indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 24. Juni 2006

WM 2006

Überreaktionen

Zwei merkwürdige Entscheidungen: ein falscher Elfmeter und eine harte Gelbe Karte – Andreas Burkert (SZ) kommentiert die Leistung Markus Merks beim Ghana-Sieg gegen die USA: „Bislang hat es der Fußball gut gemeint mit dem Doktor Merk, der Zahnarzt gelernt hat und jetzt vom Pfeifen und von Seminaren lebt. Er ist ein renommierter Referee, und wenn die deutschen Klubs mal wieder allesamt früh den Europacup verließen, fand manch Landsmann Trost bei ihm. Denn wenigstens er war ja in großen Spielen dabei. Die Heim-WM ist auch für ihn als Höhepunkt vorgesehen gewesen, doch nun könnte das Spiel der USA gegen Ghana einen Wendepunkt bedeuten. Denn Merk hat das Finale um Gruppenplatz 2 entschieden. Mit einer Fehlentscheidung. Merk hätte niemals pfeifen dürfen in dieser 47. Minute, in der Nachspielzeit. Alle waren sich darin einig, auch Ghanas serbischer Coach Ratomir Dujkovic bestätigte dies – indem er lächelnd einen Kommentar verweigerte. (…) Die deutsche WM ist nicht Merks Turnier. Er wirkte erneut allzu sehr bemüht um Kontrolle und frühe Signale. Merks (Über-)Reaktionen verwunderten, denn er hatte zwar ein umkämpftes Spiel zu leiten. Aber sicher keinen mit der Intensität eines australischen Rugbyspiels geführten Überlebenskampf wie das 2:2 der Socceroos gegen Kroatien, in dessen Turbulenzen der Engländer Graham Poll fast zwangsläufig den Überblick verlieren musste. Gleich zu Beginn hatte Merk Ghanas Regisseur Essien Gelb gezeigt nach einem Tackling, das selbst US-Coach Arena als ’sauber‘ bezeichnet. Vielleicht hatte Essien wirklich Foul gespielt und nicht nur den Ball, aber er verdient nicht seine zweite Turnierverwarnung. Nicht so früh; ein Weltschiedsrichter mit Instinkt hätte darauf verzichtet. Essien wird nun das bisher größte Spiel seines Lebens verpassen, das Achtelfinale gegen Brasilien. Merk muss von seinem Irrtum gehört haben. Denn er versuchte nach der Pause, die USA zu bevorteilen; es wirkte manchmal plump. Und es nutzte ja auch nichts mehr, das Spiel war entschieden, jeder fühlte das. (…) 2002 in Asien versperrte im Viertelfinale zwar nicht die Hand Gottes den Weg dorthin, sondern der Arm des Deutschen Torsten Frings. Es wird die US-Spieler kaum trösten, dass vermutlich auch Merk das Finale nicht erreicht.“

of: Mir ist ohnehin ein Rätsel, warum Merk einen so guten Ruf hat. Zwar ist er nicht so schlecht, wie einige Fans, vornehmlich aus Schalke, wo er seit 2001 nicht mehr pfeift, und Hamburg behaupten. Doch er neigt gelegentlich zu Gefälligkeiten und reagiert auf Druck. Erinnert sich jemand an das Champions-League-Rückspiel Barcelona gegen Chelsea im März (1:1), als Merk Chelsea einen unsäglichen Elfmeter gewährte, nachdem Chelsea-Coach Jose Mourinho nach dem Hinspiel (1:2) laut über den Norweger Hauge wegen der Roten Karte für den Chelsea-Verteidiger del Horno getobt hatte? Das Elfmetertor in der Nachspielzeit konnte das Vorrücken Barcelonas nicht mehr verhindern; die Entscheidung wurde kritisiert, geriet aber rasch in Vergessenheit. Schon eher bleibt Merks Fehlentscheidung im Halbfinal-Rückspiel (Barcelona–Mailand 0:0) im Gedächtnis, als er Schewtschenko ein wichtiges Tor fälschlicherweise aberkannt hat. Und, Schalke-Fans, habt Ihr Holland gegen Serbien gesehen? Zweite Halbzeit, erste Aktion, Edwin van der Sar nimmt einen „Rückpaß“ Marke Ujfalusi auf, Merk läßt weiterspielen. Nebenbei, gibt es in der Bundesliga etwas verkrampfteres als ein Augenzwinkern Markus Merks in die Kamera?

Mehmet Scholl für Arme

Christian Eichler (FAZ) unterstreicht Fleiß und Disziplin als Tugenden Ghanas und befaßt sich mit den Amerikanern: „Afrikas Fußball, den Romantiker des Spiels während der Vorrunde schon wie einen Trauerfall behandelten, er lebt – dank Ghana, dank einer physisch starken, eher disziplinierten als inspirierten Mannschaft. Bei anderen afrikanischen Teams sind die Stars exzentrische Stürmer, der Kameruner Eto‘o, der Ivorer Drogba, der Togoer Adebayor. Bei Ghana war das auch so, mit Abedi Pele oder Tony Yeboah. Doch die erste WM-Qualifikation schaffte Ghana mit ganz anderen Typen, einer anderen Charakteristik. Es ist das erste Team Afrikas, in dem die Stars die Arbeiter sind, die Mittelfeldantreiber Essien und Appiah. ‚Unser Geheimnis?‘ sagte Mensah. ‚Ganz einfach: große Entschlossenheit, Hingabe und hartes Training.‘ Das klingt eher unromantisch, nicht nach Magie, und ebenso nüchtern und fast gedämpft hakten sie den Tageserfolg ab, zwar mit einem Lächeln, aber gar nicht ekstatisch afrikanisch wie aus dem Fußball-Bilderbuch. Es sind europäische Profis mit europäischer Arbeitseinstellung, und die sagt: Es ist nur ein Etappensieg. (…) USA 2006, das erwies sich als Jahrgang ohne individuell überragende Klasse, ohne einen einzigen Spieler von Weltniveau. Ein Team, das seine einzige nennenswerte Leistung eine Halbzeit lang mit neun Mann gegen Italien zeigte. Und das spielerisch angewiesen war auf die wenigen lichten Momente eines Reyna, der nicht mal in der Bundesliga sonderlich auffiel, und eines Landon Donovan, der vom ewigen Talent bei Bayer Leverkusen zum Lokalhelden der US-Liga geworden ist, zu einer Art Mehmet Scholl für Arme. Die positive Entwicklung, die mit der Austragung der WM 1994 einsetzte und mit dem Gewinn des WM-Titels der Frauen im selben Jahr, stagniert. In den Vereinigten Staaten mag Fußball der beliebteste Sport bei Kindern und Jugendlichen geworden sein. Der Durchbruch zur Weltspitze, der 2002 nahe schien, als die Amerikaner im WM-Viertelfinale stärker waren als Deutschland und nur an Kahn scheiterten, ist stehengeblieben.“

FR: Pavel Nedveds Abschied

Gruppe F

Eroberungsfußball

Australien erstreitet sich ein 2:2 gegen Kroatien, und Roland Zorn (FAZ) hüpft das Herz: „Da haben sich die Richtigen gefunden, um an einem abenteuerlichen Stück für die Weltgemeinde der Fußballromantiker zu schreiben. Dessen vorläufiger dramatischer Höhepunkt war im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion zu bewundern. Fortsetzung folgt in Kaiserslautern, wo Australien seine allererste Achtelfinalteilnahme bei einem Weltmeisterschaftsturnier feiert und dabei auf die abgebrühten, hoch eingeschätzten Italiener trifft. Kühle Köpfe gegen heiße Herzen, diese Klassikerkonstellation des Fußballs erwartet das auf mehr australischen Eroberungsfußball begierige Publikum. Die Tür dorthin öffnete sich nach der bisher aufregendsten und leidenschaftlichsten Begegnung dieser WM in Deutschland. Am Ende reichte den Australiern das 2:2 gegen die ähnlich kampfesmutigen, aber nicht ganz so wild entschlossenen Kroaten. (…) Feuriger als die Australier stürzt sich bei dieser WM niemand in die Arbeit.“

Footy

Rudolf Herrmann (NZZ) registriert die wachsende Popularität des Fußballs in Australien: „Seit dem Beginn der WM ist das Fussballfieber in Australien mit den Händen zu greifen. Das ist nicht selbstverständlich in einem Land, in dem es dem es den Fussball auf einer Grossleinwand bisher ebenso selten gab wie in Sponsoring-Konzepten bedeutender Firmen. Diese Marginalisierung erstaunt angesichts der Tatsache, dass Fussball in Australien nicht erst seit dem WM-Beginn der beliebteste Nachwuchs- und Breitensport ist. Nun brachte die Qualifikation der Nationalmannschaft zur Endrunde zusätzlich einen gewaltigen Populariätsschub, so dass die Zeiten des Aschenbrödeldaseins damit endgültig der Vergangenheit angehören dürften. Das äussert sich beispielsweise auch darin, dass der Sport mehr und mehr ‚Football‘ und nicht mehr ‚Soccer‘ genannt wird, und sogar der Volksmund zählt in nunmehr allenthalben zu den bisher allein dem Rugby vorbehaltenen kolloquialen Sammelbegriff ‚Foooty‘. Das Wirtschaftsblatt ‚Austalian Financial Reviews‘ orakelt entsprechend, der Fussball werde künftig im Sportmarkt des Landes einen deutlich grösseren Teil der Sponsorendollars beanspruchen, als er es bisher tat.“

Sauerstofflieferant

Javier Cáceres (SZ) schreibt nach dem 4:1 Brasiliens gegen Japan: „Robinho verschaffte Ronaldo Luft zum Atmen und Ronaldinho mehr Platz fürs Amüsement, ja er versorgte das ganze Team mit Sauerstoff. Weil in den Vortagen in einigen Medien über Unzufriedenheit der Etablierten mit der Taktik spekuliert wurde, werden Parallelen zu 1958 gezogen, als Brasilien mit zwei schlimmen Spielen in die WM startete und dann, auf Intervention der Veteranen, zwei junge Leute ins Spiel brachte: Pelé und Garrincha. Von Dauer ist der Personalwechsel diesmal wohl nicht.“

taz: Nach dem 4:1 gegen Japan sind die Brasilianer erleichtert, dass sie endlich wieder wie Brasilianer Fußball spielen

Deutsche Elf

Im Land der Träume

Peter Heß (FAZ) beschreibt die Stimmung Fußballdeutschlands: „Bei einer Niederlage sucht Deutschland schon am Samstag abend einen neuen Bundestrainer. Klinsmann hat seinen Rücktritt angekündigt, falls sein Team nicht mindestens das Halbfinale erreicht. Noch vor ein paar Monaten hätte die Aussicht, Klinsmann auf die Schnelle loszuwerden, bei vielen Erleichterung ausgelöst. Mittlerweile wäre eine absolute Mehrheit in Fußball-Deutschland bereit, vor dem Bundestrainer auf die Knie zu gehen, damit er seinen Vertrag auch nach einer Niederlage gegen Schweden erneuere. Aber selbst diejenigen, die Klinsmann immer noch nicht verknusen können, wünschen sich eine Verlängerung seiner Arbeit um mindestens eine Woche. Das Land der Bedenkenträger ist von einer kollektiven Fußball-Begeisterung erfaßt, von einer Welle der Gastfreundschaft und des Optimismus. Aus diesem Zustand möchte niemand unnötig früh erwachen. Ein K.o. gegen Schweden würde Deutschland nicht ins Land der Träume schicken, sondern aus dem Land der Träume zurückholen.“

Attraktion

Jens Weinreich (BLZ) blickt zurück auf die Vorrunde: „Vor dieser WM wurde viel über den so genannten Hochgeschwindigkeitsfußball räsoniert. Jenen Fußball, den man angeblich schon bei der Europameisterschaft 2004 bewundern durfte, die allerdings, wenn man sich recht erinnert, von einer perfekten Komposition neoantiker griechischer Säulenheiliger gewonnen wurde. Hochgeschwindigkeitsfußball? Davon ist nicht viel zu sehen. Vielleicht liegt es aber nur daran, dass der Interpretation des Begriffes. Es geht ja eher um Hochgeschwindigkeitspässe. Insofern ist Klinsmanns Philosophie, den Ball immer wieder steil in die Spitze zu schicken, eine sehr moderne, unabhängig davon, ob andere Teams mit weit talentierteren Spielern diese Übungen rasanter und eleganter ausführen können. Egal, interessanter als jener Fußball, den deutsche Mannschaften in den vergangenen Jahrzehnten bei WM-Turnieren geboten habe, ist er allemal. Insofern zählen die Deutschen schon zu den Attraktionen der WM, sogar im Ausland scheint sich das Bild von der deutschen Nationalmannschaft langsam zu ändern.“

Apathisch

Frank Hellmann (FR) bemerkt Oliver Kahns Enttäuschung: „Es genügt, Kahn zu beobachten, um zu ahnen, wie es in ihm aussieht: Er kommt immer als Letzter aus der Kabine, er schlurft auf den Rasen, die Torwarthandschuhe zieht er erst gar nicht an. Er wirkt apathisch. Ein paar Minuten macht der degradierte Tormann beim Kreisspiel mit, dann ist Schluss – akribische Vorarbeit für den Ernstfall ist das nicht. Timo Hildebrand erledigt in dieser Phase ein torwarttypisches Pensum. Kahn ist stets als Erster nach dem Abpfiff wieder in den Katakomben verschwunden. Während des Spiels sitzt er am rechten äußeren Rand der Ersatzspieler, er hat noch keine Ehrenrunde mitgemacht. Zugehörigkeit sieht anders aus. Kahn ist der Edel-Edel-Reservist im deutschen Kader – und es hat den Anschein, als belaste das von Tag zu Tag mehr.“

taz: Jürgen Klinsmann ist souveräner geworden
BLZ: Klinsmann erhöht den Druck auf die Spieler

FR-Portrait Bernd Schneider

NZZ: Interview mit Scout Urs Siegenthaler

Freitag, 23. Juni 2006

WM 2006

Konzeptfußball

Trotz dem 0:0 – Argentinien und Holland, besonders ihre Trainer, haben Christian Eichlers (FAZ) Herz und Kopf gestürmt: „In den letzten zwanzig Jahren ist Argentinien dem Glanz von damals nie so nahe gekommen wie heute. Gegen Holland haben sie auf diesem Weg eine kleine Pause eingelegt – und doch auch im Schongang gezeigt, welch gewaltige Aufgabe aufs deutsche Team im Viertelfinale warten könnte. Mehr noch war es eine einschüchternde Demonstration für alle, die es bei den nächsten zwei bis drei Weltmeisterschaften mit Argentinien zu tun bekommen werden. (…) Neue Spieler, neue Ideen – und neue Trainer, die in nicht mal zwei Jahren etwas aufgebaut haben, was man in der vorletzten Bundesligasaison noch als ‚Konzeptfußball‘ bejubelt hätte. Der Begriff ist zwar wieder aus der Mode, nicht aber die Idee dahinter. Denn anders als in der Bundesliga, wo Konzeptfußball hieß: hast du keine guten Spieler, brauchst du ein gutes Konzept, haben Argentinien und Holland natürlich beides. Pekerman und van Basten verfolgen eine präzise Idee von dem Spiel, das sie wollen, suchen ihre Spieler genau danach aus, und auch wenn die halbe Reserve spielt wie in Frankfurt, sieht man immer noch die Spielidee: bei den Argentiniern das Kombinationsspiel mit abrupten Tempowechseln, bei den Holländern kompakte Defensive plus Flügelspiel. Ein 0:0 ist natürlich kein Konzept für Fußball, aber wenn zwei Konzepte aufgehen, dann ist es manchmal das natürliche Resultat.“

Ulrich Hartmann (SZ) verteilt seine Gunst einseitiger: „Beim taktischen Sicherheitsfußball waren die technischen Unterschiede zwischen den filigranen Argentiniern und den rustikalen Holländern augenscheinlich. Deshalb ziehen die Holländer ihren Optimismus vor allem aus dem Umstand, dass sie ihre schwierige Gruppe ohne Niederlage überstanden haben. Zu Euphorie geben ihre Leistungen keinen Anlass. Die Holländer kämpfen, ackern, mühen sich – doch sie spielen keinen schönen Fußball.“

FR: Von Holland ist nichts zu hören – trotz Unterzahl sorgen die argentinischen Fans für die Stimmung

Verfrühter Abschied

Die Elfenbeinküste siegt gegen Serbien-Montenegro 3:2 – Elisabeth Schlammerl (FAZ) schnalzt mit der Zunge: „Kriterien für große Fußballspiele gibt es genügend. Spannung gehört dazu, hochklassige Spielszenen, schöne Tore und natürlich Tempo und Zweikämpfe. Die Partie bot zwar all dies, wird aber wegen Bedeutungslosigkeit trotzdem nicht eingehen in die WM-Historie. Die beiden Mannschaften hatten schon zuvor ihre Chancen auf ein Weiterkommen verspielt. Aber gerade weil die Partie nicht geprägt war von Taktik, sondern in erster Linie von der Leidenschaft, bot sie beste Unterhaltung.“ Andreas Burkert (SZ) fügt hinzu: „Man kann all diejenigen, die das letzte Spiel der Elfenbeinküste nicht gesehen haben, aufrichtig bedauern. Die Augenzeugen verabschiedeten die Mannschaft nach aufregenden 90 Minuten mit einem Applaus, der von tiefer Zuneigung und Begeisterung getragen war. Denn sie hatte mit der Wucht ihres athletischen und technischen Talents erneut ein Spektakel aufgeführt. Leider wiederholten sich auch ihre dramatischen Schwächen, welche die Schönheit ihres Spiels begleiten und die verantwortlich sind für den verfrühten Abschied: Unsicherheit in der Defensive und wenig Effizienz vor dem Tor. (…) Vielleicht sind die Ambitionen des dreimal brillant spielenden Teams ein bisschen zu groß gewesen.“

Gruppe D

Anfeindungen

1:2 gegen Portugal – Javier Cáceres (SZ) erforscht die Gehässigkeiten zwischen der mexikanischen Fußball-Öffentlichkeit und ihrem Trainer Ricardo La Volpe: „Es ist ein bei dieser WM wohl in dieser Form einzigartiges Spannungsfeld, das solche hysterischen Reaktionen gebiert; es nährt sich aus einem Wechselspiel aus Patriotismus, Arroganz, Machogehabe, Neid, Selbstüberschätzung und mexikanischem Hang zum Melodram. Die locker genommene WM-Qualifikation, der gute Auftritt beim Confederations Cup 2005, bei dem man Brasilien schlug, und der Umstand, dass Mexiko bei der Auslosung gesetzt wurde, hat die Ansprüche ins Unermessliche steigen lassen. Zudem werden die mit La Volpe fast schon aufs Blut verfeindeten Hugo Sanchez und Cuauhtemoc Blanco, legendärer beziehungsweise ausgebooteter Stürmer, nicht müde, kräftig Öl ins Feuer zu kippen. Immer wieder ist La Volpe wegen seiner argentinischen Herkunft Anfeindungen ausgesetzt, und La Volpe selbst ergötzt sich daran. Anders wäre nicht zu erklären, dass er sich wie die Karikatur nicht des Argentiniers, sondern seines Klischees verhält, dem nachgesagt wird, er lächle bei Blitzen in den Himmel, weil er glaube, Gott fotografiere ihn.“

„Kommet her/und seht/kommet her/und seht/dies ist doch kein Trainer/sondern eine Nutte/aus nem Cabaret.“ (Sprechchor mexikanischer Fans, gemünzt auf La Volpe)

Neuer Wettbewerb

Aus dem Siegerteam hat Thomas Klemm (FAZ) gegenteiliges zu berichten: „Mittendrin in der Weltmeisterschaft scheint innerhalb der portugiesischen Nationalmannschaft ein anderer, inoffizieller Wettbewerb begonnen zu haben: Wer findet den Trainer am tollsten, wer lobt ihn am meisten? Die Spieler bangen um Luiz Felipe Scolari, sie fürchten, er könnte seinen Vertrag nicht verlängern und ein Angebot eines europäischen Spitzenklubs annehmen. Die Seleccao ohne Scolari, das mag sich keiner vorstellen.“

Ball und Buchstabe

Lust an der Karikatur

Auszug aus seinem Buch „Deutschland, deine Lieblingsgegner“, erschienen im Eichborn-Verlag – Christian Eichler (FAZ) erläutert die Anziehungskraft von Typen und Typisierungen im Fußball: „Das ist das Eigentümliche, ja das Verrückte am Fußball der modernen Nationalmannschaften: Sosehr das Spiel sich im europäischen Vergleich der international besetzten Klubteams zum Kontroll- und Erstickungsfußball angeglichen hat, zum Spiel der Champions League, in dem nationale Unterschiede verwischen, so sehr zeigen dieselben Spieler bei Einsätzen in ihrem Nationalteam einen Fußball, dem man nationale Besonderheit, gewachsene Tradition, eigenes Profil immer noch anmerkt. Oder sagen wir ruhig: eigenen Fußballcharakter. Die Holländer, die Portugiesen, die Brasilianer, die Argentinier, die Engländer, auch die Deutschen spielen unter sich, als Vertreter ihres Landes, selbstverständlich: holländischen, portugiesischen, brasilianischen, argentinischen, englischen, deutschen Fußball. Es bleibt ein Moment kostbarer Ungleichheit. Nationalmannschaften lassen sich in ihrem Spiel nicht so automatisieren wie eine gut geölte Klubmannschaft. Dafür trainieren und praktizieren sie einfach zu selten. Sind es nicht genau die Unterschiede, die man schätzt? So wie man als Publikum in einem Film, Buch, Theaterstück unterschiedliche, ja unterscheidbare Typen will, Figuren mit Charakter, so will man das auch auf der Fußballbühne: Teams mit Charakter. Deshalb liebt man die kleinen und großen Klischees, die praktischen Vorurteile gegenüber anderen Nationen, die sich am Beispiel des Fußballs so griffig konkretisieren und zuspitzen lassen. Es ist die menschliche Lust an der Karikatur, und die ist nur für eins eine Beleidigung, für den Mangel an Humor. Der moderne Fußballfan hat ihn, diesen Humor. Deshalb versteht er mit seiner Lust am gepflegten Vorurteil verantwortlich umzugehen.“

Ein fesselndes Erlebnis

Der Economist ergründet die Faszination von Fußballweltmeisterschaften im Vergleich mit Olympischen Spielen: „Trotz dem unbezweifelbaren Prestige, das man erhält, wenn man Weltmeister wird, ist es für eine Regierung extrem schwer – falls nicht unmöglich –, einen Weltmeister zu kreieren. Wohl schafften es die Italiener in den 30er Jahren; und Argentiniens Weltmeister von 1978 erhielten reichlich Unterstützung von der militärischen Junta. Aber ein moderner Diktator, der seinen Lakaien den Auftrag gibt, ein Team zusammenzustellen das Brasilien schlagen kann, oder so spielt wie sie, würde schnell enttäuscht werden. Der Vergleich mit den Olympischen Spielen hinkt, wenn man an all die roboterähnlichen ostdeutschen Sprinter denkt, die rumänischen Turnerinnen und die chinesischen Schwimmerinnen, die von den staatlichen Programmen am laufenden Band produziert wurden. Im Gegensatz dazu braucht ein erfolgreiches Fußballteam nicht nur Athletik, sondern auch einen Funken Kreativität und Stil, die nicht von Sportplanern hergestellt werden können. Nicht einmal Doping scheint Fußballern zu helfen. Daraus resultiert, daß bei jeder Weltmeisterschaft plötzlich ein Überraschungsteam den sehr eingebildeten Favoriten schlägt. Das geschah zum Beispiel 1966, als Nordkorea Italien besiegte; dasselbe geschah 2002 mit Senegal, die den amtierenden Weltmeister Frankreich schlugen. Die Eigenschaft der Überraschung macht die Weltmeisterschaft zu solch einem fesselndem Ereignis. Und dies ist auch der Grund, warum wir bei dem endlosen Konkurrenzkampf zwischen den Olympischen Spielen und der Weltmeisterschaft um den Titel ‚Weltbester sportlicher Event‘ für die Weltmeisterschaft stimmen.“

Megamainzelmann

Benjamin Henrichs (SZ) entdeckt in Kerner und Klopp zwei rhetorische Gegenpole: „Das ZDF wünscht ja bekanntlich, dass Kerner weniger Werbung macht, also macht er jetzt eben wie entfesselt Werbung für sein altes, liebes ZDF. Man sollte ihm nicht böse sein, er kann nicht anders: Sein Deutsch ist ein Werbedeutsch, sein Lächeln ein Werbelächeln, sein journalistisches Leben ist längst ein einziger, niemals endender Werbespot geworden. Das ZDF und sein fleißigster Mitarbeiter, sie sind füreinander geschaffen: Kerner, das ist der Megamainzelmann. Fußball mit Kerner ist Fußball als Kindergeburtstag. Fußball mit Klopp ist Fußball als Orgie. Für Klopp ist Fußball immerzu geil, jedes Spiel ein Beischlaf, jedes Tor ein Orgasmus. Während Kerner der brave Junge ist, der sich rührend um seine Gäste bemüht, der schaut, dass sie immer mit Süßigkeiten und Himberwasser versorgt sind, spielt Klopp den wilden Kerl, der die Mädels ins Nachbarzimmer schleppt. Wenn Klopp sinnenfroh losröhrt, könnte man meinen, nicht Goleo, der geschlechtslose Löwe, sei das Maskottchen dieser WM, sondern Priapus, der griechische Gott der Fruchtbarkeit, der Gott mit dem allzeit gereckten Glied. Wie und wo aber soll dies alles enden? Wie kann Klopp sich noch steigern, da er doch schon in der Vorrunde ständig zum Höhepunkt gekommen ist? Als wären wir nicht die Zuschauer bei einer Weltmeisterschaft, sondern seine Jungs aus Mainz, die er immerzu heißreden muss. Damit sie nicht absteigen. Sollte Deutschland ausscheiden oder gar Weltmeister werden, bleibt Klopp nur noch ein einziger möglicher Exzess: der Tränenerguss. Weinen bis zum Abwinken. Und darum singen wir in der ZDF-Arena jetzt alle, laut und deutsch und im Chor: ‚Klopp, wir wolln dich heulen sehn!‘“

taz: Angela Merkel zeigt so viel Nähe zum Fußball wie nötig und verbiegt sich so wenig wie möglich

FAZ: Berliner Türken halten zu Deutschland

FR: Journalisten aus Entwicklungsländern erleben die WM – und ihre schwarz-rot-goldigen Gastgeber

FR: Wie wohl fühlen sich die WM-Gäste in Deutschland? Über eine Studie

Tagesspiegel: „Preiswertes Essen, kaum Taschendiebe“ – wenn nur die „ekligen Müllhaufen“ nicht wären: Wie ausländische Zeitungen Deutschland während der WM darstellen

SZ: Auch Fans aus wirtschaftsschwachen Ländern wollen nach Deutschland reisen – aber nur wenige Privilegierte können sich das leisten. Und selbst die sind nach der Weltmeisterschaft oft pleite. Die SZ spricht mit einigen von ihnen

WM 2006

Gruppe G

Einsamer Trainer

Frankreich fehle viel, am allermeisten ein guter Trainer, findet Ralf Itzel (StZ): „Wenn sie wenigstens einen starken Trainer mit klarer Linie hätten. Aber Domenech fährt einen Zickzackkurs. Nach der EM drängte er die Alten zum Rücktritt, was im Prinzip richtig war, doch ohne Eleganz passierte. Er setzte auf die Talente, und die Ergebnisse waren zwar nicht überragend, aber auch nicht schlecht. Trotzdem ruderte er zurück, stieß diesmal die Jungen vor den Kopf und reaktivierte drei Veteranen, die trotz ihm, nicht wegen ihm einwilligten. Gegen die Schweizer waren einige schlecht. Der Trainer hatte vorher gesagt: ‚Bei einer WM kann man nicht warten. Wenn einer neben sich steht, muss er beim nächsten Spiel auf die Bank.‘ Doch nichts geschah. Überraschendes fällt ihm nie ein. Oder doch: In der 90. Minute ersetzte er Zidane durch Trezeguet und verärgerte beide. Der Stürmer lächelte ironisch, als ihm der Kapitän die Binde hinhielt, und hatte dann in drei Minuten keinen Ballkontakt. Zidane blickte starr am Coach vorbei und warf sein Schweißband zu Boden. Domenech operierte vor dem Turnier mit einem 4-4-2-System, um bei der WM auf ein 4-2-3-1 zu setzen. Es fiel kein Tor. Warum stellte er nicht wieder um, obwohl einige Spieler das vorschlugen? Trezeguet forderte mehr Offensive, fragte, warum man nicht wie Brasilien auflaufen könne? ‚Wie Brasilien‘, sagte Domenech, ‚in Gelb?‘ (…) Um den Trainer wird es ist immer einsamer, keiner glaubt, dass er im Amt bestätigt wird. Außer Frankreich wird Weltmeister. Das ist immer noch möglich, rein theoretisch.“

Konservatives Land

Christian Tretbar (11 Freunde) analysiert die anhaltende Schwächephase Frankreichs: „Fußball ist in Frankreich mittlerweile zwar die Sportart Nummer eins. Doch Frankreich ist keine Fußballnation wie England, Brasilien oder Deutschland. Rugby, Petanque und vor allem Radsport waren lange beliebter. Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Fußball populärer. Entscheidend dafür war die Generation um Michel Platini. Ihre Erfolge Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre haben dem Fußball einen Schub verliehen. Höhepunkt ihrer Generation war der Gewinn der EM 1984 – im eigenen Land. Doch die Franzosen konnten sich nicht von ihren Idolen trennen. Damals wie heute. Frankreich ist nun mal im Herzen ein konservatives Land. Änderungen gibt es nur unter Zwang. So warten alle, bis die Alten abtreten. Die Folge damals wie heute: eine Krise des französischen Fußballs. 1990 und 1994 konnten sie sich nicht für die WM qualifizieren und das, obwohl sie Spieler wie Eric Cantona und Jean-Pierre Papin hervorbrachten. Marseille gewann in dieser Zeit sogar den Europapokal der Landesmeister. Aber der Neuaufbau der Nationalmannschaft dauerte lang. Erst 1998 war es so weit. Es musste im eigenen Land passieren. Getragen von der Euphorie wurde Frankreich zum ersten Mal Weltmeister. Und seither scheint es, als wiege der Stern über dem Hahn auf dem Trikot zu schwer. Die Erwartungen sind seitdem fast ins Unermessliche gestiegen. Die ‚Grande Nation‘ tut sich schwer damit, ihren Status wieder herzugeben – im Fußball nicht anders als in der Politik. Fußball wird seit dem Gewinn der ‚Multikulti-Mannschaft‘ 1998 zudem mit gesellschaftlicher Symbolik überfrachtet. Nach dem Sieg 1998 gab es drei neue Nationaltrainer, und wieder hat es keiner vermocht, einen echten Neuanfang zu wagen. Wieder warten sie, bis die alten Stars von alleine gehen. Das hat nicht nur zur Folge, dass die Jungen nicht nachrücken können, sondern auch, dass sie sich nicht mehr weiterentwickeln. Was nützt da eine gute Ausbildung? Fußball verläuft in Frankreich nie kontinuierlich, sondern immer zyklisch. Das war nach der Ära Platini so, als Frankreich direkt von einem großen Hoch in ein tiefes Loch fiel, und es ist auch jetzt beim Abschied der Ära Zidane so.“

Vertrauenskrise

Jürg Altwegg (FAZ) ergänzt: „Das Spiel der ‚Bleus‘ ist so orientierungslos wie die französische Politik, und der Fußball, der keine gesellschaftlichen Probleme löst, ist der gültige Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse geblieben. Domenech selbst verkörpert die lähmende Verfilzung von Macht und Medien. Seine Frau ist Fernsehjournalistin und hat einen bevorzugten Zugang zu den Spielern. Zusammen machen sie Nebengeschäfte. Ein früheres intimes Verhältnis von Frau Domenech mit Gregory Coupet, dem Torhüter, soll der Grund sein, daß dieser nur die Nummer zwei hinter Fabien Barthez wurde – der zudem auch die Unterstützung seiner WM-Kollegen von 1998 hatte. Die Elite des Fußballs wurde wie jene der Politik nicht erneuert und ist dem Volk fern und fremd geworden. In Stuttgart waren die französischen Fans sehr viel weniger zahlreich und auch leiser als jene aus der Schweiz. Beim Spiel gegen Südkorea war das Mißverhältnis noch bedeutend größer. Der Soziologe Christian Bromberger macht eine ‚Vertrauenskrise‘ zwischen den Fans und der Nationalmannschaft aus. Sie entspricht jener in der Politik. Die aufständischen Jugendlichen in den Vorstädten verspotten ihre einst vergötterten Idole und Hoffnungsträger. Während der Eröffnungsfeier machten die Kommentatoren des Privatsenders TF1 anzügliche Sadomaso-Witze über die Lederhosen. Inzwischen erkennt man in Deutschland eine ganz ähnliche Dynamik, wie sie 1998 Frankreich zur Weltmeisterschaft antrieb. Der historische Heimvorteil spricht diesmal für Deutschland, das nun auch Spieler mit polnischer Muttersprache und schwarzer Hautfarbe in ‚la mannschaft‘ integriert und wie Frankreich 1998 einen Kontrapunkt zur Geschichte setzt.“

taz: Erreicht Südkorea das Achtelfinale, würden die Spieler vom Militärdienst befreit

BLZ: Kapitän Johann Vogel ist der effiziente und unverzichtbare Organisator im Spiel der Schweizer Nationalmannschaft

Gruppe H

BLZ: In der Ukraine ist der Fußball mit politischen Inhalten überfrachtet, die Akteure werden mitunter zu Wahlkämpfern erhoben

FR: Englische Kampfkraft tut Spanien gut – Fußball-Profis bringen von der Insel Tugenden mit, die das Team von Aragonés soweit wie nie zuvor bei einer WM bringen sollen

WM 2006

Gruppe E

Suprematie

Felix Reidhaar (NZZ) goutiert die Leistung der Italiener beim 2:0 gegen Tschechien: „Den Italienern war in keinem Moment anzumerken, dass das Damoklesschwert von Sanktionen gegen einzelne Individualisten über ihnen lastete. Sie lieferten im Gegenteil den Beweis dafür ab, dass sie trotz momentanen Defiziten (Stürmer nicht in Form?) bereit sind für höhere Ziele. Über ihre Eignung im defensiven Sektor braucht man keine Worte zu verlieren, über die technischen Vorzüge und die fussballerische Wirtschaftlichkeit ihres Vorgehens ebenso wenig. Was herausstach, war ihre hohe Überlegenheit in den Zweikämpfen und Laufduellen, die stupende Sicherheit in der Raumaufteilung, das Positionsgefühl im flexiblen Abwehr-Kordon, und wie sie jeweils im Nu gleich mehrere Spieler um den ballführenden Gegner gruppierten und diesem keine Entfaltungsmöglichkeiten boten. Diese Suprematie liess die Tschechen zusehends verzweifeln.“

Uwe Marx (FAZ) hätte etwas mehr Offensive gutgeheißen: „Toni, del Piero, Inzaghi, Iaquinta: Beinahe jeder, der beim dreimaligen Weltmeister fürs Stürmen gut ist, fand sich erst einmal nur auf der Bank wieder. Das sah schon vor dem Anpfiff nach gutem altem Catenaccio aus. Danach auch, zeitweise zumindest. Defensive zuerst, an diesem Motto rüttelte niemand im italienischen Team. Lippis Verteidigungsbündnis war jederzeit Herr der Lage. Die unverhoffte Führung bestätigte Italien, es mit der Offensive nicht zu übertreiben. Zwar steht Lippi für die Abkehr vom schmucklosen Ergebnisfußball vergangener Tage – an diesem Tag aber war dieser Mix der angemessene: konzentrierte Verteidigung, gelegentliche Angriffe, vorzugsweise als Konter, und kraftsparende Spielweise. (…) Tschechien tat, was es konnte, aber es war offensichtlich, daß nur ein sehr glücklicher Moment geholfen hätte. Und Glück gewährte Italien an diesem Tag nicht.“ Ralf Wiegand (SZ) fühlt mit den Tschechen: „Es ist für jede Mannschaft der schlimmste Albtraum von allen, gegen knapp führende Italiener gleich zwei Tore schießen zu müssen. (…) Ein Pavel Nedved reicht nicht. Im tschechischen Kader stehen Leute vom 1. FC Nürnberg, von Hannover 96, aus St. Petersburg und Salzburg.“

FAZ: 2:1 gegen Amerika – Ghana mit Hilfe von Markus Merk im Achtelfinale

SZ: Ghanas Sieg für ganz Afrika

Deutsche Elf

Letzte Pointe

Michael Horeni (FAZ) kommentiert die Aussage Jürgen Klinsmanns, nach der ein Ausscheiden im Viertelfinale ein Mißerfolg wäre: „Die Schlagworte, die Klinsmann bisher so erfolgreich zur Motivation seiner Spieler benutzt hat, wendet er nun auch für seine eigene Rolle an: Alles oder nichts, volles Risiko, keine Kompromisse – das sind die Leitmotive, die auch schon den Weltmeister Klinsmann zu seiner aktiven Zeit ausgezeichnet haben. Mit dem Einzug ins Halbfinale hat der Bundestrainer seinen Anspruch formuliert, unter dem eine Vertragsverlängerung nicht zu haben ist – auch wenn das einig Fußball-Vaterland plötzlich auch in der Niederlage nach dem lange ungeliebten Reformer rufen sollte. Dies wäre dann die letzte Pointe im schwierigen Verhältnis zwischen Klinsmann und dem deutschen Fußball.“

McKlinsi

Ludger Schulze (SZ) durchleuchtet das Binnenklima des DFB unter Klinsmann: „Innerhalb des DFB gibt es niemanden, der sich einen vorzeitigen K.o. wünscht; aber durchaus Leute, die Klinsmann kaum eine Träne nachweinen würden. Im Präsidium ist eine Opposition um die einflussreichen Mitglieder Engelbert Nelle, Hans-Georg Moldenhauer und Rolf Hocke entstanden, denen der autokratische Führungsstil der intern spöttisch ‚die glorreichen Vier‘ genannten Crew (Klinsmann, Bierhoff, Löw, Köpke) nicht schmeckt. Auch im Umfeld der Nationalmannschaft sind bisweilen Klagen über das unterkühlte Binnenklima und die fehlende menschliche Wärme Klinsmanns zu hören, der sich stets geriert hat wie ein zur Restrukturierung der Firma DFB herbeigerufener Unternehmensberater: McKlinsi. Einen Draht zu seinem arbeitgebenden Verband hat er jedenfalls nie entwickelt. Dankbarkeit und Freundschaft kann Jürgen Klinsmann nur dann erwarten, wenn er sein Ziel erreicht und den Verband glücklich macht.“

Ein Ausscheiden im Viertelfinale wäre eine Katastrophe

Jürgen Klinsmann im Interview mit „Peter Pool“, (ein Pseudonym, mit dem die FR gegen die „Pool“-Strategie der DFB-Pressearbeit protestiert)
FR: Nach den drei Siegen zuletzt scheint die Akzeptanz in der Öffentlichkeit gegeben.
Klinsmann: Die Akzeptanz in der Öffentlichkeit kommt mit den Resultaten. Das ist das wichtigste, und dass die Leute merken, da ist eine Mannschaft, die geht an ihre Grenzen.
FR: Wird dies auch noch so sein, wenn Ihr Team ausscheidet?
Klinsmann: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich bin davon überzeugt, dass wir ins Viertelfinale kommen. Das Ausscheiden verdränge ich. Der Fußball ist so gemacht, dass alles nach Erfolg und Misserfolg bewertet wird, da habe ich kein Problem mit, das ist okay so.
FR: Theo Zwanziger hat gesagt, Sie brauchen diesen Sieg als Bestätigung für Ihre Arbeit mehr als er selbst. Er möchte, dass die Spielphilosophie durch Sie weiter getragen wird. Ist die Verantwortung gewachsen, diesen Weg weiterzuführen, auch wenn der sportliche Erfolg nicht so groß ist?
Klinsmann: Da brauchen wir uns nichts vormachen. Wir können nicht ausscheiden im Achtelfinale als Fußballdeutschland. Der Trainer wird zurecht daran gemessen. Wir sind eine Fußballnation, da ist selbst ein Ausscheiden im Viertelfinale eine Katastrophe.
FR: Also sind Sie zum Erfolg verdammt, sonst geht das ganze Konzept den Bach runter?
Klinsmann: Die Spielphilosophie, von der nicht nur ich, sondern auch viele andere überzeugt sind, hängt nicht allein von meinem Kopf ab. Wenn wir mithalten wollen, dann müssen wir bestimmte Dinge einfach tun. Dann müssen wir viel intensiver trainieren, wir müssen auf andere Dinge Wert legen, wir müssen individuell mit den Leuten arbeiten, all das, was wir vorangetrieben haben. Außerdem kommt auch ein Schuss Selbstverantwortung mit rein. Wir versuchen seit zwei Jahren den Spielern zu sagen: Freund, nimm deine Karriere in die eigenen Hände und warte nicht, bis ein Trainer vorbei kommt und sagt, mache mal zehn Sprints! Ich löse mich davon zu sagen, das liegt nur am Cheftrainer. In Holland bestellen sie den Trainer nach der Philosophie. So muss es sein.
FR: Hat die Zeit bisher gereicht, um diesen Paradigmenwechsel bereits durchzusetzen? Die Mannschaft ist ja noch jung und wird in Zukunft wohl noch stärker sein.
Klinsmann: Das ist schwer zu sagen, die jungen Spieler sicher. Aber wo wird die Generation der 30-Jährigen in vier Jahren sein? Ich bin davon überzeugt, dass da was nachkommt auch durch die Arbeit von Dieter Eilts bei der U 21. Die Philosophie fußt auf einer langfristigen Konstellation.
FR: Glauben Sie, dass es Leute gibt, die das fortsetzen können mit der Power?
Klinsmann: Die gäbe es allemal. Joachim Löw könnte den neuen Weg ohne Probleme fortsetzen. Oliver Bierhoff kennt ihn auch. Es gibt genügend Leute, die sagen, das ist der richtige Weg. Die Zukunft wäre aber in jedem Fall leichter mit einem großen Erfolg.
FR: Sie haben sich nicht nur Freunde gemacht mit vielen Neuerungen beim DFB. Es war eine schwere Zeit, erst einmal alles durchzupauken.
Klinsmann: Aber sie war es wert. Wenn ein Spieler zu mir kommt und sagt, das hat mich echt nach vorn gebracht, dann gibt es kein schöneres Kompliment, ob das nun ein älterer oder ein jüngerer Spieler ist. Ob das nun Jens Nowotny ist oder Basti Schweinsteiger, spielt keine Rolle. Das ist eine schöne Bestätigung.
FR: Berührt es Sie, dass der Sportdirektor Ihrer Wahl, Bernhard Peters, in die Regionalliga nach Hoffenheim gegangen ist?
Klinsmann: Wenn, dann positiv. Ich habe noch lange mit ihm telefoniert. Ich habe ihm gesagt, Bernhard, ich halte das für eine faszinierende Möglichkeit. Dietmar Hopp hat strategisches Denken in seinem Business und Peters im Sport, da kann man viel bewegen. Das heißt aber nicht, dass man ihn nicht noch als externen Berater an den DFB binden könnte, wenn es die Konstellation zulässt. Diese Variante ist nach wie vor gegeben, aber das wird sich erst nach der WM zeigen, wie Oliver Bierhoff die Sache anpackt und wie die Kommunikation mit Matthias Sammer verläuft.
FR: Wann würden Sie sagen, es war eine erfolgreiche WM?
Klinsmann: 9. Juli – nach dem Spiel.

Die FAZ, die fast den gleichen Wortlaut druckt, läßt Klinsmann noch sagen: „Es ist mir schon lieber, daß die Leute positiv gestimmt sind, anstatt meinen Wohnsitz zu diskutieren. (…) Natürlich leuchten mir bei einem Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste die Augen – aber hier ist jede Mannschaft schlagbar. Auch Argentinien ist schlagbar. Wir waren zweimal nahe dran gegen Argentinien. In Düsseldorf haben wir den Sieg dumm hergeschenkt, da haben wir gepennt bei dem langen Ball auf Crespo, wo er dann den Lupfer macht. Das ärgert mich heute noch. Für mich ist die WM erfolgreich, wenn wir Weltmeister werden.“

SZ: Deutschlands makellose Vorrunde, doch was kommt jetzt?

SZ: Seeler, Müller, Völler, Klinsmann: Miroslav Klose ist auf dem besten Weg, Geschichte zu schreiben – doch ihm fehlt ein kongenialer Angriffspartner

Zeit: Lange hat Lukas Podolski von seiner Spontanität profitiert – zuletzt musste man sich genau deshalb Sorgen um ihn machen

SZ: Jens Lehmann ist trotz Unterbeschäftigung hochzufrieden mit dem Turnier-Verlauf

FAZ: Nach dem Klinsmann-Vorbild – TSG Hoffenheim verpflichtet Ralf Rangnick und Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters

Journeyman

Soll Schweden den Stürmer Marcus Allbäck wieder einsetzen, der im England-Spiel den Star Zlatan Ibrahimovic erfolgreich vertreten hat? Ronald Reng (SZ) holt weit aus: „Eine WM erlaubt sich gerne den Spaß, gewöhnliche Profis für ein paar Tage die Größten sein zu lassen. Der heute beim VfB Stuttgart untergekommene Däne Jon Dahl Tomasson etwa gilt unter Fans seines ehemaligen Klubs Newcastle United noch heute als der schlechteste Fußballer, der geboren wurde, aber bei der WM 2002 spielte er so auffällig, dass ihn der große AC Mailand anstellte. Dutzende solcher Beispiele ließen sich finden. Der Aufstieg der Gewöhnlichen zu Tagesgöttern ist auch möglich, weil das Niveau einer WM gerade in der Vorrunde unter dem der Spitzenklubs liegt. Und natürlich, weil die Form eines Fußballers unergründliche Wege geht. Jeder ordentliche Profi spielt in seiner Karriere mal ein paar Wochen unwiderstehlich – wenn er Glück hat, sind gerade WM-Wochen. Nun wird ernsthaft diskutiert, ob Allbäck auch gegen Deutschland anstatt des nach einer Leistenzerrung zurückkommenden Ibrahimovic stürmen sollte. Er jedoch hat immer gesagt: ‚Wenn Zlatan und Henrik Larsson fit sind, müssen sie spielen, kein Zweifel.‘ Die englische Fußballsprache hat ein Wort für Spieler wie ihn: journeymen. Es trägt eine bittere Bedeutung: Tagelöhner. (…) Es ist leicht zu erkennen, warum viele in ihm einen Klassestürmer sehen und warum er so oft die Erwartungen nicht erfüllt. Er bewegt sich geschickt, er ist durchschlagend kräftig, so erobert er sich immer wieder beste Schusspositionen. Aber wenn er dann schießt, trifft er zu oft den Ball nicht ganz richtig, zielt er nicht ganz genau.“

SZ: Schweden bereitet sich auf die Deutschen vor – in Bemen, einer Stadt, an der die WM vorbeischwappt

Donnerstag, 22. Juni 2006

WM 2006

Beschleuniger

Christian Eichler (FAZ) schildert das Alleinstellungsmerkmal Juan Riquelmes, des argentinischen Spielmachers: „Riquelme gilt vielen als zu langsam. Tatsächlich könnte die Schwäche der Argentinier in ihrer Abhängigkeit von ihrem Spielmacher liegen, der pro Spiel im Schnitt über hundert Ballkontakte hat, mehr als jeder andere bei der WM. Jorge Valdano, der Weltmeister von 1986, hat einen Freund, der Riquelme das ‚Zollhäuschen‘ nenne – weil der Ball bei ihm immer haltmachen müsse. So paßte er nicht ins System des direkten Spiels und hohen Balltempos, das man beim FC Barcelona pflegt. Dort ließ ihn Trainer Louis van Gaal, der den Argentinier nicht wollte, auf dem Flügel versauern. Er ist kein Treiber des Balles, eher ein Schlepper – der aber dann, aus der scheinbaren Schläfrigkeit, die seinen Bewegungen und seinen melancholischen Augen innewohnt, den überraschenden Tempowechsel holt. Denn nicht Schnelligkeit ist das wirklich Entscheidende im Offensivspiel, sondern ‚Beschleunigung‘, wie Aime Jacquet sagt – und wie er es bei der heutigen französischen Equipe vermißt. Die Kunst des Tempowechsels versetzt Gegner oft mehr in Stress als das regelmäßige, berechenbare Tempo, das Teams wie Deutschland und England anstreben. ‚Unberechenbar‘ will Trainer Pekerman denn auch vor allem sein mit seiner Mannschaft. Er ist damit ein Bruder im Geiste von Jose Mourinho. Der predigt den Rhythmuswechsel, ein Spiel namens ‚press and rest‘: jagen und ruhen. Hat der Gegner den Ball, sind seine Spieler rastlos: Druck ausüben auf dem ganzen Platz, Ball gewinnen. Haben sie ihn, sollen sie die Wahl treffen: schnell attackieren – oder, häufiger, am Ball ausruhen, warten, bis der Jäger ruhig und das Opfer reif ist. Es ist das, was auch Argentinien vorführt: Man muß das Tempo nicht hoch halten, aber man muß es bestimmen. Es ist das Gegenteil der Hetzjagd, es ist die lauernde Art der Raubkatze: Ruhe haben, warten können, zupacken. Argentiniens Trainer fügt einen Satz an, mit dem schon ein anderer Meister der Verschleierung und Verschleppung, der Ruhe und des Rhythmuswechsels Weltmeister wurde, nachdem auch er alles um den einen Spielmacher herumbaute, nämlich Sepp Herberger: ‚Es ist der Ball, der laufen sollte, nicht der Spieler.‘“

taz: Warum bei der WM das angekündigte Hochgeschwindigkeits-Fußballspektakel ausbleiben könnte

SZ-Portrait Edwin van der Sar

Gruppe D

Leidenschaftlichen Jünglinge und abgeklärte Liebhaber

Thomas Klemm (FAZ) schenkt den Portugiesen und Mexikanern (2:1) Beifall: „Fast schien es, als hätten beide Mannschaften vor dem Spiel einen Pakt geschlossen, daß sie ihren Fans ein Schauspiel des Sturm und Drang bieten wollen. Die Mexikaner, die von Beginn an unbedingt den fehlenden Punkt zur gesicherten Achtelfinalteilnahme erkämpfen wollten, übernahmen die Rolle der leidenschaftlichen Jünglinge, die offensiv um ein Tor buhlten; die Portugiesen spielten wie abgeklärte Liebhaber der schönen Fußballkunst.“

Scheu vor dem Ausland

Frank Heike (FAZ) macht Bequemlichkeit als Grenze Mexikos aus: „Vereinsstrukturen nach europäischem Vorbild kennt man in Mexiko nicht. Der mexikanische Fußball gleicht in seiner Struktur eher den amerikanischen Unternehmen in den vier großen Sportarten Basketball, Football, Baseball und Eishockey. Geld verdienen kann man mit dem Fußball in Mexiko kaum, es ist eher eine Art von Öffentlichkeitsarbeit. Bis zu 15 Millionen Dollar pro Serie soll mancher Unternehmer in sein Spielzeug stecken. Auf diese für europäisches Verständnis ungewöhnliche Weise hat sich eine für die Profis höchst lukrative Liga herausgebildet. Bis zu 150.000 Dollar sollen die Spitzenverdiener im Monat einnehmen. So ist Mexiko eine Anlaufstation für Profis des ganzen Kontinents geworden. Befeuert wird das rasante Wachstum vom mexikanischen Wirtschaftswunder: seit das Freihandelsabkommen mit Amerika und Kanada vor zwölf Jahren in Kraft getreten ist, hat sich Mexiko zur zehntgrößten Volkswirtschaft und siebtgrößten Exportnation entwickelt und Brasilien als größte Wirtschaftsmacht der Region abgelöst. Kritiker des mexikanischen Fußballs prangern eine im gleichen Maß gestiegene Saturiertheit der in der Heimat verwöhnten Nationalspieler an. (…) Die Scheu der Mexikaner vor dem Ausland scheint aber auch eine nationale Eigenart zu sein.“

Ball und Buchstabe

Schalt-Büttel

Markus Völker (taz) kritisiert den DFB für die Live-Schaltung nach Kabul: „Die Idee mit der Schalte sei von der Presseabteilung gekommen, hieß es, aber warum, muss man sich fragen, macht sie es sich zur Aufgabe, den Ball in ein Militärlager zu kicken, wo sie doch sonst stets betont, dass Sport und Politik nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun haben? Wird es weitere Sidekicks in den Kongo geben, zum Horn von Afrika, moderiert vom DFB? Macht sich die ARD weiterhin zum Schalt-Büttel des Verbandes? Und: Warum hätten es nicht ein paar deutsche Zivildienstleistende getan? Davon gibt es auch einige im Auslandseinsatz, man glaubt es kaum.“

FR: Drohungen gegen einen kritischen togoischen Journalisten

FR: Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, gibt Fehler seiner Organisation in der Patriotismus-Debatte zu

taz-Interview mit Gregor Gysi über Patriotismus, die Nationalhymne und sein Verhältnis zur deutschen Nationalmannschaft

FR: Ist Schwarz-Rot-Gold Pop? Eine Stilkritik am Patriotismus

taz: über das gewandelte Deutschland-Bild in England

FAZ: Jürgen Klopp, Sieger der WM

FAZ: Wer wird Weltmeister? Eine Prognose

FAZ: Wie Vereine sich und ihre Spieler versichern

SZ: Obdachlose und die WM

Mainstream

Axel Kintzinger (FTD) stöhnt über Deutsche in Brasilien-Trikots: „Die Liebe zum größten südamerikanischen Land basiert nicht auf einer humboldtschen Suche nach Erkenntnisgewinn, nicht einmal auf Sympathie für die den Brasilianern unterstellte Lebenslust, sondern viel mehr auf dem Wunsch nach Teilhabe an einem Image, das selbst durch die mittelmäßigen Auftritte der Mannschaft nicht zu erschüttern ist. Sie ist Ausdruck einer Mainstream-Kultur, die einen verzweifeln lässt und die wir in diesem Sommer bald wieder erleben werden: wenn die Rolling Stones durchs Land touren. Komplett austauschbar. Da verwundert es nicht, dass die Bekenntnis-Brasilianer zur Fankultur auch nichts beitragen. Mehr als ‚Brasil, Brasil!‘-Sprechchöre ist von ihnen nicht zu hören. Der deutsche Brasilien-Anhänger hat meistens keine Ahnung von Fußball. Fachfremderes Publikum als bei den Spielen der Seleção ist in den Stadien dieser WM schwer zu finden. Keinen Schimmer, aber ein großes Herz: Der Germano-Brasilianer hat alle lieb und freut sich über jeden Gast zu jeder Zeit und unabhängig von jedem Spielverlauf. Mit Ausnahme vielleicht der Engländer. Die – voll konzentriert auf Ball, Bier und Bordelle – entziehen sich dem One-World-Geschwurbel und verdienen sich damit einen Sympathiepunkt, den einzigen. Die Gutmenschen in Gelb hingegen entpuppen sich als komplette Quälgeister. Ungelenk hampeln sie zu allem, was sie für den Klang einer Sambatrommel halten. Infantil verwandeln sie alles zum großen Kindergeburtstag. Da hilft nur eins: Brasilien muss raus. Fußballerisch wäre es schade, aber fürs Gelingen dieser WM sei der Wunsch erlaubt. Brasil, go home!“

WM 2006

Gruppe H

Klischees

Andreas Rüttenauer (taz) nennt die zwei Mannschaften, über die wir am wenigsten erfahren: „Saudi-Arabien spielt regelmäßig bei Weltmeisterschaften mit. Die Spieler bleiben dennoch unbekannte Männer, über die auch Fußballexperten hierzulande kaum etwas wissen. Deshalb landen die Scheichs in ihren wallenden Gewändern, die den Fußball nach Saudi-Arabien importiert haben, oft im Mittelpunkt der Berichterstattung, obwohl auch über sie so gut wie nichts bekannt ist. Wüste, Scheichs und Öl sind die Begriffe, die wohl am häufigsten verwendet werden, wenn über Fußball auf der arabischen Halbinsel gesprochen wird. Aber auch über die Ukraine, den Gegner der Saudis, waren vor dem Anpfiff in Hamburg beinahe nur klischeehafte Geschichten im Umlauf. Über die typisch osteuropäische Korruption im Verband wurde geschrieben, über den Trainer Oleg Blochin als postsowjetischen Betonkopf, über den unerklärlichen Reichtum von Funktionären in einem armen Land, über die märchenhaft hohe Weltmeister-Prämie von angeblich 28 Millionen Euro und über eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich vor allem im Schließen von Türen äußert. Und dann gab es noch ein Gerücht. Es soll gesoffen worden sein nach der Niederlage gegen Spanien. Typisch!“

WM 2006

Gruppe B

Nervensägen

Ronald Reng (BLZ) betont die Heterogenität der Schweden: „Schweden hat bei dieser WM bislang schlechte Haltungsnoten bekommen. Ihr Spiel ist steril, für Kreativität muss eine Vermisstenanzeige aufgegeben werden. Das 2:2 gegen England lieferte das bislang beste Röntgenbild dieses schwedischen Teams. Sie zeigten alles. Ihre Schwächen, etwa die Schwierigkeit, den Ball ruhig zu passen, oder die Lücken auf der rechten Abwehrseite. Ihre Stärken, die Aggressivität, das Pressing und die gefährlichen Eckbälle. Es ist eine Elf ohne Komplexe, die Experten sollen gerne über ihre Biederkeit lästern, sie, die Spieler, wissen sehr gut, wer sie sind und was sie können. Sie sind immer noch Nervensägen. Viel ist geschrieben worden über ihren neuen Glamour, eine Angriffsreihe von Weltniveau mit Zlatan Ibrahimovic und Henrik Larsson. Doch stilprägend für Schweden sind noch immer die anderen, Kim Källström von Olympique Lyon und Tobias Linderoth vom FC Kopenhagen im zentralen Mittelfeld, mit ihrer Energie, ihrer Kondition, ihrer taktischen Disziplin.“

Roland Zorn (FAZ) fügt hinzu: „Die Schweden, seit zwölf Begegnungen ohne Niederlage, haben genug zu bieten, um auch dem Turnier-Gastgeber gefährlich werden zu können: eine in sich gefestigte, aber in Eins-gegen-eins-Situationen anfällige Abwehr; ein stabiles, aber selten inspiriertes Mittelfeld; und ein paar individuell glänzende, kollektiv aber nicht immer leicht zu integrierende Stars im Angriff. Und dann diese Standardsituationen: Kaum eine Mannschaft versteht es bei diesem Turnier so gut wie die Schweden, Eckbälle zu Waffen zu machen. Die englischen Recken Ferdinand und Terry gerieten in diesen nach der Pause zahlreichen Momenten geradezu in Panik. Schließlich vertraut Schweden einer ebenso herausragenden Fitness wie die Deutschen und darüber hinaus seinen Endspurtqualiäten.“

Ungeschlacht

Bernd Müllender (taz) geht mit den Schweden härter ins Gericht: „Viele Aktionen der Schweden waren wenig Achtelfinal-würdig. Ungeschlacht das schwedische Aufbauspiel, ohne Kreativität und Finesse. Mittelfeldspieler Christian Wilhelmsson steht, optisch jedenfalls, stellvertretend für diese Spielweise: Sein langes dünnes Zöpfchen war höchstens vor 15 oder 20 Jahren aktuell. Entsprechend das schwedische Aufbauspiel: aggressiv zwar, aber ohne Ballstafetten, schnell, weit und hoch nach vorne, um das Mittelfeld bloß schnell zu überbrücken. Freddie Ljungberg und Henrik Larsson, die wirbeligen Angreifer, können einem Leid tun: Sie haben in diesem Team kaum fähige Mitspieler.“

FR: Warum die Schweden so schwer zu schlagen sind

SZ: Die Schweden überschätzen ihre Fußballer, Journalisten werden zu Fans und Politiker zu Reportern, über Deutschland schreibt man im Kriegsvokabular

Systembedingte Schwäche

Michael Wulzinger (Spiegel) geht dem Unterschied zwischen der englischen Nationalmannschaft und der englischen Liga auf den Grund: „Trotz ihrer großen Namen bolzten sie so uninspiriert wie in jenen Tagen, als auf der Insel kontinentale Einflüsse im Fußball noch als Bedrohung ureigener Werte verteufelt wurden. Es ist so etwas wie der Fluch der Premier League. Einerseits suggeriert das Spektakel, das den Fans auf der Insel Woche für Woche geboten wird, dass sie im fußballerischen Schlaraffenland leben. Andererseits hat der milliardenschwere Glamourbetrieb einen Verdrängungswettbewerb um die begehrten Arbeitsplätze bei den Vereinen in Gang gesetzt, der weltweit einmalig ist. (…) Es erstaunt nur bedingt, dass englische Starkicker wie Frank Lampard vom FC Chelsea oder Steven Gerrard vom FC Liverpool, die in der Premier League verlässlich auf Hochtouren laufen, im Nationalteam nur selten ihr Niveau erreichen. Ihr Leistungsabfall ist systembedingt. So muss der schussgewaltige Gerrard genauso wie Lampard bei Länderspielen im Mittelfeld Defensivaufgaben erledigen, die ihm im Club ein Stratege wie der Spanier Xabi Alonso – auf dieser Position bei der WM einer der überragenden Spieler – selbstverständlich abnimmt.“

Raphael Honigstein (SZ) weiß nicht, was er von dem 2:2 gegen Schweden, insbesondere der zweiten Halbzeit der Engländer, halten soll: „Kapitän Beckham, der anfangs mit ein paar feinen Pässen gefallen hatte, verwandelte sich in einen ausgesprochenen Passivposten an der rechten Außenbahn. Er war so neben der Spur, dass man gar nicht wusste, ob er überhaupt noch mitspielte. Dass dann auch noch die sonst so verlässlichen Innenverteidiger patzten, machte den Abend vollends befremdlich. Es war der beste und der schlechteste Auftritt der Engländer innerhalb eines einzigen Spiels. Auf wen oder was kann man sich in dieser Mannschaft überhaupt noch verlassen?“

FR: Publikumsliebling Trinidad und Tobago

WM 2006

Gruppe E

Verschleißerscheinungen

Die Schläge des Moggi-Skandals – Dirk Schümer (FAZ) zählt Italien an: „Weil Juventus Turin und der AC Mailand den Kern der italienischen Nationalmannschaft bilden, schlagen die Ermittlungen hohe Wellen bis ins Duisburger Quartier. Wie können die Spieler jetzt höchste Konzentration und Enthusiasmus aufbringen, anstatt sich um ihre berufliche Zukunft zu sorgen und zu kümmern? Erste Verschleißerscheinungen sind nicht zu übersehen: Während Luca Toni in der Serie A bei Florenz zu Europas erfolgreichstem Stürmer reifte, hat er bei der WM noch Ladehemmung, was mit seiner unsicheren Situation zu tun haben könnte. Doch die Tifosi wären nicht die listigen und begeisterungsfähigen Mittelmeeranrainer, als die sie alle Welt kennt, würden sie nicht auch jetzt das Beste in der katastrophalen Situation sehen: Die Fußballmillionäre aus Mailand, Turin und Florenz haben endlich einen wirklich guten Grund, ihre Qualitäten vor den Augen möglicher neuer Arbeitgeber vorzuführen und möglichst nicht mehr durch brutale Tätlichkeiten wie den Ellenbogenstoß Daniele De Rossis gegen die Amerikaner die Karriere zu ruinieren.“

FR-Portrait Gianluigi Buffon

Kleine Könige

Ralf Weitbrecht (FAZ) blickt gespannt auf Tschechiens Trainer: „Verrückte Tschechen: Erst glückt ihnen ein brillantes Auftaktspiel bei diesen Festspielwochen des Weltfußballs, und sie werden nach dem 3:0 gegen die vorab hochgeschätzten Amerikaner mit Lob überschüttet. Dann plötzlich scheint ihnen nichts mehr zu gelingen, und sie werden von grandiosen Ghanaern 2:0 düpiert. Der äußerlich ruhig wirkende Schachliebhaber Karel Brückner steht vor seiner vielleicht größten Herausforderung. Jetzt muß er die richtigen Züge machen und seine Bauern, Läufer und Pferde, die in Wirklichkeit alles kleine Könige sind, strategisch einsetzen. Der Auftrag ist so einfach wie kompliziert: Die goldene Generation soll noch lange nicht schachmatt gehen.“

FR-Portrait Petr Cech

Lobby

Jörg Marwedel (SZ) notiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Trainer: „Arena und Klinsmann sind Freunde geworden. Der Amerikaner nennt den deutschen Bundestrainer mit Wohnsitz in Kalifornien sogar einen ‚brillanten Menschen‘, der ‚eine andere Perspektive‘ in den Fußball gebracht habe. Dass diese Perspektive sich weitgehend mit seiner eigenen deckt, ja zum Teil von ihm übernommen ist, verschweigt er ebenso taktvoll wie die Vermutung, dass Klinsmann neben dem Heimvorteil der deutschen Elf wohl auch über die besseren Spieler verfügen kann. Dafür genießt Arena einen anderen Vorteil: Er verfügt in Amerika über eine Lobby, wie sie der unbequeme Klinsmann wohl selbst nach dem Gewinn des WM-Titels dauerhaft niemals hätte. Arena wird deshalb höchstwahrscheinlich weitermachen, selbst wenn das Team nach der Vorrunde ausscheidet. Zu groß ist sein Ansehen bei den Vertretern der heimischen Major League Soccer, zu deren einflussreichen Managern der große Kommunikator glänzende Kontakte pflegt. Und neulich hat sich sogar US-Präsident und Baseball-Fan George W. Bush live in die Mannschaftssitzung schalten lassen, um mitzuteilen: ‚Das ganze Land steht hinter euch.‘ Das war bestimmt mächtig übertrieben. Eine viel größere Bestätigung für den Chef der nur viertwichtigsten Sportart der USA gibt es dennoch kaum.“

taz: Für Soccer ist gegen Bush – warum Fußballfans in den USA oft linksliberale Kosmopoliten und Blumenkinder-Kinder sind

SZ: Michael Essien herrscht absolutistisch über das Spiel Ghanas

Gruppe F

FAZ: Australien vor dem entscheidenden Spiel gegen Japan

SZ: Kroatische Australier treffen auf australische Kroaten

FAZ: Konkurrenzkampf bei den Brasilianern

BLZ: Die fabelhafte Aushilfe – Robinho als Zwanzig-Minuten-Junge

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