Mittwoch, 19. April 2006
Bundesliga
Zwangshandlung
Peter Stolterfoht (StZ) deutet die Vertragsverlängerung mit Armin Veh als Eingeständnis der Stuttgarter Vereinsführung: „Damit gesteht die Führungsriege um Erwin Staudt auch Fehler ein, die vor dieser Saison gemacht wurden. Das Bekenntnis zu Veh heißt übersetzt: Viel mehr als die mit ihm errungenen drei Siege in zehn Spielen war nicht drin. Zum einen, weil der Kader falsch zusammengestellt ist; zum anderen, weil die Mannschaft konditionelle Defizite aufweist. Dafür ist Giovanni Trapattoni verantwortlich – und eine Chefetage, die den Italiener zum Trainer bestellt hat und diesen frei schalten und walten ließ. Aus dieser Vorgeschichte hat der Klub die richtigen Konsequenzen gezogen.“ Oliver Trust (FAZ) schüttet Wasser in Vehs Wein: „Veh steht als Sieger da, der allerdings sicher sein kann, daß seine Kritiker im Verein keine Ruhe geben werden. Er muß die schwierige Aufgabe erfüllen, die vielen Baustellen in seinem Kader zu schließen. Was bleibt, ist freilich auch der Eindruck, die Vertragsverlängerung mit Veh könnte auch eine Art Zwangshandlung gewesen sein.“
Bild berichtet, daß Oliver Kahn trotz Veilchen wieder trainiere und im Training „wie ein Weltmeister“ gehalten habe. Kann Klinsmann jetzt noch an ihm vorbei? Außerdem in Bild: der Intellektuellenstreit zwischen Günter Grass („Die Blechtrommel“, „Kopfgeburten“) und Karl-Heinz Rummenigge („Tips und Tricks“, „So wurden wir Europameister“).
Dienstag, 18. April 2006
Internationaler Fußball
Trostpreis
Keine Freude in Lyon, trotz Rekord – Christian Eichler (FAZ): „Fünf Meistertitel nacheinander – mit dieser Serie hat Lyon Aufnahme in einem exklusiven Klub gefunden, der in den fünf großen Ligen Europas bisher nur drei Mitglieder hatte: Juventus Turin, das von 1931 bis 1935 gewann, den AC Turin, der das von 1943 bis 1949 schaffte (mit zwei Jahren kriegsbedingter Unterbrechung), und Real Madrid, das Spaniens Meisterschaft gleich zweimal im Fünferpack holte: von 1961 bis 1965 und 1986 bis 1990. Dagegen hat weder in Deutschland noch in England jemals eine Mannschaft mehr als drei Meisterschaften nacheinander gewonnen. Für Lyon ist es ein Trostpreis. Vom noch vor zwei Wochen greifbar scheinenden ‚triple‘ ist nur der Meistertitel übrig, und den gewinnt Olympique aufgrund seiner finanziellen und professionellen Überlegenheit in Frankreich fast schon aus Routine.“
NZZ: Der Konkurrenz entrückt – Olympique Lyonnais gewinnt fünften Meistertitel in Folge
BLZ: Der FC Sunderland jagt den Negativrekord in der Premier League
FR: Mal wieder reist Brasilien als absoluter Top-Favorit zu einem Turnier – doch den Titelverteidiger drücken Probleme
11 Freunde: Seit Jahren bemüht sich Gibraltar vergeblich darum, fußballerische Souveränität zu erlangen
Champions League
Pfleglicher Umgang
Paul Ingendaay (FAZ) schildert die nachhaltige und auf Schonung bauende Arbeit Frank Rijkaards: „Der Aufstieg Barcelonas zur attraktivsten Mannschaft Europas läßt sich an mancherlei ablesen. In Ronaldinho und Eto‘o gehören gleich zwei Barca-Spieler zu den drei weltbesten Fußballern, wenn man dem Fachurteil glauben will. In Frank Rijkaard besitzt das Team einen Trainer, dessen Autorität auf der passenden Spielphilosophie, dem Angriffsfußball holländischer Schule, großer Gelassenheit und innerer Stärke beruht. Nicht zu vergessen das vielleicht größte neue Talent des internationalen Fußballs überhaupt, den Argentinier Leo Messi, noch nicht einmal neunzehn Jahre alt, ein Stürmer, der die Zuschauer schon mit zwei, drei Aktionen in eine andere Dimension versetzt. Gerade an Messi zeigt sich der pflegliche Umgang des Vereins mit seinen Stars. Soeben ist der Wunderstürmer, der sich nach verfrühter Rückkehr ins Team eine zweite Muskelverletzung einhandelte, mit einem Trainingsbetreuer nach Buenos Aires geflogen, damit er die spielfreie Zeit ohne Nervenbelastung und fern vom Champions-League-Fieber verbringe. Rijkaard und der Klub behandeln Messi mit väterlicher Aufmerksamkeit, der Gefahr bewußt, der junge Mann könne sich verschleißen oder vom Medienrummel um seine Person überwältigt werden. Blickt man zurück auf die Saison, läßt sich klar erkennen, wo und wann Rijkaard die wichtigsten Zeichen gesetzt hat: Als er sich die Freiheit nahm, selbst unangefochtenen Stars ohne Getöse einen Platz auf der Bank zuzuweisen.“
Jugendlicher Elan
Mailand, ein Jungbrunnen – Dirk Schümer (FAZ) taucht auf den Grund: „Ihre Kicker seien wie guter Wein, der mit den Jahren zur Spitzenqualität reife. Diese auffallende Rüstigkeit liegt nicht unbedingt an der guten Mailänder Smogluft, sondern an einem ausgeklügelten physiotherapeutischen System. Während man bei Juve wohl zumindest bis in die neunziger Jahre auch auf Dopingmittel aus der Apotheke setzte, vervollkommnete der medizinische Stab bei Milan die penible muskuläre Überwachung der kostbaren Fußballerbeine. Inzwischen hat jeder Spieler seinen Chip mit einem täglich aktualisierten Trainings- und Ernährungsplan, was die Rehabilitation lädierter Spieler perfektioniert, vor allem aber dem Verschleiß vorbeugt. (…) Die reife Jugendlichkeit des AC Mailand färbt auch auf seinen – inoffiziellen, doch allpräsenten – Patron Silvio Berlusconi ab. Der Mann im besten Rentenalter, der sich von seinem Arzt ‚gefühlte 42 Jahre‘ attestieren läßt, stürzte sich geliftet und mit transplantierten Haaren in einen fast verlorenen Wahlkampf und ließ die Konkurrenz recht alt aussehen. Nun möchte der Padrone auch mit fast 70 Jahren seinen Posten partout noch nicht räumen, weil er für die politische und fußballerische Zukunft noch große Pläne hat. Könne er zwischen Champions League und Italiens Regierung wählen, so bekannte Berlusconi mit typischem Kampfgeist, dann würde er beides nehmen. Solch jugendlicher Elan dürfte den rüstigen alten Herren von Milan zum Vorbild dienen.“
Schlauheit
Peter Hartmann (NZZaS) bewundert Clarence Seedorf: „Nicht Schewtschenko, nicht Kaka, nicht Maldini, nicht Pirlo, sondern Seedorf war im 264. Mailänder Derby beim 1:0 Milans der einflussreichste Spieler. Er denkt schneller als die Gegner, er versucht instinktiv das Überraschende, das dann das Richtige ist. Im schlafwandlerischen Kombinationsspiel von Milan ist er mit seinem vorauseilenden Timing die Schlüsselfigur neben dem Jagdhund Gattuso und dem Seidenfuss Pirlo. ‚Wenn Milan in Routine verfällt‘, sagt der alte Trainer und Seedorf-Bewunderer Giovanni Galeone, ‚dann sieht es so langweilig aus, wie wenn die Nonna 90 Minuten lang die Polenta umrührt.‘ Aber wenn die Maschinerie läuft, hat fast immer Seedorf seine Füsse im Spiel, als Beschleuniger mit direkten Pässen, mit scheinbar absurden Dribblings, mit denen er zwei, drei Gegner anlockt und Angriffsräume öffnet. Die Italiener fasziniert, wie er ihre Nationaltugend verinnerlicht hat, die ‚Furbizia‘: die Schlauheit, aus jeder Lage einen Ausweg zu finden. Vielleicht schützt ihn das in den Stadien gegen die Plage rassistischer Pöbeleien.“
NZZ: Duell der Freunde Ancelotti und Rijkaard
11 Freundinnen
Lifestyle
Julia Schaaf (FAS/Gesellschaft) erklärt die zunehmende Beliebtheit des Fußballs bei Frauen: „Es muß heutzutage niemand mehr echter Fan sein, um an Fußball Gefallen zu finden. Das Schlüsselwort heißt Event. Seit die Stadien Arenen heißen, die Sitze bequemer sind und das Sicherheitsempfinden größer, ist ein Fußballspiel nicht nur für Hartgesottene attraktiv. Die ‚Beckhamisierung‘ tut ein übriges: Fußballer genießen den Status richtiger Popstars, immer mal wieder tauchen Spieler in der Bunten auf. So wird Fußball glamourös, ein Lifestyle-Thema. Je größer der Event-Charakter eines Spiels, desto eher sehen Frauen auch im Fernsehen zu, so die Quotenanalysen der ARD. (…) Die Regeln klassischer Fankultur sind männlich, ohne Frauen auszuschließen. Wer eine informelle Kleiderordnung befolgt – bloß nicht zu figurbetont –, wer dem Verein die Treue hält und während des Spiels flucht und brüllt, gehört dazu. Wenn der weibliche Fan zudem akzeptiert, daß bisweilen Bier auf die Jacke schwappt und sich Leverkusen auf Busen reimt, sind Geschlechtsunterschiede egal. Sagen jedenfalls Antje Hagel, Nicole Selmer und Almut Sülzle, die – zwischen Kulturwissenschaft und Fantum pendelnd – den intelligenten Tagungsband ‚Gender Kicks‘ veröffentlicht haben. Fußball bleibe in Deutschland eine Männerdomäne, ‚auch wenn da Frauen hingehen‘, glaubt Almut Sülzle. Eine wirkliche Änderung erwartet sie sich langfristig erst durch den Auftrieb des Frauenfußballs: Wenn die Jugendspielerinnen zu Fans heranreifen, wenn Mädchen häufiger eine ähnliche Sozialisation wie Jungs durchlaufen, in der Fußball spielen, Fußball schauen und Fußballwissen miteinander verwoben sind, läßt das Staunen über fußballkompetente Frauen vielleicht eines Tages nach.“
TspaS: Unter den knappen Beinkleidern werden oft Leggings getragen – Frauenfußball hat in Ägypten noch mit vielen Widerständen zu kämpfen
Telepolis: NPD und Freie Kameradschaften wollen sich zur WM wieder ins Gespräch bringen
FAS: Die Sorge der deutschen Polizei wegen polnischer Hooligans
Unterhaus
Wiederauferstehung am Ostersonntag
Alemannia Aachens Aufstieg, ein Osterspiel, nicht ganz werktreu – Bernd Müllender (BLZ): „Seit zwei Wochen war der Aufstieg nur noch eine Frage der Zeit. Nur, wann genau würde es soweit sein? Ein Mitarbeiter der Geschäftsstelle empfand die Situation ‚wie bei einer Hochschwangeren‘, da wisse man ‚auch nie genau, wann die Wehen einsetzen‘. Wenig geübt im Ausrechnen der möglichen Niederkunft zeigten sich sowohl der Klub mit seiner Internetseite als auch die Lokalpresse: Beide überboten sich im meisterlich falschen Kalkulieren möglicher Wenn-Dann-Ergebnisvarianten. Da befürchtete man schon, dieser Klub steige am Ende auf – und merke es gar nicht. Kapitän Erik Meijer meldete sich zum Osterprogramm mit der Familie ab, blieb aber in Rufbereitschaft. Die Spiele am Gründonnerstag waren noch Fehlalarm, Cottbus gewann – also keine Frühgeburt. Am Sonntag aber half der 1. FC Saarbrücken als eine Art Fernhebamme: Die Saarländer besiegten Fürth 1:0, dadurch war, passend für eine Bischofsstadt, die Wiederauferstehung am heiligen Ostersonntag geschafft. Der Rest waren Frohlocken, Intensivsuff, Dankgebete, Autocorsi und Karneval. Bleibt die Frage trotz des Jubels: Wie will sich diese Elf in Liga eins halten? Eine nüchterne Antwort der Fans: Der FSV Mainz 05 hat es doch vorgemacht, mit Gemeinschaftsgefühl statt Ego.“
Skurriler Charme
Richard Leipold (FAZ) führt den Erfolg auf das Geschick der Vereinsführung zurück: „Obwohl der Erfolg sich seit langem abgezeichnet hatte, entfachte die Vollzugsmeldung aus dem Saarland einen Sturm der Begeisterung, wie er nur an wenigen Standorten des kickenden Gewerbes möglich erscheint. Daß Spieler und Fans gemeinsam in einer Kneipe feiern, kann man sich, außer vielleicht in Mainz, bei keinem anderen Bundesligaverein vorstellen. Aachen hat lange auf diesen Tag warten müssen. Zwischendurch gestürzt bis in die dritte Klasse, hat der Klub sich langsam wieder hochgearbeitet, am uralten Tivoli, dessen bauliche Begebenheiten Staunen darüber hervorrufen, daß dort Profispiele ausgerichtet werden. Im Zeitalter der Videowürfel zeigt dort noch immer eine alte Uhr, wie sie früher auf Bahnsteigen zu sehen war, den Fans wie den Spielern an, was die Stunde geschlagen hat. In einem Ambiente, das an das Millerntor erinnert, hat Jörg Schmadtke moderne Strukturen geschaffen. Daß der Manager sich vor Jahren auf eine Stellenanzeige im kicker beworben (und den Job bekommen) hat, beschreibt neben vielem anderen den skurrilen Charme der Alemannia. Inzwischen gilt Schmadtke ebenso wie Trainer Hecking als umworbener Fachmann mit einem Auge für Talente, die von anderen übersehen werden.“
Höhepunkt
Erik Meijer verspricht der Welt: „Wir bringen der Bundesliga den Fußball zurück, wie er früher einmal war und wie ihn sich viele wünschen. Die meisten Anhänger und auch die meisten Spieler mögen den englischen Fußball. Sie mögen, wie es dort zur Sache geht, die Nähe der Fans und die fantastische Stimmung in den Stadien. Der Tivoli ist ein englisches Stadion auf deutschem Boden. Man kann den Rasen riechen, die Spieler fast anfassen und bekommt für nur 8 Euro einen unüberdachten Stehplatz hinter dem Tor. Für jeden Fußballfan ist ein Spiel auf dem Tivoli ein Leckerbissen.“ In der taz blickt Meijer auf seine Karriere zurück: „In Eindhoven habe ich mit Ronaldo zusammen spielen dürfen, als der mit 17 zum PSV kam. Ich mach gerade eine DVD, da ist dabei: Flanke vom kleinen Ronaldo, Kopfballtor Erik Meijer, sehr schön. Mit Uerdingen hab ich noch Bundesliga gespielt – das können nicht mehr viele sagen heute. Danach Leverkusen: eine Superzeit, Champions League, Uefa-Cup, zweimal Zweiter. Ein Spiel für Oranje. Ungeschlagen. 6:0 gegen San Marino. Ich hätte die Zahl gern verdoppelt, aber ich komme aus einem Land mit vielen guten Mittelstürmern. Aber vor allem waren da noch als wirkliches Geschenk die eineinhalb Jahre Liverpool, mein Lieblingsverein. Da war vorne auch viel Konkurrenz: Robbie Fowler, Emile Heskey, Michael Owen. Ich war achtmal in der Startelf, wir haben nie verloren. Nicht schlecht, oder? Liverpool ist die Hölle, wunderbar. Wenn ich heute irgendwo You‘ll never walk alone höre, gehen mir immer noch die Haare hoch. Und dann kamen noch HSV drei Jahre. Hamburg ist nach Rom die schönste Stadt, die ich kenne. Und als absoluter Höhepunkt: drei Jahre Alemannia Aachen. Besondere Jahre.“
Bundesliga
Krasses Foul
Ludger Schulze (SZ) rügt Lukas Sinkiewicz/Sinkewitz wegen Schauspielerei: „Fairplay ist leider nur selten eine charakterliche Grundhaltung, sondern fast immer ein lobenswerter Verstoß gegen die Regel menschlicher Niedertracht, ein Leuchtturm im Meer der Gemeinheit. Im Profisport ist Fairplay relativ, außergewöhnlich, schädlich bisweilen unter dem Aspekt des Geldverdienens, die Ausnahme eben. Ganz normal unfair verhielt sich Sinkewitz, als er sich nach einem nur angedeuteten Kopfstoß des Schalkers Gerald Asamoah wie von der Axt getroffen zu Boden sinken ließ, mit anderthalb Sekunden Verspätung, ein echter Sinke-Witz eben.“ Rainer Seele (FAZ) sieht das ähnlich und verweist auf einen Musterschüler: „Es handelt sich um nichts anderes als eine Verhöhnung des Fair play. Daß Wolfgang Schäuble sich nun zu Wort meldet, macht deutlich, wie ernst solche Entwicklungen im Fußball inzwischen genommen werden. Der Politiker Schäuble forderte eine Verschärfung der Strafen für die Sünder im Fußball; der Versuch des Betrugs müsse härter als Regelverstoß geahndet werden. Ein diskussionswürdiger Vorschlag, gewiß. Ganz so düster, wie eine allzu pathetisch wirkende Formulierung von Schäuble (’sonst ist unser Lieblingssport Fußball bald kein Spiel mehr‘) es suggeriert, scheint die Lage freilich nicht zu sein. Immerhin hat es auch einen Gegenentwurf zu Sinkiewicz gegeben, in Gestalt von Stephan Kießling. Der Nürnberger, attackiert von Ingo Hertzsch, bewahrte den Pfälzer vor einem Spielausschluß, indem er dem unschlüssigen Schiedsrichter signalisierte: halb so schlimm. Alle Achtung, Haltung gezeigt. Auch Lukas Sinkiewicz kam noch zur Einsicht, allerdings verspätet. Er gestand: ‚Da war nichts.‘ Da war selbstredend doch was: kein Kavaliersdelikt, wie der Kölner glauben mag, sondern ein krasses Foul. Zum Schaden der gesamten Branche.“
1. FC Nürnberg–1. FC Kaiserslautern 3:2
Unbelohnt
Oliver Trust (FAZ) leidet mit den Verlierern: „Der Schlußpfiff, der das 2:3 zur schmerzvollen Gewißheit werden ließ, schien manchen Profi des Pfälzer Traditionsvereins umgeworfen zu haben. Es waren Sekunden, in denen die Mischung aus Angst, Enttäuschung und Demütigung, die einen Abstieg begleitet, ein Gesicht bekam. In den Augenblicken der Lauterer Traurigkeit entwickelten auch die Sieger des Tages ein feines Gespür für die Leiden der Kollegen. Die Nürnberger Profis kamen herbei, um die Verlierer zu trösten. Thomas Paulus holte sich das Trikot von Halil Altintop und gab ihm einen anerkennenden Klaps. Die beiden, die einem packenden Spiel, das vor allem die Lauterer mit Leidenschaft und Geschick führten, ihren Stempel aufgedrückt hatten, schauten sich freundlich in die Augen. Es war eine der besten Vorstellungen, die die Pfälzer in dieser für sie ungemein kritischen Saison geliefert hatten. Doch ihre Leistung wurde trotz zweier famoser Tore von Halil Altintop nicht belohnt.“
Keine Massenbewegung
In einem Hintergrundbericht befaßt sich Trust (FAZ) mit der Stimmung in und um Kaiserslautern: „Vielleicht ist es die Erinnerung an noch schlechtere Tage, die in Kaiserslautern Lethargie entstehen läßt. Kein Aufschrei geht durch die Stadt in Zeiten der sportlichen Not. Vor einem Jahr, als die Verfehlungen und die Mißwirtschaft des Vorgängerpräsidiums noch heiß erörtert wurden und eine große Schuldenlast den 1. FC Kaiserslautern drückte, ging es höher her an einem der großen deutschen Fußball-Traditionsstandorte. Anders als früher, beim Abstieg 1996 beispielsweise, kann in der Pfalz diesmal keine Rede von einer Massenbewegung sein, aus der Kraft und Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen wäre. In Kaiserslautern erobert die Weltmeisterschaft mit ihrem Vorprogramm und den ständig wiederkehrenden Meldungen über Pannen am bis zur WM-Reife umgebauten Fritz-Walter-Stadion die Köpfe. Der Eindruck drängt sich auf, daß Nachrichten über den FCK derzeit eher beiläufig registriert werden. Die Anhänger des FCK scheinen weiter denn je entfernt von der sonst so emotionalen Nähe zu ihrem Verein. (…) Mancher beruhigt sich zudem mit der Ansicht, diesmal wäre ein Abstieg nicht einmal so schlimm. Es gibt die vielen Talente aus dem FCK-Sportpark, die schon jetzt im Abstiegskampf für die wenigen Lichtblicke sorgen. Anders als mit eigenem Nachwuchs wäre eine Rückkehr in die Bundesliga aber auch nicht zu bewerkstelligen. Der Klub kann keine großen Sprünge machen. Zu angespannt ist die finanzielle Situation, zu gravierend sind die Wirkungen fahrlässiger Personalpolitik im sportlichen Sektor, die sich auch Rene Jäggi auf die Fahnen schreiben lassen muß.“
WamS-Interview mit Hans Meyer
Hannover 96–VfB Stuttgart 3:3
Irrtum
Sascha Zettler (FAZ) sieht sechs Tore – „und das in einem Duell zweier Teams, das vor dem Anpfiff verdächtig nach dem Langweiler des Spieltages ausgeschaut hatte. Ein grober Irrtum. Während der neunzig Minuten begegneten sich beide Teams mit offenem Visier und offenen Abwehrreihen.“
Bayern München–Arminia Bielefeld 2:0
Feinmechaniker
Klaus Hoeltzenbein (SZ) beschreibt die Faszination, die von Mehmet Scholl ausgeht: „Sobald Scholl den Ball berührt, wirkt das wie ein elektrischer Impuls, es scheint, als fahre ein Energiestrom durch seinen Körper, als wisse er selbst nicht so genau, wohin als nächstes. Doch während Scholl seiner Intuition folgt, folgt der Gegner seinen Reflexen – und haut ihn einfach um. Zwar pfiff der Schiedsrichter vor dem 1:0 nicht Elfmeter, aber Scholl hatte allein mit seiner ersten großen Aktion so viel Nebel geworfen, dass die Arminen nur verwirrt zusahen, wie Ballack die Turbulenzen per Fernschuss nutzte. Scholl hat die Fähigkeit konserviert, einem Spiel einen neuen Charakter zu geben, er kann qua Einwechslung den Schalter umlegen von Grobmotorik auf Feinmechanik, von Stemmeisen zur Nagelfeile. (…) Gerade jetzt, da knapp 50 Tage vor WM-Beginn der Notstand auszurufen wäre: Nur ein einziger Klinsmann-Stürmer (Miroslav Klose) ist in Form. Podolski wird wieder vitaler, Kuranyi und Asamoah aber leiden mit Schalke, Neuville verdient Fleißkärtchen, Hanke reibt sich in Wolfsburg auf. Was aber, wenn es im Achtelfinale in der 70. Minute 0:1 steht? Wer kommt dann von der Bank? Wer sucht die letzte Lösung?“ Scholl, Liebling der Fans und damit Gegenstück zu Michael Ballack – Elisabeth Schlammerl (FAZ): „Viele Fans des Rekordmeisters sind in den vergangenen vier Jahren nicht so richtig warm geworden mit dem Kapitän der Nationalmannschaft, der anderswo in der Republik stets mehr Wertschätzung erfahren hat als im Umfeld seines derzeitigen Klubs. Vielleicht liegt es an seiner manchmal etwas unterkühlten Spielweise, vielleicht aber auch daran, daß es einfach falsche Vorstellungen von seiner Rolle als Nachfolger von Stefan Effenberg gab. Michael Ballack ist nur eine Episode gewesen beim FC Bayern, eine ganz erfolgreiche zwar, aber er wird in den Herzen der Fans keinen großen Platz einnehmen. Anders Mehmet Scholl. Der genießt Kultstatus, vermutlich auch über seine aktive Karriere hinaus.“
Eine Online-Petition für die Nominierung Scholls
Großbaustelle
Ballack und Bayern, inzwischen eine Zweckgemeinschaft – Elisabeth Schlammerl (FAS): „Ballack spielt so, als ob er sich im Unterbewußtsein schon verabschiedet hat aus München. Im vergangenen Jahr hatte Ballack seine stärkste Phase am Ende der Saison, als die Bayern nach dem Champions-League-Aus souverän der Konkurrenz enteilten, zunächst mit großem Vorsprung den Meistertitel holten und dann auch den DFB-Pokal gewannen. Ballack wuchs in die Rolle des Antreibers. Diese Saison verläuft seit dem Scheitern im internationalen Wettbewerb eher holprig. (…) Ballack hatte zuletzt von der Fokussierung auf die Torhüter-Diskussion profitiert. Als sich Oliver Kahn gegen Köln zwei schwere Patzer erlaubte, sprachen alle nur davon und kaum jemand vom Pfeifkonzert für Ballack in der Allianz Arena. Nun ging Kahn aus seiner Degradierung sogar als moralischer Sieger hervor. Nicht mehr jede Parade, jeder Abschlag, jede Faustabwehr und jedes Gegentor ist eine nationale Angelegenheit und wird bis zum Abwinken durchanalysiert. Dafür muß nun Ballack mit einer genaueren Prüfung rechnen, nicht nur von den Fans. Die Verantwortlichen des FC Bayern haben zwar angekündigt, einschreiten zu wollen, falls der Mittelfeldspieler zum Buhmann werden würde. Aber sie selbst haben zuletzt auch nicht unbedingt in höchsten Tönen vom scheidenden Star geschwärmt. (…) Der FC Bayern wirkt trotz Platz 1 und Einzug ins Pokalfinale derzeit wie eine Großbaustelle, an deren Fertigstellung fieberhaft gearbeitet wird. Aber es scheint nicht richtig vorwärtszugehen.“
VfL Wolfsburg–Werder Bremen 1:1
Ein kathartischer, quasi-religiöser Akt
Frank Heike (FAZ) staunt über die Wolfsburger Fans: „Am Samstag geschah etwas Außergewöhnliches in der Volkswagen Arena zu Wolfsburg: Die Fans des VfL erzeugten eine kochende, brodelnde, beeindruckende Fußball-Atmosphäre. Sie trommelten, schrieen, pfiffen, tobten und bejubelten ihre Profis, kurz: Sie schufen etwas, das es in Wolfsburg gar nicht mehr zu geben schien: Heimspielstimmung. Nach dem wertvollen 1:1 sagte Manager Klaus Fuchs: ‚Durch dieses Fegefeuer, durch das wir zur Zeit gehen, entsteht in Wolfsburg Fußball.‘ Könnte es wirklich sein, daß dieser Klub ohne Tradition, ohne Ecken und Kanten, dieser dank der VW-Millionen existierende Verein im Abstiegskampf seine Feuertaufe erfährt? Auf jeden Fall war es für beide Seiten eine Art Erweckungserlebnis: Fans und Profis spürten, wie aufregend und sinnstiftend Fußball als Gemeinschaftserlebnis sein kann. (…) In der Woche vor dem Spiel hatten die Fans ein Plakat am Trainingsplatz aufgehängt: ‚Wir sind Wolfsburg, wer seid Ihr?‘ Die Profis mußten es jeden Tag lesen. Ein offener Brief der Anhänger folgte. Er endete mit einem Zitat Nick Hornbys: ‚Wenn WIR absteigen, sucht IHR euch einen neuen Partner.‘ Das war ein deutlicher Hinweis auf die Legionärsmentalität, die man bei Teilen dieses von drei verschiedenen Trainern zusammengestellten Kaders durchaus unterstellen darf. Als hätte diese Mischung aus Kritik, Häme und Verachtung die Profis tatsächlich bei der Ehre gepackt, spielten sie, wie man es im Abstiegskampf tun muß: als Team, mit großem Einsatz.“
Javier Cáceres (SZ) fügt hinzu: „Nun war die Stimmung auf den Rängen zwar noch immer nicht ganz auf dem Level der Bombonera, der brodelnden Heimstatt der Boca Juniors in Buenos Aires, oder auch nur, um frühere Wirkungsstätten von Fuchs zu nennen, des Karlsruher Wildparks oder des Betzenbergs. Doch es war ausnahmsweise nicht bloß im Gästeblock so etwas wie Hingabe und Garstigkeit zu erkennen.“ Peter Unfried (SpOn) will gekniffen werden: „Die Leute im Stadion agierten teilweise wie ein klassisches Fußballpublikum. Das ist neu. Jenseits eines überschaubaren harten Kerns in der Nordkurve machten die Besucher bisher nicht den Eindruck, als sei ihre Welt nicht nur von den Betriebsergebnissen von VW, sondern auch von den Spielresultaten des VfL abhängig. Der Kampf gegen den Abstieg – ein kathartischer, quasi-religiöser Akt? Heißt das: Wenn man den emotionalen Fesseln der Mittelmäßigkeit nicht gen Spitze entkommen kann, dann eben in die andere Richtung?“
Schalke 04–1. FC Köln 1:1
Abhängigkeit
Philipp Selldorf (SZ) stellt fest, daß Schalke mit Lincoln steht und fällt: „In Schalke tritt nun eine Variante des Marcelinho-Syndroms in Erscheinung, das chronische Kranken an der Abhängigkeit vom künstlerisch wertvollen, aber mit den Grillen des Künstlers geschlagenen Dirigenten. Lincoln hat zwar nichts von der theatralischen und vulgären Exzentrik seines bei Hertha BSC tätigen Landsmanns, aber wie Marcelinho bleibt er sich selbst ein Rätsel. Auf Lincolns Wirkung basiert jedoch, trotz der Kollektion von Nationalspielern, die das Management um ihn herum gruppiert hat, das ganze Spiel von Schalke 04. Wenn Lincoln sein Genie auslebt, hat das Team Erfolg. Wenn er schlecht gestimmt ist, dann gibt es eine schwarze Serie wie in den vergangenen Wochen. Zu den Fortschritten der Hauspolitik gehört, dass dieses gefährliche, weil Frust schaffende Dilemma nicht dem Trainer angelastet wird. Die Vertragsverlängerung für Mirko Slomka war zwar das richtige Zeichen, aber auch das Eingeständnis der Erkenntnis, dass die Qualität der Mannschaft, vor allem aber die Tragkraft ihrer Struktur überschätzt wurde.“
Bayer Leverkusen–Borussia Mönchengladbach 2:1
Stabilisierend
Peter Heß (FAZ) nimmt den Schiedsrichter gegen Kritik teils in Schutz, teils nicht: „Vier provokative Fouls beging Oude Kamphuis. Seinem unbeherrschten Wirken wurde dann mit der Gelb-Roten Karte ein Ende gesetzt – sie war keineswegs aus der Luft gegriffen. Andererseits waren seine Regelwidrigkeiten auch in der Summe nicht so gravierend wie Nowotnys Tritt. Dem ehemaligen Nationalspieler konnte nur zugute gehalten werden, daß er Polanski nicht mit Absicht getroffen hatte. Nowotny ist nach zahlreichen Verletzungen deutlich langsamer geworden, langsamer als er es wohl selbst von sich in Erinnerung hat. Und so kommt er nun häufiger mal zu spät an den Ball – mit bisweilen schmerzhaften Folgen für seine Gegenspieler. Er muß sich auf seine eingeschränkten Fähigkeiten erst einstellen. Eine stabilisierende Wirkung auf die Leverkusener Defensive hat Nowotny dennoch.“
Hertha BSC Berlin–Borussia Dortmund 0:0
Fehlpässe in der Endlosschleife
Spieler und Offizielle äußern ihre Begeisterung über das Spiel, und Ronny Blaschke (SZ) faßt sich an den Kopf: „Vermutlich hätten Spieler und Verantwortliche selbst eine Bratwurst mit Brötchen zu einem Fünfsternemenü erhoben. In Wahrheit lieferten Hertha und Borussia ein perfektes Anschauungsvideo für das diesjährige Schneckenrennen um Platz 5. Fehlpässe in der Endlosschleife waren zu beobachten. Beide Teams trotteten so träge über den Rasen, das Mittelfeld war derart verkehrsberuhigt, dass um den Mittelkreis herum problemlos drei Hubschrauer hätten landen können. Die Torchancen, die sich deshalb ergaben, werteten die Beteiligten als Zeichen eines niveauvollen Spiels. In Wirklichkeit waren sie das Resultat von eklatanten Abwehrschwächen. Genutzt wurden sie ohnehin nicht.“
MSV Duisburg–Hamburger SV 0:2
Schuldeingeständnis
Roland Leroi (taz) notiert Walter Hellmichs Urteil über seine Trainerpolitik: „Als nichts mehr zu retten war und alle weiteren Durchhalteparolen nur noch den unwürdigen Geschmack der Lächerlichkeit getragen hätten, gab Hellmich seine ganz persönliche Bankrotterklärung ab. Mit leichenbitterer Stimme und einem Gesichtsausdruck, der die unfassbare Tiefe des Abstiegs erahnen ließ, gab er zu, dass ‚meine letzte Trainer-Entscheidung ein Fehler war. Das hat uns die Liga gekostet.‘ Hellmich nannte keinen Namen, aber jeder, der dieses erste öffentliche Schuldeingeständnis Hellmichs in dessen vierjähriger Amtszeit verfolgte, wusste, dass Jürgen Kohler gemeint war. Mittlerweile ist der ehemalige Weltmeister, dessen Verpflichtung Hellmich vor vier Monaten in euphorischer Manier als totalen Triumph pries, zwar längst beurlaubt, doch das Kind liegt im Brunnen.“
FR: Kuschelige Zeiten – beim Hamburger SV fühlt sich jetzt sogar Ailton wohl
Eintracht Frankfurt–FSV Mainz 05 0:0
Woanders
Detlef Esslinger (SZ) verweigert sich dem Spiel: „Es war der Spielzug, der den Trainern Friedhelm Funkel und Jürgen Klopp die meiste Freude bereitet haben dürfte. 87. Minute, immer noch stand es unentschieden, immer noch hätten die Gäste einen Punkt mitgenommen. Und dann: Abschlag von Schäfer, Kopfballverlängerung durch Schroth, Volleyschuss Vittek, die Niederlage von Kaiserslautern war besiegelt. Soviel zum Derby Frankfurt gegen Mainz.“
Ascheplatz
Zensur
Die DFL wird ab der nächsten Saison die TV-Bilder der Bundesliga in Eigenregie produzieren (Stichwort Basissignal); Jörg Krause und Berries Boßmann (Sport Bild) warnen: „Droht eine Zensur in der Bildauswahl? Auch wenn die Liga widerspricht und mit den TV-Sendern erklärt, nichts werde verheimlicht, verfälscht oder im steten Jubelbilderbrei versinken – der Ligaverband hat seine Macht und seinen Einfluß vergrößert. Und eine weitere Geldquelle aufgetan. Ein guter Grund, die Selbstinszenierung zu forcieren. Was wir nicht sehen wollen: gefälliges, keimfreies Liga-TV nach US-Vorbild. (…) Von Vereinsseite wird schon versucht, Einfluß auf die Übertragung zu nehmen. Zuletzt nach dem Spiel Hertha BSC Berlin gegen Arminia Bielefeld. Premiere hatte gezeigt, wie eine Gruppe Hertha-Fans Schals [?!] mit Sprüchen in die Höhe hielt: ‚Hoeneß raus!‘ Prompt folgte ein Anruf aus Berlin. (…) Bekommt der Fußballfan nicht mehr die nackte Wahrheit zu sehen, wenn Spieler über ihre Trainer schimpfen, Fanblocks zum Widerstand gegen das Management aufrufen oder Schiedsrichter attackiert werden? Die DFL ist nur Dienstleister der Liga und könnte in deren Auftrag alles verhindern, was imageschädigend sein könnte.“
TspaS: Die Ermittlungen im Fall Calmund zeigen: Es geht wohl nicht mehr um Spielmanipulationen oder Bereicherung, sondern um den unverantwortlichen Umgang mit fremdem Geld
Deutsche Elf
Falle
Stefan Osterhaus (NZZ) betrachtet Oliver Kahns Gegenwart im WM-Kader mit Skepsis: „Für Kahn ist die neue Rolle als blonde Eminenz im Hintergrund ein erster Schritt auf dem Weg zur inneren Genugtuung. Man stelle sich vor: Ein generös referierender Kahn, der über die Schwierigkeiten des Toreverhinderns parliert und Lehmann demonstrativ in Schutz nimmt, nachdem der Kollege Unsicherheiten gezeigt hat. Und vielleicht wird Kahn sich gefallen in der Rolle des Degradierten, der eine Lunte in der Hand hält und nach dem Feuer nicht einmal zu fragen braucht. Es wird ihm von allen Seiten gereicht werden, und er wird es immer wieder ablehnen müssen, was ihm nicht schwerfallen dürfte. Denn Kahn ist ein Mann, dem bei allem Ehrgeiz viel an seinem Image liegt, und von der Rolle des alternden Gönners wird er nur profitieren können. Und Jürgen Klinsmann? Der sitzt in einer Falle, die er selber aufgestellt hat.“ Jürgen Kaube (FAS/Wissenschaft) versetzt sich durch eine spieltheoretische Kosten/Nutzen-Kalkulation in Kahn: „Angenommen, Lehmann greift vorbei – dann würde ich wohl noch immer nicht spielen, dazu müßte er schon mehrmals und geradezu grotesk vorbeigreifen. Wenn er aber so grotesk vorbeigriffe, wäre es mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ja auch das letzte Spiel der Deutschen, also hätte ich davon auch nur, daß ich wieder in meine alten Rechte eingesetzt würde, aber ausüben könnte ich sie trotzdem nicht. Außerdem könnte Kahn aus Wolfram Eilenbergers ‚Lob des Tores‘ wissen, daß der zweite Torwart sowieso die undankbarste Rolle von allen ist. Seine Funktion besteht darin, hoffentlich nie benötigt zu werden. Nicht einmal aufwärmen darf er sich darum, wenn die anderen Ersatzspieler das tun. Nur wenn sich Lehmann früh, vielleicht noch vor der WM, verletzt, hätte Kahns Nutzenkalkulation weitergehen können, würde ich durch einen Rücktritt die Chance zu spielen verwirkt haben. In diesem Fall stünde ich dann so dumm wie hochmütig da. Andererseits: Lehmann verletzt sich, ich komme ins Spiel, und jetzt greife ich – wie gegen den HSV und Köln – daneben. Klinsmanns Entscheidung wäre rückwirkend gerechtfertigt und ich zerschmettert.“
WamS: Trotz der Degradierung zur Nummer 2 steht Kahn in der Hierarchie der Nationalmannschaft weit oben; das birgt große Risiken
Jürgen Klinsmann im Cicero-Portrait
Samstag, 15. April 2006
Vermischtes
Leser-Mails zu Oliver Kahn
Liebe Leser,
vielen Dank für Ihre vielen Zuschriften zur Torwartantwort.
Eine Auswahl:
Lehrstück des Fußballchauvinismus
Lieber Herr Fritsch, zu Ihrer Standfestigkeit und Ihrem Mut in der Oliver-Kahn-Kritik möchte ich Ihnen gratulieren. Seit ich Ihren ersten Artikel mit der glücklicherweise falschen Prognose gelesen hatte, fühlte ich mich motiviert, gegen diese üble Bayernstimmungsmache im Falle Kahn mich zu engagieren. Jetzt haben Sie noch einmal alle Argumente geliefert, die das Aufheulen der Titanhersteller so verständlich machen. Das war angenehm zu lesen, auch für zukünftige Diskussionen nützlich, ein Lehrstück über den Fußballchauvinismus. Es wird gut sein, wenn man sich an die sachlichen Argumente noch erinnern kann, die für Lehmann sprachen, wenn während und nach der WM spätestens diese Diskussion wieder von vorne anfangen wird. Die Entscheidung für Lehmann heißt ja auch Parteinahme für eine offensive Spielweise, man muß das nicht gleich Philosophie nennen, bei der ein Torwart mehr riskieren muß als im Tor herumzufliegen. Ein spielender Torwart kann ein Aktivposten in Defensive und Aufbau sein, wie es schon bei den Ungarn 1954 Gyula Grosics war, der dann auch prompt nach dem 2:3 vernichtend kritisiert wurde. Trotzdem spricht nach der Änderung der Regeln heute noch mehr dafür, den Torwart zum Mitspieler zu machen und nicht als Titandenkmal auf der Linie stehen zu lasen.
Detlev Claussen, Frankfurt
Haß
Hallo Herr Fritsch, alle wissen, dass Sie den FC Bayern und alle seine Mitarbeiter von Grund auf hassen. Das beweisen Sie jeden Tag aufs neue. Im Falle Kahn-Klinsmann solltet Sie objektiver sein.
Michael Regenhardt
Schwache linke Seite
Ich stimme gänzlich Ihrem Urteil zu, besonders bezüglich der Immunität, die Kahn bisher auf dem Platz genoss. Natürlich, Deutschland hat noch nie ein Torwartproblem besessen, wenn dann eines auf höchstem Niveau, und in der Geschichte der Nationalmannschaft hielt man stets einen Wettbewerb zu lange am arrivierten Torhüter fest. Kahn ist ein sehr guter Torhüter, einer von mehreren, aber kein überirdischer. Übrigens hätte man schon längst seine schwache linke Seite bemerken können.
Natalie Keil
Ungläubig
Danke für diesen exzellenten freistoss. Ich habe das Torwart-Thema mit vielen Freunden und Kollegen diskutiert und meine Verweise auf diverse Kahn-Unzulänglichkeiten in den letzten Jahren wurden sehr ungläubig aufgenommen. Ihre Anmerkungen helfen mir da sehr, um etwas schwarz auf weiß zu liefern.
Robert Blau
Zu viel
Hallo Oli, daß dieses Thema zu Ende geht, ist gut, aber auch sehr gut für den tollen indirekten freistoss. Denn du hast dich da mittlerweile sehr verrannt und reingefressen, und das tut dem indirekten freistoss nicht gut. Hier und da ein kurzer kleiner Einwurf – ok, anregend. Aber die persönlichen Kommentare in der Torwartfrage waren einfach zu viele.
Matthias Reich
Offenes Wort
Danke für das offene Wort. Es hätte niemand besser formulieren können.
Michael Bojanowski, Hannover
Kompliment
Lieber Oliver Fritsch, Glückwunsch zur richtigen Torwartentscheidung. Und danke für die wunderbare Aufbereitung des Medienrummels. Ein Kompliment an Sie!
Thomas Schwebel
Man kann es bald nicht mehr lesen
Lieber Oliver Fritsch, eine Anmerkung zur so genannten Torwartfrage und zur Berichterstattung über diese für das deutsche Abschneiden bei der WM anscheinend so elementare Frage: Man kann es bald nicht mehr lesen. Auch die von Ihnen so geschätzten Qualitätszeitungen befassen sich in der Torwartfrage allein mit Nebensächlichkeiten. Mich interessiert wirklich nicht, ob das heutige Duell „Kahn gegen Lehmann“ dem zwischen „Stein und Schuhmacher“ bei der WM 1986 ähnelt oder ob das heutige Trainerteam aus der damaligen Konfliktlösung Lehren gezogen hat. Es ist mir eigentlich auch egal, daß Kahn bei der WM 2006 deshalb im Tor stehen wird, weil die Bayern-Verantwortlichen ihn in diese Position katapultieren oder weil er angeblich bei der letzten WM eine grandiose Vorstellung geboten hat. Ferner möchte ich keine Kommentare mehr über den Charakter und die jeweilige Ausstrahlung der beiden Protagonisten lesen. Ich will nur wissen: Wer paßt am besten zur Abwehr und zur gesamten Mannschaft, wer ist der bessere Torwart? Wer verspricht die Weltmeisterschaft Deutschlands? Ich jedenfalls habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Mär
Zunächst will ich der Kritik an Oliver Kahn beipflichten: Richtig, ein Titan war er nie, auch nicht während der WM 2002. Hier hat die allseitige Überhöhung Mitschuld an dem Fehler (den Fehlern?) im Finale. Dabei wird aber vergessen, auch die sportlichen Leistungen von Jens Lehmann kritisch zu würdigen. Denn, daß Deutschland ein Luxusproblem und zwei Weltklassetorhüter hätte, ist eine Mär. Lehmann ist nach einer guten Saison mit Schalke zu Milan gewechselt und wurde dort nach kurzer zeit und desolaten Auftritten gegen den damals 17-jährigen Abbiati ausgetauscht. Er trat die Flucht nach Dortmund an und spielte dort weitgehend unter den Erwartungen. Als er nach London wechselte, sahen dies viele als erneute Flucht, diesmal vor Weidenfeller. In London meuterten nach kurzer Zeit die Spieler (!) gegen ihn und forderten den einsatz von Almunia. Nur dessen eklatanten Patzers wegen erhielt Lehmann eine weitere Chance, die er, zugegeben, genutzt hat. Dennoch hat Lehmann noch niemals den Beweis internationaler Klasse angetreten. Deutschland ist auf der Position des Torhüters nicht anders besetzt als auf den übrigen: international allenfalls mittelmäßig. Der beste deutsche Torhüter ist: Robert Enke. Schade, daß dies niemand schreibt.
Steffen Lüdecke
Liebe Leser,
noch ein paar „Haß“-Worte, es war doch wieder mal eine typische Kahn-Woche: Sehr gute Paraden in St. Pauli, einige Schwächen im Rauslaufen, viel Lob vom Fernsehen, und Schonung durch den Schiedsrichter, denn seine Aktion gegen Valdez in Bremen war natürlich mindestens eine Gelbe Karte. Er wurde von Markus Merk nicht mal ermahnt.
Oliver Fritsch
Internationaler Fußball
Svizzero Vögel
Peter Hartmann (NZZ) schildert den 1:0 Sieg Milans gegen Inter: „Der Begriff ‚Derby‘ stammt wahrscheinlich aus dem Mittelalter, als sich in der englischen Ortschaft Derby im Südosten Manchesters zwei verfeindete lokale Parteien so unerbittlich befehdeten, bis sich die Einwohner für eine Zweiteilung der Stadt entschieden. Aber dieses Mailänder Derby hatte nichts Kriegerisches an sich, ausser den acht gleichmässig verteilten gelben Karten, mit denen der WM-Schiedsrichter Massimo De Santis endlich in Italien den Tarif durchgab für sogenannte taktische Fouls. Und das Stadion war nicht einmal ausverkauft: Etwa 6.000 organisierte Inter-Tifosi bestreikten aus Protest gegen den Gesichtsverlust ihrer Mannschaft die Curva Nord und harrten demonstrativ draussen vor den Toren von San Siro aus. (…) Das Derby war auch der Rahmen für ein innerbrasilianisches Torhüter-Duell zwischen Dida (Milan) und Julio Cesar (Inter) um den Posten in der Seleção. Dida erwies sich mit drei schweren Patzern bei hohen Bällen erneut als Risikofaktor und hätte in letzter Sekunde beinahe noch den abgewählten Ministerpräsidenten und Milan-Besitzer Silvio Berlusconi aus der Fassung und um diesen Prestige-Erfolg gebracht. Der ‚Svizzero Vögel‘, wie Vogel von italienischen Reportern hartnäckig verballhornt wird, erhielt für die letzten zwölf Minuten noch etwas Auslauf für den seit Wochen enttäuschenden Regisseur Pirlo, weshalb bloss nennen sie ihn nicht Pirlö?“
Ball und Buchstabe
Nahe Vergangenheit
Florian Huber (StZ) gedenkt der Toten von Hillsborough: „Heute weiß man: Die Polizei vor Ort war nie Herr der Lage. Die Liverpool-Fans wurden durch ein einziges enges Tor über einen Tunnel in einen der bereits überfüllten Blöcke geschoben. Das Öffnen eines weiteren Gitters hätte das Unglück verhindern können. Stattdessen drückten die anstehenden Fans diejenigen, die weiter vorne standen, zusammen. Kevin Williams stand ganz vorne. Seitdem sind Stehplätze im Profifußball praktisch abgeschafft. Auch an der Anfield Road. Rund um das Stadion sind heute tausende Fans der ‚Reds‘ unterwegs. Alle tragen sie ihre roten Trikots, doch anders als einem normalen Samstagnachmittag singen und lachen sie nicht. Jeder Fan hat einen Strauß Blumen dabei. An jedem 15. April werden in Liverpool mehr Blumen verkauft als am Valentinstag. Sie landen am heiligen Schrein Liverpools: dem Denkmal für die Opfer der Katastrophe, direkt am Eingang zum Stadion. Wie jedes Jahr sind die Busse dorthin so voll, wie sonst nur an Spieltagen. Eine seltsame, gedrückte Stimmung erfasst die Menschen – 80-Jährigen steht die Trauer genauso ins Gesicht geschrieben wie dem Teenager, der damals noch gar nicht geboren war. Die Geschehnisse der Vergangenheit sind plötzlich greifbar nahe. Wie zum Beispiel in den Kiosken. Dort hängen wieder die Boykottaufrufe gegen das Boulevardblatt The Sun, der englischen Version der Bild-Zeitung. Auch 17 Jahre nach Hillsborough verzeiht kein ‚Liverpudlian‘ die Schlagzeilen direkt nach der Katastrophe. Die Zeitung hatte damals behauptet, dass Liverpool-Fans die Toten bestohlen hätten und die Rettungsarbeiten behindert. Diese Anschuldigungen beruhten jedoch auf den falschen Aussagen eines Polizisten. Wurden vor 17 Jahren im Großraum Liverpool noch täglich 250.000 Ausgaben der Sun verkauft, sind es heute nur 12.000. Viele Zeitungsläden weigern sich strikt, das Boulevardblatt ins Sortiment aufzunehmen.“
Am Grünen Tisch
Finte
Joseph Blatter hat in dieser Woche die Vergabe der WM an Brasilien 2014 wegen Mängel an den Stadien infragegestellt; Thomas Kistner (SZ) interpretiert diesen Weitblick: „Hört, hört! Dasselbe hätte sich 1998 auch von den deutschen WM-Stadien sagen lassen. Seziert man Blatters weit blickende Äußerungen, bleibt wieder nur eine politische Finte übrig. Brasiliens Fußballchef und Fifa-Vize, eine Skandalnudel namens Ricardo Teixeira, würde 2007 gern den 71-jährigen Blatter beerben, um seinem Schwiegerpapa Joao Havelange zu folgen; der hielt den Fußballthron vor Blatter gleich 24 Jahre besetzt. (…) Dass sich Blatter so hingebungsvoll um 2006 und 2014 kümmert, legt eigentlich nahe, dass wenigstens für 2010 alles im Lot ist. Tatsächlich aber liegt hier der Hase im Pfeffer. Nicht Rio oder Berlin gilt die aktuelle Besorgnis, sondern Rustenburg, Nelspruit und Polokwane. Das sind Spielorte 2010, und ginge es nach Blatter, müssten Ronaldo, Schewtschenko & Co. schon in acht Wochen dort antreten – Blatter wollte Südafrika ja bereits die WM 2006 geben. Nun aber wächst die Skepsis in der Fußballwelt, ob Südafrika bis 2010 überhaupt die hohen Qualitätsstandards erfüllen kann; den verdächtig oft wechselnden Organisationskomitees steht nicht nur bei den Stadionbauten die Löwenarbeit noch bevor. Die wahrhaft drängende WM-Frage stellt sich 2010, und vielleicht bekümmert den weitblickenden Fifa-Boss nur, dass es Brasilien bis dahin tatsächlich nicht schafft. Als Ersatzkandidat.“
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