indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Dienstag, 13. Dezember 2005

Internationaler Fußball

Milano bene

Nach fast vier Jahren gewinnt Inter wieder mal das Stadtderby gegen Milan (3:2) – Peter Hartmann (NZZ) wundert sich über die beharrliche Anziehungskraft der Mannschaft auf Mailands Schöngeister: „Es ist das Ende eines Minderwertigkeitskomplexes, den sich der Inter-Hauptanteilseigner Massimo Moratti teuer erkauft hatte mit schätzungsweise weiteren 250 Millionen Euro Schulden, die in diesen 1379 schmählichen Tagen aufgelaufen sind. Dass Inter jetzt als Kampfmaschine aufgetreten ist, hat die Fragen nach der Identität dieser Mannschaft noch nicht beantwortet. Adriano als Goalgetter und Julio Cesar als Keeper: zwei Brasilianer, die unentwegt an die Weltmeisterschaft denken. Die Hälfte der argentinischen Nationalmannschaft (Zanetti, Samuel, Cambiasso, Veron, Cruz, dazu Burdisso und Cruz, die als Ersatzleute hereinkamen), eine Kolonie von ausgemusterten Real-Spielern (Figo, Samuel, Cambiasso, die Verletzten Solari und Kily Gonzalez), die Lazio-Fraktion, die Trainer Mancini mitgebracht hat (Veron, Stankovic, Mihajlovic und Favalli). Ein einziger Italiener auf dem Platz, der 33-jährige Verteidiger-Veteran Favalli. Aber Inter wird geliebt als Aussenseiter. Es ist, zusehends und trotz dem unerträglichen rechtsextremen Anhang, die Mannschaft der Opposition, der Intellektuellen, der Künstler, des Milano bene.“

Welt: Osasuna trotzt einem mächtigen Trend, wonach Wirtschaftskraft die Tabelle bestimmt

NZZ: AZ Alkmaar mit Understatement an die Spitze

Ball und Buchstabe

Wir sind nicht Reinhold Beckmann

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat den Glauben an das deutsche Fernsehen noch nicht aufgegeben; allerdings ist sie kurz davor. Stefan Niggemeier (FAS), einer der Gründer des bildblogs, schämt sich für Reinhold Beckmann und stampft mit dem Fuß auf: „Liebe ausländische Fernsehzuschauer! Ich möchte mich für Reinhold Beckmann entschuldigen. Wir Deutschen sind nicht so. Wir mögen den auch nicht alle. Es gibt bei uns auch Fernsehmoderatoren, die bei so einer Gelegenheit einen Anzug anziehen, der ihnen paßt. Die es schaffen, ihre Co-Moderatorin Heidi Klum zu präsentieren, ohne mit beiden Armen lächerliche Kermit-der-Frosch- und Papst-Gesten zu machen. Die nicht das Kunststück versuchen, sich dadurch größer zu machen, daß sie sich vor jedem Gast so in den Staub werfen, als seien sie nur Gewürm, das es nicht verdient hätte, überhaupt auf demselben Planeten zu leben. Die wissen, welche Art von Witzen und Ironie möglicherweise lustig und welche ganz sicher entsetzlich peinlich ist. Gut, es sind nicht viele, aber ein, zwei solche Moderatoren haben wir doch. Liebe Welt, du mußt uns glauben: Wir sind nicht Reinhold Beckmann.“ Peter Richter (FAS) sieht die Eröffnungsgala in einer brasilianischen Bar und möchte im Erdboden versinken: „Was? War? Das? Bitte? Wußten das die Programmverantwortlichen, daß man das weltweit ausstrahlen würde? Wie konnte man denn zulassen, daß so etwas das Sendegebiet des Mitteldeutschen Rundfunks verläßt? Wer war eigentlich diese Frau mit den Packpapier-Rollen als Frisur? Sieht Franz Beckenbauer jetzt immer aus wie Franz Schönhuber, oder lag das nur an dem alten Fernsehgerät? Warum sah das überhaupt die ganze Zeit so aus wie DDR-Fernsehen mit West-Moderatoren, wie ‚Ein Kessel Buntes’ ohne Helga Hahnemann? Haben die gleichen Leute dahintergesteckt, die sich die Kampagne ‚Du bist Deutschland’ ausgedacht haben?“

Bundesliga

Vorurteile und jahrzehntealte, unverrückbare Ansichten

Die Kommentare von heute unterscheiden sich nicht von den gestrigen. Warum sollten sie auch? Dass Schalke Ralf Rangnick nun entlassen hat, damit haben alle gerechnet. „Die Schalker Bosse haben Rangnick zermürbt“, zieht die Financial Times ihren Schlussstrich – ein klarer Vorwurf an die Vereinsführung. Ungewöhnlich und wie am Montag: Die FAZ, sonst eher besonnen, redet Tacheles und bezieht die deutlichste Position. Peter Heß porträtiert Rudi Assauer als einen Mann von gestern und spricht Rangnick frei: „Noch nicht einmal die direkte Qualifikation für die Champions League, der Einzug ins Pokalfinale konnten den Schalker Manager von seinen Vorurteilen befreien. Assauer, der jahrzehntealte, unverrückbare Ansichten hat, wie Männer und Fußballprofis zu sein und zu handeln haben, mochte den auf Logik, Pädagogik und wissenschaftliche Lehre setzenden Trainer nie akzeptieren. Rangnick sah keine Gespenster, Rangnick litt nicht an Verfolgungswahn oder übergroßer Empfindlichkeit: Assauer saß ihm stets im Nacken und ärgerte ihn. Daß Assauer seinem scheidenden Trainer wegen seiner Ehrenrunden mangelnde Professionalität vorwirft, beweist nur sein auf Kürze angelegtes Denken. Er spielt seinen Kritikern in die Hand – dergleichen hat sich der Manager fast im Wochenrhythmus zuschulden kommen lassen.“ Klaus Bellstedt (stern.de): „Assauers Image dürfte weitere Kratzer abbekommen haben. Und solange man auf Schalke nicht endlich merkt, dass der Fisch vom Kopf her stinkt, ist Besserung nicht in Sicht.“ Boris Hermann (BLZ) spielt mit Assauers Anspruch an einen Schalke-Trainer, Tabellenerster, -zweiter oder -dritter werden zu müssen: „Wenn man diesen Manager sieht, kann Schalke auch mit einem Platz zwischen 11 und 13 zufrieden sein.“

Daniel Theweleit (BLZ) rät Schalke, eine Lehre zu ziehen und sich neu zu ordnen: „Schalke erinnert in diesen Tagen an seine wildesten Chaostage der 80er-Jahre. (…) Assauer ist der unangefochtene Chef des Ladens, seine Art der Führung bleibt stilprägend. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hat seine Machtlosigkeit demonstriert, als er Rangnick vor nicht einmal einer Woche eine Vertragsverlängerung bis 2008 in Aussicht stellte, Andreas Müller hat seine Nähe zu Rangnick geopfert, um seine Position als Kronprinz auf Assauers Fürstenthron nicht zu gefährden, und Josef Schnusenberg hat seit jeher eher eine beratende denn eine führende Rolle gespielt bei den wichtigen Entscheidungen des Klubs. Der Schalker Aufbruch braucht auf jeden Fall einen neuen Motor.“ Stefan Osterhaus (NZZ) empfiehlt eine Abkehr vom Populismus: „Erfolg allein ist keine Garantie für den Rückhalt einer zerstrittenen Klubführung, deren Exponenten ihren Standpunkt nach den Kriterien des Boulevard bilden.“

Selbstentlassung

Nur wenige kritisieren Rangnick für seine Offensive. Philipp Selldorf (SZ) erlebt zum ersten mal, dass ein Trainer seinen Rauswurf provoziert: „Den Vorwurf, auf dem Weg des einsamen Protestmarschs einen moralischen Aufruhr gegen die Klubführung anstiften zu wollen, wird Rangnick kaum widerlegen können, obwohl er bekundet, er habe lediglich der Unterstützung des Publikums seinen Tribut erweisen wollen. Dazu hätte allerdings auch eine Danksagung nach dem Spiel genügt. Man hat eben auch im 42. Jahr der Bundesliga noch nicht alles gesehen. Der Trend zur Selbstentlassung durch skurriles und aberwitziges Betragen ist bisher nicht vorgekommen.“

Ich hatte schon viel zu oft viel zu viel geschluckt und verziehen

Ralf Rangnick im Interview mit Jan Christian Müller (FR)
FR: Besaßen Sie nicht ausreichend diplomatisches Geschick, um mit Rudi Assauer zusammenzuarbeiten?
RR: Ich glaube, dass es zu meinen Stärken gehört, genau das zu haben. Wenn ich das nicht gehabt hätte, hätten wir es nicht geschafft, 15 Monate erfolgreich zusammenzuarbeiten.
FR: Sie mussten also immer wieder die Faust in der Tasche ballen?
RR: Fälle wie den am Donnerstag mit der Bild-Zeitung hat es zuvor bereits dutzendfach gegeben. Diese Indiskretion war nur das i-Tüpfelchen. Ich will damit nicht sagen, dass die Information an Bild von Assauer kam. Aber es ist immer wieder vorgekommen, dass Interna irgendwo in Bild oder anderswo geschrieben standen.
FR: Warum hat auch noch Ihr gutes Verhältnis zu Andreas Müller gelitten?
RR: Das stimmt ja gar nicht. Wir sind ein Stück weit befreundet und bleiben das auch. Es war so: Ich hatte Andy nach Erscheinen des Bild-Artikels angerufen und ihn gefragt, ob er den Bericht bestätigen könnte. Er ist ausgewichen und wollte erst am nächsten Tag mit mir darüber reden. Ich habe das abgelehnt. Ich kann ja nicht vor die Mannschaft treten, wenn in der Zeitung steht, der Daumen geht schon halb nach unten. Ich habe ihm gesagt, dass ich sonst selber handeln muss. Deshalb kann ich es auch nicht nachvollziehen, dass der Vorstand überrascht gewesen sein soll über meine Entscheidung. Es konnte niemand im Vorstand erwarten, dass ich weiterhin alles schlucke. Ich hatte schon viel zu oft viel zu viel geschluckt und verziehen.
FR: Warum sind Sie die Ehrenrunde gelaufen? Wohlgemerkt: Vor dem Spiel.
RR: Also, es war so: Mein Co-Trainer Mirko Slomka ist zu mir gekommen, nachdem ich mit dem Premiere-Interview fertig war und eigentlich in die Kabine gehen wollte. Mirko hat mir mitgeteilt, dass die Fans seit einer Viertelstunde lautstark verlangen, dass sie den Trainer sehen wollen. Da bin ich Richtung Nordkurve gelaufen, da hat die ganze Nordkurve skandiert. Als ich da dann lang lief, stand plötzlich die Gegengerade auch auf. Wenn man das rein rational betrachtet, wäre es sicher besser gewesen, das nicht zu machen. Das räume ich ein. Für mich war das eine Ausnahmesituation. Vielleicht hat auch unterschwellig reingespielt, dass ich gespürt habe, es könnte eventuell mein letztes Spiel als Schalker Trainer sein. Wenn du fünfzehn Monate immer wieder nur Prügel zwischen die Beine geworfen bekommst und dann die Fans plötzlich mit so viel Gespür reagieren, dann ist es vielleicht nachvollziehbar, dass du dich auf der Welle der Sympathie mitreißen lässt. Jetzt so zu tun, als wäre das eine bewusste Provokation gewesen, ist unredlich. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass das ganze Stadion so abgeht? Wenn ich sage, ich gehe, ist die Wahrscheinlichkeit doch eigentlich größer, dass mir mindestens die Hälfte der Fans einen Stinkefinger zeigt.

Bildstrecke Rangnick und Schalke, faz.net

Bayern München – 1. FC Kaiserslautern 2:1

Ganz oben nach Selbstverständnis

Elisabeth Schlammerl (FAZ) wiegt die Bedeutung der Herbstmeisterschaft für Bayern München: „Beim FC Bayern ist es immer wichtig, ganz oben zu stehen, egal ob an Weihnachten, Ostern oder zur Oktoberfestzeit. Der Konkurrenz hinterherzuhecheln, das mögen die Münchner nicht, das entspricht nicht ihrem Selbstverständnis. Außerdem ist es auch deshalb nicht schlecht, mit einem kleinen Polster in die Rückrunde zu gehen, weil die Konzentration ab Ende Februar verstärkt der Champions League gehören wird. Sie fühlen sich wieder einmal reif, das Finale zu erreichen. Der Meister hat in den vergangenen Wochen schon mal geübt, sich die Kräfte in der Bundesliga geschickt einzuteilen.“

1. FC Köln – Werder Bremen 1:4

Eine geschlagene Armee

Köln leidet, Christoph Biermann (SZ) leidet: „Diese Rumpfelf wehrte sich tapfer gegen eine spielerisch selbstredend klar bessere Mannschaft. Doch die Bremer trampelten noch zweimal mit brutaler Eleganz durch das Beet, in dem die Kölner ihre zarten Hoffnungen gehegt hatten. Johan Micoud und Miroslav Klose zerschmetterten den Gegner in den letzten Momenten des Spiels durch zwei toll herausgespielte Tore. Man musste schon ein Herz aus Stein haben, um nicht mit den Kölnern zu fühlen. (…) Es passte zu kölschen Pech und Pannen, dass auch noch die Straßenbahnen ausfielen und Tausende tief frustrierter Fans kilometerweit durch die Kälte stapfen mussten wie eine geschlagene Armee.“ Erik Eggers (FR) spekuliert über Uwe Rapolders Zukunft: „Man muss kein besonders talentierter Prophet sein, um dem Verein und Rapolder unruhige Zeiten vorherzusagen. Die letzten Wochen hatten dem Trainer noch in die Karten gespielt, war doch die Malaise überdeckt worden von den spektakulären Geschichten am Rand: Die Chancenlosigkeit in Hamburg wurde nicht wahrgenommen wegen des Trommelstocks aus dem Fanblock, und beim Nachholspiel in Duisburg sorgte der Kopfstoß Norbert Meiers für die Schlagzeilen. Gegen Bremen aber war nur der finale Kollaps des Gastgebers spektakulär. Wenn im letzten Spiel in Bielefeld die sieglose Serie nicht beendet wird, ist Rapolder sicher nicht mehr zu halten.“

Welt: Seit sich Micoud menschlich öffnet, spielt er noch besser

Montag, 12. Dezember 2005

WM 2006

Deutsche Elf

Ideal

Michael Horeni (FAZ) kommentiert die Auslosung aus deutscher Sicht: „Polen, Ekuador und Costa Rica sind nahezu ideale Gegner für ein deutsches Team, das mit offensivem, aggressivem und auch risikoreichem Spiel sein Glück machen will – und machen muß. Gegen ihre zugelosten Widersacher könnten die Deutschen zur Not auch mal einen Rückstand aufholen, wie ihnen dies unter Klinsmann in den vergangenen eineinhalb Jahren immer wieder gelungen ist. Diese Aussicht scheint geeignet, den deutschen Elan noch stärker zu beflügeln und sich selbst und die Zuschauer in der Vorrunde mit attraktivem Spiel für größere Taten im Achtelfinale und den Runden danach zu begeistern.“

FAZ: ein Stimmungsbericht von der Auslosungsgala

FAS-Interview mit Jürgen Klinsmann über die Auslosung und die Ukraine
FR-Interview mit Klinsmann

NZZ: unterschiedliche Reaktionen in den Teilnehmerländern auf die Auslosung
Bildstrecke WM-Auslosung, handelsblatt.de

Ascheplatz

Ware Fußball

Jürgen Dahlkamp (Spiegel) leidet unter der Kommerzialisierung des Fußballs: „Es war ungefähr die größte anzunehmende Auslosung überhaupt, das genaue Gegenteil vom Klein-Klein der Republik, es war: einmal nicht den Gürtel enger schnallen, einmal nicht den Geiz geil finden, einmal ‚Wir sind wieder wer’. Mit der Verteilung der 32 Teams bekamen die Deutschen erstmals auch einen Vorgeschmack auf das Gewicht und die Wucht der WM im nächsten Jahr. Mag die Nachricht gewesen sein, dass Deutschland gegen Costa Rica, Polen und Ecuador spielt, die Botschaft des Spektakels von Leipzig heißt, dass die WM mit einer Opulenz über das Land kommen wird, von der sich die Deutschen bisher noch gar keine rechte Vorstellung gemacht haben. Von ‚Impact’ – ‚Einschlag’ – sprachen die vollzählig aufgelaufenen WM-Sponsoren in ihrem Marketing-Slang. Dass bei so einem Aufprall der Ball nicht immer rund bleibt und Fußball auch nicht mehr das ist, was es einmal war, muss man wohl hinnehmen. (…) Die Fifa veranstaltet das Fußballfest Weltmeisterschaft, ein Fest der Emotionen, der brasilianischen Momente im Leben. Ihre Mitarbeiter aber sehen aus wie junge Broker, die Warentermingeschäften hinterherhetzen. Dunkelgraue Anzüge, dunkelgraue Kostüme. Die Fifa verkauft Fußball wie andere Mikrochips, mit Juristen, Marketingexperten, PR-Spezialisten. Sie ist Monopolist, sie weiß, dass ein Land verdammt dankbar sein muss, ihre Ware Worldcup überhaupt je zu bekommen.“

Reibach

Frank Ketterer (taz) stößt sich an Schleichwerbung und anderen Kleinigkeiten: „Irgendwann kommt Michael Ballack auf die gigantisch große Bühne, lässt den Teamgeist ein bisschen auf seinem Fuß tanzen und sagt, dass Adidas da wirklich ein außergewöhnlicher Ball gelungen sei. Weil all das von schätzungsweise 500 Millionen Menschen in fast 150 Ländern live am TV gesehen wird, ist das für Adidas ein großer Moment. Es ist aber auch der Augenblick, in dem einem Zweifel kommen, nicht die ersten, aber stärker denn je: Vielleicht geht es bei dem ganzen Fest gar nicht um den Ball, sondern um ganz andere Dinge, zum Beispiel um Adidas und Coca-Cola, um McDonald’s und MasterCard, also: um einen riesigen Reibach. (…) Fußball ist längst kein Spiel mehr, sondern ein Wirtschaftsfaktor. Es geht bei der WM um Millionen, ach was, um Milliarden.“ Wolfgang Hettfleisch (FR): „Die Marketing- und Merchandising-Politik der Fifa zum Schutz ihrer handverlesenen Sponsoren treibt bizarre Blüten. Die WM-Städte mussten sich von den Fifa-Aufpassern selbst ihre Kulissen für Leipzig genehmigen lassen. Allein mit dem Ausdrucken des E-Mail-Schriftverkehr zwischen Nürnberg und Zürich in den Wochen vor dem Leipziger Fußball-Allerlei ließe sich jede Tintenpatrone leeren. Es ging dabei um Fragen von weltpolitischem Rang: Ist Nürnberger Lebkuchen ein Andenken oder ein Lebensmittel? Und: Untergräbt das Markenzeichen eines fränkischen Lebkuchen-Bäckers die Null-Toleranz-Politik der Fifa in Sachen ‚Ambush-Marketing’? Die unter Fifa-Präsident Blatter konsequent vorangetriebene Ökonomisierung des größten aller Fußballfeste führt nicht selten schnurstracks nach Absurdistan. Die Nürnberger verpackten ihre Lebkuchen seufzend in (semitransparentes) Butterbrotpapier.“

Ball und Buchstabe

Bratwurst et circenses

Sehr lesenswert! Die These von der Parallele Fußball und Politik ist durch Norbert Seitz’ Bücher (etwa „Bananenrepublik und Gurkentruppe“, „Doppelpässe – Fußball und Politik“) in Deutschland populär geworden. Thomas Klemm (FAS) dreht sie um und definiert Fußball als Fluchtort und Fans als Eskapisten: „Der Fußball scheint nicht recht zu den Zuständen zu passen. In den vergangenen fünf Jahrzehnten war es hierzulande relativ leicht, die Parallelen zwischen Fußball auf der einen Seite sowie Politik und Gesellschaft auf der anderen zu ziehen, gleichzeitige Verläufe zwischen dem Auftreten der besten Kicker auf dem Platz und der Befindlichkeit der Nation zu erkennen. Spielweise und sportliche Erfolge wurden immer als Produkt der deutschen Mentalität gedeutet. Sie wurden ins kollektive Gedächtnis aufgenommen und prägten die nationale Identität. Derzeit scheint es aber so, als führe der Fußball ein Eigenleben (…) Im Stadion goutieren die Fans die Umgestaltung in der Nationalmannschaft und den Profivereinen, außerhalb stellt man Ansprüche und fürchtet Reformen am eigenen Leibe. Auf der Tribüne erfreut man sich an den ausländischen Fußballprofis, am Arbeitsplatz fürchtet man die Wirkungen der Globalisierung. Die Folge: In Deutschland herrscht kaum Wirtschaftswachstum – aber die Bundesliga boomt. Sechs Tage lang sparen viele Deutsche – am siebten Tag aber, wenn ‚ihr’ Bundesligaverein spielt, scheinen sie ohne großes Murren die stattlichen Eintrittspreise für den Stadionbesuch zu bezahlen und Fanartikel zu kaufen. In deutschen Arenen lautet das Motto: Bratwurst et circenses.“

Michael Horeni (FAS) versucht, aus Deutschlands Selbstbeschreibung auf der Eröffnungsgala schlau zu werden: „Es ist bisher die größte Bühne, auf der sich Deutschland vorgenommen hat, sich der Welt zu präsentieren. (…) In der einstündigen Show wurde nicht recht deutlich, welches Bild die Gastgeber eigentlich nun von sich selbst vermitteln wollen. Dazu hätte man um seinen eigenen Standort wissen müssen, aber das ist ja keine Schwierigkeit, die erstmals in Leipzig aufgetaucht wäre. (…) Die interessantesten Momente lieferte ein Filmbeitrag von Wolfgang Becker, der mit deutschen Sujets überraschend leicht Fußball spielte. Gerhard Mayer-Vorfelder fand, daß die richtige Tonlage gefunden worden sei, und das Bedürfnis nach Leichtigkeit und Selbstironie war bei vielen deutschen Repräsentanten zu spüren. Ein bißchen aber wirkte der diesen Wunsch beflügelnde Film auch so, als sollte den Deutschen ein Bild von einem Land gezeichnet werden, das sie erst noch bewohnen sollen.“

Einige Wochen beträchtlicher Lebensfreude

Javier Marías, spanischer Schriftsteller, im Interview mit Paul Ingendaay (FAS)
FAS: Sie mögen die deutsche Nationalhymne. Trifft das auch auf den deutschen Fußball zu?
JM: Das ist nicht dasselbe. Die Nationalhymne stammt von Haydn, und so nehmen wir sie wahr: herrliche, unantastbare Musik. Der deutsche Fußball, wie ich schon sagte, hat die große Tugend, sich nie geschlagen zu geben. Deutsche Mannschaften sind stolz und unbeugsam. Ihre Partien sind also zumindest kurzweilig. Mir fehlten jedoch etwas die Technik, die Improvisation. Und der Wille zum Risiko.
FAS: Mut zum Risiko hat der Bundestrainer seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr bewiesen. Was wissen Sie über Jürgen Klinsmann?
JM: Als Menschen kenne ich ihn kaum, meine mich aber zu erinnern, daß er politisch eher links stand – was es unter Fußballern nicht häufig gibt –, daß er Bücher las – was man unter Fußballern noch viel seltener antrifft – und daß er sich nicht konventionell verhielt. Als öffentliche Figur war er mir sympathisch. Von seiner Arbeit als Teamchef weiß ich wenig. (…)
FAS: Was bedeutet Ihnen persönlich eine Weltmeisterschaft?
JM: Einige Wochen beträchtlicher Lebensfreude. Nicht nur aufgrund der Möglichkeit, guten Fußball zu sehen (es gibt ja daneben immer sehr schlechte Spiele, und die wirklich guten kann man zählen), sondern auch, weil es mir Spaß macht, die Spieler verschiedenster Länder dabei zu beobachten, wie sie auf Herausforderungen reagieren. Welche Hoffnung sie erzeugen. Es ist wie eine riesige Theateraufführung, in der alle Arten von Schicksalsschlägen auftreten. Man ist bereit, sich alle Spiele anzusehen. Während einer Fußballweltmeisterschaft ist die Welt sympathischer.
FAS: Der französische Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus hat gesagt, das meiste, was er über die Moral des Menschen wisse, verdanke er dem Fußball. Was könnte er damit gemeint haben?
JM: Das kann ich nicht wissen. Doch ich glaube, er sprach von etwas, das immer mehr aus dem Fußball verschwindet: daß es nicht allein ums Gewinnen geht, sondern darum, es mit Fairness und ohne falsche Tricks zu tun. Heute fordern Spieler für den Gegner die Gelbe Karte oder freuen sich schon über einen Elfmeter, bevor sie ihn verwandelt haben, oder bejubeln ihre Tore auf pöbelhafte, sogar beleidigende Weise. Oder sie simulieren Foulspiel, vor allem im Strafraum. Nichts von alledem hat mit Fairness zu tun. Darüber hinaus glaube ich, Camus bezog sich auf das Solidaritätsgefühl, das sich unter den Spielern einer Mannschaft herausbildet. Im Fußball sollte das alte Motto der drei Musketiere von Dumas gelten: ‚Alle für einen, einer für alle.’

Bundesliga

Assauer am Ziel: Ralf Rangnick entlassen

Assauer ist am Ziel

Die Zeitungen haben es geahnt: Ralf Rangnick ist soeben entlassen worden. Sein Scheitern werten die Kommentatoren als Schuld Rudi Assauers, dem viele vorwerfen, sich und seine Zigarre wichtiger zu nehmen als den Verein und dessen Erfolg. „Mission completed – Assauer ist am Ziel: Rangnick gibt zermürbt auf“, schreibt die Financial Times Deutschland in Anbetracht der Antipathie Assauers gegen Rangnick. Michael Eder (FAZ) hört Assauer auf der Pressekonferenz und rümpft die Nase; dem Trainer gratuliert er zu seinem Rückgrat: „Assauer in Cäsarenpose, so gefällt er sich. Wer den selbstverliebten Auftritt Assauers sah, verstand ein wenig besser, was Rangnick meinte, als er seinen angekündigten Abschied mit ‚politischen Possenspielen’ begründet hatte. Der Schalker Manager bediente die Frager mit spottgetränkten Kommentaren, in denen Rangnick immer als das dastand, als was Assauer ihn gerne hätte: als kleiner, austauschbarer Angestellter. Doch der Trainer hatte für sich beschlossen, keine Marionette des Managers und des Vorstands mehr zu sein, hatte die Schnüre gekappt und war vor dem Spiel alleine zu zwei Ehrenrunden aufgebrochen – auch das ein Affront gegen den schillernden Assauer und den farblosen Teammanager Müller. (…) Sein Abgang freilich wird in Erinnerung bleiben. Der Schwabe hat mit seinen Mitteln den Aufstand geprobt, er wird Schalke mit erhobenem Kopf verlassen, was noch nicht vielen Trainern gelungen ist; er hat den Assauers die Stirn geboten, nur eines konnte er natürlich nicht: die Verhältnisse auf Schalke ändern. Aber immerhin: Daumen hoch, Daumen runter – die Demontage eines Trainers als Massenbelustigung, sie hat diesmal nicht funktioniert.“

Viele Beobachter widerrufen ihr Urteil über Assauers Verlust an Macht und Wortgewicht. Allerdings werde sich der „Sieg“ nachträglich wohl als Niederlage erweisen. Thomas Haid (StZ) stört sich an Assauers Heuchelei: „Assauer tut so, als sei mit Rangnick nichts gewesen. Er versucht, den Eindruck zu erwecken, der Trainer habe die Schalker und speziell ihn, den Manager, im Stich gelassen. So schlüpft der Mann in die Rolle des Opfers. Dabei war es umgekehrt. Irgendwann wird der Revierkönig Rudi den Rangnick-Nachfolger präsentieren – vielleicht Huub Stevens. Und dann geht alles weiter in Assauers Sinne.“ Friedhard Teuffel (Tsp) verweist auf das Votum der Fans, die Rangnick in Ehrenrunden gefeiert haben: „Assauer konnte Rangnicks Entschluss zunächst als persönlichen Sieg verbuchen. Es war zunehmend ein Kampf zwischen Trainer und Manager, und Assauer mag es erst einmal vorgekommen sein, als habe Rangnick klein beigegeben. Doch in seine Machtpolitik hat Assauer den Bauch des Klubs nicht einbezogen. Die Fans nehmen ihm und seinen Vorstandskollegen nicht ab, dass der Rückzug eines Fußball-Gelehrten ein Sieg des Verstandes sein soll.“ Udo Muras (Welt) hält Schalke für einen schwierigen Arbeitsplatz: „Der Ruf des Klubs ist beschädigt. Spitzentrainer werden sich gut überlegen, ob sie es riskieren, sich in diesem Klüngelklub ihren Namen zu ruinieren. Die entscheidende Frage lautet ja: Welcher Trainer paßt zu Assauer?“ Jan Christian Müller (FR) resümiert: „Für den hoch verschuldeten FC Schalke ist das eine Niederlage. Für Rangnick allerdings auch.“

Will Schalke Deutschlands größter Provinzverein bleiben?

Wie soll es weitergehen mit Schalke, das ja zu Höherem und Weiterem strebt? Christoph Biermann (SZ) fordert Schalke zum Nachdenken, zur Reform auf: „Rangnick hat Schalke durch seine Flucht nach vorn unversehens wieder vor die Frage gestellt, wie dieser Klub eigentlich sein möchte. Will er Deutschlands größter Provinzverein bleiben, wo es stets zünftig zugeht und unter großem Jubel als tollste Attraktion ein Schleudersitz für Trainer aufgebaut ist? Oder will Schalke endlich sein Potenzial ausschöpfen und ein deutscher, vielleicht sogar internationaler Spitzenklub werden?“ Daniel Theweleit (SpOn) gibt zu bedenken, das Scheitern Rangnicks entschlüsselnd: „Er muss gehen, weil er mit seiner Art des Modernisierens am heiligen Schalker Selbstbild kratzte. Denn ein Erneuerer hat immer auch etwas Oberlehrerhaftes, wirkt schnell arrogant und besserwisserisch. Rangnick spricht in komplizierten Sätzen und verwendet Fremdwörter. Das passt nicht zum Bild des volksnahen Ruhrpottclubs. (…) Reformer haben es eben schwer in Deutschland. Jürgen Klinsmann gibt sicher gerne Auskunft.“

Man muss solche Situationen zur Selbstkritik nutzen

Josef Schnusenberg, Schalkes stellvertretender Vorstandsvorsitzender, im Interview mit Biermann (SZ)
SZ: Ging es angesichts von Assauers grundsätzlicher Antipathie gegenüber Rangnick darum, wie Andreas Müller sich entscheidet?
JS: Ja, im Grunde kann man das so sagen.
SZ: Die Überlegungen in dieser Frage sind aber aus dem sehr übersichtlichen Kreis öffentlich geworden. Wie bedenklich ist das?
JS: Man muss solche Situationen auch zur Selbstkritik nutzen. Dass wir nicht immer mit einer Zunge geredet haben, kann man sicher beanstanden. Dann muss man zum Leidwesen der Presse die Konsequenz ziehen und die Klappe halten.
SZ: Wird eine Folge dieser Affäre sein, dass der direkte Draht von Schalke zur Bild-Zeitung gekappt wird?
JS: Da sprechen Sie den Falschen an.
SZ: Warum? Sie sitzen als Vorstand in dem Gremium, wo auf diese Frage Einfluss genommen werden kann.
JS: Sicher müssen wir uns beim Umgang und bei den Äußerungen nach Außen verbessern.
SZ: Vor ein paar Monaten haben Sie im Vorstand genau diesen Beschluss schon einmal getroffen. Verhindert die misslungene Umsetzung, das Schalke ein Spitzenklub ist?
JS: Das ist eine provokante Frage.
SZ: Die sich derzeit viele Fans des FC Schalke stellen.
JS: Ich kneife auch nicht davor, sie zu beantworten. Wir müssen noch viel lernen, um ein Spitzenklub zu sein. Das beziehe ich durchaus auch auf mich selbst, manche Äußerung würde ich gerne wieder zurückholen.
SZ: Gibt es von Ihrer Seite ein persönliches Bedauern gegenüber Rangnick?
JS: So eine Situation wünsche ich mir selber nicht, das tut jedem Menschen weh. Rein menschlich gesehen ist ein Bedauern da.

Hamburger SV – Hertha BSC Berlin 2:1

Ein wunderbares HSV-Jahr

Wenn Spieler sich öffentlich über Mitspieler beschweren, ist das ein dankbares Thema für die Presse. „Die Profis von Hertha hadern mit Marcelinho“, stellt die SZ nach Niko Kovac’ Rüge im Fernsehen fest; die Berliner Zeitung spürt einen Zwiespalt: „Das Gros der Hertha-Profis hat die Launen Marcelinhos satt, weiß aber, dass dieser die seltene Fähigkeit besitzt, jederzeit allein ein Spiel entscheiden zu können.“ Frank Heike (FAZ) lenkt den Blick auf den Sport und die Überlegenheit der Hamburger: „Es schien so, als hätten die Berliner ein willkommenes Bauernopfer gefunden, um die verschlafene Anfangsphase und kaum bessere Zeit danach im Nebel der Marcelinho-Schelte zu verhüllen. (…) Thomas Doll hätte sich für ein maßgeschneidertes taktisches Konzept feiern lassen können. Andere hätten ohne ihren besten Mittelfeldspieler wohl eine defensive Aufstellung gewählt. Doll flüchtete nach vorn. Auch wegen dieser mutigen Variante führte der HSV so schnell und hätte durch Mpenza (unheimlich, was er vergibt) drei weitere Tore schießen müssen. Mancher sieht Doll nur als Motivator, der die Sprache der Spieler spricht. Doch längst hat er dem HSV ein variables taktisches Gewand angelegt. (…) Es war ein wunderbares HSV-Jahr.“ René Martens (FTD): „Der Sieg der Hamburger war auch ein Erfolg des Taktikers Doll über Götz.“

taz-Spielbericht

Eintracht Frankfurt – Borussia Dortmund 2:0

Vom Straßenköter zum Leitwolf

Tobias Schächter (SZ) anerkennt Jermaine Jones und die Führung der Eintracht: „Seine Wandlung vom ‚Straßenköter’, als den ihn Reiner Calmund bezeichnet hatte, zum Leitwolf von Eintracht Frankfurt bleibt ebenso erstaunlich wie die des gesamten Vereins. Die Eintracht präsentiert sich weit entfernt von dem negativen Image, das diesem Traditionsverein lange anhaftete. Seit zwei Jahren bekleidet Heribert Bruchhagen die Position des Vorstandsvorsitzenden und verkörpert seitdem eine neue Sachlichkeit in der Chefetage. Keine inneren Grabenkämpfe lähmen seither den ehemaligen Chaosklub, und auch die Zeiten finanziellen Hasadeurtums scheinen vorbei. (…) Auch der dienstälteste Trainer der Liga ist auf dem Weg, sich von übler Nachrede zu befreien – wonach er einer ist, dessen Mannschaften antiquierten Defensivfußball spielen. Immer die Offensive suchend, gefällt Friedhelm Funkels Eintracht durch Spielwitz und Selbstvertrauen.“

Neugier auf Zwischenmenschliches auch in Frankfurt: „van Marwijk attackiert Funkel“, lesen wir in der FAZ, die das Wortduell nach dem Spiel dokumentiert: Bert van Marwijk wirft Funkel vor, die Gelb-Rote Karte für Tomas Rosicky – erfolgreich – gefordert zu haben: „Der Platzverweis war natürlich dumm. Aber ich bin mir sicher, daß der Schiedsrichter nicht gepfiffen hätte, wenn die Provokationen von der anderen Bank nicht gekommen wären. Mein Stil wäre das nicht.“ Funkel verteidigt sich: „Ein Trainer kann niemals einen Platzverweis verantworten. Wir haben zwar an der Seite reagiert, aber keinen Platzverweis gefordert.“

VfL Wolfsburg – VfB Stuttgart 0:1

Magerkost

Schimpfe, auch für den Sieger: „Dank Silvio Meißner wird der VfB von Trapattonis Magerkost satt“, stichelt die FAZ, die FR spottet: „Der VfB nähert sich dem, was Trapattoni sich unter Fußball vorstellt.“ Achim Lierchert (FAZ) destilliert das neue Stuttgarter Motto: „Wolfsburg erlebte an diesem tristen Dezembernachmittag das neue Gesicht des VfB Stuttgart und seines umstrittenen Trainers. Wenig spielerischer Glanz, allerdings höchste Effizienz einer Mannschaft, die in allen acht Auswärtsspielen ohne Niederlage blieb. Und plötzlich schaut alles wieder positiver aus bei den zuvor kriselnden Schwaben.“ Ronny Blaschke (SZ) befasst sich mit dem Verlierer: „Es ist ein offenes Geheimnis in Wolfsburg, dass Strunz bei der Mannschaft nicht den besten Stand hat. Profiteur dieses Streits ist Holger Fach, dessen Anteil an der Krise in der Debatte eine Nebenrolle spielt.“

taz-Spielbericht

MSV Duisburg – Arminia Bielefeld 1:1

Zu wenig

Das Interesse für Duisburg ist durch die Entlassung Norbert Meiers zumindest kurz gewachsen. Holger Pauler (taz) freut sich über die Medienschelte der Duisburg-Fans: „Die MSV-Fans hatten ihre eigene Sicht: ‚Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein – gegen übertriebene Medienhysterie’, stand auf einem Transparent, das die gesamte Stehplatz-Kurve der Heimfans ausfüllte. Darunter prangten die Logos von DSF, Premiere und Sport Bild. Das sonst eher Meier-kritische Sitzplatz-Publikum bedachte die Aktion der Duisburger Ultras mit Applaus. Seltene Rückendeckung für den nur mäßig beliebten und sportlich nur bedingt erfolgreichen Ex-Trainer.“ Ein Zwischenfazit von Richard Leipold (FAZ): „Zu wenig: Diese beiden Worte kennzeichneten aus Duisburger Sicht nicht nur diesen Spieltag, sondern auch die Bilanz nach sechzehn wenig einträglichen Bundesligarunden. Gemessen am Spielverlauf, erschien das Remis sogar wie ein gewonnener Punkt. Der geringe Ertrag macht die Arbeit für den bald zu benennenden neuen Trainer nicht leichter, sondern schwerer. Wer den nur formal erstklassigen Werdegang der Mannschaft verfolgt, muß sich fragen: Welcher Trainer von Format ist so gierig und mutig, zugleich aber qualifiziert genug, den Arbeitsplatz zu besetzen, der frei ist, weil der vorherige Cheftrainer mit einer Sperre von drei Monaten rechnen muß? Als Favorit für den Job gilt Jürgen Kohler.“

1. FC Nürnberg – Bayer Leverkusen 1:1

Begeisterung klingt anders – Iris Hellmuth (SZ): „Es war ein Spiel zweier Mannschaften, die nicht besser konnten als sie wollten, für Bayer Leverkusen ist diese Situation deutlich schwieriger zu ertragen als für den Club.“

Hannover 96 – Borussia Mönchengladbach 1:1

Gladbachs Fohlen und Hannovers Rotwild im Galopp

Trainer enttäuscht, Zuschauer glücklich, eine klassische Wertung – Jörg Heynlein (taz): „Von Zeit zu Zeit kann mangelndes Fachwissen auch ein Segen sein. Was ein durchschnittliches Fußballpublikum erwärmt und unterhalten hat, fanden die Trainer eher grottig und fehlerhaft. Ungestüm und temporeich waren Gladbachs Fohlen und Hannovers Rotwild über den Platz galoppiert und hatten ihren beiden Trainern wenig Grund zur Freude geboten. Dem spaßorientierten Erlebnispublikum wurde ein offensiver Schlagabtausch zweier Mannschaften geboten, die ihre Defensive vernachlässigten und ordentlich einstecken mussten, ohne jedoch k.o. zu gehen.“

Mittelschichtpublikum

Bernd Müllender (FTD) wundert sich über die geringe Zahl an Heimsiegen in der Hinrunde: „Ob sich abgebrühte Spieler nicht mehr so leicht verunsichern lassen durch Gebrüll in der Fremde? Siegt intelligentes Konterspiel über Heimwucht? Vielleicht ist es das: Wo mehr event-orientiertes Mittelschichtpublikum in die Stadien kommt als Fans alten Schlages mit bedingungsloser Vereinsliebe, wird Enttäuschung schneller artikuliert. Bestes Beispiel ist Kaiserslautern: Die gefürchtete Bastion nennt Wolfgang Wolf ‚Klotz Betzenberg’ – wegen der aggressiven Stimmung gegen die eigene Elf.“

Samstag, 10. Dezember 2005

WM 2006

Mafioso-Mienen

Fifaismus – wenn die Redakteure der Süddeutschen Zeitung hohe Fußballfunktionäre sehen oder hören, bekommen sie meist Ausschlag. Thomas Kistner (SZ) läuft es kalt den Rückenrunter, wenn Joseph Blatter über die böse Welt klagt: „Als der brasilianische Fußballboss Ricardo Teixeira den Goldpokal auf die Bühne schleppte und mit tiefgefrorener Mafioso-Miene dem Fifa-Granden Sepp Blatter hin wuchtete, der ihn an Gerhard Mayer-Vorfelder reichte, gusseiserner Halbpräsident des DFB, der das Amt zum Leidwesen vieler erst nach der WM verlässt – da sah die Welt schon mal im Schnelldurchlauf, wer so alles im Schaufenster dieser WM steht. Indes, man kann es ja auch so sehen: Gerade ein Führungstrio wie dieses bezeugt mit jeder Affäre mehr, wie unverwüstlich der Fußballsport ist. So unverwüstlich wie das Losglück der deutschen Elf (…) Diese WM, hat Blatter noch gesagt, werde Friedensbotschaften in eine Welt entsenden, die ‚böse, verrückt und kriegerisch ist’ – und zugleich tolerant genug, solche Reden eines skandalumtosten Weltsportlenkers zu schlucken. Mehr Realitätssinn offenbarte der Bundespräsident. Auf die Frage Heidi Klums, was es bedeute, dass nun ‚die ganze Welt auf uns’ schaue, antwortete Horst Köhler wahrheitsgemäß: ‚Das bedeutet, dass die ganze Welt auf uns schaut.’ Das war das große Hurra des braven Amateurs.“ Christof Kneer (SZ) fügt hinzu: „Man darf sich wünschen, dass das fußballerische Niveau des Turniers zumindest über dem Niveau der Funktionärsparade liegen möge. ‚Wir werden den Weltpokal mit ins Haus des Deutschen Fußball-Bundes nehmen und ihn so lange verliebt anschauen, bis er sich wieder an uns gewöhnt hat’, säuselte Mayer-Vorfelder, und gewinnend lächelte sein Nachbar, der in seiner brasilianischen Heimat wegen Korruption verurteilte Teixeira. Und genauso gewinnend lächelte der Nachbar des Nachbarn, Joseph Blatter, dem derzeit die Korruptionsfahnder im Nacken sitzen. Später kam noch das Maskottchen Goleo, dem die Geschmackspolizei seit seiner Geburt im Nacken sitzt. (…) Das Beste an dem neuen Ball: Auf ihm finden sich auch die vier freundlichen Heiterbeulen aus dem WM-Logo – ist das nicht eine freundliche Aufforderung, mal ein bisschen in sie hineinzutreten?“

Welches Ausmaß wird die WM annehmen, wie wirkt sie aufs Ausland? Felix Reidhaar (NZZ) schildert seine Vermutung: „Was der sparsam auf den Vierjahresturnus reduzierte Höhepunkt im Fussballgeschäft bewirken wird, liess sich schon durch das hochklassig besetzte Freundschaftstreffen der Konföderationen ahnen. Das Probe-Turnier stiess in der Öffentlichkeit (inklusive Medien) auf eine Resonanz, wie sie eindrücklicher und übertriebener fast nur Deutschland verzeichnen kann, das europäische Fussballland schlechthin, mit den weltweit höchsten durchschnittlichen Zuschauerzahlen in der ersten Spielklasse. Die publizistische Lawine, die damals losgetreten wurde, wälzt sich seither mit ständig steigendem Umfang in Buch- und Filmform auf die Konsumentenschaft zu. Die Materialschlacht wirkt heute schon abschreckend und ruft nach Konzentration auf das Massgebliche.“

BLZ: Beim DFB-Bundestag wird Gerhard Schröder noch einmal als Bundeskanzler tituliert – und seine Nachfolgerin entdeckt ihre Liebe zum Frauenfußball
FAZ: der WM-Ball – rund wie nie
FAZ: Die WM-Gala der ARD – ein Abend unter Freunden
BLZ: Die Welt zu Gast bei Heidi Klum
Tsp: Stimmen zur Auslosung
Bildstrecke von der Auslosung, faz.net
Tsp: Ein Turnier auch für die Kultur – bei der WM kommen auch Musik, Theater und Literatur zu ihrem Recht

Bundesliga

Führungsproblem des Vereins

Philipp Selldorf (SZ) wertet den Verzicht Ralf Rangnicks auf eine Vertragsverlängerung als Niederlage der Vereinsführung: „Die entstandene Ungewissheit hat die Führung des Vereins selbst geschaffen, weil sie unfähig war, eine Meinung über die Arbeit des Trainers zu bilden. Stattdessen wurde die Kontroverse in die Medien getragen, wobei sich die Allianz zwischen Assauer und der Bild-Zeitung – auch die ist kein Freund von Rangnick – als permanente Subversion mitten im Nervenzentrum des Klubs erwies. Rangnick, impulsiv und empfindlich, manchmal auch rechthaberisch, ist sicher kein einfacher Typ; seine komplexen Analysen mögen manchmal unbefriedigte Zuhörer hinterlassen haben, und ein paar taktische Fehler sind ihm auch unterlaufen. Aber er ist in Schalke nicht als Persönlichkeit gescheitert und erst recht nicht an der Qualität seiner Arbeit, sondern am Führungsproblem des Vereins.“ Von wegen Assauer ist entmachtet – Ulrich Hartmann (SZ) schreibt: „Es ist wieder einmal deutlich geworden, dass der Schalker Aufsichtsrat frei von Einfluss ist auf die Entscheidungen im Management des Klubs. Und noch etwas: der nach wie vor große Einfluss des bereits als entmachtet deklarierten Assauer. Er hat seit dem ersten Tag der Zusammenarbeit nicht verhehlen wollen, dass er mit Rangnick nur schlecht harmoniert. Er hat offene Konfrontationen heraufbeschworen und kaum ein gutes Haar am Trainer gelassen und tat nach Rangnicks Mitteilung gleichwohl überrascht.“ Richard Leipold (FAZ) zweifelt daran, dass Rangnick bis zum Saisonende Schalke trainieren wird: „Schalke beschäftigt einen Trainer, der vor der Ankündigung seines Rückzugs schon auf der Kippe stand. Rangnick ist integer genug, daß er es mit aller Seriosität versuchen wird. Das Schalker Team indes ist dafür bekannt, daß es Autoritätsschwund meist prompt bestraft.“

FR: Die Hinwendung zu Fußballern aus dem eigenen Nachwuchs bringt den Dortmundern auch eine neue Identität

Freitag, 9. Dezember 2005

Champions League

Wundertüte

Werder Bremen – Panathinaikos Athen 5:1

Jörg Marwedel (SZ) befasst sich mit den Folgen des Bremer Siegs: „Die Bremer können nach dem zweiten Einzug ins Achtelfinale der Königsklasse hintereinander die nächste Phase ihrer internationalen Karriere als zweite deutsche Kraft neben dem FC Bayern planen. Schritt eins war die Vertragsverlängerung mit Thomas Schaaf bis 2008. Schritt zwei ist die Versilberung des neuerlichen Imagegewinns. Außer 3,6 Millionen Euro garantierter Einnahmen aus der Achtelfinal-Teilnahme dürfte weiteres Werbegeld fließen, der künftige Trikotsponsor (ein Wettanbieter) wird womöglich etwas drauflegen müssen.“ Sven Bremer (BLZ) fasst Bremens Auf und Ab in der Vorrunde zusammen: „Man wusste nie, was wohl drin sein würde in der Wundertüte Werder. Den FC Barcelona brachten sie in Bremen reichlich in Bedrängnis, in Athen stellten sie sich an wie eine Schülermannschaft, und beim 4:3 gegen Udine zeigte das Team aufs Deutlichste die Mentalität von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Traumhafter Kombinationsfußball wechselte sich innerhalb von 90 Minuten mit Anfängerfehlern ab. Noch wissen sie nicht genau, wo sie sich in Europa einordnen sollen.“

Udinese Calcio – FC Barcelona 0:2

Mehr Mut gegen alle Spielverderber dieser Welt

Markus Lotter (Welt) preist den FC Barcelona und dankt: „Ruhm und Ehre können auch in vermeintlich bedeutungslosen Spielen gewonnen werden. Barcelona hat es vorgemacht und nicht nur an der Weser viele Fans und Anhänger dazugewonnen. Kein Mitleid, wenn Serse Cosmi, Trainer von Udinese, jammert, die Müdigkeit habe sein Team einen Strich durch die Rechnung gemacht und von einer Tragödie spricht. Nein, er hatte zehn Zerstörer – die Bezeichnung ‚Spieler’ ist fehl am Platz – und einen Toreverhinderer aufgeboten und ist dafür im Sinne der Ästheten für sein Catenaccio, diesen Friedhof für Kreativität und Phantasie, zu Recht bestraft worden. Wir wünschen uns mehr Barcelonas. Mehr Mut gegen alle Spielverderber dieser Welt. Gegen alle, denen Fairplay zu anstrengend ist.“

FC Brügge – Bayern München 1:1

Verfrühter Winterschlaf

Christian Eichler (FAZ) vermisst Regung und Tatkraft bei den Bayern: „Der Wintervorrat, den sich die Bayern erarbeitet haben, ist üppig. Aber zuletzt sahen sie so aus, als wollten sie schon jetzt von ihm zehren. Der Meister im verfrühten Winterschlaf? Eher lustlos und nur in den letzten zwanzig Minuten druckvoll, so vergaben die Bayern die Chance, die Vorrunde als Tabellenerster zu beenden (…) Die Reisenden konnten das kleine Ärgernis mit einem Schulterzucken abtun – wie ein Ferrari-Fahrer, der sich in Belgien ein Strafmandat für zu langes Stehen am falschen Platz abgeholt hat und weiß, daß es ihn nicht bis heim nach München verfolgen wird. Selbst Uli Hoeneß fand Verständnis fürs kollektive Umschalten in den Energiesparmodus.“

Benfica Lissabon – Manchester United 2:1

Ohne Autorität

Christian Eichler (FAZ) macht die Flaute Manchesters an Alex Ferguson fest: „Wann man besser aufhört, weil’s nur schlechter wird, diese Erkenntnis fällt in kaum einem Metier so schwer wie im Trainerjob. Von frühauf fremdbestimmt von Zufällen des Balls, Launen der Kicker, Politik der Bosse, lernen Trainer das Festkrallen – und verlernen das Loslassen. Selbst im Erfolg, gerade im Erfolg. Einer, der wie keiner Immunität gegen die Fallen des Fußballalltags gewann, ist dabei, den Absprung zu verpassen. (…) Natürlich bleibt ManU eine erste Adresse. Stadion, Publikum, Kader, Vermarktung sind Weltklasse. Ein schlafender Riese. Es fehlen zwei neue Chefs, einer auf dem Feld, einer auf der Bank, die ihn wecken.“ Raphael Honigstein (taz) mutmaßt über Fergusons Zukunft: „Die sportliche Niederlage wiegt weitaus schwerer. Besonders für Ferguson, den von der Queen geadelten Trainer. Die vorzeitige Demission bleibt ihm nur wegen der eklatanten Führungskrise im Verein erspart. Die Glazer-Familie, die neuen Machthaber bei ManU, traut sich eine so weit reichende Entscheidung noch nicht zu, Geschäftsführer David Gill war schon vor der Übernahme durch die Amerikaner ein konfliktscheuer Zauderer. Sir Alex wird also bis zu seinem Abschied im Sommer als ‚lame duck’ weiterregieren; ohne Autorität, wie ein amerikanischer Präsident im letzten Amtsjahr.“

NZZ: Manchester United büsst an Zauber ein

WM 2006

Groteske Überhöhung

Sehr lesenswert! Die Telekom will den Berliner Fernsehturm zum Werbezweck als Fußball in einer Art rosa verkleiden. Holger Gertz (SZ/Seite 3) hält das für übertrieben und verstiegen – und vieles andere auch: „Der Fußball über Berlin kann als Symbol für die gewaltige Bedeutung durchgehen, die er in Deutschland hat; für die Hoffnungen, die er bündelt; für die Kraft, die von ihm ausgehen soll; für die ganze groteske Überhöhung eines Mannschaftsspiels auf Rasen. Der Konzern Beate Uhse hat neulich verkünden lassen, die WM werde die Nachfrage nach Schmuddelfilmen anstacheln, warum auch immer. So flächendeckend, wie der Fußball während einer WM übertragen wird – wer soll da noch Zeit haben für einen anständigen Porno? Der Fußball soll gut sein für die Arbeitsplätze, für die Konjunktur, das steht jedenfalls dauernd groß in den Zeitungen. Manchmal steht klein daneben, dass bei den vergangenen Weltmeisterschaften in Japan/Korea und Frankreich das Wirtschaftswachstum zwar mitten im WM-Jahr nach oben ausschlug – nachhaltig war die Wirkung nicht. (…) Franz Beckenbauer sieht ein bisschen fertig aus, vielleicht liegt es an der Reiserei, vielleicht am Druck, den er als Libero immer hat abschütteln können. Der Druck dieser Tage ist viel größer. Er hat ja die WM nach Deutschland geholt, heißt es: Aber das ist ein Märchen. Natürlich haben die Politiker mit Wirtschaftsdeals nachgeholfen, doch darüber sprechen sie nicht. Der Tag des Zuschlags war gefühlt der letzte, an dem dem verzagten Land irgendwas gelungen ist. Beckenbauer ist seitdem von den Boulevardblättern zu einem Übermenschen hochgeschrieben worden, dem alles glückt. Wenn ein Aufschwung käme, durch die WM, hieße das, er allein hätte ihn gebracht. Man könnte im Parlament den Bundesadler abschrauben und stattdessen eine seiner Autogrammkarten hinhängen. Allerdings, wenn die WM die Erwartungen nicht erfüllt, dann ist Franz Beckenbauer persönlich gescheitert.“

Welt: Vertreibt das WM-Fieber den anhaltenden Pessimismus der Deutschen? Experten und historische Erfahrungen besagen: Erst muß sich die Gesellschaft ändern, dann der Fußball – und nicht umgekehrt

Hochinteressanter Einblick in das DDR-Doping

Leipzig im Dilemma: Soll es seine Vergangenheit betonen, oder mit seiner Gegenwart werben? Die Gegenwart gibt nicht viel her, die Vergangenheit birgt Konfliktstoff. Sehr aufschlussreich! Reiner Burger (FAZ) beleuchtet die Geschichte um Dr. Jürgen Ulrich, der im Sommer 2005 die Leipziger Imagekampagne „Leipziger Freiheit“ wesentlich mittragen sollte. Inzwischen ist sie still und leise eingestellt worden; Ulrich sei, wie sich gezeigt habe, ein Protagonist des DDR-Dopings gewesen und damit „Teil eines unrühmlichen Kapitels Leipziger Medizin-Geschichte: Der Fall Ulrich bietet hochinteressante Einblicke sowohl in das Funktionieren des Stasi- als auch des DDR-Doping-Systems. Seine Bedeutung für die Sportmedizin der DDR wurde den Überwachungsbehörden erst durch seine Verhaftung wegen versuchter Republikflucht deutlich. Die Stasi achtete darauf, daß die Erkenntnisse in Sachen ‚unterstützender Mittel’ nicht gerichtsbekannt wurden – schließlich handelte es sich um ein Vorgehen, das auch in der DDR nicht vom Recht gedeckt war. Schritt für Schritt wurde das Haftopfer Ulrich unter diesen Bedingungen zum Begünstigten. (…) Zumindest der Internationale Leichtathletik-Verband setzte die lebensgefährlichen Anabolika schon 1970 auf die Verbotsliste. Diese Mittel waren also ausgerechnet in jener Sportart schon Jahre verboten, in der Ulrich wirkte. Der Fall des Leipziger Mediziners schrieb DDR-Rechtsgeschichte. Denn die Begünstigung Ulrichs durch die Stasi bewirkte eine Grundsatzentscheidung: Vertreter des DDR-Justizapparats, der SED und des Sports verabredeten eine faktische Freigabe des Dopings.“ Wie spricht die PR-Abteilung der Kampagne über den Verzicht auf Ulrich? Zögerlich, schweigend, „feige“, rügt Burger.

Dabei ist Leipzig darauf angewiesen, in die Vergangenheit zu schauen. Ein schmaler Grat, meint Stefan Osterhaus (NZZ): „Die populäre Darbietung scheint ein wenig deplaciert in der sächsischen Wirklichkeit. Leipzig war eine Schlüsselstadt des DDR-Sports (…) Die Bedeutung Leipzigs, immer ein wenig im Schatten der Landeshauptstadt Dresden, lässt sich leicht an Statistiken messen, an zahllosen Medaillen, die das Sportsystem der DDR sammelte. Es sind Erfolge, die nun konterkariert werden von einer Gegenwart, die ohne Profifussball im modernisierten Zentralstadion auskommen muss.“

FTD: Fußball regiert die Stadt
BLZ: Exklusive Nichtigkeiten – in Leipzig wird jede Lappalie zu einer großen Geschichte ausgeweitet
NZZ: WM-Auslosung – wird den einschlägigen deutschen Medien Glauben geschenkt, dann hat das Land schon lange nicht mehr solchen Grund zur Freude gehabt

Ehrfurcht

Robert Ide (Tsp) erklärt den Status Joseph Blatters: „Er ist, was er ist, weil er durchgehalten hat. Globusumspannende Intrigen hat er überstanden, Korruptionsvorwürfe der härtesten Art ausgesessen, Gegner aus den Gremien vertrieben. Er hat dabei zu Mitteln gegriffen, die mit Demokratie wenig zu tun haben. Wozu auch? Die Fifa ist eine private Organisation, finanziert von Fernsehsendern, Sponsoren und Ticketkäufern. Als Blatter 1998 als Fifa-Generalsekretär in den Wahlkampf ums Präsidentenamt zog, wollte er nicht allein auf seinen Charme und seine Internationalität bauen, auch wenn er sich das an Kennedy angelehnte Kürzel JSB verpasste. Viele Beobachter waren sich damals sicher, dass Europas Fußballchef Lennart Johansson die Wahl gewinnt, auch der DFB hoffte auf ihn. Doch in der Nacht vor der Wahl wechselten Umschläge den Besitzer, wie Zeugen berichteten. Am nächsten Morgen stimmten vor allem afrikanische Delegierte für Blatter – er hatte Afrika auch noch die WM 2006 versprochen. Seine Wiederwahl 2002 war ähnlich anrüchig. Kritikern entzog er dreist das Mikrofon. ‚Der ist zäh wie Leder’, sagen hohe Sportfunktionäre. In diesen Worten liegt Bewunderung, aber auch Ehrfurcht, die aus Furcht erwächst.“

BLZ: Fifa-Sprecher Markus Siegler steht bei der Zeremonie im Mittelpunkt – Grund ist interner Streit

Oranje Open

Guus Hiddink mit Australien, Leo Beenhakker mit Trinidad und Tobago, Dick Advocaat mit Südkorea, und sogar die Mannschaft ist qualifiziert – so viel Holland war nie, findet Christof Kneer (SZ): „Diesmal aber werden sie da sein, die Holländer, und es dürfte ihnen ein inneres Elfmeterschießen sein, dass im Nachbarland das große Schlottern ausgebrochen ist. Seitdem feststeht, dass die Holländer den Deutschen schon in der Vorrunde begegnen können, hat das Land nur noch eine Angst: Wird Deutschland abgeschafft, wenn es im Eröffnungsspiel auf Holland trifft und 0:4 verliert? In seiner Lostopfpanik hat Deutschland noch gar nicht mitbekommen, dass diese WM ohnehin so holländisch sein wird wie wohl noch keine vor ihr. So viel Holland ist noch nie zur WM gefahren, im Sommer steigen in Deutschland die Oranje Open. (…) Es ist die kleine Rache der Holländer, dass sie ausgerechnet die WM in Deutschland ein bisschen zu ihrer eigenen machen werden.“

Welt-Interview mit Gerhard Mayer-Vorfelder: „Wir müssen härtestmöglich reagieren“
FAZ: die Geschichte des Coup Jules Rimet
FR: Premiere muss während der WM 45 000 Sendeminuten füllen und tut das mit dem Ehepaar Effenberg und Boris Becker
FAZ: Tickets für Luxus-Logen verkaufen sich schlecht
FAZ: Die Fifa reguliert den Werbemarkt
taz-Interview mit Detlef Lange, Loskind bei der WM 1974

Donnerstag, 8. Dezember 2005

Champions League

Halbfinalwürdig

AC Mailand – Schalke 04 3:2

Schalke wird gelobt, obwohl sie ausgeschieden sind. Gelobt für den Einsatz und den Kampf. Gelobt für die Aufrichtigkeit nach der Niederlage. Gelobt für Schönheit und Spannung im Spiel. „Zum zweiten Wunder von Mailand fehlt eine Kleinigkeit“, stellt die FAZ mit Blick auf den Uefa-Pokal-Sieg 1997 in Mailand aufmunternd fest. Daniel Theweleit (SpOn) kann den Schalkern nichts vorwerfen: „Schalke war wunderbar aufgelegt, die Spieler hatten geackert, leidenschaftlich gekämpft, bisweilen herrlich kombiniert, und ihren großen Gegner gar zu schlimmen Fehlern verführt. Aber im Kräftemessen mit solch erfahrenen Männern wie Andrea Pirlo, Clarence Seedorf oder Gennaro Gattuso, mit so außerordentlichen Spielern wie Kaká oder Andrej Schewtschenko, reichte das am Ende eben einfach nicht. Und doch haben sie auch eine Menge gewonnen in dieser zweiten Champions-League-Saison der Clubhistorie. Der tiefe Wunsch, das Erlebte zu wiederholen, könnte zu einem Antrieb für den Rest der Bundesligasaison werden. Der Verbleib Rangnicks auf Schalke, der von einigen Experten am Spiel von Mailand festgemacht wurde, wird davon abhängen, ob sich der Verein erneut für die Champions League qualifizieren kann. (…) Der Erlebnisfaktor dieses Schalker Champions-League-Jahres war jedoch unabhängig von allem Ärger schon einmal halbfinalwürdig, Unterhalten ist schließlich die Hauptaufgabe des Fußballs.“ Eine kleine Lücke, die Frage für Richard Leipold (FAZ) ist nur, wie lange es dauert, bis die kleine Lücke geschlossen sein wird: „Den Abstand auf höchstem Niveau zu verringern, wird Schalke schwerfallen, selbst wenn Milan ein schwierigeres Jahr durchläuft wie in dieser Saison. (…) Die ersten beiden Saisonziele – Weiterkommen in der Champions League und im Pokal – hat Schalke aber verpaßt. Ob es wirklich nur an Kleinigkeiten fehlt? Rangnick, offenbar vom Aufsichtsrat favorisiert, hat keinen Grund, sich sicher zu fühlen.“ Andreas Morbach (FR) fordert mehr Konzentration: „Die Schalker sollten darauf achten, dass sich Kevin Kuranyi wieder mehr um Fußball als um seine Termine mit irgendwelchen Lifestyle-Magazinen kümmert. Und ansonsten sollten sie fleißig daran arbeiten, um dieses eine Törchen besser zu werden, das ihnen am Ende fürs Achtelfinale fehlte. Dazu gehört vor allem: In den zwei, drei Szenen, die Spiele wie das in Mailand entscheiden, künftig hell- und nicht mehr nur halbwach zu sein.“

NZZ-Bericht Benfica-ManU (2:1)

Bundesliga

Aggressor, Betrüger, Lügner

Wir lesen nach wie vor wenig über das antisemitische Plakat, das im Cottbus-Block beim Spiel gegen Dresden ausgerollt worden ist. Dringlichstes stattdessen: Große Empörung über Duisburgs Trainer Norbert Meier, der den Kölner Spieler Albert Streit erstens mit dem Kopf gestoßen hat, sich zweitens schmerzsimulierend fallen lassen und drittens nach dem Spiel das Opfer gespielt hat. Viele Journalisten wissen gar nicht, worüber sie sich am meisten erzürnen sollen und fordern Strafe; der DFB hat Meier mit einer Sperre belegt, was einige Redaktionen zu der Schlagzeile „Berufsverbot“ veranlasst. Hans-Joachim Waldbröl (FAZ) fühlt sich belogen: „Warum soll ich gestehen, was ich getan habe, bevor ich Fernsehbilder sehe, die mich überführen? Erst angesichts der erdrückenden optischen Beweislast hat Meier nach seinem krassen Foul eine Entschuldigung ausgesprochen, die wertlos ist, und eine Reue formuliert, die heuchlerisch wirkt. (…) Ein Trainer, der den sterbenden Schwan mimt, ist keinen Deut besser als Spieler, die wie Schwalben im Strafraum landen, um einen Elfmeter zu schinden. Wie glaubwürdig ist ein Coach, der live der Lüge überführt wird, noch in den Augen seiner Spieler? Was bleibt noch von seiner Autorität?“ Philipp Selldorf ( SZ) betont die Pflichtverletzung Meiers: „Der Fall ist eigentlich zu armselig, als dass man noch mit vollem Ernst seine moralische Tragweite beziffern möchte. Er hat jedoch beispielhaften Charakter, und deshalb ist der Hinweis auf die Vorbildfunktion des Trainers angebracht. Zwar mag dieser hehre Begriff in Anbetracht der üblichen und schweigend akzeptierten Härten im Profigeschäft etwas weltfern wirken, hier passt er aber: Meier hat ein Diplom als sportpädagogische Fachkraft erworben, mit dem er eine Menge Geld verdient. Er erfüllt eine erzieherische Aufgabe. Stattdessen trat er als Aggressor und Betrüger auf.“

Laßt die Kirche im Dorf!

Einige Autoren fragen sich, wie ausgerechnet der nette Herr Meier sich so danebenbenehmen kann. Jörg Hanau (FR) ist zunächst angewidert, gibt dann aber die Verhältnisse zu bedenken: „Welche Arglist! Der Dr. Jekyll der Bundesliga hat sein zweites Gesicht offenbart. (…) Sind derartige Ausfallerscheinungen dem immensen Druck geschuldet, der den Fußball und seine Protagonisten im Spiel um Macht und Millionen heimsucht? Es wird getreten und gespuckt. Es ist ein Hauen und Stechen. Die Angst geht um – vor Niederlage, Abstieg, Rauswurf. Fressen oder gefressen werden. Die Sucht nach Erfolg ist ansteckend, aber keinesfalls ein Fußball spezifisches Phänomen in einer Gesellschaft, in der es keinen Platz für Verlierer gibt.“ Martin Henkel (Welt) plädiert für Milde: „Kann ausgerechnet von Fußballspielern samt ihren Übungsleitern die dauerhafte Beherrschung ihrer Emotionen verlangt werden? Wohl kaum ein Berufsstand leidet bei der Arbeit unter solch hohen Herzfrequenzen und Überdosen an Adrenalin. Fußball spricht immer noch in erster Linie unsere Gefühle an, seine Protagonisten inklusive. Einfühlungsvermögen wäre wohl eher angebracht als richterliche Strenge. (…) Um es mit einer branchenbekannten Redewendung zu sagen: Laßt die Kirche im Dorf!“ Über die Respektlosigkeit Streits, der Meier seinen Hahnenkamm vor die Nase gehalten hat und dafür eine Maßreglung verdient gehabt hätte (muss ja nicht immer eine Backpfeife sein), lesen wir wenig.

Bildstrecke Meier/Streit, sueddeutsche.de

Einen Abramowitsch II suchen wir nicht

Aus einem Interview René Jäggis mit Jan Christian Müller (FR 3.12.) über die Zukunft des 1.FC Kaiserslautern
FR: Sie haben unter anderem mit SAP-Boss Dietmar Hopp gesprochen und sich einen Korb geholt. Hopp will jetzt im Raum Heidelberg einen Bundesligisten aus der Retorte heben. Berührt das den 1. FC Kaiserslautern?
RJ: Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Aber er hat mir glaubhaft erklärt, dass er aus seiner Sicht Projekte verfolgt, die höhere Priorität haben, als hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen Geld zu investieren. Das musste ich leider zur Kenntnis nehmen. Das ist eine riesige Gefahr.
FR: Obwohl hinter diesem neuen Verein kein Stück Tradition steckt?
RJ: Es ist dennoch brutal gefährlich für das gesamte Fußball-Hinterland. Brutal gefährlich für Mainz, für uns und für Waldhof Mannheim sowieso. Die unheimliche Kraft und strategische Planung, die dahinter steckt, die macht mir Sorgen. Denn die Leute werden da hin gehen, wo Unterhaltung geboten wird. Zudem gehört Herr Hopp zu den Menschen, die Dinge, die sie sich vornehmen, auch umsetzen.
FR: Die Tradition, wie sie der 1. FCK bieten kann, braucht man gar nicht mehr?
RJ: Ganz genau. Tradition kann auch Bürde sein. Wir sind doch heute alle derart konsumorientiert, dass wir in unserer Freizeit das Geld ganz bestimmt nicht automatisch dahin ausgeben, wo es unsere Eltern ausgegeben haben. Das ist fast schon ein Argument für die 16-, 17-Jährigen, da dann gerade nicht hinzugehen.
FR: Warum haben Sie bislang in zwölfmonatiger Suche keinen Investor gefunden, der frisches Geld in den Klub pumpt?
RJ: Vorweg: Einen Abramowitsch II suchen wir nicht. So einen kann man hier nicht präsentieren. Und: Ein Investor schaut sich natürlich die Zahlen sehr genau an. Wir haben jetzt erstmals eine testierte Bilanz mit einem soliden Überschuss präsentieren können. Jetzt müssen wir beweisen, dass das keine Eintagsfliege war.
FR: Aber Herr Jäggi, dann sind Sie ja erst auf halbem Weg mit Ihrer Arbeit.
RJ: Noch nicht mal. Ich habe gerade mal den Fuß ins Wasser gesteckt. Ich bin eigentlich noch ganz am Anfang. Aber es geht nicht, wenn man permanent von außen unter Druck gerät. So können Sie nicht arbeiten.
FR: Sind potenzielle Investoren also auch abgeschreckt worden?
RJ: Ein Investor muss sich natürlich fragen, warum er in ein Umfeld investieren sollte, wo sich links und rechts geprügelt wird. Außerdem investieren solche Partner in der Regel nicht nur in eine Stadt und ein Stadion, sondern auch in die handelnden Personen. Mal brutal gesagt: Vielleicht ist jemand eher bereit, in den 1. FCK zu investieren, wenn hier Mario Basler der Chef ist.
FR: Sie hatten Basler aufgefordert, nicht nur in den Medien zu reden, sondern sich zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Ist er inzwischen gekommen?
RJ: Nein, der kommt auch nicht. Basler ist ferngesteuert. Wie so ein Aufzieh-Autochen.

Tsp: Spieler-Agent Roger Wittmann hat Ärger mit der Justiz und den Sponsoren der Nationalmannschaft

Mittwoch, 7. Dezember 2005

Champions League

Rückschritt

Klaus Allofs hat einen sehr guten Leumund in der Branche und in der Presse. Wird er über das Vertragsende 2007 hinaus für Werder Bremen arbeiten? Eine mögliche Rückkehr Willi Lemkes in ein Hauptamt würde dies unwahrscheinlicher werden lassen. Frank Hellmann (Tsp) schaut hinter Bremer Kulissen: „Die Personalie des Geschäftsführers Profifußball liegt in Händen des Werder-Aufsichtsrates. Und dessen Chef und Allofs-Vorgänger Lemke ist gerade mit dem Versuch abgeblitzt, selbst in die Geschäftsführung vorzudringen. Der bei der Wahl zum Bremer Bürgermeister gescheiterte Bildungssenator Lemke plant 2007, entweder den für Finanzen zuständigen Born oder Manfred Müller (Geschäftsführer Marketing) abzulösen. Für Schaaf und Allofs wäre es ein Rückschritt, würde das Wort von Lemke wieder mehr Gewicht erhalten. Lemke gefiel sich als Frontkämpfer mit ausgeprägter Abneigung zum FC Bayern und zog aus dem Arm-Reich-Klischee seine Sympathie, während es Allofs geschafft hat, mit einem zurückhaltenderen Kurs den Klub bekannter und beliebter zu machen.“

Beliebtester Gegner

Vor der letzten Gruppenpartie gegen Athen zählen die Redaktionen noch einmal alle Abwehrfehler, die den Bremern in dieser Champions-League-Saison unterlaufen sind. Frank Heike (FAZ) fasst zusammen: „In einer Wertung führt Werder Bremen die Gruppe C mit Vorsprung an: beliebtester Gegner. Zuletzt freuten sich die Profis des FC Barcelona über die offene Spielweise der Bremer. Endlich mal kein Gegner, der mauert. Auch in Udine mag man Werder, weil die Bremer durch einen dummen Ballverlust des damals grippegeschwächten Miroslav Klose den Sieg verspielten. Im Rückspiel wäre Werder um ein Haar zum Lieblingsgegner aller Zeiten der Norditaliener geworden, als Udine nach einem 0:3 durch drei unglaubliche Fehler in der Bremer Deckung innerhalb von sieben Minuten ausgleichen durfte, am Ende aber doch noch 3:4 verlor. Und beim Hinspiel von Athen verschlief Werder den Anfang und ermöglichte den Griechen zwei frühe Tore durch Tölpeleien in der Deckung. (…) Auf keinen Fall möchte Werder ein guter Gastgeber sein und am Tag nach Nikolaus Geschenke verteilen.“

BLZ: Andreas Reinke schwächelt seit Wochen, der Trainer hält zu ihm
SZ: Reinke, Oliver Recks Urenkel

Aus stark offsideverdächtiger Position

Herrlich! Sage mir, Muse, die Taten der Vielgewanderten! Der FC Thun ist nach Prag gesegelt, und Richard Reich (NZZ), der gottbegeisterte Sänger, empfiehlt die Taktik des (sagen wir) Hinspiels: „Wie das antike Endspiel Sparta gegen Troja ausging, ist bekannt: Sparta schleuste, während die Abwehr des Platzklubs schlief, mit dem fiesen Holz-Rössli-Trick eine Reihe eigener Stürmer in den trojanischen Strafraum, hatte so freies Feld und erzielte die matchentscheidenden Treffer mit Leichtigkeit, wenn auch aus stark offsideverdächtiger Position. Ein paar tausend Jahre später ist die Situation ähnlich und doch genau umgekehrt: Sparta spielt diesmal zu Hause, muss aber wiederum bedingungslos angreifen, weil sich Troja, will sagen: der FC Thun wie damals aufs Verteidigen beschränken kann. Sparta muss, Thun darf gewinnen, denn falls die Prager in ihrem sogenannten Toyota-Stadion an der zugereisten Berner Bastion scheitern sollten, werden es die Thuner sein, die im Frühjahr noch im Europacup antreten dürfen – wenn auch statt in der Champions League bloss in der Touristenklasse, statt gegen Arsenal und ähnliche Riesen nur gegen Dnjepropetrowsk und solche Gemeinheiten.“ Aus der NZZ erfahren wir auch spannendes über das Wesen von Spartas neuem Trainer: „Stanislav Griga ist es bisher nicht gelungen, die nominell starke Mannschaft auf den Erfolgspfad zurückzuführen. Zwar sei nach dem Abgang des unbeliebten Haudegens Jaroslav Hrebik die Stimmung intern besser geworden, wie gelegentlich kolportiert wird, doch zeitigt dies auf dem Feld noch keine Folgen. Griga, ein promovierter Jurist, der sich zum Hinduismus bekennt und keinen Tropfen Alkohol trinkt, scheint seine Ideen der Mannschaft noch nicht zugänglich gemacht zu haben. Griga ist von der Sparta-Führung Anfang Oktober in einem indischen Kloster aufgestöbert worden, wohin er sich zur Meditation zurückgezogen hatte.“

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