Donnerstag, 10. Juni 2004
Allgemein
Raus Ausstrahlung, Derwalls Frisur
10. Juni
Karel Brückner, Tschechiens Trainer, „eine Ausstrahlung wie Bundespräsident Johannes Rau und eine Frisur wie Jupp Derwall“ (FAZ) / „Pavel Nedveds Disziplin ist den Italienern unheimlich“ (SZ) – Holland, „eine Mannschaft kurz vor der Detonation“ (taz) / Dick Advocaat kann es keinem Holländer recht machen / Ruud van Nistelrooy, „Verkörperung der Torgefahr“ (FAZ) / Hollands neue Generation (Spiegel) – „Lettlands Profis verdienen zusammen nicht soviel wie Michael Ballack allein“ (FAZ) u.v.m.
Eine Ausstrahlung wie Bundespräsident Johannes Rau und eine Frisur wie Jupp Derwall
Die Tschechen drücken ihrer Mannschaft die Daumen. Peter Heß (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.): „Als der Schiedsrichter das Spiel abgepfiffen hatte, das 3:1 über die Niederlande besiegelt war und feststand, daß die Tschechen an der EM teilnehmen würden, wollte der Jubel im Stadion kein Ende nehmen. 20 000 verharrten in Prag auf den Rängen, wollten den Triumph auskosten, solange es ging. Das Leben bietet manchmal magische Momente, und der bekannte Opernsänger Vratislav Kriz erkannte, daß so ein Augenblick gekommen war. Spontan forderte er das Publikum auf, mit ihm noch einmal die Nationalhymne zu singen. Und in einem unendlich viel stärkeren Maße als bei dem Ritual vor dem Anpfiff bescherten sich der Künstler und der Chor der Amateure ein bewegendes Erlebnis. Die Szene vom Herbst 2003 verrät viel über die Stärke des tschechischen Fußballs. Er ist beseelt von einem reinen Gemeinschaftsgeist, von einem unschuldigen Nationalstolz, der in Deutschland sofort verdächtig wäre. Die Mannschaft zerreißt sich füreinander und für ihre Fans, ist sich der nationalen Tragweite ihrer Tätigkeit bewußt. Das war nicht immer so. Tschechische Fußballprofis sind nicht per se die besseren Menschen als Deutsche. Genaugenommen hat die Entwicklung erst im Februar 2002 begonnen, mit dem Amtsantritt von Nationaltrainer Karel Brückner. Der Fußball-Lehrer schaffte es, seinen in halb Europa beschäftigten Spielern Heimatverbundenheit zu vermitteln. „Es ist, als käme ich nach Hause“, beschreibt Stürmer Vratislav Lokvenc die Atmosphäre, die ihn bei der Nationalelf umschmeichelt. Lange Gespräche sind die Stärke von Brückner, der eine Ausstrahlung wie Bundespräsident Johannes Rau besitzt und eine Frisur wie Jupp Derwall hat. Seine Spieler haben ihn Kleki-petra getauft, nach Winnetous sanftem und weisem Vater.“
Marc Lehmann (NZZ 9.6.) porträtiert Karel Brückner: „Der ältere Herr blickt ernst. Er legt die Stirn in Falten und spricht sanft. Er sagt wenig. Man denkt an einen Dichter oder Komponisten, wenn man ihn so sieht, im dunklen Anzug, mit schlohweissem Haar, asketischen Gesichtszügen und schmalen Lippen. Eine edle Erscheinung. Nur seine stattliche Postur verrät den Sportler. Karel Brückner ist Fussballtrainer. Er trägt den Übernamen „Professor“. Seit gut zwei Jahren ist der 64-Jährige für die tschechische Nationalmannschaft verantwortlich. Der „Professor“ ist der Vater der jüngsten Erfolge im tschechischen Fussball. Selber nie ein grosser Spieler, erregt er Anfang der neunziger Jahre mit dem mährischen Provinzklub Olomouc (Olmütz) im Uefa-Cup Aufsehen. Dann führt er Nachwuchsteams, die U-21 zum Beispiel, die zuerst Zweiter und dann 2002 in der Schweiz Europameister wird. Doch zu dem Zeitpunkt ist Brückner schon nicht mehr dabei. Er hat im Dienste des Verbands eine höhere Aufgabe übernommen: den Neuaufbau der A-Nationalmannschaft nach der gescheiterten Qualifikation für die WM 2002. Der neue Coach ändert zunächst nicht viel, ergänzt die Kaderliste bloss um ein paar Namen, sagt, man könne im Übrigen ganz gut mit dem bestehenden Team weiterspielen. Er arbeitet auf der „mentalen Ebene“, wie er es ausdrückt, spricht mit den Spielern, haucht der Mannschaft neues Leben ein. Mit seiner Autorität gelingt es ihm, die Eskapaden einzelner Stars einzudämmen. Vorgänger Jozef Chovanec hatte sich daran die Zähne ausgebissen. Nun sagt der Mittelfeldspieler Vladimir Smicer: „Der Teamgeist ist unser Erfolgsgarant.“ Die Tschechen haben in Kürze grosse Fortschritte erzielt. Sie spielten eine tadellose EM- Qualifikation, gewannen sieben von acht Partien und erzielten dabei 23 Tore. Diese Ausbeute bringt sie für das Turnier in Portugal in die Rolle der Mitfavoriten. Im Schlüsselspiel gegen die höher eingestuften Niederlande siegten die Tschechen 3:1, was für die direkte Qualifikation reichte. Dabei war nicht so sehr das Resultat besonders, als vielmehr die Art, wie es zustande kam. Brückner sah seine Auffassung vom modernen Tempofussball fast perfekt in die Tat umgesetzt. Die sonst so versierten Niederländer befanden sich unter Dauerdruck, hatten kaum Zeit zum Luftholen. „Was uns so stark macht? Wir können unserem Gegner das Spiel aufzwingen“, sagt der HSV-Verteidiger Tomas Ujfalusi, „kurze Pässe, frühes Stören, grosse Laufarbeit, Schüsse aus allen Lagen.“ Brückner spielt ein komplexes System mit einer Viererabwehrkette und meist einem sehr offensiv ausgerichteten Fünfer-Mittelfeld mit nur einer Sturmspitze. Der Trainer hat Glück. Er kann seine Visionen von hervorragenden Leuten auf dem Feld verwirklichen lassen. Diese gehen dem Broterwerb meist in den grossen europäischen Ligen nach, empfinden es aber auch als eine Ehre, den Nationaldress zu tragen.“
Nedved ist überall, flächendeckend, schnell, kraftvoll, listig
Birgit Schönau (SZ 9.6.) ist begeistert von Pavel Nedved: „In Italien nennen sie ihn „guerriero“, das heißt: Krieger. Oder auch „cannibale“. Weil er nicht aufgibt, weil er rennt bis zum Umfallen, weil er ehrgeizig und unersättlich Ziele verfolgt. Seine Disziplin ist den Italienern unheimlich. Nedveds Nachbarn in Turin berichten, dass er jeden Morgen Gymnastik auf dem Balkon macht. Und anschließend joggt. Und rennt und rennt und rennt. Ein Besessener. Natürlich hat Pavel Nedved Talent, Ballinstinkt, vielleicht sogar Genie. Natürlich bietet er Spektakel auf dem Rasen, seine minutiös geschossenen Pässe, seine Flachschüsse ins Tor, die Kopfbälle, die Finten, die Flanken mit gestrecktem Bein. Er wird auf die Position linkes Mittelfeld geschickt, aber Nedved ist überall, flächendeckend, schnell, kraftvoll, listig. Und torgefährlich. Nedved sei nicht Europas bester Fußballer, hat Francesco Totti gesagt, der Spieler, um den sich jetzt Italiens Nationalmannschaft dreht. Dem Tschechen, grätschte Totti, mangele es an Fantasie. Das war ein hämischer Vorwurf, aber er kam gut an. Der Römer Totti hat seinerseits eine bestimmte, wurstige Drehung für den Ball als „Löffelchen-Nummer“ patentiert, und Nedved spielt ja auch in einer Liga mit Christian Vieri von Inter Mailand, der gern erzählt, was ihm sein Trainer am Mittwoch sage, habe er am Sonntag auf dem Platz sowieso wieder vergessen. So etwas würde Pavel Nedved niemals von sich geben. Er sagt sowieso nicht viel, in dieser Hinsicht ist er ein altmodischer Fußballer. Man trainiert und man spielt, das ist die ganze Sache. Spielen ist Silber und Schweigen ist Gold.“
Christian Eichler (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.) beleuchtet die schwierige Mission Dick Advocaats: „Bis zum 28. April 2004 sahen die EM-Aussichten der Niederlande gar nicht so schlecht aus. Dann fielen rund 2000 Kilometer voneinander entfernt zehn Tore. Und die Holländer hatten ein Problem: den Optimismus. „Das Schlimmste, was uns vor der EM passieren konnte“, so kommentierte die führende Fachzeitschrift des Landes die Kombination aus dem 4:0-Sieg der Holländer gegen Griechenland in Eindhoven und dem 1:5 der Deutschen gegen Rumänien in Bukarest. Prompt sahen viele Fans, die ihr Land nach alter Gewohnheit seit Wochen für die Europameisterschaft auf Orange umkolorieren, die Aussichten schon wieder rosarot. Da kommen Dämpfer wie die beiden 0:1-Niederlagen in den Testspielen gegen Irland am vergangenen Samstag und gegen Belgien am Pfingstwochenende gar nicht so ungelegen, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Die Spieler haben ohnehin nicht mitgemacht – die Frage ist nur, ob durch mannschaftliche Sprachregelung oder individuelle Überzeugung. Die „Willensstärke“ des deutschen Teams lobt Verteidiger Jaap Stam. Die Kollegen schlossen sich im Trainingslager in Noordwijk dem Lob des ewigen Rivalen und ersten EM-Gegners an. Tenor: Die Deutschen werden unterschätzt. Das haben die Holländer angeblich 1974 selber getan, wie ein Buch zum dreißigjährigen Jubiläum der WM-Niederlage von München darstellt: Nicht einmal eine Teambesprechung gab es vor dem Finale, so sicher hätten sich die Männer um den Kettenraucher Cruyff gefühlt. Ob es so war, ist bis heute umstritten, doch die aktuelle Oranje-Auswahl gibt sich als Gegenentwurf dazu so entschieden wie bescheiden, wie es die Kaste der vielseitig verwendbaren Europa-Profis in ihren Spitzenklubs professionell gelernt hat: nur keine Überheblichkeit in Wort oder Tat. Selten war vor einem großen Turnier so ungewiß, was von Hollands Auswahl zu halten ist. (…) Advocaat muß das Gefühl gewinnen, es keinem recht machen zu können. Ist er konservativ und setzt auf die Alten, so wird ihm das Scheitern bei der WM 1994 vorgehalten – damals war Advocaat zum ersten Mal Bondscoach und ließ, eine verhängnisvolle Entscheidung, in der Hitze von Dallas den alternden Jan Wouters gegen Bebeto spielen. Ist er aber mutig und hat damit Erfolg, wie im Play-off-Rückspiel gegen Schottland, als er Kluivert und Seedorf auf der Bank ließ und Sneijder und van der Vaart aufstellte, raunen die ewigen Nörgler, Advocaat habe nur auf Geheiß seines Assistenten Wim van Hanegem gehandelt, einem der Cruyff-Adepten aus dem Team von 1974. Ist er vorsichtig und hat Erfolg, werden sie die Art und Weise des Erfolges bemängeln, allen voran Cruyff selbst, der in Portugal für das niederländische Fernsehen den Mann kritisieren wird, vor dessen Job er zweimal kniff. Hat Advocaat keinen Erfolg, ist es egal, ob er mutig oder vorsichtig war – es werden ihn sowieso alle zerreißen.“
Eine Mannschaft kurz vor der Detonation
Ronald Reng (taz 10.6.) hört die Zeitbombe im holländischen Team ticken: „Albufeira, der Ferienort an der Algarve, gibt jedes Jahr hunderttausenden Urlaubern und nun auch der niederländischen Fußballauswahl die Illusion einer Idylle. Unter der milden Abendsonne schienen die Probleme des Alltags weit weg. Selbst von kritischen Erkundigungen der Journalisten wollten sich die Fußballer nicht stören lassen: Mittelfeldspieler Edgar Davids nahm dem perplexen Reporter einfach den Kugelschreiber aus der Hand und schrieb ihm ein Autogramm auf dem Block. Doch Holland ist ein paar Tage vor der EM eine Mannschaft kurz vor der Detonation. Man weiß bloß noch nicht, ob sie explodieren wird – sich die Frustration in rauschenden Auftritten löst – oder ob sie implodiert und sich in selbstzerstörerischer Wut selbst besiegt. Zwei 0:1-Niederlagen in den abschließenden Testspielen gegen Belgien und Irland genügten, einen Turnierfavoriten fundamental zu erschüttern. Zwei Tage vor EM-Beginn ist noch nicht einmal ansatzweise klar, in welcher Aufstellung und mit welcher Taktik die Niederlande am kommenden Dienstag in Porto ihr erstes Vorrundenspiel gegen Deutschland bestreiten werden. Ein Symptom für wirkliche Probleme, die Phillip Cocu, einer der erfahrenen holländischen Mittelfeldstrategen, leicht beschönigend formuliert: „Ein paar bei uns im Team sind ein kleines bisschen außer Form.“ Bei Stürmer Patrick Kluivert, der sich angesprochen fühlen durfte, hörte es sich so an: „Ich war zuletzt richtig schlecht.“ (…) 1995, als Kluivert mit 19 Ajax Amsterdam zum Europacupsieg schoss, war er das Gesicht einer neuen Generation niederländischer Fußballer, der alles offen zu stehen schien. Neun Jahre später ist sie dreimal in den K.o.-Runden bei WM oder EM im Elfmeterschießen gescheitert und haben sich einmal – für die WM 2002 – gar nicht qualifiziert. Neun dieser Generation, von Marc Overmars bis Edwin van der Sar, sind in Portugal weiterhin dabei, und Patrick Kluivert ist noch immer ihr Gesicht. Allein, heute ist es die fast schon verlorene Generation.“
„Eine neue Spielergeneration hat die holländischen Fans mit ihrer Mannschaft versöhnt“, meldet Jörg Kramer (Spiegel 7.6.): „Wie ein gestresster Urlauber durch die überfüllte Ankunftshalle steuerte Wesley Sneijder gleich zwei Rollkoffer durch das Tiefgeschoss des Eindhovener Philips-Stadions. Reporter hielten dem Hänfling die Glastür auf, bevor er das offenbar schwere Gepäck die schmale Treppe hoch zum Ausgang tragen musste. Gereizt setzte der Fußballprofi die Trolleys mit dem aufgedruckten orangefarbenen Kennzeichen „WS“ auf halbem Weg ab und holte tief Luft. Nein, entrüstete sich der 1,70 Meter große Mittelfeldmann, das mit dem neuen Spielsystem, das Hollands Nationaltrainer Dick Advocaat gerade beim 0:1 gegen Belgien ausprobiert hatte, sei nichts für ihn. Definitiv. „Jetzt ist es bewiesen, ich bin kein Typ für rechts. Ich bin kein Renner, man ist so weit weg von den Stürmern.“ Punkt. Fehlte bloß, dass er mit dem Fuß aufgestampft hätte. Was soll Advocaat tun: seine Taktik etwa nach den Wünschen eines giftigen Grünschnabels ausrichten, der diese Woche 20 Jahre alt wird und gerade mal ein paar Länderspiele absolviert hat? Gut eine Woche vor Hollands EM-Auftakt gegen Deutschland schwankt der Bondscoach zwischen dem bewährten 4-3-3-System mit zwei Außenstürmern und dem 4-4-2, bei dem die Mittelfeldakteure eine Raute bilden, die Sneijder an den Rand drängt. Advocaat weiß: Stellt er nach den Bedürfnissen seiner frechen Jungstars auf, ist ihm wenigstens die Gunst der Nation sicher. Denn Sneijder gehört zu einer Bande frischen Personals im Oranje-Trikot, das die Stimmung deutlich angehoben hat. Holland hat wieder Feuer gefangen in der schwierigen Beziehung zu seiner „Elftal“, ist hingerissen von den neuen Wilden und bekennt sich dazu. In Eindhoven, beim vorletzten Heimspiel vor der EM, setzte der spektakulär quirlige Sneijder bei jeder Ballberührung das fröhliche Quäken der Blaskapellen auf den Rängen in Gang. Als Clarence Seedorf, 28, mit elegantem Schwung einen Freistoß weit am Tor vorbeisemmelte, veranstaltete das Publikum dagegen einen Höllenlärm mit wütenden Pfiffen. Seedorf, ein Legionär des europäischen Spitzenfußballs, gilt als Teil der alten Garde, an der sich die niederländische Fangemeinde satt gesehen hat. Der Protagonisten aus dem goldenen Jahrgang, der 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League gewann, und vor allem der ewigen Versuche, aus diesen schwierigen Individualisten ein funktionierendes Ensemble zu formen, war das Publikum überdrüssig. „Das ganze Land hat geschrien nach neuen Gesichtern“, sagt der Ex-Internationale Youri Mulder, einst Stürmer bei Schalke 04, jetzt TV-Kommentator in Holland. Dann kam der 19. November 2003, für die Zeitung „de Volkskrant“ der „Tag der aufblühenden Jugend“. Beim entscheidenden Relegationsspiel um die EM-Teilnahme, dem befreienden 6:0-Triumph gegen Schottland, spielten die Jungspunde um den draufgängerischen Ajax-Kapitän Rafael van der Vaart, heute 21, die Hauptrolle. Dessen Amsterdamer Teamkamerad Sneijder bereitete allein drei Tore vor und besorgte den Führungstreffer selbst. Der frühere Bondscoach Louis van Gaal, heute Sportdirektor bei Ajax, sprach von einem „Übergang in eine neue Periode“. (…) Der Generationswechsel im niederländischen Fußball scheint bereits vollzogen – auch wenn in Advocaats EM-Kader noch zwölf Spieler jener Mannschaft stehen, die bei der WM 1998 in Frankreich glänzte, aber im Halbfinale an Brasilien scheiterte. Das war die „Net-nietgeneratie“, sagt man, die Generation des „Gerade nicht“. Den Ton geben nun die neuen, unverbrauchten Idole an.“
Dick Advocaat ist eine Art Berti Vogts der Niederlande
Christian Eichler (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.) stellt zwei Holländer vor: „Der Trainer: Dick Advocaat ist eine Art Berti Vogts der Niederlande. Ein kleiner, zäher Kämpfer mit großem Fachwissen, aber ohne die Lockerheit und den weltmännischen Glanz, den das Medienpublikum sich wünscht. Doch nach dem Totalschaden, den Oranje durch das Scheitern in der WM-Qualifikation 2002 erlitten hatte, war er der beste Nachfolger für den arroganten Louis van Gaal. Er verkörperte, worauf es ankam in Hollands Fußball: Ärmel hochkrempeln, Hausaufgaben machen. Das haben sie geschafft. Nun braucht Advocaat eine gute EM und vor allem einen Sieg gegen Deutschland, um das alte Selbstvertrauen zurückzuholen. Der Star: Man glaubt es kaum, aber Ruud van Nistelrooy spielt in Portugal, wo er 28 wird, sein erstes großes Turnier. Bei der WM 1998 war er, als typischer Spätzünder, noch nicht in Reichweite des Nationalteams, bei der EM 2000 verletzt, die WM 2002 verpaßten die Holländer. Nun soll der Urknall passieren, und er könnte mächtig sein: Wenn es eine Verkörperung der Torgefahr gibt, der Explosivität im Strafraum und des unbezähmbaren Willens, den Ball ins Netz zu jagen – dann heißt sie van Nistelrooy.“
SZ-Interview (9.6.) mit Hans van Breukelen
SZ: Früher haben Sie die Deutschen gehasst, heute sagen Sie: „Unsere Nachbarn aus dem Osten sollten ein Vorbild für uns sein.“ Warum der Wandel?
HvB: Auch wenn viele Leute einen anderen Eindruck gewonnen haben: Ich habe die Deutschen nie gehasst.
SZ: Aber haben Sie im legendären Halbfinale 1988 gegen Deutschland nicht zu Lothar Matthäus gesagt: „Ich hoffe, dass du tierisch stirbst“?
HvB: Das stimmt, und ich bin nicht stolz darauf. Diese Worte sind jedoch im Feuer des Spiels gefallen, als wir 0:1 hinten lagen und die Emotionen überkochten. Wenn ich mir heute das Video des Spiels anschaue, ist es mir auch ziemlich unangenehm, wie ich mich dem Schiedsrichter gegenüber verhalten habe. Ich wollte damals unbedingt gewinnen, aber nicht aus Hass. Dann hätten die Fans von Feyenoord Rotterdam oder Ajax Amsterdam ebenfalls glauben müssen, dass ich ihre Klubs hasse, wenn ich mit dem PSV Eindhoven gegen sie gespielt habe. Da habe ich mich kaum anders verhalten.
SZ: War die Partie in Hamburg das intensivste Spiel Ihrer Karriere?
HvB: Ja, es ist eindeutig das Nummer-eins-Spiel.
SZ: Und das hatte nichts damit zu tun, dass es gegen Deutschland ging?
HvB: Doch, ich war 17 Jahre alt, als die holländische Nationalmannschaft 1974 das WM-Finale gegen Deutschland verlor. Wie alle hatte ich damals das Gefühl, dass die Niederlage nicht verdient war, weil wir den besten Fußball gespielt hatten. 1988 war es daher eine Motivation für mich, die Dinge endlich gerade rücken zu können. Aber es gab noch eine weitere: Die Goldene Generation um Johan Cruyff hatte uns ständig kritisiert, weil wir angeblich nicht die richtige Einstellung mitbringen würden. Wir wurden als Patat-Generation verspottet, als die Pommes-Generation, die nicht für den Sport lebt und nur Fastfood isst. Das hat mich total genervt, denn es war ungerecht. Um endlich die Kritik vom Hals zu kriegen, mussten wir „Die Mannschaft“ schlagen, den Alten war es schließlich nicht gelungen.
SZ: Warum hat gerade Ihr Team von 1988 den einzigen Titel gewonnen?
HvB: Wir hatten in Rinus Michel einen sehr guten Trainer, und wir hatten eine Mischung aus Klassespielern wie Ronald Koeman, Rijkaard, Gullit und van Basten mit echten Teamspielern, die sie noch besser machten. Michels hat immer gesagt, dass man zunächst eine Mannschaft braucht, dann können die Klassespieler für den Unterschied sorgen.
SZ: Das Primat der Mannschaft ist in Holland nicht immer beherzigt worden.
HvB: Richtig, die Deutschen sind dazu in der Lage, ein Team zu formen, und mir gefällt das sehr gut. Wir Holländer tun uns schwer damit, in unserer Fußballgeschichte hat es im Nationalteam immer wieder Probleme zwischen Spielern oder mit dem Trainer gegeben. Aber 1988 haben sich auch die großen Spieler gefügt. Außerdem waren wir taktisch gut, und wir hatten Glück. Die Engländer haben gegen uns zweimal den Pfosten getroffen, die Iren einmal und im Finale die Russen. Aber Marco van Basten hat immer gesagt: „Zuerst kommt die Klasse und dann das Glück.“
SZ: Zumindest gegen Deutschland brauchte Ihre Mannschaft kein Glück. Michels hat danach gesagt: „Nun kann das Gerede über 1974 aufhören.“ Er hat sich getäuscht. Warum wird immer noch darüber geredet, ist das nationale Trauma des verlorenen WM-Finales doch nicht bewältigt?
HvB: Für mich ist es das. Bis 1988 gab es das Trauma, aber danach war es für mich vorbei.
SZ: Als Sie mit Holland bei der WM 1990 erneut gegen Deutschland gespielt haben, gab es dennoch wieder ein ungemein überhitztes Spiel.
HvB: Obwohl es die gleichen Spieler waren, hatten wir damals eine andere Mannschaft. Leo Beenhaker war unser Trainer, obwohl 90 Prozent der Spieler lieber Cruyff gehabt hätten. Sie glaubten also nicht an den Coach, und einige haben sich über die Mannschaft gestellt. Für mich ist daher „90 das große Trauma, weil wir so gute Spieler hatten, aber nicht einmal die Hälfte der Qualität erreichten wie zwei Jahre vorher. Ich mache mir noch heute Vorwürfe, dass ich mit einigen anderen Spielern zusammen die Situation nicht geklärt habe.
SZ: Und diese Situation führte zum 1:2 im Achtelfinale gegen Deutschland?
HvB: Ja, nach den schlechten Leistungen in der Vorrunde war die Anspannung riesig. Wir hatten das Gefühl, mit einem Sieg alles noch rumreißen zu können. Die ersten 25 Minuten waren sogar unsere besten des Turniers, aber dann gab es den hässlichen Zwischenfall zwischen Rijkaard und Völler. Das Spucken passte überhaupt nicht zu Rijkaard, der ein wirklich höflicher und liebenswerter Mensch ist, es zeigte aber unsere ganze Frustration. Wenn das Team von damals sich heute trifft, sagen wir immer: Wir haben so viel Energie in die falschen Dinge gesteckt. Für die meisten von uns war die WM 1990 der Tiefpunkt unserer Karriere.
Für Niederländer der Prototyp des Deutschen nicht mehr der dicke Bayer im BMW, sondern der arbeitslose Skinhead
Simon Kuper (Zeit 9.6.) rollt Deutschlands Rivalität mit den Holländern historisch auf: „Die Geschichte des Fußballs würde ganz anders aussehen, wenn sie von Fußballern geschrieben würde. Die würden jedenfalls nie ein Forum über ein WM-Finale von vor dreißig Jahren organisieren, höchstens über das Bankett nach dem Wettkampf, zu dem die Frauen nicht eingeladen waren und auf dem Rep und Breitner die Blazer tauschten. Kann sich Hölzenbein überhaupt noch an den 7. Juli 1974 erinnern, oder haben die dreißig Jahre, in denen er darüber reden musste, die Erinnerung überlagert? Hat er den Moment noch im Kopf, in dem er sah, wie sich das erhobene Bein von Wim Jansen näherte, oder weiß er nur noch, was er immer wieder erzählt und im Fernsehen gesehen hat? „Ich kann mich nicht mehr richtig daran erinnern“, gesteht Hölzenbein. Das WM-Finale in seinem Kopf wurde von „dem WM-Finale“ ersetzt. Der Krieg machte Deutschland für die Niederländer zu einem besonderen Gegner. Umgekehrt galt das nicht, die Deutschen konnten ja nicht jedes Spiel als etwas Besonderes betrachten. Ob Rep damals den Deutschen gegenüber bestimmte Gefühle hatte? Rep: „Das Fahrrad, nicht wahr?“ Die Würdenträger lachen. Rep fährt fort: „Sie hätten unsere konfiszierten Fahrräder zurückgeben müssen. Aber sonst spielte der Krieg bei mir keine besondere Rolle. Aber andere in der Mannschaft wollten unbedingt gegen Deutschland gewinnen. Nach dem Finale gab es einige, die im Umkleideraum geheult haben.“ Aber ist denn im niederländischen Teamhotel in Hiltrup nie über den Krieg geredet worden? Rep: „Nie.“ Dabei hatte der Mittelfeldspieler Willem van Hanegem bei der britischen Bombardierung seines Dorfes am 11. September 1944 seinen Vater, seinen zehnjährigen Bruder und sechs weitere Verwandte verloren. Und der Vater des linken Verteidigers Ruud Krol war einer der wenigen Niederländer, die schon während des Krieges im Widerstand gearbeitet haben. Einmal hatte er dreizehn Juden gleichzeitig in einem Eckhaus in Amsterdam versteckt. In den achtziger Jahren erlebte der Krieg in den Niederlanden ein Revival. Der 5. Mai, der Tag der Befreiung, wurde als Nationalfeiertag nun jährlich gefeiert, und vierzig Jahre danach, 1985, erschienen etliche Bücher, die den Krieg als einen Kampf zwischen guten Niederländern und schlechten Deutschen darstellten. Bei der EM 1988, bei der die Mannschaft von Lothar Matthäus unverkennbar das Böse symbolisierte und das Orange von Gullit, Rijkaard und van Basten das Gute, erhielt der Fußball erstmals eine andere Bedeutung. An jenem Abend, an dem die Orangefarbenen im Halbfinale 2:1 gegen die BRD gewonnen hatten, feierten schätzungsweise neun Millionen Niederländer auch einen moralischen Sieg. Es sei die größte öffentliche Zusammenkunft seit der Befreiung gewesen, schrieben damals die niederländischen Zeitungen. Das ist sechzehn Jahre her. Während die Niederlande in den neunziger Jahren ihr eigenes Wirtschaftswunder erlebten, ging es in Deutschland einfach nicht weiter. Sodass für Niederländer der Prototyp des Deutschen inzwischen nicht mehr der dicke Bayer im neuesten BMW ist, sondern der arbeitslose Skinhead. Außerdem ist es schwer, den Deutschen noch moralische Vorwürfe zu machen, da die Niederlande jetzt auch eine rassistische Partei haben. Und der deutsche Fußball: Ach, dazu schweigen wir Niederländer besser.“
Lettlands Profis verdienen zusammen nicht soviel wie Michael Ballack allein
Christian Eichler (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.) beobachtet ehrgeizige Letten: „Früher wollten sich die Letten nie recht mit dem Fußball anfreunden, der als Spiel der russischen Machthaber galt. „Seit der EM-Qualifikation sind wir in allen Umfragen die Nummer eins“, sagt Mezeckis. Bei der WM 2002 verzichtete das lettische Fernsehen auf Übertragungen. Nun verspricht die EM 2004 Rekordquoten. Inzwischen kommen vermehrt lettische Kinder in die Klubs, die bisher vom russischsprachigen Drittel der Bevölkerung dominiert wurden. Mezeckis nennt es „die Zukunftsgeneration“. Im Nachwuchs wie im Nationalteam mische es sich „etwa fünfzig-fünfzig. Es zeigt die Demokratie des Fußballs.“ Gleich neben dem Mini-Büro des Funktionärs verrottet das alte Daugava-Stadion. Reich ist der Fußball nicht in Lettland: Die knapp hundert Profis im Land verdienen zusammen nicht soviel wie Michael Ballack allein. Doch das Klischee vom Außenseiter, der allein durch menschliche Werte dem materiellen Mangel den Erfolg abringt, ginge an der Realität vorbei. In den neunziger Jahren wurde mit Fußballschulen, 25 Kunstrasenplätzen, einem modernen Talentsichtungssystem und dem neuen Skonto-Stadion nebst überdachtem Fußballfeld die Grundlage geschaffen für den historischen Erfolg Euro 2004: Als erstes Land, das sich von russisch-sowjetischer Herrschaft löste, schaffte Lettland die Qualifikation für ein großes Fußballturnier – mit kapitalistischer Methodik. Lettland wird nicht zu unterschätzen sein, weil es die Chancen der Außenseiterrolle seit je gelernt hat, historisch, politisch, sportlich: den zähen, lästigen Widerstand, der aus Gleichheit, Gleichmut und Selbstorganisation kommt. Dazu gehört auch die Technik, sich kleinzureden, ohne sich klein zu fühlen.“
Wie spielt Lettland? Schnell. Clever. Attraktiv. Brasilien
Josef Kelnberger (SZ 9.6.) skizziert Lettlands Fußballwunder: „Dreitausend Fans, schätzungsweise, werden die lettische Mannschaft bei der EM begleiten. Der Bus-Trip wird gesponsert von heimischen Geschäftsleuten. Genügend Geld für eine Reise nach Südeuropa haben die wenigsten. Genau genommen sind sie ja nicht einmal Fußballfans, sondern in erster Linie: Sportfans. Seit Lettland 1991 die Unabhängigkeit wiedererlangte, gibt es eine reiselustige Vereinigung lettischer Sportfans. Sie unterstützten zunächst die Eishockey- und die Basketballmannschaft. Fußball interessierte nur am Rande. Janis Mezeckis, Generalsekretär des Fußballverbandes, stellte 1999 auf Anregung des aus England stammenden Nationaltrainers Gary Johnson Kontakt zu den Sportfans her. Der wollte Stimmung auf den Rängen. Die Sportfans stellten Bedingungen. Zum Beispiel forderten sie vom Fußballverband zwei neue Trommeln. „Okay“, sagte Johnson, „ich bezahle eine davon.“ Aus solchen Anfängen entstand das lettische Fußballwunder. Der Generalsekretär setzte alle Hebel in Bewegung, um Geld einzutreiben. Johnson überredete den lettischen Verbandspräsidenten Guntis Indriksons, Chef des Mischkonzerns Skonto und Präsident des gleichnamigen Klubs, zu einem Strategiewechsel. Der Oligarch wollte mit Skonto in die Champions League. Johnson überzeugte ihn, dass das nicht klappen würde: Allein mit der Nationalmannschaft könne Lettland, mit nur 2,4 Millionen Einwohnern und lediglich acht Erstligaklubs, international konkurrieren. Dazu müssten aber die besten Spieler in ausländischen Ligen lernen. Also vermittelte Johnson die Skonto-Spieler ins Ausland, vor allem nach England, als prominentesten Stürmer Marian Pahars nach Southampton. Bald war die Hälfte seines Kaders über Europa verstreut, das sollte sich rächen. Die Mannschaft verlor ihre Seele. 2001, nach einem 0:0 zu Hause gegen San Marino, musste Johnson nach zwei Jahren im Amt gehen. Es übernahm sein Assistent Aleksandrs Starkovs. Und der brachte die lettische Seele zurück. „The honour of the flag“, übersetzt der Pressesprecher aus dem Russischen, und Aleksandrs Starkovs nickt beim Interview in seinem Büro in Riga: Alles, was für ihn und die Mannschaft zähle, sei „die Ehre der Fahne“. Er könnte das auch selbst sagen, er kann Englisch, aber er will nicht missverstanden werden. Starkovs, 49, ist ein ebenso intelligenter wie zurückhaltender Mann. (…)Wie er das Spiel seiner Elf beschreiben würde? Für die Antwort braucht Starkovs keinen Übersetzer. Er sagt: „Schnell. Clever. Attraktiv. Brasilien.““
Ball und Buchstabe
Fußball ist ein Spiel
„Fußball ist genau das, was man im Stadion sehen kann: ein Spiel“ (FAZ) – im Quartier der Engländer Benfica fürchtet die Polizei bürgerkriegsähnliche Zustände (FR/Magazin) – „das erhöhte Sicherheitsbedürfnis und der lusitanische Hang zum Fatalismus wirken vor dem geplanten Fußballfest wie gefährliche Zuversicht“ (FAZ) – „Portugals EM-Stadien gilt das Lob der Architekten und der Tadel der Rechnungsprüfer“ (FAZ) u.v.m.
Wir brauchen die Freude am Spiel, seine Unschuld
Der portugiesische Schriftsteller Francisco José Viegas (FAZ 9.6.) träumt vom ersten Anstoß: “Portugal ist ein kleines, leidenschaftliches Land. Statt die EM 2004 auszurichten, hätte es seine öffentlichen Finanzen sanieren, für seine Literatur und Kunst werben können (leider ist Portugiesisch eine so kleine Sprache, daß das Genie des Camões, der Humor von Eça de Queiroz oder Camilo Castelo Branco, die Gemälde von Paula Rêgo oder Graça Morais, die Musik von Manuel Cardoso oder Carlos Paredes im Ausland kaum bekannt sind), es hätte die Verwaltung und öffentlichen Dienststellen modernisieren und in die Grundschulausbildung investieren können. Nun ist es aber so, daß Portugal Fußball liebt und ebenso gern Gäste empfängt. Ich war nicht damit einverstanden, daß wir die EM 2004 ausrichten; ich fand, wir sollten ernsthafte, umsichtige Europäer sein, gute Schüler in Wirtschaftsfragen, fleißig lernen, arbeiten und sparen – „wie die Deutschen“, sagt man in Portugal. Aber die Entscheidung war gefallen. Und deshalb wünsche ich mir in diesem vorgezogenen Frühsommer etwas von der Magie, die Fußball haben kann. Tore, ja. Aber auch aufregende, glänzende Spielzüge, wie wir sie in Erinnerung haben. Als Europäer brauchen wir das in der derzeitigen Situation. Wir brauchen die Freude am Spiel, seine Unschuld. (…) Fußball ist genau das, was man im Stadion sehen kann: ein Spiel. Manchmal ist er brutal, ja. Und unelegant (die Anzahl erträglicher oder gar schlechter Sonette, die im Laufe der Geschichte der Lyrik geschrieben wurden, ist ebenfalls beunruhigend, ganz zu schweigen von den europäischen Romanen), so wie es auch der menschliche Geist oder die in unkontrollierten Mengen versammelte menschliche Masse sein kann. Fußball wird mit Ehrgeiz gespielt und erbarmungslos – auch wenn Erbarmen hier und da durchscheint, doch zu seinem Grundwortschatz zählt es nicht. Fußball mögen ist deshalb eine Übung, für die es je nach Situation die unterschiedlichsten Erklärungen gibt. Ich spreche ungern darüber, kann sie aber benennen: die Kunst der Ballbeherrschung, das Zusammenspiel, die Eleganz eines Passes, das Tor als Höhepunkt, die jubelnde Menge, die Farben und das Licht im Stadion. Lauter Nichtigkeiten. Man mag Fußball oder man mag ihn nicht.“
Thomas Klemm (FAZ 9.6.) drückt die Daumen für eine friedliche EM: „Das einstige Weltreich Portugal indes steht heute im Schatten der großen Politik, seine Einwohner gelten als friedliebend, wiewohl Ministerpräsident Durão Barroso im Antiterrorkampf an der Seite der Amerikaner steht und 130 portugiesische Soldaten in den Irak geschickt hat. Diese Umstände, das erhöhte Sicherheitsbedürfnis und der lusitanische Hang zum Fatalismus mögen vor dem geplanten Fußballfest wie gefährliche Zuversicht wirken. Doch wer jetzt Ohnmacht statt Optimismus zeigt, hat schon vor dem ersten Anpfiff gegen einen unsichtbaren Feind verloren. Ein Feind, dessen Bedrohung den größtmöglichen Gegensatz zu den Idealen des Sports bildet. Glaubt man hier an Spiel, Spaß und Wettkampf mit fairen Mitteln, fürchtet man dort Angst, Schrecken und heimtückisches Vorgehen. Bleibt zu hoffen, daß es nicht zum Aufeinandertreffen kommt.“
Verzichtet Felipe Scolari auf Portugals besten Torhüter? Thomas Klemm (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.): „Pedro Burmester ist Konzertpianist – und war für Vítor Baía. Manuel Alegre ist Schriftsteller und Mitglied des portugiesischen Parlaments – und war für Vítor Baía. José Mourinho, bis vor kurzem Trainer des FC Porto, war natürlich auch für seinen Torwart. Es waren nur drei Köpfe mit ein und derselben Meinung, doch sie gaben vor der Nominierung des portugiesischen Europameisterschaftskaders jene Frage wieder, die sich der überwiegende Teil der einheimischen Fußballfreunde schon Monate zuvor gestellt hatte: Warum bloß verzichtet Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari bei der EM-Endrunde auf jenen Torhüter, der jahrelang die Nummer eins in der Selecção war, international die größte Erfahrung besitzt, in der vergangenen Saison die wenigsten Tore in der SuperLiga hinnehmen mußte und mit dem FC Porto in Gelsenkirchen gerade erst Champions-League-Sieger geworden ist? Das Thema sei „delikat“, sagte Vítor Baía kürzlich, nachdem er sich monatelang aus der öffentlichen Diskussion herausgehalten hatte. „Aber ich hatte niemals einen Hehl daraus gemacht, daß die EM-Teilnahme eines meiner Ziele war.“ Wie erwartet, mußte sich der Vierunddreißigjährige am 18. Mai von diesem Ziel verabschieden: Scolari berief die Torhüter Ricardo, Quim und den „U 21″-Nationaltorhüter Moreira ins EM-Aufgebot. Und damit stellte sich dem Trainer aufs neue ein altes Problem: Die Öffentlichkeit mag ihm bei seiner Entscheidung nicht folgen. Luiz Felipe Scolari gegen ein Idol und den Rest der Fußballnation – das erinnerte nicht nur portugiesische Beobachter an den letzten großen Autoritätsbeweis des Trainers. Vor der Weltmeisterschaft 2002 hatte der Brasilianer viele seiner Landsleute gegen sich aufgebracht, weil er den alternden Stürmer Romário links liegengelassen hatte. Verziehen wurde ihm erst, als Nationaltrainer „Felipão“ die Südamerikaner zum WM-Titel führte. Der Fall Baía lasse sich nicht mit dem Fall Romário vergleichen und sei daher kein Problem für ihn, behauptet Scolari nun. Baía sei „ein Athlet, der in der Nationalmannschaft Geschichte geschrieben hat. Aber ich habe andere Optionen, und die hat jeder zu respektieren.“ Während der Portoenser Torhüter selbst sich nach Scolaris Machtwort darauf beschränkt, „Daumen zu drücken, damit Portugal Europameister wird“, fragen sich andere, ob die Nichtberücksichtigung Baías nur ein Mittel des Trainers war, um sich Autorität zu verschaffen.“
Nirgendwo anders in Lissabon ist die Tradition so machtvoll verdrängt worden wie in Benfica
Mark Obert (FR/Magazin 5.6.) befindet sich zwischen Abrissbirnen und besoffenen Engländern: „Als Benfica Lissabon das verhasste Real Madrid überflügelte, 1961 und 1962 den Europapokal der Landesmeister gewann, galt der nördlich gelegene Stadtteil als Refugium der Wohlhabenden. Villen und Paläste säumten die Wege, man versorgte sich in den nahen Bauernhöfen mit frischem Fleisch und Gemüse. Benfica war ein gemütliches Dorf, und sein Held hieß Eusebio. Der beste Fußballer Europas war er, sagen die Alten, der überragende Spieler der WM 1966 in England, als Portugal Dritter wurde, einzig geschlagen von den Engländern. Vor dem Stadion haben sie Eusebio, den Jungen aus der ehemaligen Kolonie Mocambique, als Statue verewigt, überlebensgroß, in der für ihn typischen Schusshaltung, die Arme wie Flügel ausgebreitet, die Finger grazil gespreizt, als tanze er mit dem Ball. In seinem Rücken rast der Verkehr auf acht Spuren vorbei, vor ihm ragt das Stadion empor, aus weißem Beton und rotem Stahl, der wie die Schienen einer Achterbahn wellenförmig das Dach umkränzt, so dass es, von der Ferne betrachtet, niedlich wie ein Spielzeug anmutet. Über dem Eingang breitet ein goldener Adler, das Wahrzeichen, die Schwingen aus. Ein würdiger Ort für ein traumhaftes Finale. Und drinnen sieht man ja nicht die Wirklichkeit jenseits der Tribünen. Das alte Estadio da Luz, Denkmal der glorreichen Benficas, stand nur einen Steinwurf entfernt. In den 50er Jahren war es erbaut worden, ein gigantisches Ungeheuer, noch ohne den heute üblichen Komfort für jene, die durch dickes Glas flüchtige Blicke aufs Spiel werfen, in der einen Hand den Sekt, in der anderen das Mobiltelefon. Mitte der 80er, seit der letzten Aufstockung, bot das „Stadion des Lichts“ 120 000 Menschen Platz. So viele kamen allenfalls zu den Derbys gegen Sporting, den Lokalrivalen. Wenn Benfica in der mittelmäßigen Liga die chancenlosen Provinzteams abnudelte, lagen die beiden oberen Ränge verlassen da. Sie liebten das Ungeheuer trotzdem, die Menschen von Benfica, vielleicht gerade, weil es so nüchtern funktional war wie die Betonquader, in denen sie selber hausen. Als die Abrissbirnen die ersten Krater schlugen, da sollen die Trauergäste geweint haben, und in den Zeitungen des nächsten Tages war der große Eusebio abgebildet. Er weinte ebenfalls. Nirgendwo anders in Lissabon ist die Tradition so machtvoll verdrängt worden wie in Benfica. (…) Die Engländer kommen, der Satz klingt in diesen Tagen wie die Prophezeiung einer Heuschreckenplage. Mögen sie im Fernsehen noch so viele Portugiesen präsentieren, die ihre Vorfreude auf die Europameisterschaft lauthals bekunden, in Lissabon und besonders in Benfica schmälert die Aussicht auf den Schwarm von der britischen Insel die Begeisterung. Zweimal wird England in der Vorrunde neben dem Einkaufszentrum spielen, gegen Frankreich und Kroatien. Neulich hat Charles Swift, Chef der englischen Polizei, im portugiesischen Fernsehen gelobt, alles nur erdenkliche zu tun, um die Einreise der gefürchtetsten Hooligans zu verhindern, doch solche Nachrichten alarmieren erst recht. Keine Frage, die Lissaboner, Gastgeber für acht Spiele, hätten sich eher Dänen, Schweden und Franzosen als Dauergäste gewünscht. Immerhin, die Engländer trinken so viel Bier wie Lastenesel Wasser, hohe Einnahmen scheinen garantiert, aber so mancher, der für teures Geld eine Fressecke im dritten Stock des Colombo angemietet hat, bangt ums Interieur. Auf einer breiten Galerie reiht sich Imbiss an Imbiss, Restaurant an Restaurant, spanisch, mexikanisch, brasilianisch, die Bedienungen tragen Folklore, Palmen und Plastikarkaden imitieren eine Kultur, als läge Bologna in der Karibik, im Hintergrund plätschert der Wasserfall. Unter der Dachkuppel hängt eine zwei Tischtennisplatten große Videowand. Hier sollen all jene die Spiele sehen können, die kein Ticket ergattert haben. Die meisten Briten, so schätzt die Polizei, werden ohne Eintrittskarten anreisen. Was wird sein, wenn sie frustriert sind, fragt sich der Verkäufer im Sportgeschäft. Was werden die da oben auf der Fressgalerie veranstalten, wenn sie in der Vorrunde ausscheiden? Das Geländer reicht einem mittelgroßen Menschen gerade bis zur untersten Rippe. „Da kann schnell mal einer drüberfallen“, raunt der Sportwarenhändler, der in den wenigen Gesprächen mit Polizeibeamten den Eindruck gewonnen haben will, die fürchteten selbst bürgerkriegsähnliche Zustände.“
Kosten hoch, Nutzung niedrig
„Portugals EM-Stadien gilt das Lob der Architekten und der Tadel der Rechnungsprüfer“, schreibt Thomas Klemm (FAZ 9.6.): „Während die Erfolgsklubs Benfica und Sporting sowie der FC Porto und Boavista ihre Stadien eigenverantwortlich finanziert und gebaut haben und aufgrund ihres großen und treuen Anhangs künftig von einer ordentlichen Auslastung ausgehen können, gilt für das Gros der anderen Arenen: Kosten hoch, Nutzung niedrig. Bei gerade einmal 7000 Besuchern pro Pflichtspiel in der nationalen Superliga liegt der Durchschnitt in Portugal; wobei alleine die drei Großen Benfica, Sporting und Champions-League-Sieger Porto Zuschauermagneten sind, die im Schnitt 30 000 Fans mobilisieren, vergleichsweise teure Tickets zu kaufen. Vielerorts haben die Architekten auf die provinzielle Unlust am Live-Erlebnis reagiert. „Durch die bunten Tribünensitze erscheint das Stadion auch voll, wenn es nicht ausverkauft ist“, erklärt Nuno Cascilho, Manager der Sporting-Arena. Das Lissabonner Estádio José Alvalade XXI hat einen farbenfrohen Innenraum mit Schalensitzen in den Vereinsfarben Grün, Gelb und Weiß und Grautönen, und weil die Außenfassade in den gleichen Farben gefliest ist, bekam der gekachelte Kessel von den Sporting-Rivalen den Spottnamen „Badezimmer“. Das ein paar Kilometer entfernte, repräsentative Benfica-Stadion „da Luz“ mit seinen leuchtend roten Schalensitzen hingegen bezeichnete UEFA-Inspekteur Ernest Walker schon beim ersten Hinsehen als „Kathedrale des Fußballs“. Überhaupt haben die Portugiesen für ihre schicken, spektakulären und mancherorts von Stararchitekten entworfenen Stadien viel Vorschußlorbeer eingeheimst. Bei so viel Lob für die Architektur verhallt der Tadel der Rechnungsprüfer (noch) ungehört. Doch am Tag nach dem Endspiel steht der EM-Ausrichter Portugal vor seiner nächsten großen Herausforderung: Prestigeobjekte mit Leben zu füllen.“
Deutsche Elf
Dumpfbackigkeit, Denkfaulheit und Bewegungsarmut
„die deutsche Innenverteidigung mit Jens Nowotny und Christian Wörns könnte man sich auch in einem sporthistorischen Museum vorstellen“ (NZZ) – Michael Ballack ist quasi eine 24 (Spiegel) – „im Falle des Misserfolgs würde der Sturm von 2002 zu einem Orkan anwachsen“ (SZ) – FAZ-Interview mit Franz Beckenbauer – Retorten-Fans, für Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft gibt es 25 Prozent Rabatt auf das aktuelle Nationaltrikot (FR) u.v.m.
Dumpfbackigkeit, Denkfaulheit und Bewegungsarmut?
Deutschland darf nicht ausscheiden! Ludger Schulze (SZ 9.6.): „Knapp vier Jahre ist es her, dass die Nationalmannschaft mit ihrem Abschneiden (ein Punkt, ein Tor in drei Spielen gegen Rumänien, England und Portugal) ein ganzes Land beleidigte, als sei dessen höchstes Kulturgut zertrampelt worden. In den Feuilletons wurden Überlegungen angestellt, ob sich im deutschen Fußball nicht der Zustand der Gesellschaft spiegele: allgemeine Dumpfbackigkeit, Denkfaulheit und Bewegungsarmut. Kurz vor dem Zerplatzen des Neuen Markts wurde die Parallele gezogen zwischen wirtschaftlichem Stillstand und zitternden Kickerbeinen. So dramatisch war die Lage, dass Bundeskanzler Schröder die nachfolgende WM-Bewerbung für 2006 zur absoluten Chefsache machte. Im übrigen, hieß es an den Schaltstellen von Sport und Politik, dürfe sich so etwas nicht wiederholen. Nie mehr. (…) Ein triumphaler Erfolg bei dieser EM widerspräche den Gesetzen der Logik. Im Falle des Misserfolgs allerdings würde der Sturm von 2002 zu einem Orkan anwachsen, welcher der Nationalmannschaft zwei Jahre lang ins Gesicht blasen würde. Denn die WM 2006 ist das Maß der Dinge im Fußball-Land Deutschland. Ein großer Teil des öffentlichen Lebens hat deren Takt aufgenommen, die Wirtschaft misst ihre Zielvorgaben daran, der zarte Aufschwung soll dann in Boom-Euphorie umschlagen. Von einer Fußballmannschaft ausgelöste depressive Stimmung wäre deshalb weit mehr als nur ein sportlicher Unfall. Es wäre ein Schock für eine Nation, die sich just in diesen Tagen sehnsuchtsvoll an ihre Wiedergeburt erinnert – vor 50 Jahren, durch den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954.“
Verbeissen in den Gegner, kämpfen bis zum Umfallen
Martin Hägele (NZZ 10.6.) deckt Deutschlands Mängel auf: „Auch ein paar Tage nach dem 0:2 gegen Ungarn sieht Rudi Völler nicht viel besser aus als an dem Abend, an welchem er ausgerechnet dem alten Kollegen aus dem Weltmeisterteam von 1990, Lothar Matthäus, und dessen ungarischer „Thekenmannschaft“ (TV-Analytiker Günter Netzer) gratulieren musste. Hat er das Problem zu lange ausgesessen, indem er zu treu und zu lang zu jenen Leuten hielt, denen er seinen guten Ruf als Trainer verdankt? Die deutsche Auswahl bewegt sich zu wenig und zu langsam, und sie verschenkt viel zu oft den Ballbesitz, weil höchstens die Hälfte der Abschläge, die Torwart Kahn in den Himmel wuchtet, auch beim eigenen Stürmer landen. Die Defizite in Sachen moderner Fussball beginnen also beim einzigen Weltstar, den Deutschland derzeit noch besitzt, und sie potenzieren sich bei Kahns Vorderleuten. Die Innenverteidigung mit Jens Nowotny und Christian Wörns könnte man sich auch in einem sporthistorischen Museum vorstellen. In diesen quer gestreiften Einteilern, wie sie die Kraftsportler und Jahrmarktsakrobaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Gewichts-Wettbewerben oder beim Tauziehen trugen. In reifen Klubteams wie FC Porto oder AS Monaco wird das Spiel mit schnellen Pässen eröffnet – die Deutschen dagegen verschleppen das Tempo, worauf die Mittelfeldspieler Ballack, Hamann, Frings und Schneider den Ball selbst immer wieder in den hinteren Reihen abholen – bis dahin hat sich jede gegnerische Abwehr dreimal postiert. Und dieses Hinterherlaufen setzt sich bei den Angreifern fort. Gewiss, Deutschland hat keine Stürmer von der Klasse eines Völler oder Jürgen Klinsmann mehr. Aber ob nun Jung-Star Kevin Kuranyi, die ausser Form geratenen Goalgetter Miroslav Klose und Fredi Bobic oder das Milchgesicht Podolski – um seinen wahren Job ist keiner dieser Professionals zu beneiden. Weil nach vorne nicht viel geht, es sei denn, die jungen Aussenverteidiger Lahm und Friedrich überraschen einmal mit frechen Soli und präzisen Flanken, soll verstärkt nach hinten gearbeitet werden. So hat es Captain Kahn vorgeschlagen. Diese Spielweise kommt am ehesten den fachlichen Qualitäten dieses EM-Kaders zugute. Vorsicht als erste Order, verbeissen in den Gegner, kämpfen bis zum Umfallen! All diese Parolen, die der deutsche Fussballfreund nicht so besonders gern hört, aber sich ihrer dann doch mit gewissem Stolz bedient, wenn es die Lage erfordert, wird man in den nächsten Wochen öfters aus portugiesischen Stadien vernehmen. Und manchmal wird aus solchen Sprüchen am Ende gar ein Mythos.“
„In München verkörpert Michael Ballack das Verderben, bei der Nationalelf die Verheißung kommenden Ruhms.“ Klaus Brinkbäumer (Spiegel 7.6.): „Die Schultern vorgeschoben, die Beine zum leichten O der Fußballer gebogen, die Sohlen Zentimeter über dem Gras, die ganze Erscheinung ein Schlurfen und Schleichen. Es war Mitte der ersten Halbzeit, als Ballack nach links lief und Dietmar Hamann den Ball nach rechts spielte, und in diesem Moment, als er wieder mal im Niemandsland strandete, ein Fußballer ohne Ball, da war Michael Ballack wieder: der Prada-Profi, der Casting-Kicker, der Schnösel in Stollenschuhen – für alle jedenfalls, die ihn so sehen wollten. Das wollen viele. Das wollen wichtige Menschen in der bisweilen etwas eigenartigen Welt des Profifußballs. Deshalb erzählt Franz Beckenbauer in Basel, dass Ballack „unrund“ laufe und stete „Lobeseinheiten“ brauche; deshalb schrieb Günter Netzer vor neun Monaten, dass Ballack keine Mannschaft führen könne, was „eine Frage seiner Herkunft“ sei: „Ballack ist in der DDR aufgewachsen. Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt.“ Und als Ballack über fehlenden Rückhalt klagt, meint der Chefredakteur der Fachzeitschrift „Sport Bild“: „Dazu ein Rat, Ballack: Hören Sie auf zu jammern!“ So oder ähnlich reden Feldwebel: Ballack, Liegestütze! Michael Ballack ist einer jener Fußballprofis, die in Trainingspausen freiwillig Liegestütze machen, „Kräftigung und Stabilisation“ nennt er das. Trotzdem hat Ballack mittlerweile ein Problem, das man „Das sich selbst erfüllende Image“ nennen könnte, einen Ruf nämlich, gegen den er nicht mehr ankommt, wie viel auch immer dagegen sprechen mag. Man muss Ballack ja nicht hochschreiben zum zweiten Zidane, weil er so weit nicht ist, er hat noch Schwächen: Der Kerl lamentiert viel, und wenn ihm etwas die Laune versaut, kann es passieren, dass er zutritt. Aber wenn man ihm eine Woche lang zuhört und zusieht, reicht es doch allemal für einen Gegenentwurf zu diesem Image, das er nicht mehr besiegen kann. In jener ein wenig harmlosen und sehr netten Nationalmannschaft ist Ballack der einzige echte Star. Michael Ballack ist der versierteste Fußballer mit deutschem Reisepass. Kopfbälle beherrscht er besser als jeder europäische Mittelstürmer, und wenn er nicht mit rechts aufs Tor schießen kann, schießt er mit links, es macht keinen Unterschied. Seine Pässe kommen so scharf wie Torschüsse. Der Fußball von heute ist ein Spiel, das in einem imaginären Rechteck gespielt wird, 30 mal 40 Meter groß vielleicht, und dieses Rechteck verschiebt sich mit dem Ball über den Fußballplatz. Es wird gebildet aus jenen 15 oder 16 Spielern, die sich immer in Ballnähe bewegen, weil es ihre Aufgabe ist, an jedem Ort eine Überzahl für die eigene Mannschaft zu schaffen. Der Effekt dieser Spielweise ist hässlich: Es gibt keine Zeit mehr, den Ball zu stoppen und dann zu gucken, wer frei steht, es gibt keinen Raum mehr für die Zauberer mit der Rückennummer 10. Nur noch Leute wie Günter Netzer reden heute von der Aufgabe der Dirigenten in kurzen Hosen, und das lässt daran zweifeln, dass sie verstanden haben, wie sich das Spiel entwickelt hat seit ihrem Abgang. Die Sache mit der Rückennummer gehört zu dieser hitzigen Debatte über Ballack. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß merkte an, er habe nach Videoanalysen erfasst, dass Ballack „keine 10″ sei, sondern „eine typische 6″, kein Spielmacher eben, sondern ein defensiver Mittelfeldmann. Michael Ballack lächelt nicht mehr, wenn er darüber spricht. Er sagt: „Wir reden über Uli Hoeneß, oder? Die Bayern wollten mich schon kaufen, als ich noch in Kaiserslautern war, sie haben mich dort zwei Jahre, dann drei Jahre in Leverkusen und nun zwei Jahre im eigenen Stadion beobachtet. Uli Hoeneß und die anderen sehen mich seit sieben Jahren spielen. Was soll ich dazu sagen?“ Denn in Wahrheit spielt Ballack hinten mit und vorne, und manchmal taucht er minutenlang ab, aber dann dort wieder auf, wo er die Partie entscheiden kann. Er hat längst die einstigen Aufgaben der Rückennummern 6, 8 und 10 übernommen, er ist praktisch eine 24 (…) Oliver Kahn ist Kapitän und trotzdem der Außenseiter dieser Mannschaft, was nicht mehr gerecht ist, weil er jetzt wieder mit den anderen redet und fleißig bis besessen trainiert. Der Torwart hat sich seinen Ruf in den vergangenen Monaten vermasselt: Da hat Kahn Kahn inszeniert, war bloß sein eigener Kapitän, weshalb ein Kollege scherzt, „dass er uns in seinem Autobiografie-Büchlein deshalb nicht erwähnt, weil er unsere Namen nicht kennt“. In diesen vergangenen Monaten wirkte Oliver Kahn ein wenig wie Boris Becker in seiner schlechtesten Phase: wie ein Sportler nämlich, der jedes Spiel als Prüfung durch die Götter versteht und sich selbst als auserwählt; wenn einer erst so weit ist, gerät ihm wohl zwangsläufig jede Bewegung zur Pose. Ein Torwartdarsteller jedoch kann kein guter Torwart mehr sein. Das ist das Image, gegen das Kahn in Portugal antreten wird, nicht im Spiel mit den Medien, aber im Mannschaftskreis. Michael Ballack hingegen wird von seinen Kollegen beneidet, weil er eine Menge verdient, geschätzte acht Millionen Euro im Jahr. Und einige zweifeln auch ein bisschen an ihm, weil er eine für sein Niveau armselige Saison hinter sich hat. Aber die Kollegen respektieren Ballack, weil gute Fußballer bessere Fußballer immer respektieren und weil Ballack, anders als Kahn, ziemlich kommunikativ ist. Keiner beim DFB hat vergessen, wie Ballack im Halbfinale der vorigen WM ein Tor der Südkoreaner durch ein taktisches Foul verhinderte, wie er dafür seine zweite gelbe Karte und eine Sperre bekam, wie er dann noch das 1:0 schoss und jenes Finale gegen Brasilien verpasste, das das Spiel seines Lebens werden sollte – unter Fußballern gilt so etwas als Heldentat.“
Ich verstehe, dass Rudi Völler den Christian Ziege zurückgeholt hat
FAZ-Interview (8.6.) mit Franz Beckenbauer über die Form der deutschen Elf:
FAZ: Werfen wir einen Blick auf die Teile der deutschen Mannschaft. Es fällt auf, daß die Zeiten vorbei scheinen, da teutonische Abwehrrecken noch furchteinflößend für die Konkurrenz waren. Es fällt aber noch mehr auf, daß es auch an souveränen Abwehrstrategen, wie Sie einer waren, fehlt.
FB: Bei dem schrecklichen 1:5 in Rumänien hat man erst mal gemerkt, wie wertvoll der Wörns ist. Der Dortmunder Innenverteidiger spielt zwar nie spektakulär, aber er ist einer, der in der Mitte zumacht. So jemand hat in Bukarest gefehlt. Wörns ist sehr wichtig für die Mannschaft. Wer sein Partner für die Innenverteidigung bei der Europameisterschaft ist, wird man sehen. Vermutlich ist es letztlich doch der lange verletzte Jens Nowotny, der sich in der Vorbereitungsphase stabilisiert hat. Der Rudi hat auch noch den Baumann aus Bremen oder den Friedrich aus Berlin. Möglichkeiten, eine ordentliche Innenverteidigung aufzubieten, hat Rudi Völler genug. Wichtig für den Erfolg wird das Zusammenspiel mit dem Mittelfeld sein und die Bereitschaft aller Spieler, bei Ballverlusten auch nach hinten zu arbeiten. Wenn diszipliniert und kompakt wie vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft gespielt wird, haben wir keine Probleme.
FAZ: Die wenigsten Probleme scheint Völler im Mittelfeld zu haben, das mit Ballack, Schneider, Frings und Hamann gut besetzt ist.
FB: Alle, die im Mittelfeld eingesetzt werden, helfen auch hinten mit aus und stabilisieren damit die Abwehr. Dazu sind in diesem Mannschaftsteil lauter gute Fußballer am Werk. Die Deutschen leben von ihrer Mannschaft, von ihrer Einheit, nicht so sehr von ihrer individuellen Klasse. Es muß Bewegung nach der Seite, nach hinten, nach vorne sein: Nur so funktioniert’s.
FAZ: Dazu kann das Spiel auf den Flügeln im Idealfall von jugendlichen Kräften, den Stuttgartern Hinkel rechts und Lahm links, unterstützt werden.
FB: Den Lahm, den der FC Bayern bis 2005 an den VfB ausgeliehen hat, habe ich vor zwei Jahren mal bei unseren Amateuren spielen sehen, da ist er mir gar nicht aufgefallen. Inzwischen hat er sich sensationell entwickelt. Seine Schnelligkeit, seine Beweglichkeit, seine Abgebrühtheit beeindrucken mich. Ich verstehe auch, daß Rudi den Christian Ziege zurückgeholt hat. Links defensiv hatte er doch sonst niemand.
FAZ: Zum Angriff: Mit überragenden Stürmern ist Rudi Völler nicht eben gesegnet. Andererseits ist das Duo Klose/Kuranyi an guten Tagen auch nicht zu verachten.
FB: Die beiden zeichnet ihre Kopfballstärke, ihr Fleiß, auch eine gewisse spielerische Klasse aus. Du kannst je nach Bedarf aber auch wechseln. Da ist noch der Strafraumstürmer Fredi Bobic, der unter der lange schwierigen Situation bei Hertha BSC gelitten hat, oder der Hannoveraner Konterstürmer Thomas Brdaric. Und dann hast du als stürmische Verstärkung noch einen fitten Michael Ballack, der vor zwei Jahren jede Menge Tore gemacht hat. Ich habe beim Blick auf den Angriff keine großen Sorgen, weil ich der Mannschaft und der sportlichen Leitung vertraue.
FAZ: Das Establishment in der Nationalmannschaft wird auch von jugendlichen Herausforderern bedrängt. Hätten Sie auch wie Rudi Völler einem Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger schon jetzt eine Chance bei der Europameisterschaft gegeben?
FB: Nimmst du zwei so junge Spieler mit, dann weniger mit der Hoffnung, daß sie einen entscheidend weiterbringen, eher damit einer wie Podolski sieht, wie es bei der Nationalmannschaft während eines großen Turniers zugeht. Jeder, der in jungen Jahren mitgenommen wurde, hat bei solchen Anlässen gelernt. Es ist im übrigen noch zu früh, jetzt schon Entwicklungschancen einzelner junger Spieler im Blick auf die WM 2006 hochzurechnen. Bei manchem weißt du nicht genau, wohin die Reise geht.
FAZ: Rudi Völler bestreitet in Portugal sein zweites großes Turnier als Teamchef. Wie hat er sich in diesem Job entwickelt?
FB: Er ist souveräner geworden. Er strahlt immer mehr Persönlichkeit aus. Der Rudi ist ein Glücksfall – das war er schon als Spieler, das ist er jetzt als Teamchef. Ich hoffe, daß seine Ära noch lange anhält.
FAZ: Er hat aber auch schon Fehler gemacht wie zuletzt in Rumänien, steht aber dazu. Imponiert Ihnen soviel Ehrlichkeit?
FB: Sicher ist auch das ein Zeichen seiner Souveränität. Wichtig ist, daß er den Fehler sieht. Er muß ihn nicht unbedingt in aller Öffentlichkeit zugeben. Ich zumindest habe als Teamchef nie was zugegeben, obwohl ich auch Fehler gemacht habe. Die meisten bis auf ein paar Experten haben die Fehler ja eh nicht bemerkt. Ich finde es mutig, wenn Rudi seine Fehler zugibt, aber es muß nicht sein.
Michael Horeni (FAZ/Redaktionsbeilage 8.6.) beschreibt Wesen und Wirken Rudi Völlers: „Auch wenn die Ära des Teamchefs schneller zu Ende gehen sollte, als sich das sowohl die Fußball-Mächtigen als auch die Fußball-Fans im Land wünschten, am Bild der Deutschen von ihrem „Ruuudi“ würde auch ein trauriger portugiesischer Sommer nichts ändern. Das Bild von Völler: Da fällt zunächst sein Schnauzbart auf. Er ist keineswegs stattlich, sondern von mäßigem Wuchs, und modisch gesehen ein Relikt aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der Zeit also, in der Rudi Völler in das Leben der Deutschen trat. Damals war der Schnauzer ein Massenphänomen in der Bundesliga, ebenso die Dauerwelle, und beide Eigentümlichkeiten fanden bei Völler zusammen. Bis heute gibt es im äußeren Erscheinungsbild des nun 44 Jahre alten Fußballtrainers keinen Bruch. Der Schnauzer ist stets ein treuer Begleiter des Jungen aus Hanau geblieben, die Haare sind noch immer gewellt, wenn auch nicht mehr ganz so wild wie damals. Silbergrau sind sie mittlerweile auch geworden. Aber beim Anblick des Teamchefs erkennen die Deutschen auch zwei Jahrzehnte später noch immer den Spieler Völler, wie er mit wehender Mähne drauflosstürmt und die Chancen nutzt, die sich ihm bieten. Und dann machte er von seinen Toren wenig Aufhebens, denn er machte ganz einfach nur, was er konnte, und damit war es gut für ihn. Mehr steckte nicht dahinter, mehr steckte auch für ihn nicht hinter dem Fußball; keine Philosophie, kein schöner Schein, nur das eine: Seine Chance muß man nutzen. Die Leute liebten diese ehrliche Schnörkellosigkeit, aber der einzige Grund, weshalb er zum vielleicht größten Fußball-Liebling des Landes werden sollte, war das natürlich nicht. Teamchef wurde Völler vor vier Jahren, als Erich Ribbeck ein einziges Elend hinterließ und über Nacht ein Nachfolger gefunden werden mußte. Der deutsche Fußball hatte den Nachlaß neu zu ordnen und brauchte einen Übergangstrainer für die Zeit, bis Christoph Daum als Bundestrainer zur Verfügung stand. Völler verpaßte an diesem Abend, an dem sein Leben eine unvermutete Wendung nehmen sollte, die Gelegenheit, einfach „nein“ zu sagen. Es gab nicht wenige, die selbst das Übergangsmodell als eine Nummer zu groß für Völler ansahen, der im Werksklub Bayer Leverkusen gerade seine ökonomische Nische als Sportdirektor gefunden hatte, der als Trainer nie arbeiten wollte und dies zuvor auch nie getan hatte. Die unausgesprochene Sorge, Völler könnte der Aufgabe nicht gewachsen sein, drückte sich im Personaltableau aus, mit dem sich die deutsche Nationalmannschaft und ihr Teamchef anfänglich umgab. Als gleichberechtigter Trainer begann Michael Skibbe zusammen mit Völler seinen Dienst, und die Aufgaben des Duos schienen eindeutig verteilt. Die taktische und fachliche Arbeit sollte bei dem jungen ehemaligen Bundesligatrainer von Borussia Dortmund liegen, Völler als Autorität und Vorbild des deutschen Fußballs auf einen verlottert erscheinenden Haufen Nationalspieler wirken – und natürlich als öffentliches Beruhigungsmittel. Dazu stellte die Bundesliga dem Teamchef in der Frühphase mit Karl-Heinz Rummenigge noch einen weiteren Helfer zur Deckung bereit. Eine endlose Europameisterschaftsspanne später – mit Kokain-Tiefpunkt, WM-Begeisterung und Fernseh-Wutausbruch dazwischen – geistert zwar schon der Name Ottmar Hitzfeld als möglicher Nachfolger Völlers durch die Blätter. Dabei erreicht die Entwicklung Völlers als Teamchef mit Alleinvertretungswirkung (nicht -anspruch) gerade jetzt einen Höhepunkt. Der Star der Nationalmannschaft war der Teamchef zwar schon nach dem ersten Länderspiel, aber spätestens seit der Weltmeisterschaft drängte die Identifikationsfigur Völler alle anderen wichtigen und prominenten Mitstreiter an den Rand. Die Stars aus den Jubeltagen in Fernost, Oliver Kahn und Michael Ballack, haben durch Schwächen im Alltag an Strahlkraft eingebüßt. Michael Skibbe etwa wird als gestaltender Trainer in der Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen.“
Kann man die WM 2006 dem Autodidakten Völler anvertrauen?
Philipp Selldorf (SZ 9.6.) schwankt zwischen zwei sympathischen Trainern: „Hitzfeld wird Völlers Phantom bleiben bei der EM, er wird am Mittwoch an Bord des Flugzeugs nach Faro sein und die Gedanken des Teamchefs begleiten, wenn er in der Suite des Ria Park Garden Hotel in sein riesengroßes Bett sinkt. Erst wenn die schweren Prüfungen der Vorrunde bestanden sind, wird er vor ihm Ruhe finden. Und wenn er sie nicht besteht? Wie eine Situation unvermittelt Dynamik entwickeln und Zwang erzeugen kann, das hat Völler selbst erlebt, als er vor vier Jahren in der Stunde Null der Nationalmannschaft von einer Notfallkommission des deutschen Fußballs zum Teamchef erklärt wurde. Damals ging es darum, bis zum Amtsantritt Christoph Daums einen beliebten Mann an die Spitze des Unternehmens zu setzen, der nach der grausamen Verirrung mit Erich Ribbeck die Sympathien zurückgewinnt und keine Komplikationen bereitet. Diesmal ist der Einsatz noch höher: Eine Mission von erster staatspolitischer Bedeutung steht bevor, die Weltmeisterschaft 2006, die Aufgabe für einen hochtrainierten Spezialisten. Kann man sie also dem Autodidakten Völler anvertrauen? Oder verlangt es das nationale Interesse, den Fünf-Sterne-de-Luxe-Supertrainer Hitzfeld zu beauftragen, der gerade rechtzeitig vakant ist? Dass Rudi Völler kein Theoretiker ist, der Taktik-Vorträge hält und tiefgreifende Strategien entwickelt, das weiß nun in Deutschland jedes Kind und hat seinem Ansehen bei den Nationalspielern kaum geschadet. Dieser Makel fällt vielmehr auf seinen Assistenten Michael Skibbe zurück, dessen akademisch lizenzierter Fachverstand bei den Beteiligten keinen überzeugenden Eindruck hinterlässt. Betrachtet man Völlers Wirken in den zwei Jahren nach der glücklichen WM in Asien, ergibt sich das widersprüchliche Bild, dass seine Spielerauswahl Perspektiven und den willkommenen Trend zum Generationenwechsel erkennen lässt, die Mannschaft aber trotzdem eine Serie von trostlosen Auftritten absolviert hat. (…) Es hat sich in Europa rumgesprochen, dass die Deutschen bis auf Ballack keine Tore schießen und keine allzu guten Prognosen verdienen. Nur daran glauben will irgendwie keiner, weil der Mythos stärker ist. „Die Tage der deutschen Hegemonie sind vorbei“, stellt zum Beispiel die englische Sonntagszeitung Observer in einer versierten Analyse fest. Um fatalistisch fortzufahren: „Auf dem Papier ist Deutschland ein Opfer der Vorrunde. Auf dem Platz sind sie sichere Teilnehmer des Viertelfinales.““
FR-Interview (9.6.) mit Christian Ziege
Fan Club Nationalmannschaft
Aus der Retorte. Oliver Lück & Rainer Schäfer (FR 9.6.) beneiden Ausländer um Fankultur: „Dänische Anhänger gelten als originell, sie waren schließlich die ersten, die sich mit Fingerfarbe ihre Landesfahne ins Gesicht malten. Die Niederländer sind ohnehin verrückt – sie tragen orangefarbene Afroperücken, und 90 Minuten lang lärmen Musikkapellen. Und selbst die lettischen Fans, die keiner kennt, finden viele interessant, da sie das erste Mal bei einer EM-Endrunde auftauchen. Das Gefolge der deutschen Nationalelf hat seit jeher ein eher biederes Image und wirkt immer ein wenig wie eine Gruppe verkleideter Schlagerfreunde. Ein bisschen Schunkeln und Klatschen im Viervierteltakt. Besorgt hatten auch die Oberen des DFBs registriert, dass die eigenen Fans meist nur den Charme viel beschworener deutscher Tugenden versprühten. „Uns ist klar, dass wir in der Fanbetreuung etwas tun müssen“, sagt Michael Kirchner, Fanbeauftragter des DFB, „wir können die Mentalität der Fans aber nicht ändern, sondern nur helfen, dass die deutschen Anhänger gemeinsam eine Fankultur entwickeln.“ Das lässt sich der DFB auch etwas kosten, konkrete Auskünfte dazu gab es aber noch nicht. Der vor etwas mehr als 15 Monaten gegründete „Fan Club Nationalmannschaft“ ist das erste offizielle Angebot des DFB an seine Getreuen. Rechtzeitig vor der Weltmeisterschaft in zwei Jahren soll die Begeisterung der eigenen Anhänger gefördert werden. „Wir müssen für die WM im eigenen Land eine positive Stimmung schaffen“, sagt Ex-Nationalspieler Oliver Bierhoff, der den Fan Club als Pate betreut. „Die positiven deutschen Fans sollen gefördert werden“, sagt auch Michael Kirchner, teilt aber sofort mit, dass Hooligans im DFB-eigenen Fanclub keine Chance hätten. Inzwischen steigt die Mitgliederzahl des Fanclubs „langsam, aber gleichmäßig“, so Kirchner. Mittlerweile sind 8600 Fans beigetreten, 85 Prozent davon sind Männer. Für einen Jahresbeitrag von 20 Euro gibt es das „Welcome-Package“ mit der Stadiongrundausstattung. Geht es nach dem DFB, stehen die Fanclub-Mitglieder die Deutschland-Fahne schwenkend, mit DFB-National-Cap, National-Schal und Fan-Club-Ansteckpin im Stadion. Auf das aktuelle Nationaltrikot gibt es übrigens 25 Prozent Rabatt.“
Mittwoch, 9. Juni 2004
Vermischtes
Fußball bedeutet Europa
Fußball bedeutet Europa (FAZ) – Sinn und Form des Torjubels (FR) – Tagesspiegel-Interview mit Otto Schily u.v.m. (mehr …)
Ballschrank
Ikone Calmunds Abschied
„Reiner Calmund reißt bei Bayer ein dickes Loch“ (FTD) / „Abschied einer Ikone“ (FAZ) – Italien U21-Europameister (mehr …)
Dienstag, 8. Juni 2004
Ballschrank
Alles Zicken
Andreas Brehme, Weltmeister in Unterhaching – FR-Interview mit Steffi Jones über Geschlechtsdifferenz und -kongruenz – FTD-Interview mit Helmut Haller – Arte, der Fußball-Sender – FR-Reportage aus dem Bayern-Internat u.v.m. (mehr …)
Montag, 7. Juni 2004
Ballschrank
EM 2004
Kritik und Häme für DFB-Elf: „Treffer aus der Gulaschkanone“ (FAZ) / „mit richtig Dusel können sie wieder weit kommen“ (SZ) / „Lothar Matthäus blickte so ernst und seriös wie ein international renommierter Trainer ernst und seriös blicken muss“ (SZ) – Zinedine Zidane, Frankreichs Hauptdarsteller – Ruben Baraja (Spanien), „ballsichere Dynamik paart sich mit musikalischem Gefühl“ (Tsp) u.v.m.
Treffer aus der Gulaschkanone
„Wenigstens weinen müßten Kahn und seine beschämten Mitkicker doch noch können“, bemängelt Evi Simeoni (FAZ 8.6.): “Ja, wenn sie wenigstens geweint hätten, unsere deutschen Nationalspieler. Statt dessen zuckten sie nach dem schlappen Auftritt gegen Ungarn scheinbar gleichmütig mit den Schultern, winkten ab und verwiesen auf künftige Leistungen. Dabei troffen sie – bildlich gesprochen – immer noch vor lauter fettiger Soße. Ausgerechnet Lothar Matthäus hatte seinen Dampfkochtopf geöffnet und ihnen eine gepfefferte Ladung verpaßt: einen schweren Treffer aus der Gulaschkanone. Angeblich stand dem ungarischen Nationaltrainer ja nur ein Ersatzteam zur Verfügung, nachdem er 22 Absagen bekommen hatte. Nach dem Abend auf dem Betzenberg, wo die Deutschen unter anderem auch Opfer ihrer eigenen Selbstüberschätzung wurden, kann man sich aber denken, von wem: von seinem Friseur, von seinem Bäcker, von seinem Raumausstatter… Und dann, am Montag, von Besiktas Istanbul.“
Mit richtig Dusel können sie wieder weit kommen
Warum verlieren die Deutschen, Thomas Kistner (SZ 8.6.)? „Sie beherrschen das Spiel nicht besonders gut: Angefangen bei Kahn, der den Ball mit der Hand weder weit noch gezielt abwerfen kann (und die Hälfte seiner Fuß-Abschläge sogleich an den Gegner verliert), über die Abwehrreihe, die kein Spiel eröffnen kann, bis ins Mittelfeld, aus dem also stets einer zurück laufen muss, um aufzubauen – und deshalb im nächsten Moment vorne fehlt. Besser als das Spiel beherrschen sie die Wettkampfsituation. Druck machen, Glück zwingen, Gegner entnerven, irgendwie durchkommen. Beim Ungarn-Test ist so ein Wille nicht gefragt, bei der EM schon. Mit richtig Dusel können sie wieder weit kommen. Mit gutem Fußball aber wird es wieder nichts zu tun haben.“
Wolfgang Hettfleisch (FR 8.6.) vermisst Beweglichkeit: „Völler hat es gesagt, Kahn sowieso, die anderen sinngemäß auch: Man werde am 15. Juni in Porto „eine ganz andere deutsche Mannschaft sehen“ als gegen Ungarn. Vielleicht ja eine mit Hüftgelenken.“
Meer aus schwarz-rot-goldenen Fahnen
Und dabei war alles für ein Fest gerichtet, meint Michael Horeni (FAZ 8.6.): “Der Betzenberg hatte sich herausgeputzt, um den deutschen Fußball zu feiern. Schon vor dem Anpfiff verwandelten die Fans die neue, riesige Tribüne in ein Meer aus schwarz-rot-goldenen Fahnen, wie es schon seit vielen Jahren kaum mehr in deutschen Stadien zu sehen war. Die Stimmung war ausgesprochen heiter, und die Helden von einst, deren Taten aus Bern über die Videotafeln flimmerten und die auch leibhaftig im Stadion erschienen waren, erlebten einen von Beifall umrauschten Auftritt. Die elf Hauptdarsteller allerdings verweigerten von Anpfiff weg ihren Part bei der Generalprobe zur Europameisterschaft. Als die deutsche Nationalmannschaft dann nach eineinhalb Stunden ihr blaues Wunder gegen Ungarn erlebt hatte, war nicht nur die Geduld des Publikums, sondern auch des Teamchefs längst dahin. Pfiffe schon zur Pause und ein Anpfiff in der Kabine: Das Fußballfußvolk und sein Anführer reagierten gleichermaßen enttäuscht auf ihre Lieblinge. „Rudi war sehr enttäuscht – und das ist schlimmer, als wenn er verärgert wäre“, sagte Jens Nowotny über die Gemütslage eines Teamchefs, der seine 23 EM-Fahrer nach einer kurzen Ansprache leicht konsterniert in den zweitägigen Heimaturlaub entließ. Wenn sich die schon vor dem Abflug durcheinandergeschüttelte Reisegesellschaft am Mittwoch auf den Weg nach Portugal macht, schleppt sie unerwarteten Ballast mit im Gepäck.“
Ausgerechnet Lothar Matthäus! Matti Lieske (taz 8.6.) beißt sich auf die Lippen: “Wie gut, dass es Matthäus gibt. Immer wenn der deutsche Fußball eine helfende Hand braucht, ist er da und greift beherzt zu. 1996 zum Beispiel, als der damals Verstoßene die Kollegen mit Verbalgrätschen aus der Ferne derart piesackte, dass sie vor Schreck Europameister wurden. Oder 1998, als er handstreichartig Olaf Thon aus dem Abwehrzentrum entfernte und wenigstens das Viertelfinale heraussprang. Oder 2000 bei der EM, wo er in seinem Bemühen, auf dem Liberoposten so alt zu werden, wie Willi Schulz schon immer aussah, der desorientiertesten Abwehr seit Tasmania 1900 vorstand und so den Neubeginn mit Rudi Völler einleitete. Auch jetzt vor der EM 2004 war Matthäus wieder zur Stelle und holten die deutsche Mannschaft gerade noch rechtzeitig auf den Boden der Realität zurück. Den hatte sie nach Siegen über Malta und die Schweiz zügig verlassen, und als dann Ungarns Trainer, nämlich Lothar Matthäus, auch noch ständig betonte, wie viele Dutzend Spieler ihm davon gelaufen seien, schienen sie zu glauben, am Sonntag in Kaiserslautern auf eine Art maltesische U 21 zu treffen. Die Lehre der Partie auf dem Betzenberg war, dass eine deutsche Mannschaft, die sich zu sicher fühlt, selbst gegen eine maltesische U 21 mit 0:2 verliert. Teamchef Völler hatte vor der Partie gegen die Ungarn permanent auf die notorisch gespaltene Zunge seines einstigen Spielkameraden hingewiesen und sagte auch hinterher, dass Matthäus die Qualität seines Aufgebots schändlich untertrieben habe. Doch die Aufstellung gab eher Ungarns Coach Recht. Nur zwei der eingesetzten Spieler, Kiraly und Gera, hatten im Kader des letzten EM-Qualifikationsspiels gestanden, das die Ungarn im Oktober gegen Polen verloren. Es war tatsächlich die zweite oder gar dritte Garnitur, die Matthäus ins Spiel gegen die Deutschen geschickt hatte. Der Schuss vor den Bug kam zur rechten Zeit.“
Die Rolle des international herumgekommenen Profis mit der Lizenz zum Fußball-Lehrer
Roland Zorn (FAZ 8.6.) beschreibt die Mühen Lothar Matthäus’, bescheiden zu wirken: „So treten Trainer mit Erfahrung auf. Kühler Blick, gestanzte Sätze, Selbstbewußtsein pur, keine Gefühle. Lothar Matthäus hat die Rolle des international herumgekommenen Profis mit der Lizenz zum Fußball-Lehrer auf den ersten Blick überzeugend gespielt. Wer genauer hinsah, spürte aber auch, daß sich der deutsche Rekordnationalspieler ziemlich anstrengen mußte, den prallen Stolz auf seinen bisher größten Erfolg im neuen Beruf glaubwürdig zu unterdrücken. Zu viel Freude daheim über einen Triumph im ungarischen Namen wäre ihm als Schadenfreude angerechnet worden und deshalb schlecht angekommen. Doch der Profi in Matthäus obsiegte wie schon zuvor. Daß die als drittklassig belächelten Ungarn den süßen deutschen Vorgeschmack auf die bevorstehende EM versalzten, war auch Matthäus‘ Werk. Hatte doch der 43 Jahre alte Franke tagelang so getan, als hätte ihm halb Ungarn die Gefolgschaft auf dem Weg zu den nachsaisonalen Begegnungen in China und Deutschland verweigert. Von 22 Absagen sprach Matthäus ungeprüft – und erreichte auch damit den gewünschten Effekt. Die deutsche Mannschaft, vor der Reise gen Südeuropa sowieso in einer gewissen Schonhaltung, wiegte sich in Sicherheit (…) Flugs veredelte der als Trainer schlitzohriger als gedacht agierende Matthäus den Erfolg ohne jeden geschichtsträchtigen Nachhall zum „Wunder von Kaiserslautern“. Er hätte auch, um sich der Feiertagssprache von damals zu bedienen, „wir sind wieder wer“ sagen können. Das nämlich meinte Matthäus, als er den Sieg in einem Test mit bedingter Aussagekraft zum Triumph der Auferstandenen verklärte: „Meine Mannschaft hat dem ungarischen Volk gezeigt, daß man wieder an den ungarischen Fußball glauben kann. Sie konnte die Niederlage von 1954 vergessen machen.“ Da hatte sich der deutsche Trainer wohl in der Etage verirrt, doch was tut man nicht alles, um en passant den eigenen Anteil an einem Coup sichtbar zu machen? Mit einer angeblichen Ersatzmannschaft – tatsächlich wirkten sechs Stammspieler mit – den WM-Zweiten ausgekontert zu haben, das war für den in Deutschland als Coach bis zum Sonntag noch übersehenen Matthäus eine Art Ritterschlag.“
Philipp Selldorf (SZ 8.6.), Theaterkritiker, ergänzt: „Lothar Matthäus blickte so ernst und seriös wie ein international renommierter Trainer ernst und seriös blicken muss, nachdem seine Elf ein bedeutendes Spiel gewonnen hat. Bloß das Vergnügen und die Genugtuung nicht anmerken lassen, hatte sich Matthäus für die Pressekonferenz nach dem Match vorgenommen, aber die Freude strahlte aus ihm wie aus einem undichten Reaktor. Wäre sie radioaktiv gewesen, wären alle Umstehenden sofort tot umgefallen. Matthäus war glücklich, sehr glücklich, und alle Ungarn sollten es auch sein.“
Jan Christian Müller (FR 8.6.) spekuliert um Deutschlands Aufstellung: “Vor dem tristen Auftritt gegen die frechen Ungarn hatten Völler und Bundestrainer Michael Skibbe sich bereits auf eine Startaufstellung gegen die Niederlande verständigt: Vor Kahn sollten Friedrich, Wörns, Nowotny und Lahm in einer modernen Viererkette verteidigen, im Mittelfeld sollten Hamann und Frings Ballack und Schneider den Rücken freihalten, vorn Kuranyi und Klose stürmen. Angesichts der ernüchternden Eindrücke der Schlappe von Kaiserslautern sagt Völler nun: „Nach einem Spiel wie diesem macht man sich seine Gedanken. Der eine oder andere muss mir schon noch etwas anbieten.“ Nowotny, der weit von seiner Bestform aus dem Triple-Vize 2002 entfernt ist, steht auf der Kippe. Frings, der angesichts der Ungewissheit um seine Zukunft ausgesprochen muffelig wirkt, muss zu Recht um seinen Stammplatz fürchten. Klose, den seine Knieverletzung kurz vor Saisonschluss weiter zurückgeworfen hat als erhofft, ist in dieser Form kein Kandidat für die erste Elf. Baumann, Schweinsteiger, Brdaric dürfen sich Chancen ausrechnen. Und die Holländer.“
Pressestimmen aus dem Ausland FR
Ralf Itzel (BLZ 8.6.) bestaunt Zinédine Zidane: “Zum Glück hat sich nun wieder der Richtige zum Hauptdarsteller des französischen Fußballs aufgeschwungen: Zidane war es, der den 1:0-Siegtreffer gegen die Ukraine erzielte. In den Tagen zuvor war einer in den Mittelpunkt gerückt, der gar nicht mitspielt: Trainer Jacques Santini hatte großen Wirbel erzeugt durch die Ankündigung, sein Amt nach der EM niederzulegen, um bei Tottenham Hotspur in London anzuheuern, im Land des ersten Turniergegners am kommenden Sonntag. Obwohl der Coach Frankreichs Auswahl nach der Blamage bei der WM 2002 wieder auf Kurs gebracht hat, wollte der Verband seinen Vertrag erst nach einer gelungenen EM verlängern. Das aber war dem 52-Jährigen zu riskant, denn für ein anderes Engagement wäre es dann wohl zu spät gewesen. Außerdem wird er in England das Vierfache verdienen. „Die Bombe Santini“, titelte die mächtige Sportzeitung L“Equipe, und im debattierfreudigen Frankreich wurde abgewogen, ob und wie der überraschende Schritt das Abschneiden in Portugal beeinflusst. Pessimisten unken, der Coach könne sich von der Saisonplanung für Tottenham ablenken lassen, Optimisten meinen, nach der getroffenen Wahl gehe er unbelastet ins Turnier. Kritiker befürchten, Santini verliere an Autorität bei den Spielern, Befürworter wie Arsène Wenger, Kollege bei Arsenal London, erwarten das Gegenteil: „Er wird stärker und freier in seinen Entscheidungen sein, jeglichem Druck standhalten können und keine Kompromisse eingehen müssen.“ Wer am Ende recht bekommen wird, hängt wie immer davon ab, ob die Mannschaft gewinnt oder verliert. (…) Zidane wirkt nach dem katastrophalen Saisonfinale mit Real Madrid im blauen Sporthemd Frankreichs wie ein Kind, das nach fiesen Schulaufgaben endlich zum Spielen darf.“
Die Franzosen haben keine Fussballkultur
Rod Ackermann (NZZ 8.6.) beschreibt die Vorbereitung der Franzosen: „In Frankreich nannte man ihn Le Président, und obwohl Laurent Blanc seine glanzvolle Karriere als aktiver Fussballer inzwischen beendete, hat sein Wort hierzulande weiterhin quasi präsidiales Gewicht. Umso nachdenklicher stimmt deshalb, was Blanc am Vorabend der Euro in Portugal einem ausländischen Reporter sagt: „Die Franzosen haben keine Fussballkultur. Die Spanier, die haben Fussballkultur. Die Portugiesen haben sie und die Engländer mit ihren vollen Stadien, den Fans in den Klub-Jerseys, der wirtschaftlichen Macht der Vereine. Aber die Franzosen? Nein. Frankreich hat seine Geschichte, seine Künste, seine Gastronomie. Wenn Brasilien aus einem Turnier ausscheidet, so ist es das Ende der Welt, doch wenn dasselbe den Franzosen passiert, so heisst es nur: Oh, wir sind draussen. Und da liegt unser grosses Problem.“ Zweckpessimismus – oder die elegante Vertuschung der Tatsache, dass angeblich mangelnde Kultur wettgemacht wird durch Köpfchen? Bezeichnend, dass Blanc in Clairefontaine spricht, dem nationalen Ausbildungszentrum der Fédération Française de Football (FFF), wo er einen Lehrgang als Trainer absolviert. Im Hintergrund erhebt sich das herrschaftliche Château de Montjoie, wo die Nationalmannschaft während ihrer Zusammenzüge Quartier bezieht. Auf dem 56 Hektaren grossen Gelände, das weitere Wohngebäude, ein Bürohaus, ein Restaurant, ein medizinisches Zentrum und mehrere Spielfelder (eines davon in einer Halle) umfasst, hat Blanc am eigenen Leibe erlebt, was der vielgerühmte „Geist von Clairefontaine“ ist: die bis in die Nähe der Perfektion weiterentwickelte Version des „Geistes von Spiez“, der vor einem halben Jahrhundert der Nationalmannschaft Deutschlands die Flügel zum Gewinn des ersten Weltmeistertitels verlieh. Inmitten der baumbestandenen Hügel der Yvelines, eine knappe Autostunde südwestlich von Paris, bietet das Nervenzentrum des französischen Fussballs, eröffnet 1988 auf Betreiben des zehn Jahre später verstorbenen FFF-Präsidenten Fernand Sastre, dessen Namen es trägt, jene erholsame Ruhe in ländlicher Abgeschiedenheit, ohne die eine ideale Vorbereitung auf grosse Aufgaben undenkbar wäre. Wer im Flecken Clairefontaine einfährt, einem Strassendorf mit nur zwei Bistros, findet allerdings kein Anzeichen dafür, wie laut hier das Fussballherz der Nation schlägt. Da muss man schon die von imposanten Rhododendronbüschen gesäumte Allee emporfahren, die vom Puppenhäuschen des Pförtners hinaufführt ins Allerheiligste. Im Untergeschoss des Glas-und-Stahl-Bürogebäudes des Centre Technique National Fernand-Sastre sind den Wänden entlang Bilder früherer Nationalteams ausgestellt: angefangen mit dem grossartigen Ensemble um Michel Platini, das 1984 Europameister wurde, und endend mit der Equipe, die sechzehn Jahre später den Euro- Titel zum zweiten Mal nach Frankreich entführte. Unübersehbar die Kontinuität der Entwicklung: Wer es auch immer mit Les Bleus zu tun bekommt, in Portugal und anderswo, tritt nicht allein gegen Zidane und Henry an, sondern zugleich gegen Blanc, Deschamps, Cantona, Papin, Giresse und gar Platini.“
Ballsichere Dynamik paart sich mit musikalischem Gefühl
Wolfram Eilenberger (Tsp 8.6.) ist Anhänger von Ruben Baraja: „Mit spanischen Fußballfreunden lässt sich über alles reden, nur nicht über die Nationalmannschaft. Erst nach langen Stunden am Tresen darf es der Fremde deshalb wagen, auf die Europameisterschaft zu sprechen zu kommen. Den Jüngeren erlischt das Feuer in den Augen, und die Alten nippen gelangweilt an ihrem Fino. Das Desinteresse könnte kaum deutlicher sein. Sollte sich überhaupt eine Kurzanalyse zur Lage der Nationalmannschaft herauskitzeln lassen, so lautet sie immer gleich: Gewiss, die nötigen Spieler zum Titelgewinn besitze man, woran es aber bislang noch immer gemangelt habe, sei die Siegermentalität. Im entscheidenden Moment fehle es an unbedingtem Durchsetzungswillen. „Und was ist mit einem Typ wie Ruben Baraja?“ Die Augenbrauen zucken. „Este tio si, tiene cojones!“ Der Mann besitze sie, die nötigen Eier (ja, so sagt das der Spanier) zum Sieg. Der 28-jährige Mittelfeldspieler vom FC Valencia bildet das Zentrum des spanischen Spiels. Normalerweise sagt man, dass so einer die Fäden zieht. Doch bei Barajas Neigung zum Kurzpass wäre es korrekter zu formulieren, er spinne das Spiel ein. In ständigem Passkontakt zu seinen Stürmern, die immer wieder auf ihn zukommen, den Ball prallen lassen, um sich in langem Sprint entscheidende Räume zu suchen, wägt Baraja im Zentrum seine Möglichkeiten. Selbst wenn kein öffnendes Anspiel möglich ist, weiß sich Baraja zu helfen. Mit grandios kurzen Unterschenkeln setzt er dann zu abrupten Richtungswechseln an und wagt den Durchstoß durch die enge Mitte. Ballsichere Dynamik paart sich mit einem musikalischen Gefühl für den Gewinn bringenden Rhythmus.“
Sonntag, 6. Juni 2004
Ballschrank
Umbruch nach dem Umbruch
FC Bayern, Umbruch nach dem Umbruch (FAS) – „Umeå, die Frauenstadt“ (taz) gewinnt Uefa-Cup – in Bielefeld leben Wirtschaft und Fußball in Harmonie und Homogenität (FAZ) – Rot-Weiß Essen und Dynamo Dresden kehren zurück in die Zweite Liga u.v.m. (mehr …)
Ballschrank
Griechischer Beckham und der Geist vom Schwarzwald
Geist vom Schwarzwald? Von wegen: 0:2 gegen Ungarn (NZZ) – Holland nicht in Stimmung – van Nistelrooy, „Endverbraucher des Balles“ (FAS) – Maris Verpakovskis, „Lettlands erster europäische Held“ (FAS) – „die biologische Uhr von Portugals Goldener Generation tickt“ (FAS) – Deutschland, „arm und ohne Konzept, Erfolg nicht völlig auszuschließen“ (The Sun) – Zweifel an Oliver Kahns Autorität und Integrität (FR) – Themistoklis Nikolaidis, der „griechische Beckham“ (Tsp) – FR-Interview mit Otto Rehhagel u.v.m. (mehr …)
Samstag, 5. Juni 2004
Ballschrank
EM-Vorbereitung
Lukas Podolski wäre nach Uwe Seeler und Olaf Thon der drittjüngste Nationalspieler in der Geschichte des DFB (BLZ) – Istanbul lockt Lothar Matthäus mit einer Millionen-Offerte (FAZ) – die EM soll Portugals Tourismus ankurbeln (Spiegel) u.v.m.
Das war doch das 3:2, mit dem Rahn, oder?
Michael Horeni (FAZ 5.6.) feiert Kindergeburtstag mit Podolski: „Am Wochenende gibt sich der deutsche Fußball staatstragend. Bundespräsident Johannes Rau wird zum Ende seiner Amtszeit dem 50. Feiertag des Wunders von Bern durch seine Aufwartung in Kaiserslautern noch mehr Gewicht verleihen, wenn zu diesem Anlaß Deutschland gegen Ungarn spielt. Wenige Stunden zuvor hat der Deutsche Fußball-Bund einen Festakt im Dom zu Speyer auf das Jubiläumsprogramm gesetzt. Fußball-Legende Rudi Völler wird am Sonntag zudem seinen 50. Einsatz als Teamchef hinter sich bringen, während Ungarn vom deutschen Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus trainiert wird. Das sogenannte Jubiläums-Länderspiel „50 Jahre WM-Finale Bern 1954″ wird also zum Tag der Berühmten und Mächtigen, und deswegen wurden am Freitag Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die beiden jüngsten Abkömmlinge des deutschen Fußballs, auf der Pressekonferenz im Windener Trainingslager gefragt, ob die Historie vielleicht auch auf sie beflügelnd wirken könnte. „Das war doch das 3:2, mit dem Rahn, oder?“ entgegnete der 19 Jahre alte Münchner Schweinsteiger erfrischend unverstellt. (…) Falls „Herr Völler“, wie Podolski den Teamchef bezeichnete, dem Kölner tatsächlich zum Debüt gegen Ungarn verhilft, würde dies auch eine kleine historische Marke im Jubiläumsspiel setzen. Podolski wäre nach Uwe Seeler und Olaf Thon der drittjüngste Nationalspieler in der über einhundert Jahre alten Geschichte des DFB; gemeinsam mit Karl-Heinz Schnellinger. Der war bei seiner Premiere genauso alt, wie Podolski am deutschen Fußball-Feiertag sein wird: 19 Jahre und zwei Tage. Bevor es also am Sonntag zum gediegenen Festakt mit wohlgesetzten Worten kommen wird, herrschte bei der aktuellen Nationalelf erst einmal unbekümmerte Stimmung wie auf einem Kindergeburtstag. Und das kann man fast wörtlich nehmen. Denn einen Tag nachdem der Teamchef aus den „U21″-Nationalspielern Podolski und Schweinsteiger EM-Teilnehmer gemacht hatte, feierte der Kölner in Winden seinen 19. Geburtstag. Auf der Bühne der Pressekonferenz bekam er, regional passend, eine Schwarzwälder Kirschtorte überreicht, und als er die Halle verließ, gab es von einem weiblichen Teenager-Fanchor dazu ein glockenhelles „Happy Birthday“.“
Mit dem FC Köln fahren wir leider nicht so weit
Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger haben es faustdick hinter den Ohren! Gregor Derichs (BLZ 5.6.): „Gut möglich, dass Podolski, der in 19 Bundesligaspielen zehn Tore erzielte, am Sonnabend in Kaiserslautern, im letzten EM-Testspiel gegen Ungarn, einen glücklichen Tag erlebt. Da DFB-Teamchef Rudi Völler im Sturm einige Probleme hat und Routinier Fredi Bobic über Schmerzen im Rücken klagt, könnte Podolski sein Debüt geben. Als drittjüngster Nationalspieler nach Uwe Seeler und Olaf Thon. „Vielleicht ist er als Geheimwaffe dabei – wenn es von Nöten wäre“, sagte Völler zum Abschluss des Trainingslagers im Schwarzwald. Völler hatte den aus der U 21-Auswahl nachnominierten Jungspund und dessen Münchner Kollegen Bastian Schweinsteiger Tags zuvor bei Kaffee und Kuchen begrüßt und ihnen ein paar Regeln erklärt: Respekt vor den Älteren, aber auch Selbstbewusstsein beim Training erbat er sich. Die beiden Neulinge zeigten bei ihrem ersten Medien-Auftritt, dass sie unbekümmerter sind als viele ihrer älteren Mitspieler. Podolski besitzt sogar das Format eines Entertainers. Er stehe vor seiner längsten Dienstreise als Fußballer, sagte der gebürtige Pole Podolski: „Mit dem FC Köln fahren wir leider nicht so weit.“ Völler schätzt diese Unbefangenheit. Denn Podolski ist auch grundsolide, eingebettet in seine Familie. Kollege Schweinsteiger ist beim FC Bayern dagegen schon durch Eskapaden aufgefallen. 15 000 Euro Strafe musste er wegen einer Disco-Nacht zwei Tage vor einem Spiel zahlen. Schlagzeilen machte sein heimlicher Besuch im Trainingscenter an der Säbener Straße, als er mit einer jungen Dame, die er als seine Cousine ausgab, den Whirlpool testen wollte.“
Lothar ist ein korrekter Mann
Lernt Lothar Matthäus bald Türkisch? Roland Zorn (FAZ 5.6.): „Während die Ungarn, wollen sie von ihren großen Zeiten reden, die fünfziger Jahre bemühen müssen, grämt Matthäus die Gegenwart. Der 43 Jahre alte Franke weiß, daß eine Reihe von Klubs nicht daran interessiert war, ihre besten Spieler nach Saisonschluß noch einmal zur Nationalmannschaft reisen zu lassen. „In Ungarn“, kritisierte Matthäus die Verhältnisse, „muß die Kooperation zwischen Vereinen und Verband verbessert werden. Das vermisse ich seit meinem Amtsantritt.“ Weil sich Matthäus dort oft genug alleingelassen fühlt und Besiktas Istanbul mit einer Offerte winkt, die ihm angeblich 1,5 Millionen Euro netto im Jahr einbringen soll, unterdrückt Matthäus das Thema Seitenwechsel zumindest nicht nachhaltig. In Bad Dürkheim wollte er darüber allerdings nicht öffentlich sprechen: „Hier geht es nur um das Länderspiel Deutschland gegen Ungarn.“ Kenner erwarten aber, daß Matthäus schwach wird, sollte Besiktas-Präsident Yildirim Demirören sein Angebot aufrechterhalten und nicht jemand anderen als erste Wahl entdecken. Solange es keinen offiziellen türkisch-ungarischen Dialog über einen deutschen Trainer gibt, sagt Ungarns Fußball-Verbandspräsident Imre Bozoky nur: „Lothar ist ein korrekter Mann. Er steht bei uns bis Ende 2005 unter Vertrag. Ich glaube, daß er bleibt.“ Wenn er doch gehen sollte, kostete das Besiktas eine Stange Geld, die der im Erdgasgeschäft groß gewordene Demirören vermutlich aufbringen könnte. Doch nach einem halben Jahr Ungarn wieder zu verlassen wäre für die weitere Trainerkarriere des Lothar Matthäus auch keine überragende Empfehlung. „Wenn er seine Mentalität auf die Spieler und die Klubs übertragen kann“, prophezeit Bozoky im Glauben an den vertragstreuen Matthäus, „haben wir eine große Chance, vorwärtszukommen.“ Zur Zeit sind die Ungarn international drittklassig. Ganz anders die Deutschen. Zumindest der Ehrenspielführer Lothar Matthäus hält immer noch große Stücke auf die inzwischen von seinem Weltmeisterkumpel Rudi Völler trainierte erste Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes, aus der er sich im Jahr 2000 bei der vergangenen Europameisterschaft nach seinem 150. Spiel ruhmlos verabschiedet hat: „Ich gehe davon aus, daß für die Deutschen bei der EM das Halbfinale drin ist. Und wer im Halbfinale steht, kann auch Europameister werden.“ Für Sonntag rechnet Matthäus lieber mit dem noch Unwahrscheinlicheren: „Das ist wie in der Formel 1 zwischen einem Ferrari und einem McLaren-Mercedes. Normalerweise gewinnt immer der Ferrari. Aber an einem guten Tag kann auch mal der Mercedes gegen den Ferrari gewinnen.““
I say, it’s finished
Frank Hellmann (FR 5.6.) heftet Lothar Matthäus einige Etiketten an: „„Kein Dutzend Zuschauer ist da. Selten hat sich Matthäus auf deutschem Boden so unbemerkt bewegt. In dieser Region von Rheinland-Pfalz, zwischen Mutterstadt und Schifferstadt, sind Gewichtheber wichtig, Fußballer zu vernachlässigende Leichtgewichte; da bildet das Training des deutschen Gegners keine Ausnahme. Matthäus ist vor dem morgigen Spiel ein bisschen bange. „Wir können nur lernen“, sagt er, „Deutschland gehört zu den Besten der Welt.“ Das Halbfinale sei drin, „dann kann man auch Europameister werden.“ Nach dem EM-Desaster vor vier Jahren endete seine Nationalmannschaftskarriere. Danach ist es Jahr für Jahr um den Egomanen ruhiger geworden die meiste Aufregung produzierte ein lächerlicher Streit mit dem FC Bayern um seinen Anteil aus dem Abschiedsspiel. Der Rekordnationalspieler und Raumausstatter, Vielredner und Frauenversteher, in kurzer Abfolge Teamchef in Wien und Belgrad, seit Jahresbeginn ungarischer Dienstleister, sucht noch nach seinem rechten Platz in dieser Fußball-Welt. Ungarn ist das eigentlich nicht. Warum, beschreibt deren Verbandspräsident Imre Bozoky: „Vor fünf Jahrzehnten haben wir der Welt gezeigt, wie Fußball geht. Heute brauchen wir Hilfe“. Deshalb haben sie Matthäus geholt, vertraglich gebunden bis 31. Dezember 2005. Doch einen wie ihn, den Ehrgeizling wie Sonderling, Erfolgs- und Machtmensch, dürstet es wieder nach mehr Popularität und Professionalität. Das alles könnte Besiktas Istanbul nebst 1,5 Millionen Euro Jahresgage bieten. Kontakt ist da, Interesse auch. Matthäus: „Dass ich mir das anhöre, gehört zum Tagesgeschäft.“ Argumente für einen vorzeitigen Ausstieg zählt er schon auf: „Die Kooperation zwischen Vereinen und Verbänden vermisse ich seit Amtsantritt.“ Zudem ist er zur Erkenntnis gelangt: „Als Vereinstrainer hast du mehr Einfluss auf die Spieler.“ Also ab nach Istanbul? Der drohende Abgang ihres deutschen Mentors besorgt die Magyaren. „Wenn er geht“, sagt Janos Hrutka, einst Profi in der Pfalz, „dann bricht im ungarischen Fußball wieder alles zusammen.“ Hätte es Felix Magath bei Eintracht Frankfurt nicht gegeben, „würde ich immer noch in der Bundesliga spielen.“ Heute nennt er sich Manager des Nationalteams, aber wenn Matthäus ruft, schießt Hrutka die Bälle persönlich auf die andere Spielfeldseite. Als nach Trainingsende der begabte Jungstar Zoltan Gera noch aufs Tor bolzen will, verfügt Matthäus streng: „I say, it’s finished.“ Gera gehorcht. Der Bus wirft den Motor an, Matthäus hetzt die Meute hinein. Einig sind sich alle: Der Mann hat nicht nur Sponsoren und Medien herangeschafft, sondern auch Struktur und Disziplin in den Dunstkreis der nationalen Auswahl gebracht.““
Georg Bucher (NZZ 5.6.) über Portugals Fußball-Idole: „„Ein zehntägiges EM-Vorbereitungslager in Praia d‘El Rey, wo bald die Schweizer Fussball-Delegation Quartier bezieht, scheint Wunder gewirkt zu haben. Wie Könige zogen die portugiesischen Internationalen von 3000 Fans bejubelt unter einem Himmel rotgrüner Luftballons und den Klängen der Nationalhymne in Obidos ein. In sieben Kutschen wurden die Hoffnungsträger der Nation zum Empfang vor das Pranger-Haus der alten Königsstadt gefahren. Das beste Gefährt war den Führungsspielern Figo und Rui Costa sowie dem nach einem Dopingvorfall amnestierten Verteidiger Rui Jorge vorbehalten. Nach den Tischreden zu urteilen, hat sich ein Teamgeist gebildet, den Scolari während eineinhalb Jahren vergeblich zu beschwören versuchte. Nicht mehr auf Distanz bedacht und misstrauisch gibt sich der Brasilianer, seinem Spitznamen «Sargent» Ehre machend, sondern entspannt. Die Bevölkerung liess er am Training teilhaben und sich sogar zu einem Tänzchen hinreissen. Daraus zieht das «Jornal de Noticias» den Schluss, Obidos habe Scolari menschlicher gemacht.““
In den vergangenen Jahren gab es nichts als Rückschläge und Stillstand
„Eine Milliarde Euro wurde für die EM verbaut. Sie soll vor allem dem darbenden Norden einen Tourismusboom bescheren“, schreibt Helene Zuber (Spiegel 29.5.): „Der Fußball soll dafür sorgen, dass man über das sonst weithin unbeachtete Land am äußersten Südwestzipfel Europas spricht – natürlich Gutes. Dazu sind nicht nur für etwa 600 Millionen Euro sieben neue Stadien gebaut, einige so spektakulär wie das Estádio do Dragão, und drei Austragungsstätten renoviert worden. Die Verantwortlichen haben weitere 424 Millionen Euro in bessere Zufahrten, öffentliche Verkehrsmittel sowie die Erweiterung von Bahnhöfen, Flughäfen und Krankenhäusern gesteckt. Landesweit wurden an die 9000 Hotelbetten mehr geschaffen. Verstärkt wird damit der Trend, der den Fremdenverkehr schon zum entscheidenden Wirtschaftszweig Portugals hat anwachsen lassen – bis zum Jahre 2020, so die Prognose, werden die 92 000 Quadratkilometer zwischen Atlantik und Spanien auf dem weltweiten Urlaubermarkt von Platz 16 auf Platz 10 klettern. Ein süßer Traum, dem sich die fußballbegeisterten Lusitanier da verschrieben haben. Denn in den vergangenen Jahren gab es nichts als Rückschläge und Stillstand. Die verschwenderisch mit den Staatsgeldern wuchernde sozialistische Regierung steuerte das Land 2001 über die EU-Defizitgrenze. Die bis zur Nelkenrevolution vor 30 Jahren in einer rückständigen Diktatur gefangen gehaltene Bevölkerung hatte sich vor der Währungsunion und bei niedrigen Zinsen wie nie zuvor das Leben auf Pump angewöhnt. Das hohe Wirtschaftswachstum der neunziger Jahre war vor allem von Konsum und ausufernder staatlicher wie privater Bautätigkeit getragen. Als Regierungschef José Manuel Durão Barroso bei Amtsantritt vor zwei Jahren die Sanktionsdrohungen aus Brüssel mit harscher Sparpolitik beantwortete, kauften seine Bürger wie auf Kommando nur noch das Nötigste. Die Rezession war da. Ohnehin neigen die Portugiesen zum Schwarzsehen. Eine Europa-Studie enthüllte, dass sich nur 13 Prozent in ihrer Lebenssituation sehr wohl fühlen, in den restlichen 19 erforschten Ländern tun dies mehr als doppelt so viele. Und nur ein Zehntel der Befragten glaubt an neuen Aufschwung. Zusätzlich zur flauen wirtschaftlichen Situation, in der die Arbeitslosenquote in den letzten zwei Jahren von 4,4 auf 6,9 Prozent anstieg, kamen die verheerenden Waldbrände im vergangenen Sommer. Die Portugiesen, die heute Fußballer so gläubig verehren wie zu Zeiten der Diktatur die Heiligen in den zahllosen Kirchen und Wallfahrtsorten, setzen nun all ihre Heilserwartungen für die Zukunft in die Magnetwirkung der Europameisterschaft. Nicht ganz ohne Grund, denn das letzte Großereignis im Land, die Expo 98, für die Lissabon in einen neuen Stadtteil am Wasser mit Renommierbauten prominenter Architekten investiert hatte, zahlte sich aus. „Tourismus wird unsere Hauptindustrie im 21. Jahrhundert sein“, erklärt Arlindo Cunha, frisch ernannter Umweltminister, der bis vor kurzem in Porto Strategien zur Entwicklung der Nord-Region erdachte. Engländer, Deutsche und Spanier, die stärksten Kunden, würden zwar Lissabon und die Algarve kennen, doch nun sei es an der Zeit,
das Image vergessener Gegenden im Norden zu korrigieren. (…) Vier Stadien mit einer Kapazität von zusammen 142 000 Plätzen sind in der Problemregion hergerichtet worden, drei davon ganz neu gebaut: in Porto neben dem Estádio do Dragão noch das Bessa-Stadion von Boavista und im kirchenreichen Braga eine spektakuläre Arena in einem Steinbruch. Die Marke Portugal, sagt der regionale Tourismusmanager Henrique Moura, habe mit Hilfe des Fußballs jetzt die einmalige Gelegenheit, sich in den globalen Markt zu schieben. Da dürfe man keine Pfennigfuchserei betreiben.“
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Freitag, 4. Juni 2004
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