indirekter freistoss

Presseschau für den kritischen Fußballfreund

Samstag, 22. Oktober 2005

Ball und Buchstabe

Der Unvergleichliche

Pelé wird morgen 65; in seinen Blumenstrauß bindet Christian Eichler (FAZ) ein paar Disteln: „In Brasilien, sagt man, sei er bewundert wie kein anderer, aber dem Herzen des Volkes nicht so nahe wie Garrincha; der hatte das Flatternde und Zerbrechliche seines Namensgebers, des Paradiesvogels, und kam mit dem Leben nicht zurecht. Pelé dagegen hatte immer die Ausstrahlung funkelnder Vitalität, stark wie ein Baum, geschmeidig wie ein Panther; einer, dem alles gegeben ist. (…) Wie sonst nur sein Cosmos-Kollege Franz Beckenbauer wurde er eine wandelnde Institution des Fußballs: einer, der tun, lassen, reden kann, was er will, und zeitlos populär bleibt. Pelé dilettierte in John Hustons Fußballfilm ‚Escape to Victory’; schrieb den peinlichen Kriminalroman ‚The World Cup Murder’ (in dem Gregor Ragusic, der nach Knoblauch riechende serbische Trainer der US-Elf, von Kommunisten erschossen wird); sagte Kolumbien als Weltmeister, Kroatien als Europameister voraus; spielte als Sportminister und als Geschäftsmann eine undurchsichtige Rolle im korrumpierten brasilianischen Fußball; sang öffentlich selbstkomponierte Lieder (wie in der Show von Diego Maradona, mit dem er sich nach einem Streit über die Rolle des ‚Besten aller Zeiten’ offenbar wieder vertragen hat). Und blieb doch Pelé, der Unvergleichliche.“

Bildstrecke Pelé, faz.net

Bundesliga

Zwei Vereine und seine Trainer

Zwei Vereine und seine Trainer stehen derzeit unter besonderer Beobachtung: der 1.FC Köln mit Uwe Rapolder und, nach wie vor, der VfB Stuttgart mit Giovanni Trapattoni.
Rapolder ist mächtig in die Defensive geraten, weil er den angeschlagenen und formschwachen Lukas Podolski eine Halbzeit lang auf die Bank gesetzt hat, eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und diese Maßnahme nicht genügend begründet, eigentlich eine Lappalie. Ins Visier gerät sein Umgang mit Spielern, unklar bleibt die Wirkung seiner akademisch anmutenden Rhetorik auf die Mannschaft. Die Sport Bild hat das Formblatt eines „Mentalen Vertrags“ veröffentlicht, den Rapolder seit je mit einem Teil seiner Spieler schließt. Darin heißt es in einem Mix aus Soziologenjargon und Marketing-Geduz: „Dieses Gespräch dient einer übereinstimmenden Positionierung Deiner aktuellen Situation und Leistungen.“
„Das Uefa-Cup-Wunder des VfB“ stichelt die taz, doch dass der 2:0-Sieg in Rennes, die Stuttgarter unter Trapattoni auf die richtige Bahn bringen wird, glauben die wenigsten der Journalisten. „Zwischenhoch oder Reifeprozeß?“ lautet die freundlichste Schlagzeile (FAZ).

Schaden

Daniel Theweleit (taz) kommentiert die Aussprache zwischen Rapolder und Podoski: „Keiner hat sein Gesicht verloren. Das drängendste Problem konnte also vorerst ausgeräumt werden, und trotzdem zeugt der Ärger von atmosphärischen Störungen zwischen Rapolder und seinem Kader. Nach außen wirkt der Schwabe hoch kommunikativ und umgänglich; einzelne Spieler fühlen sich hingegen immer wieder falsch verstanden oder unfair behandelt. (…) Gerade im Fall Podolski wäre es hilfreich, alle Sensibilität der Welt einzusetzen, um die ungewöhnlichen Fähigkeiten des Stürmers für den Abstiegskampf freizusetzen. Denn in seiner gegenwärtigen Verfassung ist der Star des Teams auf dem Platz wenig hilfreich – und außerhalb eine ständige Gefahr für das Klima im Klub. Mit einer simplen Beschwerde hat er Rapolder ernsten Schaden zugefügt.“

Konfus

Auch Gregor Derichs (FAZ) beäugt die Wirkung von Rapolders Rhetorik: „Wenn der eloquente Süddeutsche sich darauf einläßt, seine Strategien zu erläutern, malt er gerne eindrucksvolle Skizzen seiner Vorstellungen vom idealen Spiel. Paßfolgen, Ball- und Laufwege sind festgelegt. Fast jede Trainingseinheit geht er vorher mit den Spielern an der Tafel durch. Aber in Köln haben seine Ideen noch nicht so gezündet wie bei den Arminen, die sich unter Thomas von Heesen vom Rapolder-System abgekehrt haben. Beobachter in Köln stimmt bedenklich, daß die Mannschaft, die noch nie zwei Spiele hintereinander mit der gleichen Formation bestritt, zuletzt immer konfuser agierte.“

Welt-Interview mit Rapolder

Niemand sonst wollte ihn

Liebesheiraten halten am kürzesten – Bernd Dörries (SZ): „Seit langem mal wieder ein ordentliches Spiel gemacht. Es besteht aber nur geringe Gefahr, dass der Erfolg die Probleme überdeckt. (…) Trapattoni kam wohl nach Stuttgart, weil ihn sonst niemand mehr wollte und er den Fußball mehr liebt als seine Frau. Es ist nicht ganz klar, ob er vor seiner Ankunft in Stuttgart genau über die hiesigen Verhältnisse informiert war. Ob er wusste, dass dies keiner der Top-Klubs in Europa ist, von denen er so gerne erzählt. Manches spricht dagegen.“

Innere Opposition

Klaus Teichmann (FR) beschreibt das Verhältnis zwischen Trainer und Gefolgschaft: „Längst ist offensichtlich, dass etablierte Kräfte im Team zumindest in einer inneren Opposition zum Coach stehen. Es heißt, er würde gerade nicht die Besten auf den Platz schicken. Selbst der sonst so loyale Manager Briem deckelte sanft, es könne nicht sein, dass Spieler auf der Bank sitzen, die eindeutig besser in Form seien.“

Reif für den Abschuss

Eine Glosse über die Abfindungsvereinbarung zwischen dem VfB und seinem Trainer, die öffentlich geworden ist – Tim Bartz (FTD) rechnet mit der baldigen Entlassung Trapattonis und mit einem ähnlichen Ungemach für Michael Skibbe: „Heiligs Blechle, da hat aber einer gut verhandelt – und der andere irgendwie nicht. Der Abfindungsfall könnte früher eintreten, als sich all die Wunschträumer im Ländle, die sich auf dem Weg in die Spitze des europäischen Fußballs wähnten, gedacht haben. Am Sonntag treten die Stuttgarter bei den ebenfalls bemitleidenswert mies kickenden Bayer-Jungs an, und wenn nicht alles täuscht, ist der Altmeister bei einer Niederlage reif für den Abschuss. Zwar hat Leverkusen mit Michael Skibbe nicht gerade eine Erfolgsgarantie an der Seitenlinie stehen, aber der Ex-DFB-Tainer wird wohl erst in der Rückrunde ein Fall für den Arbeitsrichter werden. Bis dahin dürfte der Italiener Trappatoni seine karge Abfindung bereits vernudelt haben.“

Christoph Biermann (SZ) nennt das Defizit Bayer Leverkusens: „Michael Skibbe hat einen falsch zusammengestellten Kader mit vielen Webfehlern geerbt, zu denen auch der Mangel an Führungskräften gehört.“

Freitag, 21. Oktober 2005

Internationaler Fußball

Romanow, der kleine Abromowitsch

Ein weiterer Milliardär aus der ehemaligen Sowjetunion investiert in den britischen Fußball – und erlangt die Aufmerksamkeit der deutschen Presse: Wladimir Romanow, ein russischstämmiger Litauer und Millionär, hat 2004 die Hearts of Midlothian aus Edinburgh übernommen, die inzwischen auf Platz 1 der schottischen Premier League stehen. Drei Aspekte scheinen Romanow von Roman Abramowitschs vom FC Chelsea zu unterscheiden: Erstens erreicht Romanow sportlich einen anderen Effekt Abramowitsch, dessen Verein Chelsea die englische Konkurrenz zum Applaudieren verurteilt; die Hearts können nämlich die 20 Jahre anhaltende Herrschaft der zwei Glasgower Klubs Celtic und Rangers durchbrechen und die schottische Liga und den schottischen Fußball aufwerten. Zweitens äußert sich Romanow in der Öffentlichkeit, Abramowitsch gibt (fast) keine Interviews. Drittens wirkt Romanows Engagement fußballverwandter und traditionsbewusster, Abramowitsch hat das Image eines Emporkömmlings, der ein neues Spielzeug, einen Fußballklub, gefunden hat.

Pflege der Tradition

Christian Eichler (FAZ) beschreibt das Prestige Romanows: „Kein Wunder, daß die Herzen dem 58jährigen Litauer zufliegen. Ticketverkäufe schlagen alle Rekorde. Fußball in Edinburgh ist plötzlich in. Dabei sind die Hearts aber keine gekaufte Mannschaft, kein ‚Chelsea light’: im Kern bewährte Schotten, dazu ‚Bosmans’, Spieler ohne Ablöse; schließlich Leihkräfte. Was Romanow bisher an Transfersummen sparte, steckte er in die Gehälter, bei denen die Hearts nun mit Celtic und Rangers konkurrieren können. Das hat Überzeugungskraft auf Profis aus großen europäischen Ligen. (…) Romanow besitzt daheim den FBK Kaunas, zuletzt fünfmal in Serie litauischer Meister. Auch an MTZ-Ripo Minsk in Weißrußland ist er beteiligt. Doch das Herz gehört den Hearts, wo er auf dem Weg zum schottischen Befreiungshelden ist. Nicht nur der neue Erfolg des Teams, auch die Pflege der Tradition des 131 Jahre alten Klubs, dessen klangvoller Name auf ein früheres Tanzlokal zurückgeht, macht ihn zu Volkes Liebling. So verhinderte er den geplanten Umzug vom traditionellen Tynecastle in einen Stadionneubau.“

Nennen Sie mir einen, der sein Geld für etwas Sinnvolles ausgibt

Wilhelm Kötting (Horizont/Sport/Business) lenkt den Blick auf Kosten und Risiko: „Selbst wenn es Romanow gelingen sollte, die Dominanz der beiden Glasgower Clubs zu brechen, stellt sich die Frage, wie groß sein Erfolg sein wird. Im Ausland ist der schottische Fußball kaum bekannt, die Einnahmen der Clubs hinken weit denen ihrer englischen Kollegen hinterher. (…) Romanow ist bislang zufrieden: ‚Es gibt so viele reiche Geschäftsleute auf der Welt – mehr als auf eine Liste passen. Aber nennen Sie mir einen, der sein Geld für etwas Sinnvolles ausgibt. Ich habe mein Herz halt an die Hearts verloren.’ Und wahrscheinlich auch einen Teil seines Geldes, denn alle zwölf Vereine der schottischen Premier League machen derzeit Verlust – inklusive der großen Rivalen aus Glasgow.“

Champions League

Fenerbahce Istanbul – Schalke 04 3:3

Ein Spiel für die Zuschauer und die Presse – kein Spiel für die Trainer, da zu viele Tore und Fehler. „Ein Spiel der tausend Fahrkarten“, wie eine Zählung der SZ ergibt, die Berliner Zeitung fühlt sich in Anbetracht der vielen Ausrutscher und anderen Ungeschicklichkeiten wie im (Stumm-)Film: „Väter der Klamotte“, titelt sie.

Klassiker

Unentschieden nach Vorsprung und jeweils drei Gegentore – Peter Heß (FAZ) hält dem Ärger und der Unzufriedenheit der Trainer das Entzücken eines Zuschauers entgegen: „All jene, die bei einem Sonntagsspaziergang unwillkürlich stehenbleiben, weil sie am Wegesrand ein paar Kinder kicken sehen, all jene, die mit einem nachsichtigen Lächeln die Direktpaßversuche ihrer lokalen Bezirksklassenmannschaft verfolgen, all jene, die noch immer an das Verteidigertalent in Robert Huth glauben, empfanden es als Privileg, die Begegnung in voller Länge per Premieredecoder oder noch besser im Istanbuler Stadion verfolgen zu dürfen. Allein die Dramaturgie des Spiels kitzelte die Nerven. (…) Das Rückspiel sollte genauso großartig, fehlerhaft und aufregend wie der Klassiker in Istanbul verlaufen. Vielleicht ist das nicht im Sinne der Trainer, auf jeden Fall im Sinne der Unterhaltungsindustrie Fußball.“

taz-Spielbericht
faz.net: Bildstrecke

Ball und Buchstabe

Ausstellung: Rundlederwelten

In Berlin hat die Ausstellung „Rundlederwelten“ eröffnet, Teil des Kulturprogramms zur Weltmeisterschaft. Die Rezensenten urteilen freundlich bis begeistert – überraschend, die Abneigung gegenüber der Kopplung von Fußball und Kunst, dem „Doppelpass“, wie das verbreitete und verblasste Sprachbild dafür lautet, ist in letzter Zeit gewachsen.

Mitreißend

Thomas Medicus (FR) bekommt Gänsehaut: „Wenn Fußball selbst Kunst ist, warum dann das Spiel aller Spiele durch künstlerische Darstellung noch aufwerten? Weil wir dann besser wissen und verstehen, was die globale Kultur des Fußball bedeutet, warum wir dieses Spiel mindestens so sehr lieben wie unsere Kinder, ihm verfallen sind wie unseren Frauen, Lebensgefährtinnen, Geliebten, Freundinnen und Freunden. Genau diese Faszination nicht nur zu erklären, sondern noch zu verstärken, schafft diese Ausstellung auf mitreißende Weise. (…) Am Ende ist man nicht nur gut gelaunt, geläutert, erneut ballverliebt, man weiß auch, warum der homo ludens den Göttern näher ist als alles faule Sitzfleisch.“

Geschrumpft

Das große Tor von … – Stefan Osterhaus (NZZ) greift sich, die Ausstellung durchschreitend, ein Bild heraus: Warhols Beckenbauer-Portrait: „In der monumentalen Umgebung des Martin-Gropius-Baus schrumpft das blaue Bild auf seine tatsächliche Grösse von einem Quadratmeter. Eine Verneigung sieht anders aus. Oder liegt es daran, dass der Münchner inzwischen derart überlebensgross durch die Weltgeschichte eilt, dass sich selbst die Arbeit der Pop-Art-Ikone Warhol mickrig neben ihm ausnimmt? Die Placierung des Exponats lässt alle Schlüsse zu. Und sie birgt einen Triumph für die Freunde des reinen Spiels: Der Kunst des bayrischen Imperators war nicht einmal Warhol gewachsen.“

Peter von Becker (Tsp) schildert einen Mangel: „Fußball, das heißt auch Unterhaltungsindustrie. Explizit und grimmig Sozialkritisches ist zu diesem Thema in der Ausstellung nicht zu sehen.“

Pompös

Johannes Binotto (NZZ) gibt „Goal“, einem Fifa-Film, eine schlechte Note: „Pünktlich zur globalen Vorfreude auf die WM bringt der Regisseur Danny Cannon einen Fifa-Werbespot in Spielfilmlänge in die Kinos mit allem, was dazugehört: fahrig gefilmte Steilpässe in flackrigem Digitalbild, grandiose Tore in elegischer Zeitlupe. Doch will sich die Spannung eines Matchs nicht so recht in die Clip-Ästhetik des Films fügen, und so muss die Dramatik, die den Spielszenen abgeht, von ausserhalb der weissen Linie eingeworfen werden. (…) Pompös und überlebensgross erweist sich alles in diesem ersten Teil einer geplanten Trilogie.“

Wie Tausende andere auch

Anlässlich des Hoyzer-Prozesses schreibt Nico Ljubic (Zeit) über die Karrierechancen von Schiedsrichtern: „10000 Schiedsrichter gibt es in Niedersachsen, 80000 in Deutschland – 20 von ihnen pfeifen in der Ersten Liga. Da ist es leichter, Profifußballer zu werden. Im Herrenbereich gibt es siebzehn Spielklassen, die ein Schiedsrichter durchlaufen muss. Selbst wenn es schnell geht, dauert das zehn bis zwölf Jahre. Was sind das für junge Männer, die sich das antun? Auf den ersten Blick: Männer wie Tausende andere auch. (…) Warum hat Hoyzer Spiele verschoben? Er hatte doch erreicht, was nur wenige erreichen! Er war dem großen Traum so nahe, die Erste Liga war für ihn nur eine Frage der Zeit. Er hatte alles hinter sich. Die Jahre in der Provinz. Viele beenden ihre Karriere in der Kreisklasse, weil sie keine Lust haben, immer angemacht zu werden.“

Donnerstag, 20. Oktober 2005

Champions League

Bayern München – Juventus Turin 2:1

Drei Schwerpunkte: Erstens erblicken die Journalisten Konturen des FC Bayern der Zeit um die Jahrtausendwende mit zwei Finalteilnahmen und einem Sieg (2001) in der Champions League; Erwartung und Hoffnung der Beobachter sind gestiegen. Zweitens blicken die Autoren in die Zukunft des Vereins und erkennen den Schatten, den der vermutete Abgang Michael Ballacks wirft; nicht nur sein Bleiben ist ungewiss, auch das anderer Spieler. Spielen sie deswegen so gut, weil sie sich der Fußball-Welt anbieten möchten? Drittens lesen wir heute, dass Felix Magath mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen sei, da es die Überlegenheit seiner Mannschaft nicht wiedergebe. Diese Haltung, die der Begeisterung der anderen Bayern-Offiziellen entgegensteht, deuten die Journalisten als Selbstbewusstsein. Nebenbei, warum finden wir in allen Zeitungen Magaths müden Witz zitiert? Gefragt, ob es denn überhaupt etwas gebe, was ihm gefallen habe, sagt er: „Die Trikots, unsere roten Trikots.“ Sehr einfallsreich.

Anlass zu schönsten Hoffnungen

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) befasst sich mit den Folgen des Siegs: „Der FC Bayern hat sich aus der Ungewissheit darüber befreit, wo er im internationalen Vergleich steht. Den Tabellenführer aus Italien in heilloses Durcheinander zu stürzen und gegen dessen viel gerühmte Abwehr ein halbes Dutzend hochkarätiger Chancen herauszuspielen, das gibt zu schönsten Hoffnungen Anlass. Die Freude wurde allerdings getrübt durch die wachsenden Anzeichen, Michael Ballack könnte dem Rekordmeister bald den Rücken kehren.“

Erster rauschender Erfolg seit langem

Auch Christopher Wahl (FAZ) feiert die Rückkehr der Bayern an die internationale Spitze: „Der FC Bayern hat lange auf so einen Moment warten müssen. Abgesehen von einem Sieg in der vergangenen Saison über den FC Arsenal, gelang dem deutschen Rekordmeister schon lange kein rauschender Erfolg mehr über eines von Europas wirklich großen Teams. Falls die Münchner ihre Form aus dem Duell mit Juve auch nur annähernd konservieren, könnten sie in der Lage sein, ihre ambitionierten Ziele zu erreichen.“

Logik des Fußballs

Philipp Selldorf (SZ) beschreibt die Gesetze der Fußball-Konjunktur: „Es ergibt sich eine seltsame Situation: Erstmals seit dem Europacup-Triumph 2001 haben die Münchner wieder ein Team beisammen, das die Qualität besitzt, um den allerbesten Gegnern zu begegnen. Die Mannschaft bildet eine kraftvolle Einheit, besitzt einen starken kollektiven Willen und verfügt über individuelle Talente, die noch einige Steigerungen erlauben. Dies ist das Ergebnis von vier Jahren geduldiger Aufbauleistung. Wenn Größen wie Ballack, Sagnol und Deisler den Verein verlassen sollten, weil sie anderswo mehr Erfolg erwarten, beginnt die Entwicklungsarbeit von vorn. Dies mag paradox erscheinen, folgt aber nur der Logik des Fußballs.“

Flatterhaft wie Vögelchen

Juventus gaukelt und schwirrt; Klaus Hoeltzenbein (SZ) reibt sich die Augen: „War das wirklich die erste Mannschaft, die Juventus über die Alpen geschickt hatte? Statt im traditionellen Schwarzweiß waren sie in Kanariengelb angetreten, und Mitte der zweiten Halbzeit wirkte Juve so flatterhaft wie die Vögelchen, die von der eingebrochenen Katze durch den Käfig getrieben werden.“

sueddeutsche.de: „Sebastian Deisler, das unvollendete Talent, hat seinen Platz auf dem Feld gefunden“

BLZ-Spielbericht

Bildstrecke, faz.net

Udinese Calcio – Werder Bremen 1:1

Tenor der Berichte: der Unterscheid der Bremer Leistungen in Bundesliga und Champions League, die „zwei Gesichter” (FAZ) Werder Bremens – ein anschaulicheres Bild fällt bisher niemandem ein.

Zu viel Respekt

Elisabeth Schlammerl (FAZ) hatte auf mehr Bremer Schneid gehofft: „Werder hätte viel mutiger sein müssen. Udinese ist keine europäische Spitzenmannschaft, spielte höchst durchschnittlich und eben bis zum Rückstand – typisch italienisch – kontrolliert in der Defensive. Das genügt aber offenbar, um dem Tabellenführer der Bundesliga auf europäischer Bühne reichlich Respekt abzuverlangen. (…) Es wirft kein gutes Licht auf die Bundesliga, daß Werders Stürmer von der nationalen Konkurrenz kaum zu halten sind, sich international aber schwertun, positiv aufzufallen. Was allerdings den SV Werder Bremen in der Bundesliga mit dem in der Champions League verbindet, ist die Defensivschwäche.“

Taktisch nicht flexibel genug

Sven Bremer (FTD) ergänzt: „Während die Bremer in der Liga scheinbar spielend leicht das eine oder andere Tor nachlegen können, sind sie dazu international nicht in der Lage. Außerdem ist die Mannschaft taktisch nicht flexibel genug, sie kann eben nur diesen zweifelsohne schönen Schaafschen Offensivfußball.“

Die Welt fügt hinzu: „In der Bundesliga zeigt der Tabellenführer, was er drauf hat. In der Champions League wird ihm gezeigt, was alles fehlt.“

FR-Spielbericht

Bildstrecke, faz.net

Mittwoch, 19. Oktober 2005

Internationaler Fußball

Korruption, Gewalt, Rechtsbruch

Italiens Fußball scheint nachhaltig Schaden zu nehmen. Die Berichte über die Skandale der Serie A, Korruption, Gewalt, Rechtsbruch, Oligarchie etc., lesen sich heute anders als noch vor einem Jahr. Damals belächelten viele Autoren die „italienische Folklore“, heute sorgen sie sich heute um die Zukunft des Calcio. Drei von vielen Symptomen: deutlicher Zuschauerschwund in den Stadien, Alterung der Fans und „Entsportlichung“.
In England fürchtet man eine dauerhafte Dominanz Chelseas. Sein berechnender Stil wiederspricht englischer Fußballromantik.

Fussball ist der veraltete Sport eines überalterten Landes

Peter Hartmann (NZZ) schreibt über Italiens Fußball, seinen Wert und seine Inszenierung: „Die Zuschauerzahlen der Serie A sinken seit 1992 kontinuierlich: Von damals durchschnittlich 34 200 auf 24 900. Das hängt gewiss auch mit der Verwässerung durch die Aufstockung auf zwanzig Mannschaften zusammen und damit, dass Klubs wie Napoli, Genoa und Torino abgestürzt sind. Nur noch etwa 10 Prozent der Einnahmen stammen aus den Eintritten, die Erlöse aus den TV-Rechten sind auf 54,3 Prozent gestiegen, deshalb ist es auch sinnlos, den Einfluss des Fernsehens zu verteufeln. Pay-per-view-Angebote sind wie Peep-Shows: Mit fünf Euro ist man bei Murdochs Sky-Satelliten-Programmen ebenso dabei wie bei den terrestrisch verbreiteten Sendern La7 von Telecom Italia oder bei Berlusconis Mediaset. Dieser Markt wächst, mittlerweile schalten sich 12 Millionen Kunden zu. Der postmoderne Fussball der Beckhams und Ronaldinhos ist ein dramaturgisch zerdehntes Schauspiel mit eingestreuten Werbeschnipseln, dessen Unmittelbarkeit aufgehoben wird durch unzählige Wiederholungen. Es ist ein anderes Spiel. Deshalb greift die italienische Sinnkrise viel tiefer: Dem Calcio läuft die Jugend davon. ‚Der alte Mechanismus, dass sich die Liebe zum Fussball von den Vätern auf die Söhne überträgt, scheint gebrochen’, mutmasst La Repubblica. ‚Fussball ist der veraltete Sport eines überalterten Landes.’ (…) Der Held der italienischen Jugend ist der Motorradkünstler Valentino Rossi. Die Kinder spielen Basketball, und am Fernsehen amüsieren sie sich mit Wrestling-Shows und kaufen 25 Millionen Bildchen von Eddie Guerrero und Rey Misterio und nicht mehr die Albumfotos von Totti und Vieri.“

Respekt ja, Bewunderung nein

Christian Eichler (FAS) nennt den Vorbehalt gegen Chelsea: „Wenn Chelsea wenigstens ein wenig was fürs Fußballherz täte, ein bißchen Ballzauber böte. Aber es ist wohl kein Zufall, daß in der Londoner Weltauswahl mit mindestens 13 Spielern, die für die WM 2006 in Deutschland qualifiziert sind, kein einziger Brasilianer spielt. Ungerührt wie jeden gegnerischen Angriff hat Chelsea den Vorwurf gekontert, ‚langweilig’ zu spielen. Trainer Jose Mourinho forderte nach dem 4:1-Sieg in Liverpool von den Stilkritikern den fälligen ‚Respekt’ ein. Respekt verdienen sie auch. Bewunderung oder gar Begeisterung aber ist etwas anderes. Zu kalt, zu klinisch beherrscht Mourinhos Team Ball und Gegner.“

Champions League

Christoph Daums Flatterhaftigkeit

Spannend und kontrastreich zu lesen: die Aussagen Christoph Daums über seine schwierige Arbeit bei Fenerbahce Istanbul, Gegner von Schalke heute, im Vergleich mit dem FR-Bericht über die Flatterhaftigkeit Daums, die die Kritik an ihm erkläre.
Gerade in der Champions League scheint Schalkes Christian Poulsen immer wichtiger zu sein; das Lob der Zeitungen beschränkt sich allerdings meist auf seine Zähigkeit.

Keine Glaubwürdigkeit

Tobias Schächter (FR) begründet den schweren Stand Christoph Daums in Istanbul: „Seit dem 3:0 gegen den PSV Eindhoven vor drei Wochen herrscht Waffenstillstand zwischen den türkischen Medien und dem ungeliebten deutschen Fußball-Trainer. Drei Wochen sind im türkischen Fußball eine Ewigkeit. Doch es ist ein brüchiger Frieden. (…) Daums Problem ist auch in der Türkei die Glaubwürdigkeit. Einmal will er die türkische Staatsbürgerschaft annehmen, dann wieder nicht. Solche Widersprüche kosten Kredit. Ganz davon abgesehen, dass er nach Siegen wie eh und je oberlehrerhaft vor die Presse tritt und vieles ist, nur kein Integrator.“

So ein Arbeiten wünsche ich keinem Kollegen

Christoph Daum im Interview mit Peter Heß (FAZ)
FAZ: Stimmt es, daß Sie trotz zweier Meistertitel mit Fenerbahce fast ununterbrochen in der Kritik standen?
CD: Das ist noch untertrieben. Obwohl wir von einem Vereinsrekord zum nächsten marschiert sind, stand ich unter einem unvorstellbaren Feuer.
FAZ: Was warf man Ihnen denn vor bei Ihren Erfolgen?
CD: Suchen Sie sich etwas aus: Ich könnte mit Stars nicht umgehen, würde nur auf Ausländer setzen, würde die Türken benachteiligen, wäre teilnahmslos am Spielfeldrand. Symptomatisch war die Frage eines Journalisten nach dem Spiel gegen Milan. Wir hatten eine super Leistung gezeigt, bis zur 87. Minute ein 1:1 gehalten. Dann fällt das 1:2 und in der Nachspielzeit das 1:3. Dann fragt mich dieser Journalist: Welche Fehler haben Sie in den letzten vier Minuten gemacht?
FAZ: Jetzt scheint man Ihnen aber Respekt zu zollen, oder?
CD: Vor fünf Wochen habe ich öffentlich gesagt, es reicht. Ich bin gerne in Fenerbahce, aber ich überlege, ob ich mir das alles weiter antun muß. Ich könnte den Verein zu Saisonende verlassen, weil das Arbeiten hier so schwierig ist. Seitdem ist der Schalter wie umgelegt. Alle lieben mich plötzlich.
FAZ: War Ihr Problem auf die Medien beschränkt, oder haben sich Fans und Verein anstecken lassen?
CD: Das ging bis in die Mannschaft. Wenn du sieben Monate hörst, der Trainer hat keine Ahnung von Taktik, dann zeigt das irgendwie Wirkung. Es gab Zeiten, da fragte ich mich, wenn ich das Trainingsgelände betrat, na, welches Gerücht bringt das Team heute durcheinander? So ein Arbeiten wünsche ich keinem Kollegen.
FAZ: Beeindruckt Sie es nun, geliebt zu werden?
CD: Es tut schon gut, Riesenplakate zu sehen mit Aufschriften: Wir sind deine Familie, wir lieben dich. Ich habe auch ein paar Auszeichnungen bekommen von Fangruppen. Fenerbahce hat ja geschätzte 30 Millionen Anhänger. Das läßt einen nicht völlig kalt, genauso wie die Attacken. Aber ich überbewerte auch beide Phänomene nicht. (…)
FAZ: Sie wurden in Deutschland, Österreich und der Türkei Meister. Ist Fußball überall gleich?
CD: Fußball ist überall etwas anderes. Geschichte, Mentalität, Erziehung, Religion, alles hat Einfluß. Man muß die Ressourcen des Vereins und der Spieler erkennen.

Selbstbehauptungswillen

Richard Leipold (FAZ) porträtiert Christian Poulsen: „Im internationalen Fußball hat Poulsen, oft am Rande der Legalität, einen Selbstbehauptungswillen gezeigt, der längst nicht allen Schalkern zu eigen ist. Diese Stärke hilft ihm auch im Gelsenkirchener Innenverhältnis. Vor der Saison lief er Gefahr, seinen Stammplatz zu verlieren; schon früher hatte er zuweilen auf die Position des rechten Verteidigers ausweichen müssen, um in der Mannschaft zu bleiben. Dann wechselte Nationalspieler Fabian Ernst nach Schalke, als Kandidat für das Zentrum des defensiven Mittelfeldes. Auch diesen Konkurrenten vermochte Poulsen auszustechen. Ernst wirkt seit seiner Ankunft im Ruhrgebiet ausgelaugt; zuletzt wich er auf den rechten Flügel aus. Aber nicht einmal als Randfigur im Mittelfeld kann er seiner Sache sicher sein.“

Ball und Buchstabe

Nicht die Welt

Gestern hat der Prozess gegen Robert Hoyzer, die drei Sapina-Brüder, Dominik Marks und Steffen Karl begonnen – mit einem Geständnis Ante Sapinas. Alle Zeitungen berichten ausführlich.

Hans Holzhaider (SZ/Panorama) hofft auf Bedacht: „Gemessen an der Höhe des Schadens, den die sechs Angeklagten angerichtet haben sollen, ist das öffentliche Interesse an diesem Prozess ungeheuer. Um etwa zwei Millionen Euro sollen die Gebrüder Sapina verschiedene Wettgesellschaften, allen voran die staatliche Firma Oddset, geschädigt haben; das ist nicht die Welt, verglichen mit anderen großen Betrugsaffären. Aber der ideelle Schaden! Der deutsche Sportsgeist! Das Ansehen des deutschen Fußballs, im Jahr vor der WM! Vielleicht ist es gut, dass eine Frau den Vorsitz in diesem Verfahren führt, für die Fußball nicht zu den allerheiligsten Gütern der Nation gehört.“

Welt: Geständnis des Hauptbeschuldigten Ante Sapina

Ein sehr umfangreiches Dossier zum Hoyzer-Prozess auf faz.net

Bundesliga

Sperre für Oliver Neuville

Zwei Spiele Sperre für Oliver Neuville: „Der DFB sollte darüber nachdenken, seine Regeln an die Rechtsprechung anzupassen“ (Torfabrik) / „Ganovenehre in der Bundesliga“ (SZ) – Thomas Dolls Einstand bei den Profis, „um Hamburger Belange muss sich ein Hamburger Jung kümmern“ (SZ) – Reinhard Rauball, Niebaums vermutlicher Nachfolger, „der Doktor geht, nun kommt der Doktor“ (Tsp) – Ralf Rangnick und Rudi Assauer, „die beiden äusserlich gegensätzlichen Typen liegen in Sachen Fussball auf einer Wellenlänge“ (NZZ)

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Der DFB sollte darüber nachdenken, seine Regeln an die Rechtsprechung anzupassen

Marc Basten & Mats Melchior (Torfabrik), das Gladbacher Fanzine 19.10.) kritisieren die Sperre für Oliver Neuville: „In den Statuten sucht man eine anwendbare Vorschrift vergebens. Ein Feldverweis wegen eines Handspiels ist laut Regelwerk auszusprechen, wenn ein Tor oder eine offensichtliche Torchance eines Gegenspielers durch absichtliches Handspiel verhindert oder zunichte gemacht wird. Ein absichtliches Handspiel, aus dem ein Tor resultiert, hat lediglich eine Verwarnung zur Folge. (…) Offenbar ist ein Handspiel, das zum Tor führt und nicht vom Schiedsrichter entlarvt wird, mehr Betrug als ein Handspiel, das einen vielversprechenden Angriff unterbindet. (…) Im Fall Neuville präsentiert sich der DFB als gnadenloser Ankläger. Abgesehen davon, dass der DFB den Betrugsverdacht in jedem Spiel wohl zwischen 20 und 100-mal anbringen könnte (ist absichtliches Halten schon Betrug oder erst, wenn ein Tor daraus resultiert?), sollte er einfach mal darüber nachdenken, seine Regeln an die Rechtsprechung anzupassen. Wenn im Regelwerk steht, dass ein absichtliches Handspiel mit Torfolge mit einem Feldverweis zu ahnden ist, dann würde deutlich mehr Transparenz im Paragraphen- und Verurteilungsdschungel herrschen und kein Neuville dieser Welt könnte sich beschweren.“

of: Basten und Melchior haben recht: Der Sperre für Neuville liegt ein moralisches Urteil zu Grunde, aber keine Regel – ein Argument, das ich in der Qualitätspresse vermisse. So sehr man sich über den Gladbacher Stürmer ärgern mag, er hätte nicht gesperrt werden dürfen.

Stefan Hermanns (Tsp 19.10.) wirft ein: „Es ist schwer zu erklären, warum Neuville nachträglich für zwei Spiele gesperrt wird, Oliver Kahn für sein unsportliches Verhalten gegen Miroslav Klose aber nicht.“

Selbsternannte Saubermänner

Thomas Klemm (FAZ 19.10.) ärgert sich über Heuchelei: „In der Bundesliga nimmt man die Tore, wie sie fallen. So zeigte sich der Gladbacher Pletsch als Musterprofi in dem Gesellschaftsspiel „Erfolg um jeden Preis“ und behauptete, in der sportlich schwierigen Lage zähle eben jeder Treffer. Wetten, daß der diesmal coole Pletsch mit einem lautstarken Lamento ausgefallen wäre, wenn auf der anderen Seite ein Pfälzer solch ein irreguläres Tor per Hand erzielt hätte? So etwas würde ich doch nie tun, behauptete der Kaiserslauterer Angreifer Amanatidis. Sollte der FCK-Profi seinen hehren Vorsatz bei nächster Gelegenheit allen Ernstes umsetzen – was würde sein Arbeitgeber in persona Jäggi wohl dazu sagen? Selbsternannte Saubermänner stehen stets im Verdacht jener Scheinheiligkeit, wie sie auch der Sportsmann Neuville unmittelbar nach Spielende an den Tag legte. Weil die Verantwortlichen nicht gegenseitig Vorwürfe hin und her schleudern wollten, zielten sie gemeinsam in Richtung Schiedsrichter. Tatsächlich ist Kemmling für die falsche Wertung des Treffers verantwortlich – schuldig ist allerdings Neuville.“

Ganovenehre

Christoph Biermann (SZ 19.10.) hingegen kann keine Scheinheiligkeit erkennen: „Die meisten Lauterer wollten sich über den ehemaligen Nationalstürmer nicht beklagen. Nur Amanatidis fragte polemisch: „Und der Mann soll Charakter haben und will wieder für Deutschland spielen?“ Ansonsten galten die Beschwerden ausschließlich dem Schiedsrichter und seinem Assistenten. „Dass der da draußen mit seinem Wimpel das nicht gesehen hat, ist für mich ein Unding“, sagte Hertzsch. Es klang so, als würde man sich nicht beim Dieb beschweren, sondern bei der Polizei, die ihn nicht erwischt hatte. Die Lauterer hätten es offenbar nicht anders gemacht. Kurt Jara gab das sogar offen zu: „Ich habe selbst 20 Jahre lang Fußball gespielt und halte Neuvilles Verhalten für eine absolut menschliche Reaktion.“ Der Mensch im Profifußball, so muss man daraus schließen, ist des Menschen Wolf. Er beugt die Regeln, wo er kann. Und wenn ihm das während der 90 Minuten gelingt, soll er damit auch davonkommen, finden selbst die Geschädigten. „Ich bin nicht dafür, dass Neuville nachträglich gesperrt wird, das bringt nichts“, sagte René C. Jäggi. Außerdem machte er klar, dass es in der Bundesliga eine gewisse Ganovenehre gebe.“

Sieh an! – Andreas Morbach (FTD 19.10.): “Uwe Kemmling verzichtete darauf, Oliver Neuville nach der Wahrheit zu fragen, obwohl die Kaiserslauterer mit Mann und Maus auf ihn einstürmten. Im Frühjahr 1998 hatte er das noch getan, als Schalkes Oliver Held – kein Torhüter – im Spiel gegen den abstiegsbedrohten 1. FC Köln den Ball beim Stand von 0:0 kurz vor Schluss mit der Hand von der Linie holte. Held behauptete, er habe den Kopf und nicht die Hand benutzt, Schalke erzielte in der 90. Minute das 1:0, Köln stieg wenige Tage später zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte aus der Bundesliga ab.“

Oliver Held soll nie mehr Glück in seinem Leben haben

So geht’s auch – Philipp Selldorf (SZ 19.10.): „Oliver Held wurde vom DFB nachträglich wegen „unsportlichen Verhaltens“ für zwei Spiele gesperrt. Doch härter traf ihn die Ächtung seiner Berufskollegen, und am härtesten der Fluch des Kölners Toni Polster, der unter Blitz und Donner ausrief: „Oliver Held soll nie mehr Glück in seinem Leben haben.“ So kam es dann auch. Nach drei weiteren weitgehend auf der Reservebank verbrachten Jahren bei Schalke wechselte Held zum FC St. Pauli, mit dem er als Tabellenletzter aus der ersten Liga und im folgenden Jahr als 17. auch aus der zweiten Liga abstieg. Im Sommer 2003 verkrümelte er sich zum TSV Kropp in die Oberliga Schleswig-Holstein, doch selbst in diesem stillen Winkel zwischen Ortschaften wie Bennebek und Owschlag erreichte ihn Polsters Verwünschung: Sein Team stieg aus der Ober- in die Verbandsliga ab, wo sich Oliver Held nun an Gegnern wie FC Sörup-Sterup und Rot-Weiß Moisling messen muss.“

Mit dem Hintern im warmen Sessel lässt sich leicht urteilen

Jan Christian Müller (FR 19.10.): “Nun wird er, wie einst Diego Maradona, eine ganze Zeit lang als Symbolfigur für Unfairness im Sport herhalten müssen. Neuville ist ein sensibler Mensch. Er muss jetzt stark sein. Das gilt erst recht für den Schiedsrichter Uwe Kemmling. Kein Mensch kann ihm und seinem an der Seitenlinie postierten Assistenten ernsthaft vorwerfen, das Handspiel nicht wahrgenommen zu haben. Aber das tun jetzt dennoch viele. Denen sei gesagt: Mit dem Hintern im warmen Sessel lässt sich leicht urteilen und noch viel leichter verurteilen. Es gibt aber im Sport, so profan es klingt, nun einmal auch Glück und Pech. Das gilt nicht nur für missglückte Flanken, die sich trotzdem ins Tor senken, sondern auch für die Position des Unparteiischen auf dem Spielfeld. Kemmling stand unverschuldet so unglücklich, dass er das Handspiel nicht gesehen hat. Wenn er aber Neuville befragt hätte, könnte er jetzt aus der Rolle des Opfers argumentieren. Stattdessen wird er nun als Mittäter beurteilt und darf sich darüber nicht beschweren.“

Ich war überzeugt, dass meine Entscheidung richtig war

Uwe Kemmling im Gespräch mit Stefan Hermanns (Tsp 19.10.)
Tsp: Haben Sie am Sonntag gut geschlafen, Herr Kemmling?
UK: Nein, wenn man im Nachhinein erfährt, dass man einen Fehler gemacht hat, wird man als Schiedsrichter nie ruhig schlafen. Natürlich habe ich mir über die entscheidende Szene Gedanken gemacht. Alles andere wäre auch unangemessen und unnatürlich. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass man sich nach einer derartigen Entscheidung äußerst unwohl fühlt und sich am liebsten vergraben möchte.
Tsp: Warum haben Sie Neuville nicht gefragt, ob er das Tor mit der Hand erzielt hat?
UK: Weil sich für mich im Spiel die Frage nicht gestellt hat, dass es überhaupt Handspiel war. In keinster Weise. Außerdem kann man nicht nach jeder strittigen Szene die Spieler befragen. Das haut nicht hin.
Tsp: Sie hatten keinen Zweifel?
UK: Im Spiel definitiv nicht. Ich war sogar der Meinung, dass der Kaiserslauterer Spieler ein Eigentor erzielt hat. Er hatte seinen Fuß fast in Kopfhöhe.
Tsp: Die Lauterer haben hinterher gesagt, 50 000 Menschen im Stadion hätten das Handspiel gesehen, nur drei Leute nicht: der Schiedsrichter und seine Assistenten.
UK: Dass solche Reaktionen kommen, ist doch verständlich. Aber man konnte das Handspiel nur direkt hinter dem Tor erkennen. Ich war überzeugt, dass meine Entscheidung richtig war.

Um Hamburger Belange muss sich ein Hamburger Jung kümmern

Thomas Doll hat seine Arbeit bei den Hamburger Profis aufgenommen, Ralf Wiegand (SZ 19.10.) berichtet: „Zumindest darf sich Doll der Wertschätzung der Hamburger Medien sicher sein, die Toppmöller auf eine Art und Weise aus der Stadt gejagt haben, als habe dieser Pest und Cholera über sie gebracht oder mindestens schlecht gerochen. Der Fußball-Romantiker vom Rhein, dem schon mal das Hemd aus der Hose hing und das Herz von der Zunge sprang, wollte in diese zwischen Tradition und Tratsch, Claqueuren und Cliquen zerrissene Stadt nicht passen. Hamburger sind ohnehin der Meinung, dass sich um Hamburger Belange am besten ein Hamburger Jung kümmern muss – Ole von Beust um die Politik, Freddy Quinn um die Musik, Aal-Dieter um die Fische und nun eben Thomas Doll um die Fußballer. Ein echter Hamburger ist freilich auch Doll nicht, aber wenigstens ein adoptierter. Schon einmal hat der Rostocker den Klub gerettet, als er sich 1991 für 15 Millionen Mark zu Lazio Rom transferieren ließ, und nach seiner Rückkehr 1998 wurde er so begeistert wieder aufgenommen wie ein Weltumsegler. (…) Den italienischen Fußball als Vorbild, pflegte Doll als Jugend- und Amateurtrainer das 4-4-2-System und wird dies auch den Profis verordnen. Verträumt blicken die Hamburger nach Bremen, wo die Beförderung des damaligen Amateurtrainers und Vereins-Inventars Thomas Schaaf in ähnlich prekärer Lage zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft führte.“

Der Doktor geht, nun kommt der Doktor

Felix Meininghaus (Tsp 19.10.) stellt den offensichtlichen Nachfolger Niebaums vor: „Der Doktor geht, nun kommt der Doktor: Am Sonntag gab Borussia Dortmund bekannt, dass der ins Straucheln geratene Präsident Gerd Niebaum sein Amt zur Verfügung stellen wird. Als Nachfolger wird bei der Mitgliederversammlung am 14. November aller Voraussicht nach Reinhard Rauball gewählt werden. Rauball ist keineswegs unbekannt in Dortmund: 1979 war er schon einmal Präsident des westfälischen Traditionsklubs, damals mit 32 Jahren der jüngste in der Bundesliga. Rauball ist promovierter Jurist – das ist nur eine Gemeinsamkeit mit seinem Nachfolger und Vorgänger. Ebenso wie Niebaum versteht er es auch, sich „mit geschliffener Rhetorik und geschmeidiger Argumentation“ (FAZ) zu profilieren. Nach seinem zwischenzeitlichen Ausstieg kehrte Rauball 1984 als BVB-Präsident zurück und bat seinen damaligen Freund Niebaum um Hilfe. Die Borussia war in finanzielle Not geraten, Niebaum engagierte sich unter Rauball als Vizepräsident im Notvorstand. Zusammen sanierten die beiden Anwälte den Klub. 1986 übergab Rauball die Amtsgeschäfte an Niebaum und arbeitete wieder als Jurist. Er vertrat unter anderem die Leichtathletin Katrin Krabbe im spektakulärsten Dopingfall der deutschen Sportgeschichte, Dressur-Olympiasiegerin Nicole Uphoff, den Boxer Graciano Rocchigiani und zahlreiche Trainer, die von ihrem Klub entlassen worden waren.“

Freddie Röckenhaus (SZ 19.10.) bemerkt dazu: „In einem „Kompromiss“, den einige als „faul“, andere als „für die Umstände elegant“ nennen, wird Alt-Präsident Rauball den Mitgliedern als Kandidat angeboten. Seine Wahl gilt als so gut wie beschlossen, Rauball genießt hohe Reputation und hohen Bekanntheitsgrad unter den Vereinsmitgliedern. Durchaus clever, bezeichnete er sich als „Anwalt der 24 000 Mitglieder des Vereins“ im Gezerre zwischen dem gescheiterten Duo Niebaum und Michael Meier, den Gläubigern und Banken, den Aktionären und vor allem dem einflussreichen und nicht zimperlichen Großaktionär Florian Homm. (…) Der Kompromiss, Niebaum als (angestellten) Geschäftsführer im Amt zu halten, wird allgemein als „sanfter Abgang“ für den gescheiterten Präsidenten gesehen. Niebaum bleibt so vorerst im Genuss seines Gehalts (soll bei über einer Million Euro im Jahr liegen). Dass die beiden Rechtsanwälte Rauball und Niebaum gut miteinander harmonieren werden, ist allerdings mehr als fraglich. In Dortmund ist lange bekannt, dass die beiden seit Jahren nur noch höflich und an der Oberfläche pragmatisch miteinander umgehen.“

Der kleine Doktor

Ob Rauball die Story Richard Leipolds (FAZ 19.10.) zum Image-Gewinn gereicht? “Rauball hat früh gelernt, wann er wie zu reden hat und wann er zu schweigen hat, schon vor vielen Jahren als Student der Ruhr-Universität Bochum. Als sein „Kleiner Schein“ im Öffentlichen Recht mit „befriedigend“, einer bei den Juristen veritablen Note, bewertet worden war, ging der ehrgeizige Rauball zum Sekretariat von Professor Ingo Münch und ließ sich die Anschrift des Assistenten geben, der „die elegante Lösung“ des Falles nicht höher hatte einschätzen wollen. Rauball traf den Gesuchten nicht an, sondern trank zunächst mit dessen Frau Kaffee. Später stieß der Assistent hinzu; es war Wolfgang Clement. Und Rauball verzichtete instinktiv darauf, sein ursprüngliches Anliegen vorzutragen. Drei Jahrzehnte später berief Clement, inzwischen Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Rauball zum Justizminister. Der Dortmunder Anwalt nahm das Angebot an und amtierte eine Woche lang, sah sich aber einen Tag vor seiner Vereidigung genötigt zurückzutreten. Als Notar habe er 1994 nicht die Genehmigung der Bundesnotarkammer dafür eingeholt, einen Posten beim amerikanischen Unternehmen Eurogas zu übernehmen. Der „kleine Doktor“, wie Rauball genannt wird, ist also affärenerprobt wie sein Vorgänger. Dennoch gilt er in höchster Not als Hoffnungsträger.“

Die beiden äusserlich gegensätzlichen Typen liegen in Sachen Fussball auf einer Wellenlänge

Ralf Rangnick hat sich in Schalke gut eingeführt – Martin Hägele (NZZ 19.10.): „Ob es die „Mainzelmännchen“ gut oder böse gemeint hatten, als sie zum Besuch des neuen Schalker Coachs Ralf Rangnick im ZDF-Sport-Studio noch einmal jene Taktik-Tafel aufbauten, an welcher sich der Sport- und Englisch-Pädagoge einst sein Professor-Image eingehandelt hatte, sei dahingestellt. In der selbstherrlichen Branche der Fussball-Lehrer und Altinternationalen hatte man es jedenfalls als Frevel empfunden, wie da ein eher intellektueller Typ mit randloser Brille, der gerade mit dem SSV Ulm für Furore in der zweiten Liga sorgte, mit einfachen Strichen und Figuren der Republik die „Raumdeckung“ vorführte – eine taktische Vorgabe, die beispielsweise Erich Ribbeck, der DFB-Teamchef jener Tage, nicht plausibel erklären konnte. In der Nacht zum Sonntag umschiffte Rangnick jedenfalls souverän diese redaktionelle Falle („bitte keine Tafel-Analyse mehr“) und verliess sich lieber auf seine rhetorischen und emotionalen Fähigkeiten, um den neuen Arbeitgeber und das, was er in den vergangenen zwei Wochen beim krisengeschüttelten Traditionsklub bewirkt und verändert hat, logisch zu beschreiben. Und auch die Frage zu beantworten, wie einer mit dem Etikett „Kopfmensch“ in einer Umgebung klar kommt, die bisher geprägt worden ist von Rudi Assauer, der fast alles aus dem Bauch heraus entscheidet. (…) Die beiden äusserlich gegensätzlichen Typen liegen in Sachen Fussball und Taktik auf einer Wellenlänge.“

Deutsche Elf

Vielleicht wird ja bald in Deutschland ein Platz frei

Müssen wir befürchten, dass Jürgen Klinsmann nicht mehr lange Nationaltrainer sein wird? Wenn man das FAZ-Interview mit Christoph Daum liest, könnte man den Eindruck gewinnen. Die FAZ fragt Daum, der beim Türkei-Spiel in den Verdacht geraten ist, sich ins Spiel zu bringen, in einem Ton, als ginge es um eine unsichere oder vakante Trainerstelle: „Vielleicht wird ja bald in Deutschland ein Platz frei. Würden Sie Klinsmann gerne beerben?“ Eine erstaunliche Frage. So weit ist es also schon, dass selbst die FAZ eine solche Vermutung gelassen ausspricht. Auf Daums Antwort, Klinsmanns stehe „nicht zur Disposition“, entgegnet die FAZ: „Das sehen viele in Deutschland anders“. Das Erschreckende daran: Es ist nicht einmal auszuschließen, dass diese Behauptung stimmt. Die Berliner Zeitung kennt ihre Pappenheimer: „Klinsmann wird bereits bereut haben, Daum im Kreis der Nationalmannschaft empfangen zu haben. Nach dem 1:2 gegen die Türken kritisierte Daum im Aktuellen Sportstudio die Arbeit des Bundestrainers. Dabei hatte Daum zuvor seine Geradlinigkeit gelobt. Klinsmann sei keiner, der heute so und morgen so rede.“ Auch die Sport Bild fragt, in einem Interview mit Günter Netzer, nach dem Sinn eines Trainerwechsels (Netzer verneint), als wär’s eine Frage nach dem Wetter und keine Infragestellung.

In den letzten Tagen liest und hört man oft eine Wendung in der „Wohnsitzdebatte“, die vordergründig Klinsmann zu entlasten scheint. Daum sagt der FAZ: „Es ist nicht richtig, die Sache nur Klinsmann anzukreiden. Es war vorher abgesprochen und abgesegnet worden.“ Und Schalkes Andreas Müller sagt der Sport Bild: „Der Fehler liegt beim DFB, der genehmigt hat, daß Klinsmann weiter in den USA wohnen bleiben kann.“ Ein schwaches Argument und für Klinsmann nicht mal eine schwache Hilfe – wenn es denn eine Hilfe sein soll und nicht eine Krokodilsträne. Was sich als Schutz verkleidet, bedeutet nichts anderes als: Klinsmann sei erneut so verschlagen gewesen, dem DFB die Vertragsbedingungen zu diktieren – in Teilen sogar zum Schaden des DFB. Es heißt auch: Klinsmann müsse nach Deutschland. Perfide!

Zu viele E-Mails machen krank

Weiteres aus der Abteilung Stimmung: Die Sport Bild widmet sich heute aufmerksam der Debatte um Klinsmann, jedoch im ausgewogenen Ton. Das war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, nachdem ihre Mutter, die Bild-Zeitung, sich eine Woche in Klinsmanns kalifornische Waden verbissen hat (siehe indirekter-freistoss v. 17. und 18. Oktober). Im Editorial heißt es, die Bundesliga-Manager mahnend: „Was die Manager vergessen: Klinsmann hat gegen sie Totschlag-Argumente. Offenbar werden deutsche Klubs so geführt, daß der letzte Triumph im Europapokal über vier Jahre zurückliegt.“ Und auch die Sport Bild stützt den Verdacht, nur die Bayern-Spieler seien fit; es scheint tatsächlich zu stimmen. Die Bild-Zeitung gibt sich heute versöhnlich und schreibt sich die Ankündigung „Klinsis“, so nennen sie ihn trotz aller Angriffe auf ihn noch immer, „öfter in Deutschland sein“ zu wollen, aufs eigene Konto. Die Warnung auf Seite 1, „zu viele E-Mails machen krank“, ist übrigens keine Anspielung auf die Kommunikation des Nationaltrainers, und Bild wird sie, versprochen!, nicht gegen ihn verwenden.

Dienstag, 18. Oktober 2005

Champions League

Über deutsche Mannschaften

Über deutsche Mannschaften

Werder Bremen ist in den Augen der Redakteure ein deutscher Vorzeigeklub, auch wenn sie in der Champions League selten glänzen. Gründe für diese Anerkennung: erstens die vielen Tore, zweitens die Bescheidenheit und Geduld ihrer Vereinsvertreter, drittens der Stoizismus, mit dem die Bremer Leid hinnehmen und Verlust und Abschied verkraften. Bei Bayern München dreht sich viel um die Zukunft Michael Ballacks, dem manche Autoren vorhalten, seine Vorgesetzten spüren zu lassen, mit welch Umgarnten sie es zu tun haben. Die Fans, dazu müssen wir nicht mal Zeitung lesen, dulden Ballack, doch sie lieben ihn nicht.

Team mit dem besten Immunsystem der Liga

Christof Kneer (SZ) bewundert die Schmerzverträglichkeit der Bremer: „Heute ist Werder längst nicht mehr der Gegenentwurf zum FC Bayern, aber was er jetzt genau ist, ist noch nicht ganz entschieden. Als Bundesligatabellenführer sind die Bremer nach Italien aufgebrochen, und bei solchen Reisen merken die Bremer stets, dass sie ein wenig zwischen den Welten hängen. In der heimischen Liga spielt keiner einen hinreißenderen Fußball als diese Mannschaft, in der sich dank Thomas Schaaf eine fast französische Kombinationskultur verselbstständigt hat. Aber wenn die Bremer das Land verlassen, hält sich der Respekt vor ihnen in Grenzen. (…) Abseits der Tagesaktualität hat sich eine gewisse Gelassenheit breit gemacht im Klub. In Bremen wissen sie, dass Champions-League-Sorgen eigentlich schöne Sorgen sind für ein Team, dem jährlich die besten Kräfte abhanden kommen. Werder ist das Team mit dem besten Immunsystem der Liga. Fast scheint es, als würde sich die Elf einen Spaß daraus machen, umso entschlossener zu gesunden, je mehr Wunden man ihr schlägt. Man muss immer noch mal sagen, dass in den letzten Jahren unter anderem Pizarro, Rost, Frings, Ailton, Krstajic, Ernst und Ismaël an die Konkurrenz verloren gingen, und immer haben die Bremer kurz getrauert, sich geschüttelt und einfach weiter Fußball gespielt. Sie machen das auch nach Niederlagen so, sie verlieren 2:7 in Lyon und besitzen die Frechheit, nicht zusammenzubrechen. Über die Jahre ist aus dem SV Werder eine eindrucksvolle Selbsthilfegruppe geworden, und die Hilfe zur Selbsthilfe leisten Trainer Schaaf und Manager Allofs.“

Welt: Udine verkauft seine Stars aus Prinzip

Business-Mann im Fußballtrikot

Heinz-Wilhelm Bertram (FTD) schildert das Zögern Michael Ballacks: „Die Frage, ob Ballack den FC Bayern verlässt, ist zu einer quälenden Hängepartie für den FC Bayern geworden. Braucht einer wirklich Monate, um zu wissen, wo er demnächst arbeiten wird? Ballack macht die Klubführung mit seiner Hinhaltetaktik konzeptionell handlungsunfähig, er lässt die Bosse ausgerechnet bei der Frage der personellen Planung im zentralen Mittelfeld im Ungewissen. Warum verhält er sich so unkooperativ gegenüber seinem Arbeitgeber? Die Antwort ist einfach: Ballack bockt aus gekränkter Ehre. Der Spieler hat nicht vergessen, dass er in der vergangenen Saison Spielball der Verhandlungspartner FC Bayern und FC Barcelona war. Ballacks hartnäckige Weigerung, sich zu seiner Zukunft zu äußern, deutet darauf hin, dass er mit dem FC Bayern abgeschlossen hat. (…) Dieses Mal ist Uli Hoeneß der Spielball. Hilflos und verärgert muss der Manager ansehen, wie ihn der Protagonist des neuen FC Bayern zappeln und hängen lässt, vielleicht sogar zum Narren hält. Und ein alles andere als fruchtbares Binnenklima schafft. Nichts ist Hoeneß verhasster als Vakanzen solcher Art, und so könnte sich eine Ära dem Ende zuneigen, die nie von großer Gegenliebe gekennzeichnet war. Für die Mehrzahl der Fans ist Ballack ein Businessmann im Fußballtrikot, ohne Kanten, ohne Konturen, ohne Herzensbekenntnis zum Klub.“

Über ausländische Mannschaften

Wenn die Journalisten Juventus beschreiben, bekommen sie leuchtende Augen. Trainer Fabio Capello gilt ihr großer Respekt. Allerdings leidet Juventus, wie der gesamte italienische Vereinsfußball, unter Zuschauerschwund und Krach hinter den Kulissen. Ajax Amsterdam, die Holländer unter den Holländern – spielstark, systemsicher, gut anzusehen, aber schwach im Torschießen, lautet sein Ruf.

Maulfauler Weltmann

Dirk Schümer (FAZ) nennt Turins Stärke: „Die selbstbewußte Juve, deren Ziel der Gewinn der Champions League ist, gebärdet sich wie eine Katze, die geduldig mit dem Mäuschen spielt – bis es verspeist wird. (…) Die Ursache für die derzeitige Unbesiegbarkeit liegt zuerst beim Trainer: Fabio Capello, ein bei Real Madrid gereifter Weltmann auf der Bank, der dennoch stets der harte, maulfaule Friulaner aus einem Dorf bei Udine geblieben ist. Capello hat seine Startruppe fest im Griff, mischt den Kader immer mal wieder überraschend auf. Dieser Trainer kann es sich leisten, einen teuren Verteidiger wie Robert Kovac zu verpflichten, ihn aber nicht einzusetzen. Fazit: Wer in München Stammkraft ist, muß sich in Turin ganz hinten anstellen.“

FR: Robert Kovac verließ den FC Bayern München als Stammspieler und sitzt nun bei Juventus Turin nur auf der Bank

Kunstsammler, Gourmet, Opernfreund, Ästhet

1:0, Juves Muster – Birgit Schönau (SZ): „Es ist Capellos Lieblingsresultat, keine Frage, aber es muss sich nicht unbedingt Minimalfußball dahinter verbergen. Capello, der Kunstsammler, Gourmet und Opernfreund, ist ein Ästhet, für den ein wohl gesetztes, taktisch rundes und technisch ziseliertes Einszunull höhere Perfektion birgt als ein ausuferndes, farbiges, aber chaotisches Vierzudrei. (…) Und doch knirscht es im Gebälk. Der Klub mit den angeblich meisten Fans weltweit hat zu Hause immer weniger Publikum, das Spielzeug der einstigen italienischen Ersatz-Königsfamilie ist erschüttert von Skandalen.“

Verstopfung

Bertram Job (NZZ) diagnostiziert anschaulich das Amsterdamer Leiden: „‚Afronding’ – so lautet der niederländische Begriff für die Fähigkeit, eine ansprechende Leistung erfolgreich zu beenden. Es ist eine unabdingbare Tugend im Profifussball, weil sogar in Holland nach Toren und Punkten gewertet wird statt nach der schöneren oder überlegenen Spielweise. Doch genau das ist zurzeit das auffallendste Defizit bei Ajax Amsterdam: Die hoch eingeschätzte Equipe mit einem Transferwert von rund 83 Millionen Franken hat erkennbare Mühen, ihre Dominanz auf dem Spielfeld in Ergebnisse umzusetzen. Ajax, der stolze Krieger, ist wegen der strategischen Verstopfung zum Patienten geworden. (…) Es rumpelt und rumort in der Mitte des Amsterdamer Spiels wie in einem hektisch bewegten Darmtrakt. Je tiefer der Gegner jedoch in seiner Hälfte gestaffelt steht, desto verkrampfter müht sich das junge Ensemble um Erleichterung.“

FR: Meister FC Barcelona schwächelt in Spaniens Liga

WamS: Fenerbahce Istanbul will hoch hinaus und bald die Champions League gewinnen

Tsp: der überraschende Aufstieg des FC Thun

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