indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Mittwoch, 9. November 2005

Deutsche Elf

Gehemmt

Wer hätte das vor ein paar Monaten gedacht? Lukas Podolski ist das Sorgenkind Fußball-Deutschlands, er trifft kein Tor mehr, er wirkt gehemmt. Wie konnte das passieren?, fragen die Beobachter. Erwarten alle zu viel von ihm? Hält man ihn für den Messias? Stellt man ihm zu viele Fragen? Der Spiegel hat vor drei Wochen festgestellt: „Wegbegleiter sind skeptisch, ob Podolski allen Sehnsüchten standhält“ und vor einem ähnlichen Werdegang wie Sebastian Deisler gewarnt. Auch Andreas Lesch (BLZ) erlebt dieses Déjà-vu und zweifelt, ob die Heimat Köln noch der richtige Ort ist: „Oft ist die Frage diskutiert worden, welcher Weg für die Entwicklung eines jungen Fußballers besser ist: der Verbleib bei einem kleinen Klub, in dem er seinen Stammplatz sicher weiß – oder der Wechsel zu einem Großverein, in dem er sich täglich neu bewähren muss. Das Beispiel Podolski lässt ahnen, dass diese Diskussion neu geführt werden muss. Es zeigt, dass talentierte Jungprofis auch in ihrer Heimat in die Enge gedrängt werden können; dass sie sich dort weniger auf dem Platz behaupten müssen, dafür umso mehr außerhalb – weil ihr Privatleben kaum noch existiert. Bastian Schweinsteiger, der mit Podolski vor Monaten das hymnisch gefeierte Duo Schweini & Poldi gab, erlebt das Gegenteil: Er hat beim FC Bayern seine Ruhe, denn er hat prominente Mitspieler, die das öffentliche Interesse auf sich ziehen. Schweinsteiger macht Fehler, aber er darf sie machen. Bei Podolski dagegen leidet die sportliche Leistung darunter, dass er kaum noch durchatmen kann. (…) Es hat schon einmal eine junge deutsche Hoffnung gegeben, die umschwärmt und vergöttert wurde und die das alles nicht verkraftet hat: Sebastian Deisler.“

Zum ersten mal lesen wir heute über die Unzufriedenheit der Kölner Fans, die Podolski bisher alles verziehen haben. Gute Leistungen hat er zuletzt, wenn überhaupt, im Nationalteam gebracht, zuletzt vor zwei Monaten. Wird Jürgen Klinsmann auf Podolski Einfluss nehmen können? Christoph Biermann (SZ) hofft darauf: „Weil die schwachen Leistungen bei Podolski chronisch zu werden drohen, besteht wachsende Notwendigkeit, auf den auch erst 20-Jährigen einzuwirken. Uwe Rapolder könnte es Klinsmann danken, vielleicht dringt der Bundestrainer bei Podolski auf eine Weise durch, wie das in Köln zur Zeit niemanden zu gelingen scheint. Hohe Zeit wäre es dafür, denn langsam kippt auch bei den Anhängern des 1. FC Köln die Stimmung.“ Jürgen Klinsmann sagt der Sport Bild: „Joachim Löw und ich haben Podolski Hilfe angeboten. Mann muß auf seine Entwicklung einwirken. Ich weiß nicht, wie ich als 20jähriger reagiert hätte auf das, was derzeit auf ihn stürzt. Es ist für die jungen Spieler schwierig in der heutigen Zeit, weil in ihrem Umfeld viel schöngeredet wird. Von einem Spielerberater angefangen bis hin zum Freundeskreis.“

Welt-Interview mit Jürgen Klinsmann

Dienstag, 8. November 2005

Internationaler Fußball

Der letzte Prankenschlag eines bereits tödlich verwundeten Bären

Manchester besiegt Chelsea 1:0 – Christian Eichler (FAZ) befasst sich mit den Verlierern: „Binnen zwei Wochen hat Chelsea mehr als nur drei Spiele verloren: auch den Schein der Unantastbarkeit. Jose Mourinho befeuerte in den letzten Wochen ein Wortduell mit dem Rivalen Arsene Wenger, den er als ‚Voyeur’ schmähte – Zeichen dafür, daß er eine Schwäche seiner Mannschaft kommen sah. In solchen Fällen zettelt er gern ein Medienspektakel an, das die Aufmerksamkeit vom Team auf ihn lenkt. (…) So wenig wie der Anfang einer Chelsea-Krise war es das Ende der United-Krise.“ Raphael Honigstein (FTD) bedauert, dass dieses Ergebnis wohl die Ausnahme bleiben wird: „Es wäre verlockend, den Sieg gegen den zuvor 40-mal in Folge ungeschlagenen Meister als Wiedergeburt von ManU zu bezeichnen, nüchtern betrachtet erscheint er eher als der letzte Prankenschlag eines bereits tödlich verwundeten Bären. United überfiel die Gäste in der ersten Hälfte mit einer urenglischen Mischung aus wahnwitziger Geschwindigkeit und Härte; in Old Trafford wurde das Kombinationsspiel der Londoner plattgemacht. Nach dem Seitenwechsel zollte man dem Tempo Tribut und konnte den Vorsprung gegen die kraftvoll anstürmenden Gäste nur noch mühevoll über die Zeit retten. Die Dramaturgie dieses Überraschungserfolgs zeigte die wahren Kräfteverhältnisse. United war Chelsea nur auf Augenhöhe begegnet, weil ihnen gelungen war, den Gegner unter extrem hohen Aufwand kurzzeitig auf das eigene Niveau herunterzuziehen; selbst eine Spitzenmannschaft verliert dann schon einmal gegen Schwächere.“

Keim des Tragischen

Der FC Barcelona erfüllt die Sehnsucht der Fußballromantiker, auch die Paul Ingendaays (FAZ): „Streckenweise erinnert die Fußballästhetik an das legendäre ‚Dream-Team’ unter Johan Cruyff. Die Fans wissen, daß solche fußballerische Größe immer den Keim des Tragischen in sich trägt und, wer weiß, schon demnächst an irgendeinem italienischen Abwehrbollwerk zerschellen kann. (…) Zu den bemerkenswerten Leistungen von Trainer Frank Rijkaard gehört es, die geballte Sammlung von Talent und Kreativität so geschickt auf das Projekt Barcelona eingeschworen zu haben, daß die Stars auch die Rotationen bei der Mannschaftsaufstellung akzeptieren. So weht nicht nur ein offenbar beflügelnder Konkurrenzgeist durch die Reihen, der niemandes Ego beschädigt; das Team hat auch Aussichten, frischer als andere die Zielgerade zu erreichen.“ Ralf Itzel (FR) geht der Frage nach, warum der ehemalige Weltstar Bernd Schuster nur bei kleinen Klubs Trainer sein darf, wie jetzt in Getafe: „Dies ist die sechste Station in acht Jahren. Er hatte das Pech, oft auf ziemlich verrückte Präsidenten zu treffen, und da ein Diplomat nicht an ihm verloren gegangen ist, war der Ärger unausweichlich. Auch in Spanien wird der Trainer Schuster etwas misstrauisch beäugt. Dass er einer der brillantesten Spielmacher war, steht außer Zweifel. In Barcelona schwärmen sie von seinen Kombinationen mit Maradona, bei Real nennen sie ihn in einem Atemzug mit Michael Laudrup oder Zidane, bei Atletico Madrid trauern sie ihm nach, weil es seither keinen mehr wie ihn gegeben habe. Aber man erinnert sich an den Europameister von 1980 auch als ‚tipo raro’, als seltsamen Typen, der von Frau Gabi ferngesteuert schien. In Deutschland gilt Schuster als launischer Eigenbrötler, seit er mit 23 Jahren aus der Nationalelf zurücktrat. Dieser Ruf klebt an ihm, vielleicht hat es auch deshalb im Sommer nicht geklappt, als der VfL Wolfsburg interessiert war.“

NZZ: Osasuna mit baskischen Kardinaltugenden

NZZ: Italien ruft den Goalie-Notstand aus

NZZ: Der RKC Waalwijk verblüfft ganz Holland

taz: Die brasilianische Liga steckt in der Krise: Die Zuschauer bleiben aus, die Stars wandern ab, die Stadien sind marode. Nur ein Klub reüssiert: Corinthians São Paulo, vermutlich ein weiteres Spielzeug Roman Abramowitschs

Bundesliga

Am Gängelband

Beim Spiel zwischen Nürnberg und Stuttgart treffen zwei Deprimierte in unterschiedlichen Stadien aufeinander. Nürnberg sucht und sucht einen Trainer, Stuttgart weiß nicht, ob es sich über den 1:0-Sieg freuen soll. Einbilden kann es sich nichts darauf, denn das eigene Spielniveau und das des Gegners sind mangelhaft und ungenügend. Die Stuttgarter Zeitung erschrickt: „Zwei Mannschaften spielten nicht mit dem Ball, sondern gegen den Ball.“ Zudem fällt auf, dass die Stuttgarter Vereinsführung nicht mehr den Optimismus Giovanni Trapattonis nach ähnlichen „Triumphen“ in der Frühphase der Saison teilt. „Erwin Staudt tut sich schwer, bei Trapattoni eindeutig mit dem Daumen nach oben zu zeigen.“ (StZ). Oliver Trust (FAZ) rechnet weiterhin mit dem baldigen Trennung: „Die Ungewißheit um die Zukunft von Trapattoni wird weitergehen. (…) Der 66 Jahre alte Trapattoni fühlt sich immer stärker am Gängelband geführt, und die VfB-Führung spürt, daß sie diesen eigensinnigen Trainer kaum wird einfangen können. So hilft man sich mit gegenseitigen Drohgebärden über die Runden, um irgendwann einen Abgang ohne größere Schäden zu konstruieren. Ein schwacher Trost, daß der Gegner aus Nürnberg in diesen Tagen noch schlechter dran ist.“

Depp

Peter Neururer spricht seine Ablehnung auf Nürnbergs Mailbox – typisch „Club“, findet Volker Kreisl (SZ): „Es war vielleicht auch ein Glück, dass jene Nachricht, die den Club abermals republikweit zum ‚Deppen’ machte, noch gar nicht an die Ohren der Fans gedrungen war: Neururer, der nächste Hoffnungsträger, hatte abgesagt, auf eine Weise, wie es eigentlich nur dem Club passieren kann. Der Verein, der es 1999 fertig gebracht hatte, kurz vor dem Abstieg Dauerkarten für die nächste Erstligasaison zu verschicken, erhielt nun als vermutlich erster Bundesliga-Verein eine Trainerabsage per Mailbox. Später entschuldigte sich Neururer für die ‚Stillosigkeit’ dieses Reflexes, die Wirkung für die Nürnberger Fans dürfte niederschmetternd bleiben. Sie hatten sich mit ihrem Votum gegen den abgehobenen Matthäus ja indirekt auch für einen Arbeitertyp à la Neururer ausgesprochen, und nun kommt der nicht, weil die Mannschaft offenbar nichts drauf hat.“ Wolfgang Hettfleisch (FR) kommentiert Neururers Absage mit Blick auf den geschlossenen Kreis Bundesligatrainer: „Die Verhandlungsposition beschäftigungsloser, aber als bundesligatauglich erachteter Trainer ist stark. Der ökonomische Druck fördert die Hire-and-Fire-Mentalität der Klubs, erschwert kontinuierliche Arbeit nach Bremer Vorbild und macht es so Newcomern schwer, in den exklusiven Zirkel vorzustoßen. Jene, denen das zuletzt gelang, profitierten vom Aufstieg (Klopp), wussten eine mutige Vereinsführung hinter sich (Doll) oder übernahmen ein Himmelfahrtskommando (Henke). Das eingefahrene System sorgt derweil dafür, dass überall dort, wo der Trainerstuhl wackelt, wieder die üblichen Verdächtigen ins Spiel kommen. Das müssen beileibe nicht die am besten geeigneten Kandidaten sein.“

Das Konzept heißt Poldi

Peter Unfried (SpOn) erläutert Uwe Rapolder seinen schweren Kölner Weg: „In Köln findet man, dass man Systemfußball gerne spielen kann. In Bielefeld. Oder Bitterfeld. Wer aber ein nationales Jahrzehnttalent wie Podolski hat, Kölns größten Sohn seit Willy Millowitsch, der soll aufhören mit dem Quatsch, den Helden in die Spitze oder sonst zu etwas zu zwingen. Nein: Er soll ihm Witze erzählen, ihm bei Bedarf den Rücken massieren und ihn machen lassen. Tenor: Das Konzept heißt Poldi. (…) Da kommt so einer aus Bielefeld und will ihnen erklären, wie Fußball geht, wo man den doch in Köln erfunden hat. (…) Das wahre Dilemma entstünde ja erst, wenn Rapolder Erfolg hätte. Dann nämlich wäre der Held der wichtigsten Stadt des Universums ein Teilchen in der Versuchsanordnung eines schwäbischen Philosophen oder Egozentrikers. Das wäre der ultimative Triumph des Trainers. Und das Ende von Köln.“

NZZ: Tranquillo Barnetta in Leverkusen ohne Selbstzweifel

Deutsche Elf

Es wäre sicher besser, wenn die WM zwei Jahre später käme

Gerhard Mayer-Vorfelder verweist in einem StZ-Interview auf eine Lücke im Ausbildungssystem, die der DFB erst vor fünf Jahren geschlossen habe, und die Lücke, die diese Verzögerung in der Generationenkette des deutschen Fußballs verursacht habe. Daher warnt er vor zu hoher Erwartung bei der WM: „Das Grundproblem der Nationalmannschaft ist, dass wir bei einer Generation in der zweiten Hälfte der 90er Jahre versäumt haben, die Zeichen der Zeit zu erkennen und ein Talentförderprogramm aufzubauen. Das hat man erst nach der EM in Holland und Belgien gemacht. Dass Erfolge zu sehen sind, sieht man bei der U-20- und U-21-Nationalmannschaft. Man hat den Anschluss an die Spitze im Jugendfußball wiederhergestellt. Bei der Nationalmannschaft haben wir jetzt den totalen Umbruch. Jungen Spielern muss man in ihrer Entwicklung eben Fehler zugestehen. Bei einer WM ist das natürlich gefährlich. Man kann durch kein Training der Welt fehlende Erfahrung von sechs Jahren in sechs Monaten ausgleichen. Es wäre sicher besser, wenn die WM zwei Jahre später käme. (…) Generell ist das, was die Bundesliga-Manager in den Medien gesagt haben, nicht hilfreich gewesen. Vor allem wurden Dinge hochgespielt, von denen die Manager wissen, dass sie nicht entscheidend sind. Stichwort Fitnesstests. Wir haben jetzt zumindest das Ergebnis, dass wir einer Meinung sind, die Dinge nicht öffentlich zu kritisieren. Denn das war das eigentlich Schädliche. Wenn die ganze Diskussion etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass eine Diskussion über Inhalte folgt. (…) Ich kannte Klinsmanns viele positiven Charaktereigenschaften. Ihm ist ja der Spitzenspieler, der er war, nicht in die Wiege gelegt worden. Er musste sich das hart erarbeiten, auch durch viele Sonderschichten. Er hat sich gequält. Als ich dann gemerkt habe, wie sehr er sich für die Sache engagiert, wusste ich, dass ich viel erwarten konnte. Ich bin dann aber immer noch positiv überrascht worden. Ich bin überzeugt von ihm – das ist nicht nur die Milde des Alters.“

Was zuletzt abgelaufen ist, war keine Unterstützung

Klaus Allofs (WamS) räumt Fehler der Bundesliga-Manager bei ihren lauten Vorwürfen gegen Jürgen Klinsmann ein: „Wir müssen uns zum Wohle der Nationalmannschaft disziplinieren. Es geht grundsätzlich nicht an, daß 18 Klubs ihre Vorstellungen rausposaunen, alles öffentlich diskutieren und in Frage stellen. Natürlich kann man über die Torwart-Rotation diskutieren. Aber dann am Tisch des Arbeitskreises. Wenn überdies der Mehrzahl der Verantwortlichen im Arbeitskreis über längere Zeit etwas negativ auffällt, dann werden wir das mit Klinsmann sicherlich besprechen. (…) Was zuletzt abgelaufen ist, war keine Unterstützung für Klinsmann.“

Montag, 7. November 2005

Bundesliga

Unwürdig

So sehen keine Verlierer aus – Gerd Schneider (FAZ) preist die Ruhe Thomas Schaafs, führt sie auf die Ruhe Werder Bremens zurück und empfiehlt sie allen zur Nachahmung: „Schaaf strahlt etwas aus, das untypisch ist für die atemlose Fußballbranche: die unerschütterliche Gelassenheit dessen, der unabhängig ist vom Tagesergebnis. In Bremen haben sie sich selbst in schlechten Zeiten nicht beirren lassen. Inzwischen wissen auch die größten Ignoranten, daß es die Erfolgsgeschichte von Werder ohne diese Kontinuität nicht gäbe. Um so erstaunlicher, daß das Bremer Modell nicht Schule macht. Statt dessen jeden Samstag der immer gleiche, unwürdige, eintönige Tanz um die Frage: Wer fliegt als nächster?“

Imageballast

Lothar Matthäus hat seinen Kredit bei den meisten Journalisten schon lange verspielt, ihren Spott packen sie in die Kommentare über das Scheitern der Verhandlung mit Nürnberg. Matthäus drängt auf den Arbeitsmarkt, Bernd Müllender (taz) gibt allen unsicheren Trainern Entwarnung: „Schleudersitzler Michael Henke bleibt, er glaubt: ‚Es gibt überhaupt keine Unruhe.’ Klingt gelogen, aber Henke weiß um seinen größten Verbündeten: Nach seiner Entlassung wäre Lodda im Gespräch. Und die Pfalz würde kochen. In Stuttgart steht Giovanni Trapattoni auf der Kippe. Die gequälten VfB-Fans wissen, im Fall der Fälle könnte das Loddale kommen. Die Nürnberger Matthäus-Absage hat also eine grundsätzlich balsamierende Bedeutung. Überall droht Lodda als Ersatz. Matthäus in einer neuen Rolle: als Stabilisator und Arbeitsplatzgarant für andere. (…) Uns bleibt bisweilen nur Lodda Englishman’s Website. ‚Dear visitor’, schreibt da der polyglotte Franke wörtlich, ‚on Monday, the 05.01.2004, was it so far.’ An dem Tag was he to Ungarn come. Our Withgefühl gilt dem tapferen ungarischen Volk, das schon 1954 durch Rahn und Co deutschenseitig so gedemütigt wurde.“ Der Wille, Matthäus zu verhindern, spornt die Protestphantasie der Fans an. Oskar Beck (Welt) blickt voraus: „Wir können uns auf weitere Protestaktionen von Fans einstellen, die unter Absingen satanischer Verse auf die Barrikaden steigen und mit Wurfgeschossen aller Art drohen, bis hin zum Hungerstreik.“

Was macht Matthäus falsch? Uwe Marx (FAS) verweist auf seine Streitsucht: „Was der frühere Weltsportler des Jahres an Imageballast mit sich herumschleppt, hat er sich nicht auf einmal, sondern über all die Jahre aufgeladen. Einer wie er bringt Glanz, aber auch Unruhe. Bei Rapid Wien schied er mit großem Getöse nach wenigen Monaten wieder aus. Danach wollte er auf Wiedereinstellung und der Verein wegen Rufschädigung klagen. Der Torhüter der Wiener sagte nach der Trennung, er habe noch nie einen lächerlicheren Trainer erlebt. Matthäus war damals noch mehr Spieler als Trainer – und als Spieler konnte er eigentümlich unseriös sein. Wenn die hohen Herren des Vereins debattierten, saß Matthäus schon mal daneben und spielte entrückt mit seinem Handy. Auch die Ungarn mußten immer wieder hören oder lesen, daß Matthäus eigentlich zu Höherem, auf jedem Fall aber zu etwas anderem berufen sei. (…) Seine Konfliktfreude hat der redselige Franke hinübergerettet in die neue Karriere.“ Volker Kreisl (SZ) lenkt den Blick auf Matthäus’ Eitelkeit: „Die meisten seiner bisherigen Engagements endeten in irgendwelchen Querelen, mit Partizan Belgrad stritt Matthäus im nachhinein um den Lohn für eine Spielervermittlung. Sein intensives Auftreten in der Öffentlichkeit, seine vielen Flirts mit potenziellen Arbeitgebern, dazu sein clownesker Nebenjob als TV-Trainer einer Laienschar strapazieren seine Glaubwürdigkeit. Matthäus sagt, er wolle unbedingt in die Bundesliga, daran wird er festhalten, und deshalb kann er es sich öffentlich nicht leisten, ausgerechnet vom Tabellenachtzehnten einen Korb bekommen zu haben. Es war jedenfalls ein Korb von den Nürnberger Fans.“

Bayern München – Werder Bremen 3:1

Spielfreude

Große Begeisterung: „spektakulärer Fussball“ (NZZ), „furiose Unterhaltung – das vermutlich erste Spitzenspiel seit Erfindung des Flutlichts, das dieses Gütesiegel auch nach dem Abpfiff noch verdient“ (SZ). Eine Ode an ein dionysisches Fußballspiel von Andreas Lesch (BLZ): „Ein Duell, wie es sich der Erste und der Zweite des deutschen Fußballs in den ersten 45 Minuten lieferten, hat die Bundesliga lange nicht gesehen. Sie rannten wie im Rausch, sie vergaßen jede Vorsicht. Sie taktierten nicht, sie gingen mit bedingungsloser Spielfreude aufeinander los. Sie produzierten Chance um Chance, sie machten Fehler, sie verzagten nicht, sie machten einfach weiter. Sie zeigten zwei nachahmenswert attraktive Wege auf, wie moderne Teams zum Torerfolg kommen können: mit Hauruck-Angriffen wie die Bayern oder mit Zackzack-Kombinationen wie die Bremer.“ Andreas Burkert (SZ) schöpft Hoffnung: „Sind die Deutschen und ihre Bundesliga gar nicht so schlecht, wie dies überall erzählt wird? Nun, von heimischem Personal (mit-)geprägte Ereignisse wie das Kräftemessen der Bayern mit Werder lassen die Hoffnung zu, dass sich zumindest die Elite wieder dem kontinentalen Höchstniveau nähert. (…) Es tut sich etwas in der Liga des WM-Gastgebers, in der sich der FC Bayern in den vergangenen Jahrzehnten zumeist nur eines einzigen Widersachers zu erwehren hatten. Ihre Sonderstellung haben die Münchner zwar wieder einmal behauptet – sie sind diesmal jedoch nicht die einzigen Gewinner gewesen.“

Ungeheuerlich gut

Warum bezeichnet man FAZ, SZ, Spiegel etc. als Qualitätspresse? Eine schwierige Frage, eine alte Frage in der Branche. Eine (seltene) Antwort: Sie wissen vieles über Fußball und erkennen die Wahrheit auf dem Platz – im Gegensatz zum kicker oder zu Premiere. Die zwei „Fachmedien“ haben nämlich allen Ernstes Claudio Pizarro zum Spieler des Tages gekürt. Natürlich, Pizarro hat gut gespielt, hat ein Tor geschossen und steht im Siegerteam. Doch die große, ungeheuerlich gute Leistung des Verlierers Miroslav Klose, die Fußball-Deutschland Zuversicht fürs nächste Jahr schenkt, kann nur jemand übersehen, dessen Urteil vom Spielergebnis oder sonst wovon abhängt. Der Stürmervergleich Elisabeth Schlammerls (FAZ) zeugt davon, dass sie beim Spiel die Augen offen hat: „Es dreht sich wieder einmal fast alles um Roy Makaay, obwohl er von allen Stürmern auf dem Platz während des Spiels am wenigsten aufgefallen war. Mannschaftskollege Pizarro hätte Makaay klar in den Schatten gestellt, wäre dem Holländer nicht dieser Treffer gelungen. (…) Der beste Angreifer spielte allerdings im grün-orangefarbenen Trikot. Klose begeisterte sogar den Gegner, der sich angesichts des Sieges natürlich gerne generös zeigte. ‚Weltklasse’ fand Oliver Kahn.“ Philipp Selldorf (SZ) schnalzt mit der Zunge: „Die Reichweite einer Grätsche Lúcios entspricht ungefähr dem Wendekreis eines Kleintransporters, eigentlich kann ihr kein menschliches Stürmerwesen entrinnen. Gelingt es trotzdem einem Angreifer, sich einmal vorbeizuschummeln, muss er mit sofortiger Vergeltung rechnen, denn Lúcio ist üblicherweise in Lichtgeschwindigkeit wieder auf den Beinen, um den Ausreißer einzufangen. Deswegen war es für Jürgen Klinsmann ein erfreulicher Anblick, als Klose eine weite Flanke am linken Flügel an sich zog wie ein Staubsauger und mühelos am grätschenden Lúcio vorbeimarschierte als ob er auf dem Sonntagsspaziergang Frau und Kind an der Hand führen würde. (…) Spitzentreffen wie jenes werden üblicherweise von den Abwehrreihen und den Defensivstrategen im Mittelfeld dominiert. Diesmal beherrschten die Angriffselemente beider Parteien die Partie.“

Michael Ashelm (FAZ) interpretiert Lob und Abgrenzung der Bayern: „Im Erfolgsfall geben sich die Bayern gerne als generöse Trostspender. Schwer festzustellen, ob dann die Anerkennung für den unterlegenen Gegner wirklich ernst gemeint ist oder es sich einfach nur um eine Art von perfider Überheblichkeit handelt. (…) Wie (fast) nicht anders zu erwarten, schimmerte für einen kurzen Moment die alte Mentalität durch, den heimischen Markt und damit auch den Herausforderer Bremen selbstbewußt als Pflichtprogramm zu nehmen und die eigentliche Kür in europäischen Sphären zu suchen. ‚Die Champions League ist unser Ziel’, sagte Uli Hoeneß, ‚nicht die Liga. Die ist auch ganz okay.’ Bezogen auf die zurückliegenden Vergleiche, fügte er an: ‚Das Juventus-Spiel war besser als Bremen. Juve ist europäische Spitze und Bremen deutsche Spitze.’ So sieht die Welt aus für den FC Bayern, dessen Stimmungslage schnell wechseln kann zwischen Freundlichkeit und Abkanzelung. Bei den Bremern nimmt man diese gewohnte Art der Auseinandersetzung der Fußball-Bajuwaren gelassen hin.“ Was fehlt den Bremern? Nicht viel, behauptet die Welt: „Es ist nicht mehr allzu viel, was die Bremer von den Bayern trennt. Sie spielen attraktiv, sind erfolgsorientiert, nur eben noch nicht so abgeklärt“.

Bildstrecke, sueddeutsche.de

Eintracht Frankfurt – Arminia Bielfeld 3:0

Geduld

Die Frankfurter Reporter halten ihren Saisonabschnittsliebling Alexander Meier mit Gewalt fest und streifen ihm das Nationaltrikot über; Detlef Esslinger (SZ) warnt vor den Schmeichlern und lobt das Maßhalten der Vereinsführung: „Eintracht Frankfurt ist ein Klub, der inzwischen von zwei besonnenen Männern geführt wird, von Friedhelm Funkel und Heribert Bruchhagen. Beide sind lang genug im Geschäft, um zu wissen, was sie in der immer noch prekären Situation nun am allerwenigsten gebrauchen können: ein wunderbares Talent, das von den Medien wie eine Tontaube in die Höhe katapultiert wird – nur damit sie es bei seiner ersten Krise um so schöner wieder herunter schreiben können. Zudem handelt es sich bei Meier um eine Tontaube, der vor nicht einmal zwei Monaten kaum die Bodenlagerung zugestanden wurde: Warum er an dem bloß festhalte, wurde Funkel damals gefragt. Nun hat sich die Geduld ausgezahlt.“

FR-Interview mit Friedhelm Funkel

Bayer Leverkusen – Borussia Dortmund 2:1

Trendwende

Felix Meininghaus (StZ) verzeiht den jungen Dortmundern Niederlagen: „In der Bundesliga ist eine solche Quote an selbst ausgebildetem Personal einmalig, und gerade im Fall Borussia Dortmund umso bemerkenswerter, weil der Verein noch vor wenigen Jahren penetrant mit dem Scheckheft wedelte. Doch die Zeiten, in denen alles verpflichtet wurde, was einen klingenden Namen hatte und halbwegs geradeaus laufen konnte, sind vorbei, seit die Schulden ein existenzbedrohendes Volumen erreicht haben. Natürlich bringt die Trendwende hin zu den eigenen Wurzeln zumindest kurz- und mittelfristig einen Qualitätsverlust mit sich. Doch dafür schafft sie eine neue Identität, die sich wohltuend abhebt von den Zeiten des Größenwahns, in denen sündhaft teure Söldner wie Marcio Amoroso oder Flavio Conceicao geholt wurden.“ Wieder mal ein Sieg für Leverkusen, der erste für Michael Skibbe – Christoph Biermann (SZ) staunt dennoch über die Begeisterung der Fans: „Zumindest das Leverkusener Publikum hat die Mannschaft mit ihrem zuletzt engagierten Spielen schon mal zurückgewonnen. Mitunter überschwänglich war die Stimmung in der BayArena, wo die Fans mit einem fast schon dadaistischen Sprechchor aufwarteten: ‚Wir schlafen nicht in Betten, wir schlafen nicht auf Stroh, wir schlafen auf Tabletten, das ist bei Bayer so.’“

Hertha BSC Berlin – 1. FC Kaiserslautern 3:0

Negative Dynamik

Essenz der Berichte: Sorgen um die Gegenwart Kaiserslauterns, aber besonders um seine Zukunft. Christian Hönicke (Tsp) beschreibt die Last der Geschichte: „Wer über Kaiserslautern spricht, meint immer auch 1954. Kaum ein Bundesligastandort lebt so sehr von seiner Vergangenheit. Doch in der neuen AG-Realität der Bundesliga lässt sich allein vom Legendenstatus nicht mehr leben. Im Gegenteil. Das schwere Erbe Fritz Walters droht den FCK zu erdrücken. Das Stadion ist nach ihm benannt – ein Handicap in Zeiten gesponserter Namen. Fritz Walter lässt sich nicht so einfach gegen Veltins oder Duplo eintauschen, deswegen entgehen dem Verein auch Millionen, die er dringend bräuchte. Großmannssucht und Misswirtschaft haben den viermaligen Deutschen Meister finanziell und sportlich an den Abgrund geführt. Die apathische Darbietung der Nachfolger Walters in Berlin lässt wenig Raum für Hoffnung auf den Klassenerhalt.“ Kaiserslautern habe es tatsächlich fertiggebracht, schlechter zu spielen als zuletzt, stöhnt Javier Cáceres (SZ): „Seit neun Spielen harren die Lauterer eines Sieges, 30 Gegentore haben sie kassiert, mehr als jedes andere Team – und doch schien die Niederlage in Berlin weit dramatischere Dimensionen zu haben als all die Pleiten zuvor. Die negative Dynamik, die den FCK erfasst hat, wirkt unumkehrbar (…) Jeder Bauklötzchenturm eines Dreijährigen ist stabiler als Lauterns Abwehr 05/06.“ Michael Reinsch (FAZ) erschrickt über die Lücke zwischen Berlin und Kaiserslautern, die Lücke in der Liga: „Vielleicht ist die Teilung der Bundesliga in die da oben und die da unten schon so zementiert, daß die einen gar nicht mehr mit den anderen spielen wollen. Nachdem seine Mannschaft mit einem 0:3 noch glimpflich davongekommen war, wiegelte Michael Henke die Niederlage jedenfalls trotzig ab: ‚Die wirklich wichtigen Spiele kommen noch auf uns zu.’ (…) Jeder, vor allem der Betroffene, weiß: Entweder muß der Trainer nach Niederlagen in den drei Spielen gegen seinesgleichen aus dem Mittelmaß den Betzenberg verlassen. Oder er windet sich noch mal mit Siegen aus der schwierigen Situation und darf dann wieder verlieren.“

Schalke 04 – MSV Duisburg 3:0

Verblüffende Phantasie

Ihr müsst nur auf die Sport Bild hören, liebe Schalker! „Redet Deutsch!“, lautet ihr Befehl – gesagt, getan, gewonnen. Richard Leipold (FAZ) stellt fest, dass der „FC Sprachlos 04“ (Sport Bild) seine Mutter-Sprache wiedergefunden hat: „Die deutsche Sprache als Medium für deutsche Tugenden: Wenn das stimmt, ist Fußball wirklich ein einfaches Spiel. So ratlos die Verantwortlichen in der Krise oft wirken, so verblüffend ist ihre Phantasie, wenn es darum geht, den Aufschwung zu erklären. (…) Der Dogmatiker Ralf Rangnick verkündet seine Theorie, als wäre der Zusammenhang zwischen deutscher Sprache und deutschen Tugenden wissenschaftlich erwiesen – obwohl es doch, nah an der Grenze zur Phrase, immer wieder heißt, die Sprache des Fußballs verstehe jeder an jedem Ort, ohne einen Übersetzer oder gar einen Deutschlehrer zu benötigen.“

VfL Wolfsburg – 1. FC Köln 1:1

Wie ein Gewerkschaftsführer

Frank Heike (FAZ) legt die Rhetorik Uwe Rapolders aus: „Für einen Moment sprach der Fußball-Lehrer Rapolder wie ein Gewerkschaftsführer zu den Arbeitern im Werk kurz vor der Schließung: ‚Mit Solidarität, Geschlossenheit und Kampfgeist werden wir es schaffen!’ Doch es ging nicht um den Verlust von Jobs und Idealen, sondern um die Zukunft des 1. FC Köln, und er sprach auch nicht zu Angestellten, sondern zu Journalisten. Und zu sich selbst. Und er sprach auch zu den Verantwortlichen der Kölner; vor allem Präsident Wolfgang Overath sollte die kämpferischen Sätze des arg in Bedrängnis geratenen Coaches wohl hören. (…) Der Punktgewinn beruhigt die Szenerie etwas, ohne langfristig viel zu ändern. Köln spielte nur die letzte halbe Stunde etwas Fußball.“

Hannover 96 – Mainz 05 2:2

Das Publikum macht alles nur noch schlimmer

Kritik an der Hannoveraner Vereinsführung und an den Fans. Die Journalisten der überregionalen Redaktionen solidarisieren sich mit Ewald Lienen, der ausgepfiffen wird und von seinen Vorgesetzten verschiedene Sätze zu hören bekommt, nur eben keine Gunstbezeigung. Der Vergleich mit dem sehr guten Verhältnis zwischen Mainz und Jürgen Klopp drängt sich auf, Jörg Heynlein (taz) schreibt: „Gegensätzlicher als in Hannover und Mainz können Trainerjobs und Arbeitsumfeld kaum wirken. Scheinbar unbedroht wirkt Klopp, der in sich ruhend zu Werke gehen kann. Mainz verbreitet den Charme eines gewachsenen Fußballvereins, ohne unprofessionell zu wirken. In Hannover nimmt die Last des neuen Stadions, die Vielzahl Verantwortlicher und hoch gesteckte Ziele dem Fußball eine Leichtigkeit, wie sie in Mainz vorgelebt wird.“ Michael Eder (FAZ) rüffelt die Fans: „Es war ein Lehrstück, wie eine Fußballmannschaft ohne Sicherheit und Selbstvertrauen spielt – und wie das Publikum alles nur noch schlimmer macht.“ Christian Otto (Welt) empfiehlt der Vereinsführung die Mannschaft als Vorbild: „Der späte Torjubel, als alle Spieler auf Lienen zugelaufen waren, galt als Signal. Ein klares Signal aus der Führungsetage fehlt dagegen – und vielleicht ist das das Problem von Hannover 96. Wer drei Offizielle des Klubs zur sportlichen Krise befragt, bekommt drei unterschiedliche Antworten. (…) Nach dem Abtritt von Multimillionär Kind suchen die neuen Entscheidungsträger noch nach ihren Rollen. Und damit gewinnt Lienen zumindest Zeit.“ Hans-Günter Klemm (kicker) rügt die Offiziellen: „Chaostage in Hannover. Nach dem Rücktritt von Zampano Kind sollte eine austarierte Führung, mit ausgefeilter Gewaltenteilung, die Lücke schließen. Resultat ist ein Wirrwarr.“

Samstag, 5. November 2005

Allgemein

Biederer denn je

Der VfB Stuttgart in der „Schockstarre“ (FAZ) – nach dem 0:2 gegen Schachtjor Donetsk „lässt sich von der Mannschaft sagen, dass die Krise nun wirklich alle Spieler erreicht hat, selbst Jon Dahl Tomasson“ (SZ). Alle Beobachter warten auf die Entlassung Giovanni Trapattonis, viele verweisen gleichzeitig auf die Schwächen der Mannschaft. „Die Mannschaft ist überschätzt; der Trainer ebenfalls“, behauptet die FR. Die SZ bemerkt Hilflosigkeit auf dem Feld: „Wenn doch mal ein Pass über die Flügel nach vorne kam, machte der Angespielte ein Gesicht als ob er fragen wollte: Und, wie geht es jetzt weiter?“ Klaus Teichmann und Sven Flohr (Welt) befassen sich mit dem Verhältnis zwischen Trapattoni und seinem Arbeitgeber: „Bei anderen Trainern wäre die Geduldsspanne eventuell weniger belastbar gewesen. Doch Trapattonis Name ist groß, seine regelmäßigen Startprobleme bekannt und fast die komplette Marketing-Strategie nach ihm ausgerichtet. Zudem bedeutet ein Scheitern Trapattonis auch ein Scheitern des Präsidiums. Im Sommer bezeichnete Erwin Staudt die Verpflichtung des ‚Maestro’ stolz als großen Coup. Mit ihm werde der VfB aus der Mittelmäßigkeit herauskommen, und das Image des ‚biederen Schwabentums’ werde abgestreift. Nun muß auch Staudt erkennen, daß der Stuttgarter Fußball unter Trapattoni biederer denn je ist.“

Bundesliga

Gleichmut

Alle Augen auf das Spitzenspiel Bayern gegen Werder. Die SZ vergleicht heute akribisch die zwei Vereine, eine ganze Mannschaft an Autoren aufbietend, und bekundet Sympathie für den Bremer Gleichmut: „Werder gestattete dem Erfolg, gelegentlich auch wieder zu verschwinden, wenn es dem Fußballgott halt so gefiel. Der Verein akzeptierte Titel als temporäre Erscheinung. Immer aber, wenn die Bremer einen Pokal gewannen und wieder verloren, wenn sie einen Star hervorbrachten und ziehen lassen mussten, war der Klub ein kleines Stück größer als vorher und erlangte bald aufs Neue die Stärke, um den Bayern zu trotzen. Sorgen sollte den Bayern nur machen, dass die Abstände immer kürzer werden.“

Thomas Schaaf und Felix Magath vertreten gegensätzliche Standpunkte – schon immer, findet Ralf Wiegand (SZ): „Sie ähnelten sich schon als Spieler ungefähr so wie Camilla und Lady Di. Hier Felix Magath, der schwierige, gelegentlich geniale Strippenzieher im Mittelfeld, ein wenig lauffaul, aber verliebt in sein eigenes Spiel. Dort Thomas Schaaf, kicker-Lebensdurchschnittsnote 3,5 – Markenzeichen: fleißig, aber unauffällig. Erstaunlicherweise haben beide Männer als Trainer ihre Philosophie grundlegend verändert. Der ehemalige Schöngeist Magath hobelt überbordende Individualität seiner Spieler nun mit zwei Mitteln ab: Konditionstraining und Rotation. So schwebt etwa Bastian Schweinsteiger ständig zwischen Nationalheldentum und Amateurelf, und Sebastian Deisler ist fit für mindestens einen Halbmarathon. In diesem laufstarken Kollektiv müsste Magath einen Spieler, wie er selbst einer war, in die Regionalliga zwangsversetzen – oder gegen eine anpassungsfähige Fleißbiene wie den jungen Thomas Schaaf ersetzen. Der rabiate Umgang mit jeglicher Form von Einzigartigkeit verleiht Magath jene Autorität, gegen die er einst aufbegehrte. Schaaf wiederum müsste, wäre er sein eigener Spieler, sich sogar den Vereinswechsel nahe legen.“ Thomas Schaaf wird in der FAZ mit dem herrlichen Satz zitiert: „Wir, meine Familie und ich, stehen schon im Rampenlicht, aber wir sind auch gern mal mit ‚ner Stulle zufrieden.“

Abteilung Attacke

Andreas Lesch (BLZ) begründet zweifach den Rang Michael Ballacks in München: „Als Fußballer vereint er Qualitäten wie kaum einer sonst: Ballack kann ein Spiel antreiben und ordnen, und er kann es jederzeit mit seiner überragenden Kopfballstärke entscheiden. Er prägt den FC Bayern wie keiner seiner Kollegen: Ballack verkörpert mit seinen Grätschen und Fouls, mit seinen Meckereien gegen Schiedsrichterentscheidungen, mit seinem Brust-raus-Stil die Abteilung Attacke auf dem Platz; er steht für jene Gangart, die Manager Hoeneß abseits des Feldes vertritt. Sicher ist Ballack in seinen Münchner Jahren ein bisschen wie der FC Bayern geworden – aber der FC Bayern auch ein bisschen wie er. (…) Ballack spielt als Repräsentant, Redner, Werbefigur längst eine zentrale Rolle in seinem Klub.“ Wie groß die Leistung Valerin Ismaels zu bewerten ist, der sich bei den Bayern durchgesetzt hat, zeigt der Vergleich mit Torsten Frings – Elisabeth Schlammerl (FAZ) zieht ihn: „Wie schwer es gestandenen Profis fällt, sich beim FC Bayern anzupassen, zeigt das Beispiel Torsten Frings. Der deutsche Nationalspieler hatte sich nie richtig wohl gefühlt, nicht auf dem Platz und schon gar nicht außerhalb. Die Dimension Bayern war zu groß für den eher verschlossenen Frings, der Trubel nervte. Er fühlte sich zu sehr von allen Seiten beobachtet. Inzwischen, zurück in den überschaubaren Verhältnissen rund um Werder, ist er auf dem besten Wege zu einer Leitfigur, die die Mitspieler antreibt und auch schon mal anpfeift. Ismael dagegen integrierte sich im Sauseschritt, zumindest, was seine Arbeit in der Abwehr betrifft. Er spielt, als ob er schon ganz lange im Verteidigungsriegel der Bayern stünde und noch nie einen anderen Partner in der Innenverteidigung an seiner Seite gehabt hätte als Lucio.“

Tsp: Fremde Bayern – Torsten Frings hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinem ehemaligen Klub

BLZ: Kaiserslautern und Trainer Henke kämpfen ums Überleben

BLZ: wie Aufsteiger Wigan Athletic auf Platz 2 der Premier League kletterte

Freitag, 4. November 2005

Champions League

Wundervolles Ensemble stürmender Künstler

Werder Bremen – Udinese Calcio 4:3

Einerseits Freude und Jauchzen unter den Journalisten bei dem „wahnwitzigen Spektakel“ (SZ) im „Erlebnispark Weserstadion“ (FAZ). Andererseits bleibt, angesichts dreier Gegentore in sechs Minuten, die Skepsis der Experten über die Tauglichkeit der „taktisch limitierten Bremer“ (BLZ) für höchstes Niveau. Die FR mäkelt: „Den berauschten Bremern wird es nie und nimmer gelingen, Europa mit einem derartigen Sturmlauf zu erobern.“ Jörg Marwedel (SZ) definiert die Bremer, indem er sagt, was sie nicht sind: „Es war eine Phase, in der sich wieder einmal bestätigte, was dieses wundervolle Ensemble stürmender Künstler eben nicht ist: ein kühl kalkulierendes Kollektiv, das nach einem 3:0 auf Nachtbetrieb schaltet, das Ergebnis ökonomisch verwaltet und irgendwann seine wichtigsten Stützen auswechselt, um sie für das Kräftemessen mit dem FC Bayern zu schonen. So gesehen, sind die Bremer keinen Schritt weiter gekommen auf dem Weg zu einem auch international souveränen Spitzenteam.“ Marcus Bark (taz) mag für Bremer Erfolg nicht die Hand ins Feuer legen, schließt aber auch nichts aus: „Eine Prognose, wie es mit Werder weitergeht, ist kaum möglich. Bremen packte das gesamte Spektrum an möglicher Leistung in 90 Minuten. Manchen Trainer würde das zur Verzweiflung bringen, Thomas Schaaf machte das irrsinnig stolz.“ Klaus Bellstedt (stern.de) schildert Wonne und Entsetzen der Fans: „Wieder einmal zelebrierte das Team Fußball der allerersten Klasse – Leidenschaft, Kampf und Spielwitz inklusive. Die Zuschauer hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen, bis das Unfassbare passierte. Innerhalb von sechs Minuten verspielten die bis dahin so brillant spielenden Norddeutschen ihre Drei-Tore-Führung. Die Werder-Anhängerschaft erstarrte zur Salzsäule und schrie einen stummen Schrei aus, so als hätte man ihr das grün-weiße Herz herausgerissen. (…) Der Jubel danach war, anders als sonst, gespenstisch. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, so als hätten sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Mit zitternden Knien verließ die Werder-Gefolgschaft die Arena, die schon Schauplatz so mancher Europapokal-Schlacht war. Die Zuschauer in Bremen sind Gefühlswechselbäder gewohnt, aber so eine Horror-Show hatten sie noch nie erlebt.“

Juventus Turin – Bayern München 2:1

Berechnende Irreführung

„Die Partie hat ganz unterschiedliche Wertungen hervorgerufen“, fasst die SZ die Kritik zusammen; doch eigentlich tanzt nur Uli Hoeneß aus der Reihe, der in „berechnender Irreführung“ (FTD) sein übliches Bäuerchen macht: „Weltklasse, Weltklasse!“ Auf mehr Zustimmung trifft das Champions-League-Zertifikat der FTD für den FC Bayern: „nicht mehr unten, noch nicht oben“. Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) sieht bei Michael Ballack genau hin: „Wieder einmal war der FC Bayern, und zwar in komfortabler Tabellensituation, ohne Not in zaghaften Verwaltungsfußball verfallen. Und Juventus deckt auf: So perfekt Ballack in seiner Motorik mit Beinen und Kopf sein mag, so überfordert ist er in der strategischen Aufgabenerfüllung. So wurde der Status des abwanderungswilligen Ballack nun, gegen einen Gegner von internationaler Klasse, nach zuletzt als himmlisch gefeierten Leistungen wieder geerdet. Und Hoeneß, der schlaue Manager, der Ballack wegen dessen Abwanderungskoketterie seit Monaten umgarnt, dürfte im Stillen frohlockt haben.“

Ungehobelt

Ein Randereignis. Ein Randereignis? Oliver Kahn erhält Tadel, weil er Jubilar Gerd Müller ignoriert. Allerdings ist niemand überrascht durch Kahn, dem wir nie vergessen werden, dass er, als Kapitän der deutschen Nationalelf, den Tod Fritz Walters in einem TV-Interview kaugummikauend kommentiert hat und den der Edeljournalist und Stil-Lehrer Wolf Schneider als „arrogantesten Torhüter Deutschlands“ bezeichnet. Elisabeth Schlammerl (FAZ) wünscht sich bessere Manieren: „Gerd Müller genoß die Ovation für seine Lebensleistung schweigend. ‚Er ist ein Mensch’, sagte Rummenigge, ‚der auch den Spielern von heute sehr viel geben kann: Demut und Bescheidenheit. Attribute, die heute nicht unbedingt an der Tagesordnung sind.’ Wie zur Bestätigung dieser Sätze rauschte Kahn an Müller vorbei, ohne ihm prompt und von Herzen zu gratulieren. Der mit exquisiten Umgangsformen nicht gerade gesegnete Bayern-Kapitän war noch derart angefressen von der Niederlage, daß er in seiner für den Moment verfinsterten Innenwelt gefangen schien. ‚So ist er halt’, zeigte Müller großmütig Verständnis für den manchmal arg ungehobelten Kapitän der heutigen Bayern-Mannschaft.“ Philipp Selldorf (SZ) fügt hinzu: „Von Willy Sagnol gab’s nach französischer Sitte ein Küsschen links und ein Küsschen rechts, von Martin Demichelis eine kleine Verbeugung, und vom Kapitän Oliver Kahn eine Gratisvorführung schlechter Laune.“

Inter Mailand – FC Porto 2:1

Eleganter Killer

Peter Hartmann (NZZ) hat Julio Ricardo Cruz und damit den richtigen Stürmer behalten: „‚El Jardinero’ heisst der 31-Jährige seit seiner Jugend, weil sein Vater Platzwart war in Banfield, einem ärmlichen Aussenquartier der Megalopolis Buenos Aires. Cruz ist ein eleganter Killer, unauffällig, mit der Technik eines Torero, der mehr mit Körpertäuschungen als mit Kraft arbeitet; und in einer Equipe, in der sich die Selbstdarsteller auf die Füsse treten (Adriano, Figo, Recoba, Mihajlovic, Stankovic, Veron) und auch Trainer Roberto Mancini mit einem schwierigen Ego geschlagen ist, trägt er, Cruz, wie es sein Name sagt, das Kreuz der Bescheidenheit. Im Sommer ist Cruz bei Inter geblieben, gehen musste hingegen Vieri, der Rambo und Macho, der neun Millionen Euro netto verdiente, (fast das Vierfache von Cruz) und der bei der italienischen Presse unten durch ist, seit er an der EM 2004, wo er ein Versager war, die Journalisten anblaffte: ‚Ich bin männlicher als ihr alle zusammen.’ Der Spruch fällt auf ihn zurück, seit er nicht mehrt trifft.“

Donnerstag, 3. November 2005

Champions League

Rezessive Tendenz

Schalke 04 – Fenerbahce Istanbul 2:0

Der Sieg, eine Schmerztablette. Schalke leide weiter an Depression, diagnostiziert die deutsche Presse, der Erfolg bewirke allenfalls eine kurze Linderung: „Ein Sieg über die Angst“, liest man in der FAZ, die SZ stellt in der zweiten Halbzeit gegen neun Türken einen Rückfall fest: „Schalke zeigt sich spielerisch verbessert, aber nervlich anfällig – epidemische Infektion von Fehlern in Folge der doppelten Überzahl.“ Richard Leipold (FAZ) verwendet Wirtschaftssprache, um Schalker Mangel zu schildern: „Am Fußballstandort Gelsenkirchen scheint die Konjunktur wieder anzuspringen. Der FC Schalke schickt sich an, die rezessive Tendenz zu überwinden, die auf dem nationalen Markt zu düsteren Prognosen geführt hatte. Ob der Sieg neue Wachstumsimpulse gibt, bleibt ungewiß, es wurden aber Mängel sichtbar, die Schalke ein Strukturproblem bescheren könnten. Trotz des auf den ersten Blick deutlichen Sieges bleibt die Produktivität der Schwachpunkt beim Arbeiterklub aus dem Ruhrgebiet. (…) Rangnick hat sich in Schalke fürs erste stabilisiert, ohne unangreifbar zu sein.“

Klaus Bellstedt (stern.de) befasst sich, vom Ausgang des Spiels absehend, mit der allgemeinen Schalker Lage und prophezeit Ralf Rangnick das Scheitern: „Wer Rangnick kennt, der weiß, dass er seinen Job wissenschaftlich und perfektionistisch betreibt. Der ‚Professor’ ist kein Teamplayer, er braucht im sportlichen Bereich die alleinige Entscheidungsgewalt. Bei seinen bisherigen Stationen in Ulm, Stuttgart und Hannover war das größtenteils auch so, auf Schalke weht bekanntermaßen ein anderer Wind. Über ein Jahr ist der schwäbische Sturkopf bei den ‚Königsblauen’ im Amt, aber so deutlich wie jetzt wurde ihm wohl noch nie vor Augen geführt, dass das ‚System Rangnick’ beim westdeutschen Traditionsklub nicht funktionieren kann. Nach seinem Geschmack tummeln sich in seinem Hoheitsgebiet – angeführt von Rudi Assauer – immer noch zu viele Häuptlinge.“ Die Sport Bild verortet das Problem in der Sprache: „Beim FC Sprachlos 04 ist eine Neuauflage des Turmbaus zu Babel“ und fordert mit Rangnick von allen: „Redet Deutsch!“

Betis Sevilla – FC Chelsea 1:0

Imperium

Eine Niederlage Chelseas zieht Schadenfreude nach sich – Boris Herrmann (BLZ) grinst: „Jose Mourinhos Welt sieht so aus: Chelsea hat den besten Spieler der Welt (Frank Lampard), den besten Trainer der Welt (mich) und wird für die kommenden einhundert Jahre die Weltherrschaft übernehmen. Chelseas Dominanz in der Premier League mag derartige Träume befördern, kaum wagt sich das Imperium jedoch von der Insel, gerät es gewaltig ins Wanken. (…) Chelsea hat fünf der letzten sechs Auswärtsspiele in der Champions League verloren; jemand, der an die Weltherrschaft glaubt, sollte nicht nur in Wigan und Everton überzeugen.“

Ball und Buchstabe

Genossen

Gerd Müller wird 60 – Helmut Schümann (Tsp) stellt ihn Franz Beckenbauer gegenüber: „In ihrer aktiven Zeit beim FC Bayern waren die beiden Zimmergenossen, zwölf Jahre lang, sozusagen der wandelnde Widerspruch. Hier Gerd, ‚kleines, dickes Müller’, wie er vom Trainer Tschik Cajkovski genannt wurde, dort Franz, dem irgendwann in dieser Zeit ob seiner Eleganz der Vorname Kaiser zufiel. Der eine, pflichtbewusst, still, am liebsten im Schatten, der andere, der Firlefranz, der die Sonne liebt und die Termine verpasst hätte, wenn der Gerd ihn nicht rechtzeitig geweckt hätte. Alles, was der FC Bayern heute ist, sagt Beckenbauer heute oft und gerne, wäre er nicht geworden, hätte es Gerd Müller mit seinen Toren nicht gegeben.“

SZ-Interview mit Gerd Müller
FAZ: Gerd Müller, immer den richtigen Trainer zum richtigen Zeitpunkt
Welt: Torwart Horst Wolter hat mehr Treffer vom besten deutschen Stürmer kassiert als jeder andere

Bildstrecke Gerd Müller, sueddeutsche.de faz.net

Ascheplatz

Kanäle

Die DFL hat die TV-Rechte für die Bundesliga ausgeschrieben und hofft auf viel Geld, doch Frank Hellmann (FR) empfiehlt den Blick aufs Wesentliche: „Was auch immer die geschäftstüchtigen Macher austüfteln: Von den in England, Spanien oder Italien erzielten Einnahmen wird die DFL ein gutes Stück entfernt bleiben. Insofern ist auch darüber nachzudenken, warum Berater hanebüchene Provisionen und Profis horrende Handgelder kassieren. In diesen Kanälen drohen Mehrerlöse zu versickern – ohne dass es die Liga entscheidend voran bringt. Erst wenn auch Talentförderung und Trainingsmethodik ähnlich innovativ betrieben werden wie die Ausschreibung der TV-Rechte, ist die Liga wirklich auf einem guten Wege.“

FR: Was DFL-Geschäftsführer Christian Seifert an Stallgeruch fehlt, macht er mit kühner Strategie fürs Pokern um die Bundesliga-Fernsehrechte wett

Einschüchterung

Die Fifa wird weiter für ihre Rigorosität gerügt, mit der sie ihre Sponsoren vor Konkurrenz schützt. Beim Confederations Cup warnte die SZ mit Blick auf die WM 2006: „Aus Deutschland wird Fifa-Land und aus dem DFB eine Art Handlanger der Fußball-Weltregierung, der sich Widerspruch nicht leisten mag – zu eindeutig ist die Hierarchie festgelegt.“ Heute ergänzt Marcus Pfeil (Zeit): „Die WM-Städte versuchen, rund um die Stadien exklusive Werbeflächen für die Sponsoren der Fifa zu schaffen – mit absurden Folgen. (…) Was Fifa und OK nicht zugeben, ist, dass sie sich in ihrem ehrgeizigen Bemühen, möglichst viel Geld mit der WM zu verdienen, manchmal verstolpern. Und dass sie sich zudem auf rechtlich unsicherem Grund bewegen. Natürlich wurde die ‚Bannmeile’ und das ‚kontrollierte Gelände’ vor allem geschaffen, um den offiziellen Sponsoren eine konkurrenzfreie Fläche zu liefern. Wer wie die Fifa mehr als 700 Millionen Euro einnimmt, muss Gegenwerte bieten. Gleichzeitig vergibt die Fifa aber die erwähnten Public-Viewing-Lizenzen. Diese wiederum erlauben, dass Konkurrenten der offiziellen WM-Sponsoren auf der Leinwand werben, was in manchen Fällen dazu führt, dass eine Fifa-Lizenz der anderen widerspricht. (…) Die Fifa schüchtert ein, und sie macht dabei selbst vor großen Namen nicht Halt. So mussten die Organisatoren des Confederations Cup in einer Eishalle unweit des Nürnberger Frankenstadions die Geldautomaten der HypoVereinsbank mit einem neutralen Klebeband abdecken – zum Schutz des nationalen Förderers Postbank. Auf dem Dach der gegenüberliegenden Mehrzweckhalle prangte vor dem Turnier noch der Schriftzug der Nürnberger Versicherung – während des Turniers mussten ihn die Veranstalter zum Schutz der Hamburg-Mannheimer – ebenfalls nationaler Förderer – verhängen.“

Mittwoch, 2. November 2005

Internationaler Fußball

Fernbleiben

Also, wie gesagt, Italiens Fußball hat derzeit eine schlechte Presse. Dieses Mal schlägt Oliver Meiler (FTD) angesichts stark sinkender Zuschauerzahlen Alarm: „Woran liegt’s? Da gehen die Meinungen auseinander. Die Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore listet mögliche Faktoren auf: baufällige, unsichere Stadien, hohe Ticketpreise, aufwändige Sicherheitschecks am Stadioneingang, überbordendes Fernsehangebot. Der letzte Punkt scheint am meisten ins Gewicht zu fallen. Gab es bis vor kurzem einen einzigen Pay-TV-Sender, der sich die Live-Rechte erwarb, so sind es heute schon drei. Das Bezahlfernsehen hat die Gewohnheiten des gelegentlichen Stadiongängers verändert. (…) Schließlich hält auch die zunehmende Gewalt in und um die Stadien die Leute – besonders Familien – von einem Ausflug ab.“

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