Mittwoch, 5. April 2006
11 Freundinnen
Tiefer Fal
Frank Neumann (FAZ) bedauert das Ende des FSV Frankfurt: „Die Geschichte der Fußballfrauen des FSV Frankfurt liest sich wie ein Klassiker von hohem Aufstieg und tiefem Fall eines einst übermächtigen Teams. In den achtziger und neunziger Jahren war der FSV im Frauenfußball Vorreiter und Maß aller Dinge. Drei Meistertitel gewannen die Frauen vom traditionsreichen Bornheimer Hang, zum letzten Mal 1998, fünfmal wurden sie Pokalsieger, zweimal holten sie den mittlerweile eingestellten DFB-Super-Cup. Doch seit einigen Jahren ist das Team, das 18 Nationalspielerinnen hervorgebracht hat, ins Straucheln geraten. In der vergangenen Saison überschlugen sich die Ereignisse, als der Vertrag mit dem von der Mannschaft geschätzten Trainer Frank Fahle nicht verlängert wurde. Mit ihm verließ fast der komplette Kader aus Protest den Verein, darunter die letzten bundesligatauglichen Spielerinnen wie Saskia Bartusiak oder Nationalstürmerin Sandra Smisek. 14 neue Spielerinnen kamen, die nach Ansicht von Experten noch nicht einmal regionalligatauglich sind. Mit einem Etat von 90.000 Euro, der zum Großteil aus den Fernsehgeldern des Deutschen Fußball-Bundes stammt, ist Besseres nicht machbar. Die Prügel, die die FSV-Frauen in dieser Spielzeit auf dem Platz bezogen haben, dürften selbst im schon immer unter großen Klassenunterschieden leidenden Frauenfußball beispiellos sein. Der Abstieg steht fest, und auch das Schicksal der ersten Mannschaft ist längst besiegelt. Es wird sie nach dieser Saison nicht mehr geben. Die Lizenz für die zweite Liga soll an den in der Region liegenden Klub Rot-Weiß Großauheim weitergegeben werden. Beschlossene Sache ist die geplante Wiederauferstehung unter neuem Namen aber noch nicht.“
FR: Eine Ära neigt sich dem Ende – heute steigt das wohl vorletzte Frankfurter Frauenfußball-Derby
Bundesliga
Schlecht vernetzt
Jan Christian Müller (FR) kommentiert die Entlassung Jürgen Kohlers: „In den weniger gut informierten Teilen der Fußballszene ist es leider üblich, eine gewisse Ball- und Grätschfähigkeit allzu sorglos zum Anlass zu nehmen, demjenigen eine entsprechende Fähigkeit als Führungskraft zuzutrauen. Das neuerliche Scheitern des Jürgen Kohler, diesmal in der persönlichen Rekordzeit von nur 108 Tagen, ist deshalb auch ein hinreichender Hinweis darauf, dass der Duisburger Baumeister Walter Hellmich in der Bundesliga weit schlechter vernetzt ist als in der Baubranche. Hellmichs teurer Irrtum dürfte nun aber dazu geführt haben, dass in Zukunft ab Landesliga aufwärts kein Klub mehr Wert auf eine Zusammenarbeit mit Kohler legt. Und wenn doch? Selber schuld.“ Ulrich Hartmann (SZ) ergänzt: „Hellmich ist Bau-Unternehmer. Er wirkt immer so, als gebe es dringend etwas zu reparieren. Das passt zum MSV. Die Mannschaft wird nach nur einer Saison wohl wieder in die zweite Liga absteigen, dort ist eine sportliche Sanierung nötig. (…) Hellmich sagt gern, der MSV sei ein Klub der schnellen Entscheidungen. Er ist einer der letzten Patriarchen der Bundesliga. Hellmich ist kein Fußballfachmann, trotzdem zieht er nicht für alles Spezialisten zu Rate.“
Überschätzung
Stefan Hermanns (Tsp) rät Kohler, seinen Anspruch zu senken: „Kohlers Geschichte als Trainer ist die Geschichte einer Überschätzung. Vor zwei Jahren nahm der VfB Stuttgart Abstand von einer Verpflichtung des Berufsanfängers Kohler, weil er erstaunlich erwachsene Gehaltsvorstellungen hegte. Kohler ist 1990 als Spieler Weltmeister geworden, das hat sein Selbstverständnis geprägt. Bei seinen früheren Mitstreitern Lothar Matthäus, Pierre Littbarski, Guido Buchwald und Andreas Brehme ist es nicht anders gewesen. Sie haben erst lernen müssen, dass ein großer Spieler nicht automatisch ein großer Trainer wird – und dass sie neben dem Platz mehr arbeiten müssen als früher auf dem Platz. Es gibt also noch Hoffnung für den Malocher Kohler, auch wenn die Hoffnung in nächster Zeit wohl eher in Japan, Österreich oder Serbien zu Hause sein wird.“
Kein Konzept, keine analytische Kraft, keine Motivationsfähigkeit
Auch Roland Zorn (FAZ) empfiehlt dem Weltmeister, kleinere Brötchen zu backen: „Die deutschen Weltmeister des Jahrgangs 1990 verbindet nicht mehr allzuviel. Die Elf, die damals den Titel eroberte, mutet 16 Jahre später eine Spur heimatlos, ein bißchen orientierungslos – und manchmal auch kurzzeitig arbeitslos an. (…) Vielleicht hing der eine oder andere, auch der kickende Malocher Kohler, zu lange dem Verwöhnaroma des seinerzeit kommerziell blühenden Fußballs an, um sich danach gründlich genug mit den Aufgaben eines Fußball-Lehrers anfreunden zu können. Kohler schmiß 2003 nach knapp acht Monaten seinen Job als Coach der deutschen U21-Mannschaft und folgte dem Leverkusener Lockruf des Geldes. Dort trat er als Sportdirektor nicht weiter in Erscheinung. In Duisburg versiebte der Weltmeister binnen vier Monaten in einem allerdings amateurhaften Umfeld seine erste Bundesliga-Trainerchance mit Auftritten, von denen nichts in Erinnerung bleibt. Kein Konzept, keine analytische Kraft, keine Motivationsfähigkeit – Jürgen Kohler wirkte schlecht vorbereitet und dazu überfordert in seinem Rettungsdienst beim MSV, bei dem er schließlich selbst zum Notfall wurde. Nun ist er weg und hinterläßt keine Spuren. Der ‚Fußballgott‘ versteht die Welt nicht mehr, der Weltmeister ist von gestern – Jürgen Kohler muß allmählich damit anfangen, den Trainerberuf von der Pieke auf zu lernen.“
FR: Vorzeitiges Ende eines Irrtums
Deutsche Elf
Klinsmann wirkt überzeugt von dem, was er tut
Eishockey-Bundestrainer Uwe Krupp im Interview mit Daniel Stolte (Welt)
Welt: Sie leben in den USA. Ihr Amtskollege aus dem Fußball Jürgen Klinsmann wird aus dem gleichen Grund regelmäßig und viel kritisiert.
Krupp: In den dreieinhalb Monaten meiner Amtszeit habe ich sogar festgestellt, daß es grundsätzlich ein Vorteil ist, als Bundestrainer nicht in Deutschland zu leben. Denn würde ich jeden Tag sämtliche deutschen Zeitungen lesen, würde mich das sicher zu einem gewissen Grad in meinen Entscheidungen beeinflussen. Ich bin mir sicher, Jürgen geht es genauso.
Welt: Haben Sie mit ihm schon mal über dieses Thema gesprochen?
Krupp: Nein, wir haben uns bis jetzt noch nicht kennengelernt. Ich würde aber gern, denn ich erkenne Parallelen zwischen uns. Allerdings sitzt er im Vergleich mit mir auf einem riesigen Pulverfaß.
Welt: Würden Sie als Fußball-Bundestrainer auch in den USA wohnen bleiben?
Krupp: Wenn ich, wie es bei Klinsmann wohl der Fall ist, den Job unter diesen Voraussetzungen angetreten hätte, dann in jedem Fall. Klinsmann wirkt überzeugt von dem, was er tut. Er bleibt seiner Linie auch gegen Widerstände treu. Das finde ich zunächst gut. Ob es auch richtig ist, weiß man aber erst später. Jedenfalls wird der Job, den er macht, weltweit respektiert – sogar hier in den USA, wo Fußball bestimmt nicht zum Tagesgeschehen zählt.
Welt: Das klingt, als ob Sie all zu negatives Denken der Deutschen beklagen? Überhaupt wirken Sie, typisch amerikanisch, immer positiv gestimmt und vorwärts denkend. Klinsmann ist ähnlich.
Krupp: Vieles davon ist antrainiert. Ich bin in dieser Hinsicht ein Produkt meiner Karriere, meiner Umgebung und der Trainer, die ich hatte. Ich habe auch noch nie ein Team erlebt, das ohne diese Einstellung erfolgreich war. Deshalb komme ich trotzdem manchmal nach Hause und trete den ersten Stuhl um, der mir in den Weg kommt. Aber das müssen meine Spieler nicht sehen. Joe Sakic begrüßte mich bei Olympia immer noch als ‚Sauerkraut‘, was ein Wortspiel ist für den manchmal negativ gestimmten Deutschen, der ich früher war.
Welt: Klinsmann will auch von Trainern anderer Sportarten lernen. Halten Sie das für sinnvoll?
Krupp: Warum soll ich mich nicht der Informationen aus verwandten Sportarten bedienen? Wer heute wie vor 20 Jahren trainieren läßt, gewinnt angesichts der Entwicklung des Spiels und der Spieler keinen Blumentopf. Bei so vielen verschiedenen Einflüssen, wie es sie heutzutage gibt, mußt du als Trainer entweder selbst sehr engagiert sein oder dich mit Experten in den vielfältigsten Gebieten umgeben. Vielleicht herrschte im Fußball zu lange das Denken: Wer soll uns schon noch was beibringen können?
FAZ: Torwartduell Kahn gegen Lehmann – ein Check
Tsp: noch ein Check
Dienstag, 4. April 2006
Champions League
Die Welt ist ungerecht
Paul Ingendaay (FAZ) leitet Villareals stolzen Drang nach oben aus Spaniens Politik, Geschichte und Kultur ab: „Um zu wissen, was der Villarreal Club de Futbol ist, muß man sehr weit hinuntersteigen, nicht nur in den Provinzfußball, sondern in die Mentalität eines zentralistisch regierten Landes, das neben der Hauptstadt Madrid nur noch Barcelona als Metropole akzeptiert. Zwischen diesen beiden Städten spielt sich fast alles ab, in der Politik, in der Kultur und im Sport. Die Traditionsvereine Real Madrid und der FC Barcelona sind so mächtig, daß nicht einmal für Valencia, die drittgrößte Stadt Spaniens, viel übrigbleibt. Am 9. Oktober, dem Feiertag der Region Valencia, kann man sich vom verletzten Ego dieser Gegend einen guten Eindruck verschaffen. Warum nur, fragen die Sonderbeilagen der Zeitungen, dringt der Ruhm der Region nicht nach draußen? Und warum kümmert es niemanden, wenn der FC Valencia spanischer Fußballmeister wird? Leider gibt es darauf keine Antwort außer der einen: Die Welt ist ungerecht. Fühlt sich schon Valencia übergangen, läßt sich leicht ausmalen, wie es kleinen Vereinen aus der Nachbarschaft wie Levante und Villarreal ergeht. Dabei hat der Aufstieg von Provinz- oder Vorortklubs für einige der erfreulichsten Überraschungen der Primera Division gesorgt. Denn alles, was bei den Großen gelegentlich schiefgeht, wird hier genauestens beachtet. Das zeigt auch die Geschichte des 1923 gegründeten Villarreal Club de Futbol. Nach langem Dahindümpeln in der dritten Liga oder darunter spielte der Klub aus der Provinz Castellon von 1992 an in der Segunda Division, stieg 1998 in die Primera Division auf, sank gleich darauf wieder ab und hat sich seit dem unmittelbar folgenden Wiederaufstieg in Spaniens höchster Spielklasse etabliert. Das ist noch nicht lange genug, um sich der Sache auf alle Zeiten sicher zu sein, aber die Bilanz der letzten drei Spielzeiten ist mehr als solide.“
BLZ: Juan Roman Riquelme will den FC Villarreal, einen Klub der Gescheiterten, ins Halbfinale der Champions League führen
Produkt der schönen neuen Welt
Olympique Lyon, Frankreichs reiner Vorzeigeklub – Ralf Itzel (FTD): „Nur ein französischer Vertreter konnte den wichtigsten Wettbewerb des Kontinents bisher gewinnen, Olympique Marseille 1993. Es war das Werk des Zampanos Bernhard Tapie, der den Klub mit allen Mitteln in den Himmel katapultierte, von wo er bald wieder abstürzen sollte. Lyon und sein Präsident sind das Gegenmodell. Jean-Michel Aulas, Boss einer Software-Firma, hat den Klub seit 1987 mit solider Arbeit aus der zweiten Liga in Europas Elite geführt und den verschuldeten Verein in eine blühende Firma verwandelt, die Erfolg garantiert. Einer Studie zufolge stehen die Lyoner auf Rang 13 in der Liste der reichsten europäischen Klubs. (…) Weil die Konkurrenz im Land allenfalls durch Skandale Aufsehen erregt, ist OL zur gesamtfranzösischen Angelegenheit geworden.“ Christian Eichler (FAZ) vergleicht Lyon mit Marseille: „Aulas baute den Klub nach Vorbild des FC Bayern solide und geduldig zu einem vorzeigbaren Fußball-Unternehmen. Mit dem Budget von rund 100 Millionen Euro ist Lyon der Konkurrenz in der Division 1 so überlegen, daß das Titel-Abo fast feststeht. Nun soll die europäische Promotion gelingen. (…) Lyon will eine Lücke schließen: als erster französischer Klub Europas Krone mit sauberen Mitteln gewinnen. Von den schmutzigen Deals der Tapie-Ära, vom mafiosen Gestrüpp des Südens ist der Aufstieg des Klubs aus der bürgerlichen Rhone-Metropole Lichtjahre entfernt. Olympique Lyon gibt sich als modernes Fußball-Unternehmen, ein Produkt der schönen neuen Welt der Champions League.“
NZZ: Der grosse Blonde mit dem schwarzen Schuh – Milan hofft auf Stürmer Schewtschenko
NZZ: Benfica glaubt an den grossen Coup im Camp Nou
Ball und Buchstabe
Tauchen verboten
Mangelhafte Integration? Raphael Honigstein (SZ) berichtet von einer Anti-Schwalben-Kampagne in England, provoziert durch Täuschungen und Täuschungsversuche vieler ausländischer Spieler: „In Deutschland herrschen zwar noch nicht Verhältnisse wie in südeuropäischen Ländern, wo Schwalbenspezialisten vom Schlage Inzaghi als Schlingel bewundert werden, doch das Verhältnis zu Schummlern ist recht ambivalent. Das hängt womöglich auch damit zusammen, dass Deutschland zwei Weltmeisterschaften mit Hilfe von, nun ja, diskussionswürdigen Elfmetern gewonnen hat. England verfolgt die zunehmende Fallsucht seiner Liga mit wachsender Sorge. Theaterspielen ist unmännlich, unehrlich, unbritisch; man sieht die fußballerische Leitkultur gefährdet. Im Februar nahm sich die Times des Themas in einem Leitartikel an, das Blatt rief eine ‚Say No To Diving‘-Kampagne ins Leben, die von zwölf Ligavereinen und der Football Association unterstützt wird. In Tausenden von Schulen und Vereinen wurden ‚Tauchen verboten‘-Poster verteilt, und Verbandschef Brian Barwick setzt sich gerade bei der Fifa dafür ein, dass Übeltäter nachträglich gesperrt werden können. Er regt für die WM eine Regeländerung an, die rote Karten für besonders perfide Schauspieleinlagen vorsieht. (…) Vergangene Woche ereignete sich etwas Unerhörtes an der Stamford Bridge. Chelsea-Stürmer Didier Drogba, der zweifache Torschütze, wurde wenige Minuten vor Schluss zum Man of the match gewählt – und von den eigenen Fans ausgepfiffen. Man mag den Stürmer von der Elfenbeinküste auf der Insel nicht mehr, selbst die Anhänger der Blauen haben ihm die Freundschaft gekündigt. Die Engländer stören sich dabei keineswegs nicht an Drogbas Leistung, sondern vielmehr an seiner Berufsmoral: Der 28-Jährige hat sich in den zurückliegenden Monaten einen Ruf als diver (Schwalbenkönig) und cheat (Schummler) erarbeitet – etwas Schlimmeres kann einem Premiere-League-Profi nicht passieren.“
Lingua Franca der Stutzen und Bälle
Unter dem Titel „Die Welt ist alles, was der Ball ist“ dekliniert Gerhard Matzig (SZ/Feuilleton) das Sprachspiel Fußball in seiner aktuellen Ausprägung: „Derzeit kann man sich den Job der Marketingexperten wie einen Elfer ohne Torwart vorstellen. Im WM-Taumel lässt sich jedes Produkt auch als Appendix des globalistischen Fußballs begreifen. Weltweit werden jährlich zwei Milliarden Euro mit ‚fußballaffinen Produkten‘ umgesetzt. Aber nun ist einfach alles fußballaffin: Fonds, Schlüsselanhänger, Versicherungen und Kinderhochbetten. Der Umsatz jenseits der zwei Milliarden muss also gewaltig sein. Es gibt kaum Produkte, Firmen oder Sphären, die nicht vom Fußball profitieren wollen. (…) Die Fußballwoge ist natürlich der WM geschuldet. Neu sind aber die Dimensionen dieses La-Ola-Tsunamis, die ahnen lassen, dass es inzwischen eine Art Universalcode fußballaffiner Chiffren gibt. Eine Lingua Franca der Stutzen und Bälle als dominante Sprache der Gegenwart. Ein Zeichensystem ist entstanden, das alles umfasst. Das ist es, was auch nach dieser WM bleiben wird. Denn alles, was sich als ästhetisch machtvolles Zeichen auf den Oberflächen niederschlägt, hat die Gesellschaft bereits im Innersten durchdrungen. Es geht nicht um das Spiel und nicht um den Sport – auch nicht ums Geld. Es geht um eine Idee: um die Idee der überörtlichen, beliebig transformierbaren Gemeinschaft.
Es ist die Idee einer neuen Art von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Selbstvergewisserung. Aber nur als Substitut dessen, was früher einmal Öffentlichkeit bedeutet hat. Das markiert auch den Unterschied zu früheren WM-Jahren, früheren Fußballbegeisterungen, früheren Fußballgeldmaschinen und früheren Betonschüsseln. Der Fußball hat sich – auch abseits der 6,2 Millionen Mitglieder, die allein im DFB organisiert sind – zu einem letzten Allgemeingut entwickelt, dessen Chiffren überall verständlich sind. Sie bedeuten aber nicht etwa ‚Schnelligkeit‘, ‚Kraft‘ oder gar etwas so Altmodisches wie ‚Fairness‘, sondern nur noch ‚Wir‘. Und darauf kommt es an. Das Fußballfeld, diese Fläche, auf die man sich als Ort ritualisierter Sinnstiftung geeinigt hat, soll unfassbare Größenverhältnisse begreifbar machen. Es ist Größenmaß, Währung und neue Weltsprache zugleich. Wobei der Ort der größten Öffentlichkeit paradoxerweise exakt die Stätte ist, die am wenigsten öffentlich gemeint ist: der hierarchisch strukturierte Privatbesitz der modernen Club-Arena – von Sicherheitskräften bewacht und von Kameras ausgespäht. Die Arenen haben Kathedralen, Rathäuser, Paläste und Museen als kulturelle Identitätsstifter verdrängt. Und sind doch perfiderweise am wenigsten ‚öffentlich‘. Kirchen werden profanisiert, Marktplätze verkümmern zu Shopping-Malls, Bahnhofshallen und Terminals verwandeln sich in Business-Areas, Wohnviertel mutieren zu ‚Gated Communities‘: Der öffentliche Raum geht überall verloren. Geblieben ist jedoch die Sehnsucht danach. Und die soll durch die Arenen und die darin versammelten Zeichen und Subzeichen gestillt werden.“
Bundesliga
Es ist ein Elend
Sittenverfall auf den Spielfeldern der Bundesliga am Beispiel Schalke gegen Hamburg, Michael Ballack sei der schlimmste, auch van der Vaart simuliert gerne, in Hannover bröckelt’s, u.v.m. (mehr …)
Ascheplatz
Mahlstrom der Geldvernichtung
Matti Lieske (BLZ) unterstützt, ausnahmsweise, die Fifa in ihrer Ablehnung der „G14“-Forderung nach mehr Geld: „Wofür die Vereine das ganze Geld, wenn sie es denn erhalten, ausgeben, lässt sich sehr schön am Beispiel Leverkusen ablesen. Nicht an jenen Beträgen, deren Verbleib ungeklärt ist, sondern an denen, die laut Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser ’sauber dokumentiert‘ seien. Demnach haben die Leverkusener dem Spieler Cacau und seinem Berater 295.000 Euro bloß dafür gezahlt, dass er sich ihr Angebot anhörte. Er ging dann doch zum VfB Stuttgart. Natürlich sind es nicht die Leverkusener allein, die Berater mit Geld zuschütten oder Spielern lange vor Vertragsschluss die Konten füllen. Bayern München hatte die 10 Millionen Euro auf einem Konto von Sebastian Deisler 2001 als Darlehen deklariert. So was verstieß damals gegen die Statuten des DFB, scherte dort aber keinen. So ist es halt, wenn Kommerz den Sport regiert, könnte man sagen, doch das greift zu kurz. Nirgends regiert der Kommerz den Sport so klar wie in den USA. Aber dort werden Berater von den Spielern bezahlt, Transfers unterliegen strikten Regeln, Verstößen folgen drastische Strafen. Im europäischen Fußball hingegen tun die Vereine, was sie wollen. Dass es die Fifa ablehnt, ihre Einnahmen diesem Mahlstrom der Geldvernichtung anheim zu geben, kann man ihr bei allen Vorbehalten der selbsternannten Weltregierung des Fußballs gegenüber kaum verübeln.“
Montag, 3. April 2006
Internationaler Fußball
Aus Träumen wächst Demut
Real Madrid, trotz dem 1:1, Lichtjahre von Barcelona entfernt – Ronald Reng (FR): „Real erstritt sich das Unentschieden so wie auch der Elfte oder Letzte der Liga versuchen, in Barcelona zu überleben: Mit allen Mann in der eigenen Hälfte, im epischen Abwehrkampf. In der bewegten Geschichte dieses Duells war dies nur der Abend der billigen Effekte. So ging ein Meisterschaftskampf zu Ende, der nie einer war. Vertreten durch Real, hat Barças Konkurrenz ihren diesjährigen Standard endgültig nachgewiesen: Die Primera Division, zwischen 1999 und 2004 die beste Liga der Welt, hat Niveau verloren. Wer Außenseiter liebt, mag sich am Drittplazierten Osasuna erfreuen, aber international höchste Güte hat die Elf ebenso wenig wie Valencia. Villareal kennt Konstanz nicht. Und Real? Ach, Real. Einige Tage vor dem Spiel war Cicinho ins Training gekommen und hatte zu Beckham gesagt: ‚Ich habe von Ronaldinho geträumt.’ Und zusammen hatten sie sich ausgemalt, wie sie gegen Barças Weltfußballer eines dieser Spiele liefern würden, die man nicht vergisst. War das der größte Erfolg: Dass es in dieser desillusionierten Elf nach drei Jahren ohne Trophäe noch Spieler gibt, die träumen? Aus Träumen wuchs eine neue Demut: Seit einer Ewigkeit spielte Real nicht mehr so diszipliniert, so geordnet, so bedingungslos defensiv wie jetzt. Real mangelt es weiterhin an Richtung und Verstand, das demonstrierte Roberto Carlos. Wie er sich bereits in 25. Minute wegen Schiedsrichterbeschimpfung die Rote Karte abholte, war keine Dummheit. Es war: Verrat am Teamgedanken. Keine Spitzenelf kann auf Dauer so viel blinde Passagiere durchschleppen wie es diese Elf noch immer muss: Von Zinedine Zidane kein Lebenszeichen, Raúl, ein Schatten, auf der Ersatzbank, Beckham mit seinem chronischen Rückenleiden kämpfend. Ob der neue Präsident Fernando Martin der richtige Mann ist, eine neue Dynastie zu gründen, darf bezweifelt werden, nicht nur weil er sich als Immobilienhändler mit den müden Helden seiner Elf geschäftlich verbunden hat; gute Kunden wirft man schwerlich raus. Auch offenbarte er eine erstaunliche Weltfremdheit, als er verkündete, Reals neuer Trainer werde einer der sieben namhaftesten Trainer der Welt, wie Arsène Wenger oder José Mourinho – von denen jedoch wird kaum einer zu bekommen sein. (…) Für Barça war es nur ein clásico light, koffeinfrei.“
Keine Herausforderung
Paul Ingendaay (FAZ) fügt hinzu: „Es lag an dem vielgeschmähten Ronaldo, daß die Ehre des neunfachen Champions-League-Gewinners gerettet wurde. Nach einem Paß von Baptista nahm der übergewichtige Stürmer Tempo auf wie ein Büffel, gewann das Laufduell gegen Motta und überlistete Barcelonas Torhüter Valdes mit einem sehenswerten Heber. Mehr hat der krisengeschüttelte, seit 2003 titellose Klub in diesen Monaten nicht zu bieten. Hier und da ein Glanzlicht, ein Aufflackern alter Kunst und Leidenschaft. Doch kein Denken an eine kontinuierliche Saisonleistung, schon gar nicht an epische Duelle mit den besten Mannschaften Europas. Angesichts dieser deprimierenden Situation ohne Aussicht auf Besserung wirken die Sorgen beim FC Barcelona geradezu luxuriös. Längst hat sich herumgesprochen, daß die Rijkaard-Elf einen atemraubend schönen Fußball spielt, und das ist nicht allein das Verdienst des international hochdekorierten Ronaldinho. In der manchmal leeren Brillanz des Brasilianers liegt sogar einige Gefahr, wenn es gegen disziplinierte, kompromißlose Widersacher geht. Ein halbes Dutzend Freistöße aus idealer Entfernung schoß Ronaldinho entweder in die Wolken oder in die Mauer. Da stellt sich der Verdacht auf Verspieltheit und sträfliche Lässigkeit ein. Vermutlich bietet die Primera Division für die Katalanen einfach keine geeignete Herausforderung.“
NZZ: Remis der Paradoxe
Telepolis: Wird die Fußball-Welt zu Gast bei Freunden sein? Nach einem Oberliga-Spiel wurde der nigerianische Spieler Ogungbure angegriffen, die Polizei jedoch ging nur gegen ihn vor
Telepolis: Minderheitenfernsehen: Bundesliga ab August bei Arena
Bundesliga
Zu den Irdischen zurückgekehrt
Bayern München–1. FC Köln 2:2
Seifenoper
Oliver Kahn, der heute in fast allen Zeitungen in einer Art Gregor-Samsa-Haltung abgelichtet ist, gibt seinen starken Freunden und großen Brüdern sehr viele, sehr schwierige, wohl unlösbare Hausaufgaben. Uli Hoeneß, der seinen eigenen Fehler kaschieren muß, Kahns Vertrag um zwei Jahre verlängert zu haben und seinen hochtalentierten Jungtorwart Michael Rensing verwelken zu lassen, Hoeneß also scheut nicht die Niedertracht, Jürgen Klinsmann für Kahns Fehler verantwortlich zu machen. Das ist so durchschaubar wie lächerlich. Dem Kahn-Lobbyisten Raimund Hinko, im Nebenberuf Sport-Bild-Redakteur (oder ist das ein Synonym?), gehen im DSF-Doppelpass die Worte und Tricks aus, er kämpft mit den Tränen: „Ich glaube“, schluchzt er, „der Oliver ist so zermürbt von der Torwartfrage, daß er selbst dann zurücktreten würde, wenn Klinsmann ihn zur Nummer 1 machen würde.“ Welch ein Talent zur Seifenoper! Die beim Doppelpass wissen anscheinend tatsächlich nicht, wie Harald Schmidt geulkt hat, daß ihnen Leute zuschauen. Anders ist das nicht zu erklären. Auch viele Bayern-Fans erkennen inzwischen, daß Kahn seinen Zenit überschritten hat und wohl nicht mal mehr ins Vereinstor gehört. Als der Stadionsprecher nach der Pause verkündet, daß Kahn wegen einer Rippenprellung gegen ihren guten, äh gesunden Torwart ausgewechselt werde, lachen die Zuschauer.
Zu den Irdischen zurückgekehrt
Roland Zorn (FAZ) hofft, daß sich Kahn bei der WM auf die Bank setzen wird: „Am Samstag konnten selbst wohlmeinende Kahn-Freunde nicht mehr übersehen, daß der Titan von gestern zu den Irdischen zurückgekehrt ist. Seine akute Verwundbarkeit zeigte sich bei beiden Treffern deutlich. Wie er die Flanke vor dem Führungstor des FC verfehlte und beim 2:1 einen haltbaren Distanzschuß nicht zu fassen bekam, ist auch im nachhinein mit einer Rippenprellung nicht zu entkräften. (…) Lehmann, kein Zweifel, ist zur Zeit der bessere Torsteher. Sein Torwartspiel mutet schnell, dynamisch, zeitgemäß an, da dieser Keeper in der Premier League, noch dazu bei einer besonders risiko- und spielfreudigen Mannschaft, zu einem Mitspieler seiner Abwehrkollegen wurde, der ständig auf dem Quivive und mit Hand und Fuß bei der Sache ist. Während Kahn noch immer als Koryphäe auf der Torlinie zu glänzen versteht, sich aber zunehmend unwohl zu fühlen scheint, je weiter er sich von seinem Revier zwischen Pfosten und Latte entfernt, genießt Lehmann seine Zusatzkompetenz als Hüter des eigenen Strafraums. Dieser Typus Torwart ist auch bei der WM gefragt – zumal bei den Deutschen hinter einer Abwehr ohne viel Erfahrung. (…) Kahn könnte gleichwohl Größe beweisen: wenn er sich trotzdem in das Unternehmen Weltmeisterschaft einreihte und sich fit hielte für den Fall der Fälle; der kommt gerade auf dem Platz zwischen den Pfosten oft schneller als gedacht.“
Wirksame Motivation
Ralf Köttker (Welt) widerlegt Hoeneß: „Es ist fahrlässig und falsch, wenn Hoeneß jetzt Klinsmann für die Fehlgriffe Kahns verantwortlich macht und die Aussetzer des Bayern-Schlußmannes als logische Folge des Konkurrenzkampfes einordnet. Ein Blick nach London zeigt, daß diese Argumentation nicht aufgeht: Ausgerechnet Kahns Konkurrent Lehmann ist derzeit der beste Beweis dafür, daß der Wettbewerb leistungsfördernd sein kann. Die ärgerlichen Gegentore der vergangenen Wochen hat ausschließlich Kahn zu verantworten. Er ist nicht das Opfer des Leistungsdrucks, den er zu seiner Maxime erklärt und als wirksamste Motivation für sich ausgerufen hat, sondern schlicht ein in die Jahre gekommener Weltklassetorhüter, dessen Ehrgeiz bisweilen das Reaktionsvermögen übersteigt. (…) Derzeit hält nur Lehmann, was sich Deutschland von einer Nummer 1 verspricht.“
Patzer
Jan Christian Müller (FR) nennt einen schlimmen Fehler einen schlimmen Fehler und hat wohl auch DSF gesehen: „Dass sich Oliver Kahn nicht in der notwendigen Form befindet, um seinen Bayern oder der Nationalmannschaft einen Sieg zu retten, können neutrale Beobachter bereits seit einigen Wochen nüchtern feststellen: Beim 1:2 gegen den Hamburger SV unterlief dem bald 37-Jährigen bei einem Schuss des Ivorers Guy Demel fast von der Außenlinie ein Patzer, der selbst einem Bezirksligakeeper als grober Fehler angekreidet worden wäre. Keinen Monat später folgt gegen Köln ein ähnlich offensichtliches Missgeschick. Zwischendurch übt Kahn sich in der Champions League nach einem von Schewtschenko verschossenen Strafstoß überzogen und erfolglos als geifernder Wüterich. Derweil punktet Jens Lehmann im direkten Duell kühl kalkulierend von London aus. Jürgen Klinsmann wäre ohnehin mutig genug, Lehmann auch gegen den massiven Widerstand der Bayern-Lobby – am Wochenende von Uli Hoeneß zum wiederholten Mal machtvoll in Szene gesetzt – Kahn vorzuziehen. Kahns derzeitige Leistungen (inklusive Paraden und Patzer gegen die USA) machen es selbst den wacker kämpfenden Freunden der Sportbild zusehends schwerer, eine schlüssige Argumentationskette für dessen Einsatz im WM-Eröffnungsspiel zu knüpfen.“
BLZ: Das Torwartduell wird brisanter: Oliver Kahn patzt, Uli Hoeneß attackiert Jürgen Klinsmann
Borussia Mönchengladbach–Borussia Dortmund 2:0
Des Zauberns nicht mächtig
Richard Leipold (FAZ) beschreibt den schweren Stand Horst Köppels: „Mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben und möglichst in der oberen Tabellenhälfte zu landen, das war das erklärte Ziel der Vereinsspitze. Köppel schickt sich an, genau das zu erreichen. Bei drei Punkten Rückstand auf Berlin ist rechnerisch sogar der 5. Platz in Sichtweite. Köppel gehörte zwar zu den Siegern, gerierte sich aber nicht als glücklicher Gewinner. Auch gegen Dortmund hatten die Gladbacher Profis keinen Zauber verbreitet. Sie hatten einfach nur gewonnen: taktisch klug, spielerisch limitiert, kämpferisch überzeugend. Mit drei Stürmern wirkten sie trotzdem in höchstem Maße abwehrbereit; ihr Trainer hatte sich etwas einfallen lassen. Ein nächtlicher Geistesblitz animierte ihn zu einem Schachzug. Er stellte zwei junge Kräfte als Außenstürmer auf: Marcel Jansen, im Hauptberuf Verteidiger, und Nando Rafael, zuvor erst einmal in der Startelf, gingen auf den Flügeln in die Offensive und nahmen Oliver Neuville in die Mitte. Das Experiment gelang. (…) Köppel bekam einiges an Lob für seinen Einfall. Aber gerade im Augenblick des Erfolges wurde ihm bewußt, auf welch dünnem Eis er sich bewegt. ‚Wenn es schiefgegangen wäre, hätte es doch geheißen: Warum wechselt der Vollidiot schon wieder?’ Damit war der Trainer beim Thema: Köppel sieht sich als Opfer übermäßig ehrgeiziger und eitler Menschen, denen es an Einsicht und an Geduld fehle. Köppel redete sich in Rage. Wen er genau meint, hat er nicht verraten, vermutlich schon aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht. Für den des Zauberns nicht mächtigen Fußball-Lehrer ist es wie verhext. Daheim kickt seine Mannschaft (im Ergebnis) zu gut, als daß er in Frage gestellt werden könnte; in fremden Stadien spielt sie zu schlecht, um den Trainer nachhaltig zu stabilisieren.“
Ulrich Hartmann (SZ) ergänzt: „Allerdings könnte nach der Saison ein fader Geschmack bleiben ob einer verpassten Gelegenheit. ‚Um Platz 5 hättest du in dieser Saison mitspielen können’, sagte Köppel in verräterischem Konjunktiv, obwohl der Klub nur drei Punkte Rückstand hat. Aber er weiß, dass sein aktuelles Team für den Europacup zu schwach ist. ‚Nächste Saison brauchst du acht Punkte mehr für den 5. Rang’, prognostiziert Köppel, was die Vermutung nahe legt, dass die Gladbacher bereits in diesem Jahr jenen Uefa-Pokal hätten erreichen können, den sie sich erst für die Zukunft vorgenommen hatten. Die beste Saison seit dem Wiederaufstieg könnte demnach als Spielzeit der verpassten Chance in die Klubhistorie eingehen, und zurückfallen wird das auch auf Köppel, dessen Vertrag bis 2007 gültig ist, über dessen Zukunft aber spekuliert wird. Nicht einmal nach einem der wichtigsten Siege dieser Saison war Köppel zum Lachen zumute.“
Hertha BSC Berlin–VfB Stuttgart 2:0
Augenringe weg
Javier Cáceres (SZ) fühlt die Erleichterung Marcelinhos: „Dass von ihm eine Last abgefallen war, die so groß war wie sein Herkunftsland Brasilien, brauchte Marcelinho nicht einmal zu betonen, es war daran abzulesen, dass er zum ersten Mal seit Wochen nicht mehr so zerknirscht aussah wie Keith Richards vor fünfzehn Jahren. Sogar seine Augenringe schienen auf einmal verschwunden zu sein.“ Alles wieder in Butter? Matthias Wolf (FAZ) zweifelt: „Wenn sich Dieter Hoeneß nun dafür lobt, daß er und Falko Götz stets an ihrem Regisseur festgehalten hätten, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Mit ihrer stetigen öffentlichen Kritik an ihm haben sie ihm viel von dessen Genialität und Selbstbewußtsein genommen. Ein paar beherzte Dribblings, drei, vier sehenswerte Torschüsse und das Lächeln danach – das allein ändert noch nicht viel. Stimme der Preis, heißt es, könne Marcelinho schon im Sommer gehen.“
Großbaustelle
Heiko Hinrichsen (StZ) sehnt sich zwei, drei Jahre zurück: „Es ist wieder deutlich geworden, welch konfuses Gebilde der VfB in diesen Wochen abgibt. Wenn der Verein auswärts antritt, dann werden längst nicht mehr die jungen Wilden angekündigt. Vielmehr ist von der Großbaustelle VfB die Rede, von einem Verein mit chronischer Trainerdiskussion und einem Kader, in dem es an allen Enden zwickt. Fußballerisch fürchtet den VfB längst kaum einer mehr.“
Eintracht Frankfurt–Werder Bremen 0:1
Fluch der guten Tat
Ein nüchterner, prosaischer Sieg der Bremer – da sage noch einer, die Bundesliga sei für keine Überraschungen gut. Uwe Marx (FAZ) hoffte auf ein Feuerwerk: „Die Bremer waren eher in Erklärungsnot als die Frankfurter. Sie hatten zwar gewonnen, aber erstens ist man von ihnen mehr Tore gewöhnt und zweitens mehr Spektakel. Es ist der Fluch der guten Tat: Wo Werder ist, geht es hoch her, so war es oft in dieser Saison. Frankfurt war eine Ausnahme. Die Bremer quälten sich in einem lethargischen ersten und einem mäßig engagierten zweiten Durchgang zu einem Sieg, der Punkte brachte, nicht aber die Gewißheit, ob ihr jüngstes Zwischentief denn nun beendet ist oder nicht.“
Bayer Leverkusen–1. FC Kaiserslautern 5:1
Volkes Stimme
Kriegen Leverkusen-Fans noch was mit? Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) runzelt die Stirn ob der Sprechchöre der Calmund-Jünger: „Das Echo auf jedes Bayer-Tor war so schrill wie bizarr. Erst frenetischer Beifall für den Schützen, dann ein schneidendes, ätzendes ‚Holzhäuser raus!’ aus dem Fanblock. Dort artikulierte sich holzschnittartig Volkes Stimme. Die schweigende Mehrheit hörte, sah gereckte Fäuste und suchte den Blickkontakt zu jenem Mann auf der Tribüne, den Tausende ausgemacht hatten als Sündenbock: für die Brüche in der einst nach außen heilen Welt von Bayer 04. Selbst das imponierende 5:1 reichte nicht als Kitt. Immer wieder brandete der Brandruf auf, bisweilen kombiniert mit einem Zusatz, um klarzustellen, wem die Sympathie gilt: ‚Reiner Calmund, du bist der beste Mann!’ Die Galavorstellung hat nichts von der Schärfe der sich Artikulierenden nehmen können. Es war faszinierend und irritierend zugleich, was sich in den zwei Stunden samt akustischem Vor- und Nachspiel tat. Die Mannschaft steigerte sich in einen Rausch, sie spielte Kaiserslautern an die Wand, und sie blieb völlig unempfindlich, was die Nebengeräusche anging. Die Lauterer Schwächen allein reichten nicht als Erklärung für die Stärke der Leverkusener. In der Form der letzten Wochen sind sie tatsächlich wieder ein Kandidat für den Uefa-Cup.“
1. FC Nürnberg–FSV Mainz 3:0
Nach 20 Sekunden war Morlock wieder Geschichte
Wie Nürnberg mit seinem guten Spiel seinen Fans die fränkische Lust am Nörgeln nimmt – Volker Kreisl (SZ): „Begonnen hatten sie gegen Mainz derart selbstbewusst, mit einer Torchance, die so schnell daherkam, dass sie sogar die eigenen Fans überraschte. Die waren noch damit beschäftigt, Ordner zu beschimpfen. Die Aufpasser entfernten gerade ein langes Spruchband, das aus Protest gegen den Verkauf des Stadionnamens an ein Kreditinstitut verkündete, ab sofort heiße die Nürnberger Arena ‚Max-Morlock-Stadion’, nach dem großen Nürnberger Fußballer. Das geht natürlich nicht in der heutigen Zeit, Fans können ihr Stadion nicht einfach nennen, wie sie wollen, also rissen die Männer in den schwarzen Uniformen die Transparente herunter, und gerade als die ersten Papierknäuel und Becher flogen, die Pfiffe und Beleidigungen nur so herunterprasselten, da landete der Ball im Mainzer Strafraum, Jan Polak setzte zum Volleyschuss an, und nach 20 Sekunden war Morlock wieder Geschichte.“
Desolate Vorstellung
Michael Eder (FAZ) vergleicht die zwei Teams: „Nach einem solchen Sieg könnte man glatt abheben. Zum Rundflug über das ehemalige Frankenstadion, man könnte sich den Abstiegskampf von oben anschauen und sich für die Größten halten. Es gab Zeiten, da hätten sie ein derart fulminantes Spiel beim 1.FC Nürnberg zum Anlaß für Träumereien und Selbstüberschätzung genommen. Aber jetzt, da ihr Trainer Hans Meyer heißt, geht das nicht mehr. (…) Bei so viel Begeisterung, bei so viel schönem, offensivem Fußball sahen die zaudernden Mainzer wie ein ernstzunehmender Abstiegskandidat aus. Ohne Antionio da Silva und Mohamed Zidan, ihre beiden besten Offensivspieler, die verletzt zuschauen mußten, boten die Rheinhessen in allen Mannschaftsteilen eine desolate Vorstellung.“
Sonntag, 2. April 2006
Ball und Buchstabe
Wenn der WM Gefahr droht, dann aus dem Osten
Matthias Wolf (FAS) resümiert eine Studie, die vor der Gewalt in den neuen Bundesländern warnt: „Fast wöchentlich gibt es Spielunterbrechungen, weil Krawallmacher mit Leuchtraketen um sich schießen. In der Oberliga Nordost, vor allem in der Südstaffel, wimmelt es nur so vor brisanten Duellen schon zu DDR-Zeiten verfeindeter Gruppen. Die Aversionen werden mit Fäusten gepflegt. Immer wieder kommt es zu unschönen Zwischenfällen. Auffällig wurden zuletzt auch bei Länderspielen wie in Italien viele Gewalttäter aus dem Osten der Republik. Den Sportsoziologen und Fanforscher Gunter A. Pilz verwundern diese Auswüchse nicht. Er kam in einer Studie, die er im Namen des Bundesinstitutes für Sportwissenschaften erstellt hat, zum Fazit: Die Hooligans in den neuen Ländern sind deutlich gewaltbereiter. ‚Ich bin überzeugt von dem nationalen Sicherheitskonzept zur WM‘, sagt Pilz. Er räumt aber gleichzeitig ein: ‚Wer behauptet, es könnte nichts passieren, ist ein Tagträumer. Wenn der WM Gefahr droht, dann aus dem Osten.‘ Wie brisant die Studie offenbar ist, sieht man daran: Die Organisatoren wollen diese erst im August veröffentlicht sehen, um nicht noch einen weiteren Schatten auf die WM fallen zu lassen oder Ängste zu schüren – aber das Bundesinnenministerium und die Polizeikräfte nutzen Pilz‘ Ergebnisse bereits zur Vorbereitung. Der Fan-Experte hat in zahlreichen Gesprächen mit Fans aus dem Osten drei Hauptgründe für die Gewalt festgestellt: Vor allem ist es die hohe Arbeitslosigkeit. Die Gewaltszene im Westen sieht laut Pilz anders aus, agiert deshalb auch weniger dumpf: Oft kommen die Schläger dort aus gutbürgerlichen Berufen, sind gebildet. ‚Die treffen Strafen noch richtig‘, sagt Pilz. Die zweite Ursache sind seiner Ansicht nach die veralteten Stadien im Osten, in denen noch nicht jeder Winkel videoüberwacht wird. Und ein weiterer Grund sei hausgemacht: Der DFB unterstützt nur die Fanprojekte von der ersten bis zur dritten Liga finanziell. Doch im Osten gibt es zahlreiche viertklassige Klubs mit großem Fanpotential. Die können sich ohne das Geld vom Verband keine hauptamtlichen Sozialarbeiter leisten.“
SpOn: Jedes zweite Spiel ist ein Martyrium: Der Leipziger Stürmer Adebowale Ogungbure wird angespuckt, als „Nigger“ beschimpft, Zuschauer imitieren Affenlaute
WamS: In der Affäre um Reiner Calmund geraten die seltsamen Umgangsformen bei Bayer Leverkusen und mafiöse Strukturen auf dem Transfermarkt an die Öffentlichkeit
Am Grünen Tisch
Für mich existiert die G14 nicht
Lennart Johansson im Interview mit Markus Lotter (WamS)
WamS: Sepp Blatter greift gegenüber der G14 immer wieder zu martialischen Ausdrücken, spricht von Krieg. Erscheint Ihnen das nicht etwas übertrieben?
Johansson: Nein. Auch ich spreche von Kampf. Wir haben total unterschiedliche Philosophien, und es ist ein Kampf der Philosophien. Wir sehen den Fußball immer noch als Sport, sie, die Mitglieder der G14, sehen Fußball nur noch als Geschäft.
WamS: Sie schließen also einen Dialog mit der G14 aus?
Johansson: Für mich existiert die G14 gar nicht. Es ist eine Selfmade-Gruppe. Niemand hat sie gewählt. Sie haben sich zusammengeschlossen und vertreten ausschließlich ihre Interessen. Sie fordern 860 Millionen an Entschädigungen von der Fifa und Uefa rückwirkend für die vergangenen zehn Jahre. Aber vor zehn Jahren haben sie noch die Regeln akzeptiert. Sie wollen an das Geld ran, das wir in das Projekt ‚Grass roots‘ stecken, also in die Entwicklung und in die Zukunft des Fußballs. Manchmal vergessen einige, daß 96 Prozent aller Fußballer Amateure sind. Und auch, daß die meisten Stars aus kleinen Vereinen stammen. Sie ignorieren die Kleinen, und sogar die Vereine, die nicht in ihrer Gruppierung dabei sind.
WamS: War es notwendig, der G14 mit einer Resolution und dem Ausschluß aus der Fußball-Familie zu drohen?
Johansson: Sie haben uns keine andere Wahl gelassen. Sie haben die Öffentlichkeit gesucht und ihre Forderungen publik gemacht. Ich habe es mit Diplomatie versucht. Aber jetzt war der Punkt für mich gekommen, aufzustehen und zu reagieren.
WamS: Aber nicht alle europäischen Verbände sind Ihrem Aufruf zur Solidarität gefolgt. Können Sie nachvollziehen, warum Ihre deutschen Freunde die Resolution ablehnen?
Johansson: Ich weiß nicht, was in Deutschland los ist. Ich kann es nicht verstehen. Es ist noch nie passiert, daß sie ausgeschert sind. Ich bin natürlich sehr, sehr enttäuscht von ihnen. Es ist aber nicht der Verband, es ist die Liga. Ich weiß, daß es um die finanzielle Situation einiger deutscher Vereine nicht gut bestellt ist. Vielleicht ist das der Grund für ihr Handeln. Und vielleicht treibt sie auch die Angst, international nicht mehr konkurrenzfähig sein zu können. Aber wir können nicht die Probleme einzelner Länder lösen.
WamS: Was ging in Ihnen vor, als Sepp Blatter beim Uefa-Kongreß zum Bruderkuß ansetzte?
Johansson: Es war eine Demonstration und ein Zeichen, daß die Fifa und die Uefa bereit sind, gemeinsam die Werte des Fußballs zu verteidigen. Wir sind nach über 30 Jahren öfter einer Meinung, als die meisten annehmen.
WamS: Anscheinend auch im Fall Jack Warner. Er wurde von der Fifa einstimmig, also auch von Ihnen als Mitglied des Exekutivkomitees, entlastet, obwohl er sich am Verkauf von WM-Tickets persönlich bereichert haben soll.
Johansson: Man kann doch keinen Menschen verurteilen, wenn es nur eine Menge Gerüchte gibt. Niemand von denen, die die Gerüchte gestreut haben, haben Beweise angeführt, daß er tatsächlich gegen Gesetze verstoßen hat.
WamS: Sie sind Chef des Fifa-WM-Organisationskomitees. Läuft alles so, wie Sie sich das wünschen?
Johansson: Nein, ich bin mit dem Ticketing nicht zufrieden. Sie haben es auf die deutsche Art gemacht. Das System ist zu kompliziert. Und es gibt viele, die darunter leiden.
WamS: Sollte in Zukunft die Fifa wieder das Ticketing übernehmen?
Johansson: Ich denke, ja. (…)
WamS: Sie deuteten Franz Beckenbauers Fernbleiben beim Uefa-Kongreß als klares Zeichen für mangelnde Bereitschaft.
Johansson: Franz Beckenbauer ist mein Freund. Und er ist wirklich sehr mit der Weltmeisterschaft beschäftigt. Ob er tatsächlich bereit ist, Uefa-Präsident zu werden, weiß ich nicht. Momentan sieht es nicht danach aus.
NZZaS: Der belgische Fussballklub Sporting de Charleroi will die Fifa in die Knie zwingen
Deutsche Elf
D i e Klinsmann-Entscheidung an sich
Wolfram Eilenberger (TspaS) errechnet den Distinktionsgewinn für Jürgen Klinsmann, wenn er sich gegen Oliver Kahn entscheidet: „Vermutlich wird man es Klinsmann eines Tages als eigentlichen Geniestreich seiner Amtszeit auslegen, die Republik gut zwei Monate mit einer Kontroverse beschäftigt zu haben, deren einziger Sinn und Zweck darin besteht, von den eigentlichen Fragen abzulenken. Problemen wie: Wer spielt eigentlich in der Abwehr? Wer im Mittelfeld? Wer im Sturm? (…) Wer sich anlässlich der deutschen Torwartfrage in detailgenaue Leistungsabwägungen verspinnt, läuft damit direkt in Klinsmanns perfekt inszenierte Ablenkungsfalle. Vielmehr gilt es sich zu vergegenwärtigen, welchen Attraktionswert eine mannigfach angreifbare, kontraintuitive, überraschende und vor allem medientechnisch denkbar riskante Personalentscheidung auf eine Ausreißer-Psyche wie die von Jürgen Klinsmann ausübt. Dann wird unzweifelhaft klar, dass an Jens Lehmann als Deutschlands neuer Nummer 1 kein Weg mehr vorbeiführt. Eine Entscheidung gegen Oliver Kahn, das bedeutet in Deutschland: gegen die Bild-Zeitung, gegen Franz Beckenbauer, gegen den FC Bayern, gegen das Votum von Kapitän Michael Ballack, gegen die Klientel der Traditionsfans, gegen die öffentliche Erwartung im In- und Ausland und gegen die Fans im Münchner Eröffnungsspiel. Mehr Feinde lassen sich mit einer Aktion nicht schaffen, es ist die Klinsmann-Entscheidung an sich. Und es ist eine Entscheidung, die Reformheld Klinsmann eine letzte und entscheidende Profilschärfung verleiht. Die Wahl pro Lehmann suggeriert Mut, höchste Souveränität und totale Unabhängigkeit. Sportlich ist sie ohne erkennbares Risiko, und die weitere berufliche Zukunft des Trainers, so denn angestrebt, hängt ohnehin nur vom Ausgang des Turniers und also anderen ungelösten Problemen ab, insbesondere von solchen in der Abwehr, im Mittelfeld und im Sturm.“
Am Montag mehr zur Torwartfrage …
WamS-Interview mit Benjamin Lauth
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