es noch diese außergewöhnliche Fair-Play-Geste bei der WM 2006, die man ihm eigentlich nicht zugetraut hat, nachdem Jens Lehmann den Vorzug erhielt. Das macht ihn in seiner Art einzigartig.“
Bei der Frage, wie sich diese Ehrung mit dem Kung-Fu-Schattenboxer und dem Ohr-Beißer Kahn vertrage, wird’s kabarettistisch: „Er gibt Orientierung auch durch seine Schwächen.“ Diesen großen Satz sollten Sie sich merken: Er gibt Orientierung auch durch seine Schwächen.
Mittwoch, 12. März 2008
Ascheplatz
Diesmal ist die Lage besonders ernst
Spekulationen, Mutmaßungen, Sorgen angesichts der Bedenken des Bundeskartellamts in der TV-Zentralvermarktung und der Vorstöße der Bayern
Jan Christian Müller (FR) warnt vor der Einzelvermarktung, auch wenn sie dem Gesetz entsprechen sollte: „Kartellrechtlich spricht einiges dagegen, dass DFL und Kirch gemeinsame Sache machen, die TV-Rechte eines jeden Klubs als ein einziges großes Recht zusammenschnüren, die Bilder auch noch rotzfrech selbst produzieren und dann scheibchenweise an die Anstalten verkaufen. Ein freies Spiel der Kräfte sieht anders aus, und vielleicht kann man den DFL-Managern vorwerfen, ihre Marktmacht mit dieser verwegenen Kirch-Kiste ein Stück zu weit getrieben zu haben. Nun ist es aber auch so, dass ein freies Spiel der Kräfte den sowieso schwerreichen Bayern (Gewinn so hoch wie bei Bielefeld der ganze Umsatz) noch viel mehr als die derzeit 27 Millionen Euro aus den TV-Einnahmen einbringen würde, nämlich rund 100 Millionen Euro. Hinter Ribéry und Toni könnten dann Pirlo und Fabregas mehr Bälle jagen, wenn sie denn Lust hätten, für zweistellige Millionengehälter bei den Bayern Fußball zu spielen. Ein paar andere Vereine, der HSV, Bremen, Schalke, vielleicht Stuttgart und sogar Eintracht Frankfurt, würden ebenfalls profitieren. Der Rest sollte sich seine Teilnahme als Schlachtvieh an Auswärtsspielen in München, Hamburg, Bremen, Schalke, Stuttgart und Frankfurt von den Gastgebern entlohnen lassen.“
Steffen Grimberg (taz) hingegen wirft ein: „„Die Wettbewerbshüter vermuten hinter der Zentralvermarktung der TV-Rechte ein knallhartes Preiskartell. Dass ihnen Karl-Heinz Rummenigge mit seinem Kartellamtsbesuch dabei auf die Sprünge geholfen hat, ist allerdings Quatsch: Die Auseinandersetzung mit dem skeptischen Kartellamt ist seit Jahren ein chronischer Begleiter jeder TV-Rechte-Ausschreibung der Liga. Doch diesmal ist die Lage besonders ernst: Die Liga plant fest mit den von Leo Kirch und seiner Tochterfirma KF 15 garantierten Mehr-Millionen für die Saison ab 2009, doch diese Rechnung geht nur bei Beibehaltung der Zentralvermarktung auf. Intern ist man aber – wie Rummenigges Kartellamtsvorstoß beweist – zerstrittener denn je. (…) Das Kartellamt verschärft den Konflikt noch ungewollt: Eine Tolerierung der Zentralvermarktung sei nur dann machbar, wenn die kleinen Klubs stärker als bisher an den TV-Einnahmen beteiligt würden, dem die Kartellamtsfragebögen vorliegen – Rummenigge muss also irgendwas falsch gemacht haben.“
Thomas Haid (Stuttgarter Zeitung) durchleuchtet die Politik von Karl-Heinz Rummenigge: „Was wollen die Bayern? Deren Taktik ist wahrscheinlich nicht neu. Denn es ist schon länger so, dass die Crew aus München immer dann nach vorne prescht, wenn es um einen neuen Fernsehvertrag geht. Fachleute sprechen vom ‚berühmten Säbelrasseln’. Für sie wäre es keine Überraschung, wenn der aktuelle Vorstoß so enden würde: Die Bayern erklären sich solidarisch mit der Mehrheit in der Liga. Dann lassen sie sich als Retter der Zentralvermarktung feiern – und dafür werden sie dann auch finanziell noch ein bisschen mehr belohnt als die anderen. So wären alle wieder glücklich und zufrieden. Die Frage lautet nur, ob das Kartellamt mitmacht.“
Über den ersten Verhandlungstag im Zuger ISL-Prozess lesen Sie hier und hier
Dienstag, 11. März 2008
Internationaler Fußball
Erkaltete große Liebe
Vor dem Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals in Mailand berichtet Barbara Klimke (Berliner Zeitung) von einer Verwerfung in Liverpool: „Es gibt Anzeichen der Entfremdung, falls sie sich als richtig erweisen, dann erkaltet gerade eine große Liebe: Gerrard und Liverpool, das war eine Verbindung, wie sie selten geworden ist im Fußball: eine Sandkastenliebe auf kurzgeschorenem Rasen. Vor zwanzig Jahren trat der siebenjährige Knirps aus Whiston dem FC Liverpool bei. Er hat nie für einen anderen Verein gespielt. Und so gibt es in ganz Merseyside kaum jemanden, der legitimierter wäre, auf fragwürdige Entwicklungen hinzuweisen. Die Leistungsdiskrepanz bei internationalen und nationalen Auftritten ist nur ein Faktor, der Gerrard zunehmend irritiert. Der FC Liverpool kann ohne weiteres die europäische Fußball-Elite blamieren und, wie 2005, die Champions League gewinnen, oder wie 2007 mit Hurra ins Finale ziehen. Derselbe Klub lässt aber in der Liga regelmäßig die Rivalen an sich vorbei spazieren.“
Auch in der NZZ liest man über die Doppelgesichtigkeit Liverpools, zudem über die Uneinigkeit ihrer zwei amerikanischen Besitzer: „Die Resultate von Liverpool in den letzten Monaten sind geradezu absurd. So ging dem – notabene harzigen – Sieg gegen Inter das FA-Cup-Aus gegen das unterklassige Team von Barnsley voraus.“
NZZ: Italien, auch Milan, setzt Hoffnung in seinen Nachwuchs, der zum Teil von England abgeworben wird
NZZ: Hollands Meister PSV Eindhoven sucht seine europäische Rolle
Ball und Buchstabe
Die Kunst des Schweigens
Lothar Matthäus’ Beginn der Trainerausbildung begleiten die Journalisten mit Frotzeleien
Moritz Kielbassa (SZ) überreicht eine Schultüte: „Ein Lothar Matthäus lernt nicht nur bei Krethi und Plethi. Vor den Prüfungen im Mai wird er auch an Elite-Universitäten des Fußballs hospitieren. Sein Auslandspraktikum plant er bei Inter Mailand oder Arsenal, bereits vereinbart sind Exkursionstage bei Thomas Schaaf in Bremen. Matthäus weiß: Seine bisher unstete Trainervita hat ihm in Deutschland keinen guten Leumund verschafft, auch die fehlende Lizenz war zuletzt ein Handicap bei der Arbeitsplatzsuche. Nun tilgt er diesen dunklen Fleck, getrieben vom Ehrgeiz, bald allen zu beweisen, dass der Weltfußballer a. D. Matthäus auch ein ernstzunehmender Trainer ist – und nicht bloß ein Schlagzeilenlieferant und Dampfblasenerzeuger. Erfahrung, Fachkompetenz, Fleiß und Siegeshunger sind unbestrittene Matthäus-Qualitäten. Von der Fähigkeit, auch eine glaubwürdige Trainer-Persönlichkeit mit Führungsgeschick zu sein, muss er seine Kritiker noch überzeugen. (…) Am Dienstag steht die Spielanalyse einer Auswahl von U-20- Frauen auf dem Stundenplan – eine Altersklasse immerhin, die Matthäus liegen dürfte.“
Matti Lieske (Berliner Zeitung) unterscheidet Silber von Gold: „Hospitieren möchte Matthäus übrigens bei Werder Bremen. Dort kann ihm Thomas Schaaf sicher noch einen ganz besonderen Kniff beibringen: die Kunst des Schweigens.“
Am Grünen Tisch
In weiten Teilen des Weltsports ist Korruption an der Tagesordnung
Vor dem Prozess gegen sechs ehemalige ISL-Manager, von dem Aufschlussreiches über das weltweite Sport-Business zu erwarten ist
Jens Weinreich, bis Ende letzten Monats Sportchef der Berliner Zeitung, begleitet, nun als freier Journalist, den heute beginnenden Prozess in Zug gegen sechs ehemalige Manager aus der Sportrechtevermarktungsbranche, namentlich von der ISL. Die Anklage lautet auf verschiedene Delikte, die sich mit „Korruption“ zusammenfassen lassen. Weinreich (Berliner Zeitung) merkt an: „Den Prozess darf man als spektakulär bezeichnen. Die ISL (International Sports and Leisure) mit ihrer später gegründeten Holding ISMM (International Sports and Media) war ein gigantomanisches Konstrukt. ISL-Firmen unterhielten Sponsoren- und Fernsehverträge mit dem IOC, den Weltverbänden in Fußball, Leichtathletik, Schwimmen, Basketball, der Tennis-Organisation ATP, der Uefa und vielen mehr. Manche Verträge, wie etwa mit den Fußballklubs Gremio Porto Alegre oder Flamengo Rio de Janeiro, hatten Optionen bis 2028! Unter dubiosen Umständen hatte die ISL-Gruppe gemeinsam mit Leo Kirch auch milliardenschwere Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Am Ende aber stand Großmannssucht und der Konkurs, der im Frühjahr 2001 angemeldet werden musste. Es war nach dem Swissair-Crash die zweitgrößte Milliardenpleite in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Den sechs Angeklagten werden nun Veruntreuung, Betrug, Gläubigerschädigung, betrügerischer Konkurs, Urkundenfälschung und unwahre Angaben über kaufmännische Gewerbe zur Last gelegt. Ihnen drohen Zuchthausstrafen von bis zu viereinhalb Jahren.“
Welche Bedeutung könnte das Verfahren für den Weltfußball haben? Weinreich ordnet ein: „Ob die ISL-Führungscrew auch die Fifa geschädigt und der Fifa Millionen aus den WM-Fernsehverträgen mit dem brasilianischen Sender Globo vorenthalten hat, erscheint beinahe nachrangig. Sportpolitischen Sprengstoff bieten andere Details. Funktionäre aus zahlreichen olympischen Weltverbänden blicken ängstlich nach Zug. Denn der Prozess wird dokumentieren, dass in weiten Teilen des Weltsports Korruption an der Tagesordnung ist. Der Erwerb von milliardenschweren Fernseh- und Marketingrechten funktionierte nur mittels Schmiergeldzahlungen – und funktioniert womöglich immer noch so.“ Ein wenig bedauernd resümiert er:„Wie immer der Prozess ausgeht, Sportfunktionäre haben zunächst nichts zu fürchten. Denn im verhandelten Zeitraum stellte das Schweizer Strafgesetzbuch ‚private Bestechung’ nicht unter Strafe.“
Weinreich, dem Korruptionsexperten, werden die nächsten Tage und Wochen einige Knochen vorgeworfen, an denen er nagen kann. Und wir werden davon profitieren, denn mit pikanten Informationen ist zu rechnen. In seinem Blog stimmt Weinreich uns zusätzlich ein und läuft sich warm.
Felix Reidhaar (Neue Zürcher Zeitung) will die letzte Hoffnung nicht aufgeben: „Weshalb soll im Sport anders sein, was in Politik und Wirtschaft weitherum spielt, nicht nur in Ländern und auf Kontinenten mit andere Kulturen und Wertvorstellungen, auch vor der Haustür (Stichwort Siemens)? Dass es mit Ehrenhaftigkeit und Moral in männerbündlerischen Sportkomitees, zusammengesetzt aus Funktionären aus allen Herren Ländern, nicht weit her ist, weiß der interessierte Beobachter. Er darf aber hoffen, dass sich mit der Übernahme der Rechtevermarktung durch große Dachverbände in Eigenregie wenigstens hier Besserung einstellt.“
NZZ/Hintergrund: Über die Geschichte der ISL und die Rolle Horst Dasslers
Bundesliga
Die Verzweiflung des Künstlers
Beim 2:0 Leverkusens gegen Hannover fällt der Presse vor allem auf, dass Bernd Schneider abfällt / Daniel Klewer, Nürnbergs neue Nummer 1, einziger Sieger beim 0:0 gegen Hamburg
Gregor Derichs (FAZ) staunt in Leverkusen darüber, dass alle zaubern, bis auf den Zauberer: „Es war wieder eine brillante Leistung von Bayer Leverkusen. Fußball von der feinsten Sorte. Doch einige rumplige Momente gab es trotzdem inmitten der feinen Vorstellung. Und ausgerechnet der Spieler, dessen Name eigentlich für Perfektion am Ball steht, geriet bei diesen wenigen misslungenen Aktionen in den Mittelpunkt: Bernd Schneider, schon seit Wochen weit von seiner besten Form entfernt, steckt im Leistungstief. Für den Hochgeschwindigkeitsfußball ist er zurzeit einfach zu langsam. Ungewohnt viele Pässe misslingen ihm dazu, Dribblings und seine plötzlichen Richtungswechsel führen zu Ballverlusten. (…) In Leverkusen fängt das spielstarke Kollektiv seinen in die Krise geratenen ‚Schnix’ auf. Für Bundestrainer Joachim Löw ist Schneider indes für das Länderspiel in zwei Wochen gegen die Schweiz ein weiterer Problemfall – nachdem nun schon seit Monaten Torsten Frings im Mittelfeld verletzt ausfällt.“
Philipp Selldorf (SZ) stimmt ein: „Derzeit wirkt das Verhältnis zwischen Bernd Schneider und seinem Freund, dem Ball, vertrackt. Man hat den Eindruck, als wären sich die beiden im Moment ein wenig fremd. Schneider hat in Leverkusen Denkmalstatus, trotzdem scheute sich Michael Skibbe nicht, die Sache offen anzusprechen: ‚Bernd ist zurzeit sicherlich nicht so spielstark, wie wir ihn alle kennen.’ Das klingt nach einer sachlichen Bestandsaufnahme, und so hat es Skibbe auch gemeint, im Kern ist es aber eine ungeheure Aussage: Als ob dem großen Pianisten nachgesagt würde, dass er seinen einzigartigen musikalischen Ausdruck verloren habe. Tatsächlich bewegte sich Schneider über den Platz, als ob er auf der Suche nach seiner Sonate wäre. Die Verzweiflung des Künstlers war nicht zu verkennen. Schneider war fleißig, er arbeitete viel, aber mit Schwung und Rhythmus seiner jungen Mitspieler konnte er nicht mithalten.“
Selbstbewusstsein
Elisabeth Schlammerl (FAZ) bescheinigt dem Nürnberger Trainer, dass seine Rechnung mit dem Torwartwechsel aufgehe: „Gegen den HSV wirkte die Abwehr, die bis Sonntag in diesem Jahr noch in jedem Spiel ein Gegentor hatte hinnehmen müssen, jedenfalls gefestigter. Daniel Klewer strahlt jene Sicherheit, jenes Selbstbewusstsein aus, das einigen seiner Mitspieler derzeit fehlt – nach nun schon sieben Partien ohne Sieg. Dass der Abstiegskampf deutliche Spuren hinterlassen hat beim Pokalsieger, zeigten Fehlpässe, ungenaue und zu schnelle Abspiele ebenso wie die Angst des Schützen vor dem Elfmeter. Zvjezdan Misimovic hatte zuletzt alle Strafstöße verwandelt, am Sonntag aber scheiterte er an Rost.“
NZZ: Zwei, die sich verstehen – Pantelic und Raffael als Angriffsduo von Hertha Berlin erfolgreich
Montag, 10. März 2008
Am Grünen Tisch
Der Fußball würde nicht entmenschlicht werden
Pro und Contra Videobeweis und Chip im Ball
Philipp Selldorf (SZ) hält die Argumente der Gegner technischer Hilfsmittel für Schiedsrichter für an den Haaren herbeigezogen: „In Kombination mit Magnetfeldern im Strafraum und Sensoren an den Toren ist der vom Fifa-Ausrüster Adidas entwickelte Chip-Ball angeblich imstande, die elementare Frage zu klären, ob das Ding drin war oder nicht. Die Gesetzgeber der Fifa misstrauen der Effizienz dieser Technik. Die weiteren Kriterien des Gremiums lassen jedoch darauf schließen, dass sich vor allem eine konservative Furcht vor Veränderung durchgesetzt hat. Von der ‚Allgemeingültigkeit der Regeln’ ist die Rede und davon, dass das System ‚der Autorität der Schiedsrichter geschadet hätte’, wie Blatter anführte. Dieses Argument ist besonders wunderlich. Der Autorität des Schiedsrichters Osmers hat es jedenfalls nicht genutzt, als er 1994 den legendären Schuss von Thomas Helmer ins Aus zum Tor beförderte. (…) Der Fußball würde nicht dadurch entmenschlicht werden, dass man durch Technik Aufschluss darüber erhält, ob der Ball drin war oder nicht. Und er wird andererseits auch nicht dadurch humaner, dass statt der Technik nun Arbeitsplätze für zwei Torrichter eingeführt werden.“
Richard Leipold (FAZ) resigniert: „Es bleibt also dabei: Im Zweifel wird sich die Hilfe von außen für den Spielleiter auf die Wahrnehmung seiner Assistenten beschränken. Dafür mag es Gründe geben, nur sollte man es den Schiedsrichtern dann auch ersparen, Woche für Woche vor irgendwelchen Fernsehgerichten mit technischen Beweisen bloßgestellt zu werden, die sie selbst nicht verwerten dürfen.“
So wie seit hundert Jahren
Drei Ecken, ein Elfer hingegen möchte an Bewährtem festhalten: „Ist es nicht großartig, dass die Tore noch so groß sind wie eh und je? Ist nicht jedem klar, dass eine Abschaffung oder gravierende Änderung an der Abseitsregel das Spiel grundlegend ändern – ich würde meinen: zerstören – würde, und dass wir froh sein können, dass sich die Reformer in dieser Frage nie durchsetzen konnten? Im Prinzip ist es doch romantisch, dass ein gefoulter Spieler auf den Boden fallen muss um einen Freistoß zu bekommen, und dass es einen Strafstoß, wie vor hundert Jahren, nur bei einem Foul im 16er gibt, wo doch die gefährliche Zone heutzutage viel größer ist. Alle tollen High-Tech-Schuhe haben in der Geschichte des Fußballs keine Spuren hinterlassen und ich finde es großartig, dass das Geschehen auf dem Rasen – bei allem Mist, der um den Platz herum bereits passiert – so erhalten bleibt, wie es sein fast hundert Jahren bestand hat. Ich finde es gut, dass das Spiel der Amateure drei Straßen von hier das gleiche Spiel ist, wie das des Champions League Finale in Moskau. Und ich finde es gut, dass das Finale der WM in Südafrika zumindest insofern mit dem Finale 1954 in Bern vergleichbar ist, da es sich um das gleiche Spiel unter den gleichen Regeln handelt. Fußball eben. Kein Tennis und kein Cyberball.“
Bundesliga
Mario Gomez wächst aus der Bundesliga heraus
Karlsruhe steht Franck Ribéry Spalier; Stuttgart und Bremen bieten das übliche Spektakel, doch die Brüchigkeit beider Teams ist nicht zu übersehen; der Vorsprung der Bayern wächst – die Bundesliga macht den Kotau vor dem Tabellenführer, bloß der Stuttgarter Torjäger Gomez kann da noch mithalten / Mirko Slomka und auch Verlierer Michael Frontzeck können verschnaufen / Hertha weckt Optimismus – die Pressestimmen zum 23. Spieltag
Jörg Hanau (FR) kann die Tabelle lesen und setzt einen Haken unter die nächste Meisterschaft des FC Bayern, die er aber bloß als Warmlaufen versteht: „Über allem thront, wie von vielen vorausgesagt, der FC Bayern. Nach überstandenem Herbststurm machen sich in München bereits erste Frühlingsgefühle breit. Die Bayern sind durch und können sich allenfalls noch selbst vom Thron stürzen. Ob sich die Plünderung des Festgeldkontos wirklich gelohnt hat, wird aber erst die neue Saison zeigen, wenn sich die von Hitzfeld zusammengestellte Mannschaft unter Klinsmann als europäisches Spitzenteam beweisen muss. Denn nichts anderes schwebt den Bayern-Bossen vor. Der Gewinn einer weiteren deutschen Meisterschaft ist zwar gewünscht, der Sieg im DFB-Pokal und im Uefa-Cup sind ernstzunehmende Ziele. Aber über allem steht die Rückkehr auf den angestammten Platz im europäischen Fußballadel – in der Champions League.“
Mathematisches Gefühl für den Strafraum
Klaus Hoeltzenbein (SZ) hat von den Karlsruher Abwehrspielern mehr Widerstand gegen die Bayern und ihren Hauptdarsteller erwartet: „Das Mitwirken von Franck Ribéry macht jede Niederlage erträglicher. Er ist zu einer übergeordneten Autorität geworden. Sobald er aktiv beteiligt ist, tut’s nicht mehr gar so weh. Vielleicht sollten die Bayern aber, um die Zeremonie noch eindrucksvoller wirken zu lassen, den Gegnern Reiskörner oder Blumen zur Verfügung stellen, die sie in den Weg werfen können, sobald der Franzose antritt. Auch Seifenblasen könnten solch ein Solo noch einmal verschönern. Der Sieg hatte einiges von einem gelungenen Illusionstheater. Die Zuschauer zogen unter dem Eindruck ins Wochenende, etwas Großartiges erlebt zu haben.“
Anerkennend merkt Hoeltzenbein zum Toni-Tor an: „Luca Toni führte vor, dass sich auch ein Fußballstürmer wie ein Kreisläufer beim Handball drehen kann. Er wackelte so lange mit dem Hintern, bis er den lästigen Maik Franz abgeschüttelt hatte und dieser vom Boden aus zusah, wie Toni erfolgreich in die lange Ecke zielte. Toni sah nur auf den Ball, nicht aufs Ziel, er muss ein enormes, fast mathematisches Gefühl für den Strafraum haben.“
Dribbelbrecher, Brechdribbler
Christof Kneer (SZ) führt den 6:3-Sieg der Stuttgarter gegen Bremen auf die Dominanz Mario Gomez’ zurück: „Es war das spektakulärste Spiel dieser Saison, aber die Wahrheit hinter dem Spektakel war erschütternd banal. Die Wahrheit hieß Gomez. Und es waren ja nicht nur die Tore, die einem bedenklich wackelnden VfB zu Hilfe kamen. Gomez’ Spiel verlieh der Mannschaft so viel Zutrauen, dass sie gar nicht anders konnte, als sich in die alte meisterhafte Offensivform hineinzusteigern. Auf den ersten Blick sah der VfB wieder aus wie einst im Mai, auf den zweiten Blick aber war er das krasse Gegenteil. Im Mai ist der VfB deutscher Mannschaftsmeister geworden, aber so langsam wird Fußball in Stuttgart zur Individualsportart – betrieben von einem, dessen Spielweise die Liga selten erlebt hat. In dieser kolossalen Veranlagung paart sich Wucht mit Eleganz, Gomez ist ein Dribbelbrecher und ein Brechdribbler, er ist Sprengmeister und Spitzentänzer. (…) Es ist nicht mehr zu übersehen, dass hier ein Spieler gerade dabei ist, aus der Bundesliga herauszuwachsen.“
Titel außer Reichweite
Christian Kamp (FAZ) rügt die Abwehrschwäche der Bremer: „Eine Spitzenmannschaft sind die Bremer derzeit nicht. Diese Erkenntnis, die nach dem mühsamen Start in die Rückrunde allmählich gedämmert war, wurde an diesem schwarzen Samstag zur Gewissheit. Man brauchte gar nicht auf die Tabelle zu schauen, um sich zu fragen, wie eine Mannschaft Meister werden soll, die dreimal so viele Gegentore kassiert hat wie der Tabellenführer. Die neunzig Minuten auf dem Platz hatten völlig gereicht, um die Bremer Naivität zu studieren. Einen Titel zu holen – erst recht einen, der die Konstanz belohnt – scheint derzeit außerhalb der Bremer Reichweite. (…) Es war ein anderes, ein immergleiches Bild, das der am Ende berauschenden Partie ihr Gesicht gab: Ballverlust Bremen, ein blitzgescheiter Pass von Marica, Bastürk oder Magnin – Tor. Da waren sie mit einem Mal wieder zu sehen: die Leidenschaft und die Leichtigkeit des Stuttgarter Spiels aus der Meistersaison.“
Kneer scherzt: „So geht das normalerweise zu bei Jubiläumsspielen, aber nach Recherchen dieser Zeitung handelte es sich bei diesem 3:6-Spektakeldebakel um ein ernsthaftes Ligaspiel, bei dem sich beide Trainer offenbar auf eine revolutionäre Interpretation des Rotationsprinzips verständigt hatten. Thomas Schaaf und Armin Veh hatten die Abwehrreihen komplett hinausrotiert aus ihren Teams – sie hatten zwar ein paar Verteidiger aufgeboten, aber sie hatten ihnen möglicherweise untersagt zu verteidigen. So ein Spiel kann also dabei herauskommen, wenn zwei Mannschaften aufeinander treffen, deren Spiel sich von vorne definiert.“
Jobgarantie bis zum Saisonende
Beim Spiel zwischen Bielefeld und Schalke (0:2) stehen die Trainer im Mittelpunkt – Roland Zorn (FAZ) erkennt beruhigende Signale auf beiden Seiten: „Zeitenwende ‚auf’ Schalke nach zuletzt drei Bundesliga-Niederlagen: Das könnte auch für Trainer Mirko Slomka gelten, dem die Vereinsspitzen erst einmal bis zum Saisonende weiter vertrauen wollen. Rüttelte vornehmlich Präsident Josef Schnusenberg zuletzt heftig an der Autorität Slomkas, verschaffte sich der Coach mit Hilfe seines Teams durch den Sieg in Porto und die Fortsetzungsgeschichte in Bielefeld neue Sicherheit am Arbeitsplatz. Voll des guten Glaubens sind sie trotz allem inzwischen auch wieder in Bielefeld. Die Fans, noch vor vierzehn Tagen außer sich vor Wut nach der 0:2-Heimschlappe gegen die genauso schlechten Duisburger, standen diesmal hinter ihrer Mannschaft. ‚Frontzeck raus’-Rufe wurden nicht mehr laut, und auch die Vereinsspitze hat inzwischen anders als die der Schalker eindeutig Position bezogen. Sie verschaffte dem Bielefelder Trainer eine Jobgarantie bis zum Saisonende.“
Ulrich Hartmann (SZ) fügt an: „Es war das überraschendste Ergebnis des Tages, dass die beiden am meisten vom Arbeitsplatzverlust bedrohten Trainer der Bundesliga das mit diesbezüglichem Ausscheidungscharakter bewertete Duell mit der Aussicht beendeten, ihren Job bis zum Saisonende behalten zu dürfen. Dass dies auch darüber hinaus gilt, ist in beiden Fällen längst nicht sicher. Slomkas gestärkte Position erscheint trügerisch. Die jüngste Kritik des Kapitäns Marcelo Bordon am Spielsystem und das ablehnende Verhalten des Stürmers Kevin Kuranyi können durch zwei Erfolge nicht gleich wieder vergessen gemacht werden.“
Mit Plan
Nach dem 1:1 – Stefan Hermanns (Tagesspiegel am Sonntag) bewertet die Berliner Zukunft optimistischer als die Dortmunder: „Nur auf den ersten Blick bewegen sich Hertha und der BVB derzeit auf etwa gleichem Niveau. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass bei den Berlinern die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft zumindest im Keim existieren. Sie haben all das, was die Dortmunder nicht haben: ein Mittelfeld, das dem Spiel Struktur geben kann, einen Stürmer, der Bälle behaupten kann und immer gefährlich ist, vor allem aber haben sie einen Plan.“
Mit Unterhaltungswert
Daniel Theweleit (Financial Times Deutschland) kann dem Ringen um den Klassenerhalt etwas abgewinnen: „Der Abstiegskampf wird mehr und mehr zu einem Wettlauf der Stagnierenden. Die Anhänger dieser chronisch Erfolglosen mag das quälen, dem Unterhaltungswert des unteren Tabellendrittels ist diese Dramaturgie jedoch nicht abträglich. Auch die Partie Duisburg gegen Rostock enthielt alle Zutaten eines Abstiegsduells: Ärger über den Schiedsrichter, Verletzungspech, Trainer-Raus-Rufe, pfeifende Fans – und als Würze dieser Melange viel Tabellenkeller-Rhetorik.“
Samstag, 8. März 2008
Allgemein
Fußball lebt von den Torhütern, die bei den Haltbaren wach sind
Tim Wiese greift in Glasgow daneben, der Spott gehört ihm, dem Gernegroß / Bayern siegen elegant in Anderlecht / Leverkusen und Hamburg begegnen sich mit Vorsicht
Frank Hellmann (FR) lässt beim 0:2 in Glasgow Bremens Torhüter nichts durchgehen: „Wiese-Geschichte wiederholt sich: Fast auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem ihm im Champions-League-Achtelfinale bei Juventus Turin der Ball aus den Händen geglitten war, leistete sich der Schlussmann mit dem Hang zum Exhibitionismus gleich zwei Patzer, die einem Mix aus Überheblichkeit und Unkonzentriertheit geschuldet sind. Damals war es eine überflüssige Hechtrolle, diesmal ging zunächst ein an sich harmloser Fangversuch daneben. Dass der Tormann, der sich für gut genug hält, auch im Nationalteam die Bälle festzuhalten, zwei Minuten nach der Halbzeit im Stile eines Volleyballers einen weiteren Schuss von Cousin nach vorne boxte, Steven Davis die Kugel über die Linie grätschte, verschlimmerte das Unheil noch.“
Das Internet verliert nichts
Welche Folgen haben Wieses Fehler auf Joachim Löws Wertschätzung? Keine, meint Oskar Beck (Stuttgarter Zeitung): „Wieses Begabung wurde nie bezweifelt – dieses begnadete Reflexwunder auf der Torlinie. Als nicht ganz so gut gilt seine Beherrschung des Balls und des Strafraums – und seine Beherrschung im Allgemeinen. Löw gilt als einer, der eher die stilleren Torhüter mag, die beständigen, die konzentrierten, die verlässlichen – also kurz gesagt solche, die nicht nur unhaltbare Bälle halten, sondern notfalls auch noch die Klappe. (…) Seit Donnerstag verdichten sich die Gerüchte, dass da eines der größten Talente zwar die unhaltbarsten Geschosse und Elfmeter entschärft, aber die entscheidenden Spiele verliert.“
Christian Eichler (FAZ) bringt Struktur und Verstand in die Torwartdebatte: „Nie war es so leicht wie heute, als Torwart schlecht auszusehen. Spiele sind schneller geworden, Bälle flatterhafter, Trainer eher bereit, glücklose Keeper auszutauschen. Und seit der für ihn nervenschonende Job des Liberos abgeschafft wurde und er dessen Rolle mitübernahm, lebt der Torwart stets in der Gefahr, sich beim Herauslaufen gegen steile Bälle um einen Bruchteil zu verschätzen. Ein undankbarer Job. Außer an solchen Glückstagen, wie ihn Neuer in Porto erlebte. Dabei wird oft vergessen, dass die größte Anforderung an Top-Torhüter des 21. Jahrhunderts nicht die Fähigkeit ist, tolle Paraden zu zeigen oder gar ‚mal einen Unhaltbaren zu halten’, wie das im Jargon heißt; sondern die, auch nach stundenlanger Untätigkeit in der einen überraschenden Sekunde voll da zu sein. Denn Fußball feiert die, die die Unhaltbaren halten. Aber er lebt von denen, die bei den Haltbaren wach sind.“
Schaulaufen
Über den 5:0-Sieg der Bayern in Anderlecht verweist Eichler auf die günstigen Begleitumstände: „Dafür, dass ein Großer sich durch eigenes Versagen in der letzten Saison in den Uefa-Cup verirrt hat, müssen nun die Kleinen büßen. Selbst die Glücksgöttin war auf Goliaths Seite, sie bescherte den Bayern den perfekten Spielverlauf. Erst ein Glücksschuss von Hamit Altintop aus dreißig Metern, dann ein belgischer Pfostentreffer; eine dumme Gelb-Rote Karte für den Abwehrspieler Wasilewski, ein Torwartfehler von Zitka – mit Pausenpfiff war der Abend gelaufen. Doch weil der Fußball so grausam ist, auch jene, die schon nach 45 Minuten alle Viere von sich strecken, noch einmal ebenso lange zu quälen, stand Anderlecht eine schlimme zweite Halbzeit bevor. Für die Bayern wurde das Spiel ein Schaulaufen der Rekordmeister.“
Jeder Klub hat seinen Jarolim
Vorsicht ist diesmal oberstes Prinzip zwischen Leverkusen und Hamburg gewesen – Stefan Hermanns (Tagesspiegel): „Erst vor gut einem Monat standen sich beide Mannschaften im vielleicht besten Spiel (1:1) dieser Bundesligasaison gegenüber. Es gab Offensivszenen en masse und wunderbare Spielzüge von beiden Seiten. Dass es nicht wieder so schön werden würde, lag in der Natur der Sache. Die Hamburger waren in erster Linie darauf bedacht, sich eine hoffnungsvolle Ausgangsposition für das Rückspiel zu verschaffen. Leverkusen schaffte es nicht, die wohl disziplinierteste Defensive im deutschen Fußball in Verlegenheit zu bringen. Verglichen mit den mürben Darbietungen in der ersten Halbzeit erlebten die Zuschauer nach Wiederanpfiff allerdings den Ausbruch der Anarchie.“
Eine Randnotiz von Philipp Selldorf (SZ): „Neulich feierte David Jarolim ein tolles Jubiläum, vom Hamburger SV gab es dafür Blumen. Allerdings ergab es sich dann, dass eine symbolische Mullbinde samt einer Tube Schmerzsalbe das passendere Geschenk gewesen wäre. Geehrt hat man wegen seines 200. Bundesligaeinsatzes, doch die größere Wegmarke erreichte er erst im Lauf der Begegnung: Nach Buchführung des TV-Senders Premiere wurde Jarolim zum 1000. Mal gefoult. Außer David Jarolim wird kaum jemand diese Statistik für wahr halten. Die Hamletfrage ‚Foul oder nicht Foul’ hat die Schiedsrichter durch all die 200 Partien des HSV-Spielers begleitet. Oft haben sich die Spielleiter getäuscht – und auf Foul erkannt. Deshalb kam Rudi Völler kürzlich der Name Jarolim in den Sinn, als er eine kulturkritische Betrachtung über die Liga anstellte und dabei die Theatralik und das Falschspiel der Profis beklagte. Sein Fazit: ‚Aber wir müssen ehrlich sein: Jeder Klub hat seinen Jarolim.’“
leverkusen 1-0 hambourg.GekasHochgeladen von lebordeauxlais
Freitag, 7. März 2008
Champions League
Unter den besten Acht Europas hat Schalke eigentlich nichts zu suchen
Schalke zieht ins Viertelfinale ein, doch die Presse ist nicht bereit zu feiern – allein Torwart Manuel Neuer wird geküsst und geherzt; Trainer Mirko Slomka wird dazu aufgefordert, Charakter zu zeigen / Michael Ballack trifft und erhöht sein Status in Chelsea / Bernd Schuster verliert und hat schlechte Manieren
Philipp Selldorf (SZ) betont die Sonderklasse Manuel Neuers: „Nur durch die unnormale Leistung seines Torwarts hat Schalke 04 gegen einen spielerisch turmhoch überlegenen und jederzeit übermächtigen Gegner das Viertelfinale der Champions League erreicht. Alle Schalker waren gerannt, bis sie Krämpfe bekamen und buchstäblich vor Erschöpfung umfielen, doch die nötige Klasse für dieses Achtelfinale hatte nur Manuel Neuer.“ Andreas Morbach (Financial Times Deutschland) ergänzt: „Man kann so schlecht spielen wie Schalke 04 – wenn Manuel Neuer einen guten Tag erwischt, reicht es wie in Porto fürs Viertelfinale.“
Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung) gönnt ihm den Triumph: „Goalie Manuel Neuer verstand nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füßen beinahe alles zu meistern, was die Portugiesen in sein Tor zu schießen gedachten. Binnen eines halben Jahres hat er einen kuriosen und keineswegs widerstandslosen Weg hinter sich gebracht: vom mutmaßlich größten Torhütertalent des Erdballs, wie es der DFB-Direktor Sammer einmal formuliert hatte, hin zu einem Nervenbündel mit implantierter Fehlerquote. Der letzten Parade gegen Lopez ging ein beinahe unheimlicher Reflex voraus. Der hart und placiert getretene Ball wäre nach allen Gemeinplätzen des Fußballs unhaltbar gewesen.“
Woanders lesen wir Neuer-Kitsch: „Er war so genial – wie Picasso, wie Michelangelo, wie Dürer. Er war der beste Torwart, den die Welt jemals gesehen hat. Er war ein Mensch, von dem die Vögel in den Büschen flüstern. Er war perfekt, fehlerfrei, ein Genie, großartig, wunderbar. Er war ein Mensch, wie wir alle sein möchten.“
Schalker Auftreten ohne Champions-League-Reife
Ronald Reng (Berliner Zeitung) verblüfft Schalkes Viertelfinalqualifikation vollends: „Klammert man die fünf Tore in den Spielen gegen das erwiesen biedere Trondheim aus, hat sich Schalke mit einem einzigen Tor in den anderen sechs Begegnungen bis ins Viertelfinale durchgeschlagen. Das ist ein guter Indikator, was für ein Freak-Ereignis ihr Vorstoß ist, aber auch was für defensive Qualitäten und erhebliche Mängel die Elf hat. Schalkes Verteidigungssystem hatte vom Mittelfeld rückwärts Ordnung. Doch unterliefen allen Spielern bis auf Jermaine Jones und Marcelo Bordon so viele simple Fehler am Ball, dass sie sich gegen ein lebhaft kombinierendes, aber wenig durchschlagkräftiges Team der internationalen Klasse 1b immer wieder selbst in Bedrängnis brachten. Kevin Kuranyi weckte wieder einmal den Verdacht, dass er Taktik nicht versteht. (…) Und da stehen sie nun: unter den besten Acht Europas, wo sie nach Qualitätskriterien nichts zu suchen hätten.“
Thomas Klemm (FAZ) rät Josef Schnusenberg und den Schalkern Verantwortlichen, ihren Stil zu überdenken: „Selbst nach dem glücklichen Erfolg weiß niemand so recht, welche Botschaften von den ‚Königsblauen’ ausgehen: dass ein Treffer im Hinspiel und jede Menge Glück reichen können, gegen einen in allen Belangen überlegenen Gegner zu überstehen? Oder dass man einen Trainer getrost so lange kleinreden kann, bis sogar ein Zittersieg wie der große Befreiungsschlag daherkommt? Oder dass es eigentlich völlig gleichgültig ist, wie sich ein Klub nach außen hin darstellt, solange nur der sportliche Erfolg einkehrt? Den schlechtesten aller Schlüsse, die Schalke 04 nach dem sportlichen Überraschungserfolg ziehen könnte, wäre jener, dass ein Sieg alle Mittel heilige. Obwohl nun unter die besten acht Mannschaften Europas eingezogen, zeugte das Schalker Auftreten in den vergangenen Tagen beileibe nicht von Champions-League-Reife.“
Werden Sie hart nach innen!
Ingo Durstewitz (FR) wertet es als Affront Kevin Kuranyis, seinem Trainer den Handschlag zu verweigern und fordert Maßregelung: „Kuranyi, der sich noch wortreich für den Fußballlehrer stark gemacht hatte, hat die Autorität des Trainers untergraben. Das ist schlimm. Verwerflich ist es, weil er um die geschwächte Position Slomkas weiß, der von der Vereinsführung beschädigt worden war. Slomka indes hat eine Chance verpasst, sich mit einer berechtigten Bestrafung ein wenig Respekt zu verschaffen. Eine saftige Geldstrafe und eine temporäre Nichtnominierung wären nicht nur ein Denkzettel, sondern auch ein Signal gewesen. (…) Slomka wird der nette Herr Slomka genannt. Und wer noch nicht wusste, warum, der weiß es nun. Der Mann muss masochistisch veranlagt oder ein guter Christ sein, denn wer so viel Prügel bezieht, ohne auch nur einmal zurückzuschlagen, dem müssen die Wangen glühen.“
Drei Ecken, ein Elfer rät Slomka: „Bleiben Sie smart nach außen, lächeln Sie die Unverschämtheiten einfach weg! Aber werden Sie unbedingt hart nach innen! Werfen Sie Kuranyi raus! Machen Sie sich klar, dass es nicht an Ihnen liegt, wie lange Sie Trainer auf Schalke sein werden! Machen Sie sich klar, dass es auch nicht ihr Ziel sein sollte, möglichst lange irgendwie auf Schalke Trainer zu sein! Ihr Ziel sollte sein, immer die Kontrolle über die ihnen per Vertrag zugeschriebenen Kompetenzen zu haben. Wenn Ihnen das gelingt, werden Sie auch ob ihrer auf den Sport bezogenen Fähigkeiten immer einen Job haben. Bei welchem Verein auch immer.“
Schönen Gruß aus dem ewigen Torwartland
Klaus Hoeltzenbein (SZ) witzelt angesichts der englischen Stärke über Schalkes Rückbesinnung auf deutsche Tugenden: „Mode wird im Fußball in England gemacht. Der letzte Schrei ist aktuell das Arsenal des Arsène Wenger. Es entzauberte die Senioren von Titelverteidiger AC Mailand derart überwältigend, dass diese sich ihrer Niederlage nicht einmal arg schämen mussten. Führt doch das lange Zeit sehr selbstverliebte Arsenal heute im Repertoire, was lange als unvereinbar galt: filigranen Kreiselfußball und kräftigen Kick-and-rush frisch von der Insel. Kombinierbar je nach Bedarf. Was Schalke unter den letzten Acht zu suchen hat? Nicht weniger als Fenerbahce, AS Rom und Barcelona: Den Partysprenger spielen, wenn England sich trifft. Und sei es, wie in Porto, mit teutonischen Stilmitteln aus den achtziger Jahren. Erst einmal zittrig mit der Null stehen, später in die Verlängerung taumeln, Elfmeter!, Glanztat!, grenzenloser Jubel! Wer will, darf dies Traditionspflege nennen. Mit einem schönen Gruß aus dem ewigen Torwartland.“
101 great goals: Die Highlights auf Video
Armee von Einzelkämpfern
Michael Ashelm (FAZ) schreibt über die Bedeutung von Michael Ballacks Tor gegen Piräus: „Sein aktueller Beitrag hat ihm neue Standfestigkeit auf Chelseas gefährlich glattem Boden gegeben. Selbstbewusst adressierte Ballack seine Erwartungen an den wankelmütigen Trainer, dem die stete Präsenz des Deutschen und die gute Spielaufteilung mit dem englischen Platzhirschen Lampard nicht entgangen sein dürfte. Ballack stellte deutlich fest, dass er sich als wichtiges, unabkömmliches Mitglied des Führungszirkels auf dem Platz ansieht. Diesen Anspruch hat er sich in den vergangenen Monaten hart erarbeitet.“
Raphael Honigstein (Financial Times Deutschland) bezweifelt die angebliche, neue Harmonie in Chelseas Mittelfeld: „Abgesehen davon, dass die bodenlos schlechte Leistung der Griechen eine realistischere Bewertung von Chelseas Spiel nötig machte, konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die zwei Männer im Mittelfeld in Wahrheit nicht so hervorragend zusammengespielt hatten – sondern nur sehr gut nebeneinander. Grants Truppe zermürbt den Gegner nicht mehr im Kollektiv, der Israeli lässt vielmehr eine Armee von Einzelkämpfern los. In seinen besten und schlechtesten Momenten entspricht Chelseas Spiel einer Aneinanderreihung von individuellen Glanzpunkten, entscheidend ist oft nur der Grad des Widerstands.“
Chelsea/Olympiakos (3-0)Hochgeladen von O-Marseille
Mürrisch und maulfaul
Ralf Itzel (Berliner Zeitung) stört sich an Bernd Schusters schlechten Manieren, weswegen sich sein Mitleid nach dem Ausscheiden gegen Rom in Grenzen hält: „Demut hätte ihm gut zu Gesicht gestanden, nach der Arroganz der letzten Zeit. Mal überhöhte er die Leistung seiner Elf durch einen Vergleich mit dem Stil des Tennis-Ästheten Roger Federer, häufig kritisierte er die Presse, die Schiedsrichter, Kollegen. Oder er war nur mürrisch und maulfaul: Nach dem jüngsten Ligaspiel in Huelva brach er die Pressekonferenz nach dreißig Sekunden ab, weil ihm eine Frage nicht passte. Nun ist die Schadenfreude groß darüber, dass der erfolgreichste Fußballverein der Geschichte das vierte Jahr in Serie den Sprung unter die besten Acht Europas verpasste. Dabei wurden im Sommer hundert Millionen Euro in neues Personal investiert.“
Schuster wird in mehreren deutschen Zeitungen mit der selbstgerechten Aussage zitiert: „Für mich ist das keine Niederlage“, was die FR zu einer schönen Schlagzeile inspiriert: „Real existierender Schusterismus“
NZZ-Bericht Real–Roma (1:2)
Real Madrid/AS Rome (1-2)Hochgeladen von O-Marseille
Donnerstag, 6. März 2008
Champions League
Der gescheiterte Versuch, das Altern zu leugnen
Milans Niederlage gegen Arsenal wird von Teilen der Presse als vergebliche Suche nach dem Heiligen Gral geschildert und als Epochenwandel gedeutet / Fenerbahces Torhüter Volkan Demirel setzt seine lange Liste an Pechvogeleien und Heldentaten in Sevilla erfolgreich fort (taz)
Christian Eichler (FAZ) erzählt die Niederlage Milans gegen Arsenal als einen Epochenumbruch: „Jung gegen Alt, selten war dieser im Sport stets reizvolle Kontrast so deutlich wie in diesem prickelnden Europa-Gipfel. Im Hinspiel hatte der ergraute Champion seine Abdankung noch so gerade vertagt. Im Rückspiel schien Milan wie ein alter Boxer, der seine einzige Chance im schnellen K.o. sucht. Eine halbe Stunde lang wirkte er bedrohlich mit seinen alten Instinkten. Doch dann kippte die Partie. Je länger sie dauerte, je mehr der Hochtempo-Spielfluss der Londoner dominierte, je isolierter die einzigen offensiven Jungkräfte der Italiener waren, die Brasilianer Pato und Kaka, desto mehr wirkte Milan wie der Boxer, der einen Kampf zu viel hat. Der K.o. kam kurz vor dem Schlussgong. Auch viele Milan-Fans applaudierten Wengers Tempotruppe. Und viele Arsenal-Anhänger zollten Milans Kämpen ihre Anerkennung, vor allem Paolo Maldini.“
Eichlers weitere Ausführungen klingen nach der vergeblichen Suche nach dem Heiligen Gral unter der Leitung eines Nachkommens von König Artus: „Nun rächt sich, dass der Klub zwar viel Geld in sein berühmtes Milan Lab gesteckt hat, das mit modernster Wissenschaft die Leistungen älterer Kicker stärkt und verlängert, kaum aber etwas, außer den zwanzig Millionen Euro für den Teenager Pato, in den Nachwuchs. Fußball als Altenpflege, dieses Konzept hat einige Jahre funktioniert und zwei Champions-League-Siege hervorgebracht, sich nun aber überlebt. Dazu passte das chirurgisch gestraffte, aber vom Verlauf des Abends maskenhaft gewordene Gesicht des 71 Jahre alten Klub-Besitzers Silvio Berlusconi, als er die Stätte des Scheiterns verließ. Die Essenz des Abends konnte ihm nicht gefallen: der gescheiterte Versuch, das Altern zu leugnen.“
Flurin Clalüna (Neue Zürcher Zeitung) ergänzt: „Milan steht vor der Erneuerung, der Halluzination beraubt, dieses wunderbare, aber alt gewordene Team überdauere die Ewigkeit, Spielerkarrieren ließen sich beliebig verlängern. Irgendwann wurde aus Erfahrung Stillstand. (…) Kaum je zuvor hat sich Milan im eigenen Stadion so quälen lassen müssen wie von diesem Arsenal-Team, das im Durchschnitt fast sechs Jahre jünger ist. Es gab auch in der Vergangenheit demütigende Niederlagen in San Siro, jene gegen Rosenborg vor über zehn Jahren zum Beispiel. Aber das 0:2 gegen Arsenal war anders. Es beerdigte den Mythos von der in Europa unbesiegbaren AC Milan.“
Abschiedsvorstellung eines großen Teams
Wolfgang Hettfleisch (FR) erlebt die Milan-Fans melancholisch: „Als das Aus besiegelt war, tat sich Ungewöhnliches: Die Fans der Rossoneri schluckten ihre Enttäuschung runter und applaudierten. Es war gewiss keine Reaktion auf die Leistung, die Titelverteidiger AC Mailand gegen den phasenweise drückend überlegenen Sieger Arsenal geboten hatte. Eher schien es, als verneigte sich der Anhang in der Ahnung, der Abschiedsvorstellung eines großen Teams beigewohnt zu haben.“
Die normalste Sache der Welt
Matti Lieske (Berliner Zeitung) hingegen kann den gängigen Deutungen nichts abgewinnen: „Sechs Jahre Unterschied im Durchschnittsalter, das konnte ja nicht gut gehen. So jedenfalls heißt es allenthalben, nachdem der mit diversen Fußballveteranen bestückte Titelverteidiger AC Mailand im Viertelfinale der Champions League am juvenilen FC Arsenal scheiterte. Das jedoch ist eine fragwürdige Theorie. Schließlich hätte Arséne Wenger bloß Jens Lehmann ins Tor stellen brauchen, schon wäre der Unterschied gar nicht mehr so groß gewesen. Außerdem war der AC Mailand auch im Vorjahr schon alt und hechelte in Italiens Liga den Spitzenteams hinterher. Die Champions League gewann er trotzdem, und dieselben Kommentatoren, die nun fortschreitende Vergreisung als Ursache des Niedergangs beklagen, bejubelten damals die phänomenale Reife und Abgeklärtheit der Grauen Panther aus Mailand. In Wahrheit ist das frühe Ausscheiden eines Titelverteidigers inzwischen die normalste Sache der Welt.“
Große Fortschritte
An anderer Stelle widerlegt Clalüna eine prominente Expertise über Arsenal: „‚Narzisstisch’ hatte Arrigo Sacchi den Fußball-Stil Arsenals genannt – ein Produkt selbstverliebter, junger Spieler. Das war offenbar eine Fehleinschätzung. Denn diese Generation hat in einem hochstehenden Spiel bewiesen, dass sie bereits über einen Reifegrad verfügt, der ihr nicht zugetraut worden war. So erfrischend wie sie ist in San Siro schon lange kein internationaler Gegner mehr aufgetreten.“
Kevin McCarra (Guardian) fügt an: „Es mag immer noch berechtigte Detailkritik an Arsenal geben, aber wie auch immer diese Saison enden mag – sie hat dem Klub große Fortschritte an verschiedenen Stellen gebracht. Vor einem Jahr schied Arsenal gegen das mittelmäßige Team des PSV Eindhoven aus. In diesem Jahr betritt die Mannschaft das Feld der letzten Acht, mit dem Gefühl, Selbstzweifel überwunden zu haben; stattdessen wird sie in der Lage sein, ihren Konkurrenten einige knifflige Aufgaben und schwierige Fragen zu stellen.“
Tsp-Portrait Emmanuel Adebayor
Legende im Tor
Beim Sieg in Sevilla bekommen wir mit Tobias Schächter (taz) beide bekannte Seiten des Fenerbahce-Tormanns zu sehen: „Volkan war erleichtert wie noch nie in seinem an Pannen reichen Fußballerleben. Es gibt wohl kaum einen Torhüter im Weltfußball, dessen Taten ebenso regelmäßig zu Gelächter anstiften wie zu bewunderndem Applaus. Auch am Dienstag hätte sich Volkan statt auf eine Ehrenrunde auf einen Spießrutenlauf einstellen müssen, wäre Fenerbahce Istanbul ausgeschieden. Dass aber am Ende Fenerbahce als erste türkische Mannschaft überhaupt ins Viertelfinale einzog, verdankte der türkische Rekordmeister dann doch den Paraden seines Keepers.“
Zurückblickend schmunzelt Schächter: „Die Fehlgriffe und Pechvogeleien des Modellathleten sind Legende. Vor zweieinhalb Jahren trat er gegen Schalke über den Ball und ermöglichte Kevin Kuranyi ein Tor. Als er einmal nach starker Leistung und einem gewonnenen Derby gegen Galatasaray sein Trikot in die Fankurve warf, verletzte er sich dabei schwer und musste lange pausieren. Volkan kann aber auch anders, und so wird er im Sommer als Nummer 1 der türkischen Nationalmannschaft zur EM reisen.“
Auf 101 great goals gibt’s die Höhepunkte zu sehen.
FR: Der Scheich von Dubai würde gern den FC Liverpool kaufen, den zwei vermeintliche Wohltäter aus den USA erst vor einem Jahr übernahmen
NZZ: Barcelonas Bojan Krkic, noch jünger, noch besser als Messi
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